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Full text of "Oswald Spengler Jahre Der Entscheidung"

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III. ZEITSCHRIFTENSCHAU 



AUGUST BRUNNER S. J. 

Wunder 

Stimmen der Zelt. Herausgreg-eben von Anton Koch S. J., München 
Herder- Verlag-, Freiburg i. Br., 73. Jahrgang, 9. Heft, 142. Bd., 194 



Der Verfasser, auf dem Boden katholischer Lohre stehend, unternimmt es, die 
Stellung der gegenwärtigen Menschheit zum Begriff des Wunders kritisch zu 
untersuchen und das Positive herauszustellen, was zu diesem umstrittenen Pro- 
blem gesagt werden kann. Er vergleicht zunächst das Verhalten des mittel- 
alterlichen und des modernen Mensehen dem Begriff des Wunders gegenüber. 
Der heutige Mensch hat nicht mehr die Weltanschauung des Mittelalters. „Wie 
das ganze antike und mittelalterliche Denken Ausnahmen im Naturgeschehen 
selbstverständlich voraussetzte und sie durch den Augenschein Tag um Tag be- 
stätigt, fand, so leben wir heute von der entgegengesetzten Voraussetzung, daß 
die stoffliehen Ursachen immer auf die gleiche Weise wirken und daß Aus- 
nahmen unmöglich sind." 

Was ist ein Wunderl Der Verfasser hätte vielleicht am Anfang seiner Aus- 
führungen hierüber eine deutliehe Erklärung zu geben versuchen sollen. Ein 
Wunder ist doch wohl ein Geschehnis, das eine Ausnahme der Naturgesetze 
darstellt, das mindestens aus den Erfahrungen, die über die Wirkungen der 
Naturgesetze gesammelt werden konnten, nicht erklärt werden kann. „Sind 
Wunder möglich, so kann es, meint man, keine Naturgesetze mehr geben. Daß 
es" — so sagt Brunner — „aber solche gibt, das beweist die ganze Natur- 
wissenschaft." Wunder, die man erklären könnte, wären keine Wunder. Dem 
it also nur die Wahl zwischen Naturwissenschaft und 
ist, so kann 



modernen Menschen sc) 
Wunderglanben zu ble 
zweifelhaft sein." 

nach Bn 



r der Begriff „Naturgesetze" keineswegs mehr durch eine 

solche Exaktheit gekennzeichnet, wie wir bislang anzunehmen gewohnt waren. 
Di, paktheu i da h iö ®w ' üb w »rsebftttert * m i r > 

gleich Ort, Zeit und Wirkung eines Eloktrons oder eine» andern letzten Teil« 
des Stoffes genau feststellen kann. Es bleibt immer eine gewisse Ungenauigkeit". 
Man hat daraus schließen wollen, daß hier dem Wunder der Zutritt offenstehe. 
Aber sobald das Wunder zu einem zwar ausnahmsweisen aber natürlichen Ge- 
schehen würde, wäre es eben kein Wunder mehr. 

Das Wunder hat aber gerade zur Voraussetzung, daß es nicht erklärt werden 
kann, wenn auch „dem Physiker dabei nicht wohl ist". Die Betrachtungen Brun- 
ners, die sich um „metaphysische" Vorgänge im wahrsten Sinn des Wortes 
drehen, können deshalb, von seinem Standort aus gesehen, nur bei einem göttlichen 
Urheber de3 Wunders enden. „Es gibt kein Naturgesetz, das mit Recht behaupten 
würde, Gott könne das Sein des Stoffes nieht unmittelbar so ändern, wie er es 
wolle, vorausgesetzt, daß dieser Gott von absoluter Freiheit ist." Ob es einen 
solchen Gott gibt, dafür ist nach Brunnor die Naturwissenschaft nicht zuständig. 
Die Frage ist rein philosophisch und theologisch. 

Aber haben wir damit nicht bei der schon erwähnten Wahl zwischen Natur- 
wissenschaft und Wunderglauben uns für den letzteren entschieden? Nach Brun- 
ners Ausführungen will es so scheinen. „Denn die Möglichkeit der Wunder ein- 
fach leugnen, heißt das Weltgeschehen zu einem notwendigen Ablauf machen, in 
den der Mensch mit seiner armseligen und schwachen Freiheit hilflos und ret- 
tungslos hineingeworfen ist. so wie gewisse Spielarten der Existentialphilosophie 
uns glauben machen wollen. Ein bo ohnmächtiger Gott, ohnmächtiger als der 
Mensch, ist kein Gott." 

Es ist verständlich, daß der strenggläubige Verfasser eine weitere Möglichkeit 
der Einstellung zum Wunder nicht erwähnt hat. E3 ist das Eingeständnis, für 
das Wunder eine Erklärung weder in physisehem noch metaphysischem Sinne fin- 
den und anerkennen zu können und sich mit dieser schicksalhaften mensch- 
lichen Unzulänglichkeit abzufinden. Darin liegt ein© gewisse Ehrfurcht, die Graf 
Keyserling in seinem letzten Buche — das „Buch vom Ursprung" — im 
letzten Kapitel mit der Überschrift „Das Wunder" so lebendig aufgerufen hat. Wir 
finden dort den Satz: „Darum wollen auch nur Ehrfurchtsunfähige auf alle, auch 
auf die dümmsten Fragen eine klare Antwort haben", und einen zweiten Satz, der 
lautet: „Wie reich ist die Welt jedes Menschen, für welchen es viel Wunder und 
Wunderbares gibt, gegenüber der des Nüchternen!" 



95 Universitas 



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MANFRED SCHRÖTER 



Von Hegel zu Spengler 

Zeitwende. — Monatsschrift, herausgegeben von Fr. I,an 
Zeitwende- Verlag, München, 20. Jahrgang, J&ettX» 1948 

Unter dem Begriff „UntergangBphilosophie" versteht Schröter jene 
sophte, die in Zeiten von Kulturkrisen sich mit der kommenden Erschütterung 
vorausschauend befaßt. Er führt zu Beginn seiner Ausführungen typische Bei- 
spiele derartiger philosophischer Weltbetrachtung an, die fast prophetisch an- 
muten, so besonders die Gedanken, die Heine in seiner Schrift »Zur Geschichte 
der Religion und Philosophie in Deutschland" zum Ausdruck gebracht hat. Wenn 
man heute diese Heineschen Prophezeiungen liest, so klingen sie fast unglaub- 
haft: „Dann wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die 
französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erseheinen müßte. . . . Der 
Gedanke geht der Tat voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist 
freilieh au oh ein deutscher und kommt etwas langsam herangerollt, aber kommen 
wird er, und wenn ihr es einst kraehen hört, wie es noch nie in der Welt- 
geschichte gekracht hat, so wißt ihr, der deutsche Donner hat endlieh sein Ziel 



Damals, als Heine diese düstere Vorausschau beschrieb, waren kaum irgend- 
welche erkennbaren Anzeichen für die kommende Gefahr vorhanden, höchstens 
„daß im Spiegel philosophischer Besinnung «ich zu jener Zeit die ersten Wider- 
sprüche gegen Hegels Optimismus anzukündigen begannen". Erst langsam wurde 
in der Gedankenwelt der deutschen Denker das Heranuahen der gewaltigen Krise, 
das Zuendegehen einer Epoche — ein Untergang — fühlbar. Schopenhauer 
mit seinem Weltbild der Verneinung, die Metaphysik S o h e 1 1 i ng e , der mate- 
rialistische und sozialistische Umdeuter Hegelscher Metaphysik, Karl Marx, 
dessen Untergangsthese die besitzende und bürgerliche Klasse trifft, sind einige 
jener Künder, die eine völlige Umschichtung der Kulturwelt ahnen ließen. Bald 
darauf sieht „der größte Kulturkritiker" dieses Jahrhunderts, Jakob Burok- 
hardt, die Gefahr des europäischen Kulturverfalls voraus: Das Nivellement der 
Massen, wie er es nennt, und sein notwendiges Korrelat, den Cäsarismus gewalt- 
tätiger, machtgieriger Despoten, der fürchterlichen Vereir.f acher. 

Ein Schüler Burckhardt» war Nietzsche. Aus ihm spricht nicht mehr nur die 
tiefe Resignation seine» Lehrers. Seine Philosophie ist ein ständiger flammender 
Protest; ein Auf ruf «regen \ u< ••• - . • ' . « - , die ei kommen, sieht; 

* s Kv.1 u b egt s i sei langei nl et Tortur der 



„denn die ganze europäische 

Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, auf eine Katastrophe loa 
die Heraufkunft des .Nihilismus' " (Eingangsworte zu „Der Wille zur Macht"). 

Als letzten in der Reihe führt Schröter noch Oswald Spengler an, der als 
ein Jünger und Fortführer Nietzsches erscheinen könnte, nur daß für ihn die 
Katastrophe sich nicht mehr erst nähert, sie steht bereits unmittelbar bevor. 

So sieht Schröter im Bewußtsein der Untergangsphilosophie einen deutlich wahr- 
zunehmenden Fortschritt „von der Dämmerungserkenntnis Hegels über das Wetter- 
leuchten von Heines Vision zu Burckhardt, Nietzsche und Spengler. Burckhardt 
trauert, Nietzsche warnt noch, Spengler konstatiert". Schröter geht nun zur Unter- 
suchung der Frage über, mit welcher Berechtigung gegen die letzten in der Reihe 
der „Untergangsphilosophen", nämlich Nietzsche und Spengler, der Bohwere Vor- 
wurf erhoben werde, „mit all ihrer Machtverherrlichung und dem brutalen Recht 
rles Stärkeren nun selbst derartige Instinkte aufgepeitscht und damit das Ver- 
hängnis mit herauf geführt zu haben". Es ist die gleiche Frage, die Heine einst 
aufgeworfen hatte, als er die Sehriften und Gedanken Voltaires, Diderots und 
Roussoaus als Vorbereiter der Henker und Schlächter der Terrorzeit von 1792 bö- 
dmete („der Gedanke will Tat. das Wort will Fleisch werden"), 
aröter kommt zu der sehr richtigen Erkenntnis, daß der innere Zusammenhang 
Untergangserkenntnis und wirklichem Untergang „von weit tieferer und 
schicksalhafter Art ist", als es der genannte Vorwurf meint, die Schriften Nietz- 
sches und Spenglers hätten den Zusammenbruch mit vorbereitet. Es ist für ihn 
kein Zweifel möglich, daß das Dritte Reich sich völlig ebenso entfaltet hätte, auch 
wenn keine Zeilo Nietzsches oder Spenglers je geschrieben worden wäre. Er lehnt 
jede Verurteilung „in Bausch und Bogen" ab und hält es für unwürdig, „an dem 
großen deutschen Geisteserbe unserer Vergangenheit irre zu werden und in ihm 
die Keime jener späteren Entartung sehen zu wollen". 

S o h r ö t e r s Ausführungen sollten von allen denen gelesen werden, die nicht 
müde werden, den deutsehen Geist schon des neunzehnten Jahrhunderts für die 
Katastrophe des zwanzigsten Jahrhundertß verantworlich zu machen und mit 
Worten zu verdammen, die (um einige Worte Schröters zu wählen) überlegene Reife 
und Selbständigkeit des Urteils in erheblichem Maße vermissen und die mangelnde 
fchauen, 1 erkennen las2ln d6n ' ™ wirklißhe Entwicklung zu über- 

1506 



RELIGION UND PHILOSOPHIE 



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RUDOLF OTTO 

Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen 
29.-30. Auflage. VIII, 229 Seiten. Ganzleinen DM 13.50 

„Dieses Werk, nun in seiner 30. Auflage erschienen, ist nicht nur im wissen- 
schaftsgeschichtlichen Sinne epochemachend gewesen, es ist auch heute noch 
von ungebrochener Aktualität." Oberhessische Presse, Marburg 

WERNER ELERT 

Morphologie des Luthertums 

i. Band: Theologie und Weltanschauung des Luthertums, hauptsächlich im 16. und 
17. Jahrhundert. Verbesserter Nachdruck der ersten Auflage. XVI, 465 Seiten. 2. Band: 
Soziallehren und Sozialwirkungen des Luthertums. Verbesserter Nachdruck der ersten 
Auflage. XV, 544 Seiten. Beide Bände zusammen in Ganzleinen DM 52.— 

„Die bei aller Akribie der Untersuchung doch sehr flüssige Darstellung er- 
scheint berufen, weit über den Kreis der Theologen hinaus zu einer Fund- 
grube soliden Wissens und klarer Urteile zu werden . . . Der Bau als Ganzes 
ist ein Meisterstück." Theologische Literaturzeitung 

J.J. BACHOFEN 

Der Mythus von Orient und Occidcnt 

Eine Metaphysik der Alten Welt. Mit einer Einleitung von Alfred Baeumler 

Herausgegeben von Manfred Schröter. Zweite AufUtge. CCXCV, 628 Seiten. Geheftet 
DM50.-, Ganzleinen DM 56.- 

„Das mit einer lückenlosen Bibliographie schließende, großangelegte Werk 
ist eine verlegerische Tat, zumal es sich nur an gereifte Leser wenden j 
die der Tiefe der Bachofen'schen Mythen-Deutung zu folgen 
fähig sind. Es wird ein Buch der Zukunft sein, denn diese Erkenntnisse be- 
ginnen erst langsam fruchtbar zu werden.'* 

Badische Neueste Nachrichten, Karlsruhe 

HUGO FISCHER 



Über die Konvergenz von Wissenschaft und A 
VIII, 218 Seiten. Geheftet DM 18.- 



RELIGION UNI) PHILOSOPHIE 




OSWALD SPENGLER 

Der Untergang 
des Abendlandes 

Herausgegeben von Helmut Wer- 
ner. 20.-3&. Tausend. XV, 400 
Seiten. Ganzleinen DM 12.80 



„Oswald Spenglers .Unter- 
gang des Abendlandes' ist 
zu einem Schlüssclwerk un- 
serer Zeit geworden. Die von 
Helmut Werner besorgte 
gekürzte Ausgabe in einem 
handlichen und preiswerten 
Band wendet sich an den 
geistig aufgeschlossenen Menschen, ,dem es heute infolge der starken Bean- 
spruchung in Beruf und öffentlichem Leben kaum mehr möglich ist, größere 
Werke zu studieren, die außerhalb der sich ständig verengenden Fachgebiete 
liegen*. Hoffen wir, daß auch Leser der jungen Generation zu dieser billigen 
Edition hinfinden werden, denn, gleichgültig wie man zu Spenglers Welt- 
und Geschichtsbild stehen mag: es hat den Geist unserer Zeit entscheidend 
beeinflußt und ist heute noch aktuell." Bücherschiff 

„Wie faszinierend doch auch heute noch die Lektüre gerade der gekürzten 
Schrift wirkt! Man kann sich der suggestiven Magic dieses genialen Ver- 
einfachers, der die Welt in seine kleine Studierstubc holt, nur schwer ent- 
ziehen. Möglich, daß ,Oer Untergang des Abendlandes', dieses in seiner 
Niederschrift vom Pathos des Jugendstils nicht freie Buchjunge Leser heute 
abstößt. Sie sollten diese Abneigung überwinden, weil sie bei weiterer 
Lektüre ein Gedankengebäude von großer Kühnheit erwartet, ein Gebäude, 
das um seiner selbst willen bestehen kann und heute, über 40 Jahre nach sei- 
ner Konstruktion, des Belegs durch die Wirklichkeit eigentlich schon nicht 
mehr bedarf." P. Hühnerfeld in der „Süddeutschen Zeitung", München 



RELIGION UND PHILOSOPHIE 



37 



OSWALD SPENGLER 

Der Untergang des Abendlandes Gesumimt&gabe 
Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte 

1. Band: Gestalt und Wirklichkeit. 138.-140. Tausend. XV, 549 Seiten. 2. Band: 
Welthistorische Perspektiven. 110.— HS. Tausend. VII, 667 Seiten. Jeder Band in 
schwarzem Buckramleinen DM 24.— 

Von Oswald Spengler sind in unserem Verlag ferner erschienen : 

Jahre der Entscheidung 

ia7.-170. Tausend. XVI, 179 Seiten. Mit einem Vorwort von Dr. H. Kornhardt. 
Kartoniert DM 7.20, Ganzleinen DM9.60 

Der Mensch und die Technik 

Beitrag zu einer Philosophie des Lebens. 54.— 5G. Tausend. VII, 62 Seiten. Englisch 
broschiert DM 4.80 

Reden und Aufsätze 

Dritte, vevm&lrrte Auflage. XII, 342 Seiten. Mit einem Bild und einem Faksimile. 
Ganzleinen DM 13.50 

Gedanken 

Herausgegeben von Dr. H. Kornhardt. 12.— 22. Tausend. V, 131 Seiten. Gebunden 
DM 5.80 

Politische Schriften 

Volksausgabe. IS. Tausend. XV, 338 Seiten. Gebunden DM 7.80, Ganzleinen DM 9.- 

Politische Pflichten der deutschen Jugend 

SS. Tausend. 30 Seiten. Geheftet DM 1.60 

Preußentum und Sozialismus 

84. Tausend. VI, 103 Seiten. Kartoniert DM 4.— 

Ein Sonderprospekt über die Werke Oswald Spenglers liegt vor 



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RELIGION UND PHILOSOPHIE 





Aus meiner Kindheit und Jugend- 
zeit - Zwischen Wasser und Ur- 
wald - Briefe aus Lambarene 1924 
~ 1921 

Band 60 in der Reihe ..Bücher 



Weise weiß Albert Schweit- 
zer zu erzählen und zeigt 
sich als scharfer Beobachter 
und hervorragender 
schcnkenner. Die 
Wärme und Innigkeit seines 
Gemütslebens wird hier 
Der vorliegende 



unter den Tausenden, der Verehrer 
Beachtung finden wird." 



Band ist eine preiswerte und 
geschmackvolle Ausgabe, die 
Albert Schweitzers Anerkennung und 
Reutlinger General- Anzeiger 



„Wer etwa noch mit einem Achselzucken fragt, „wieso ein Mensch in den 
Urwald geht, als ob es bei uns nicht auch genug Elend gäbe', dem geben die 
gesammelten Selbstzeugnisse Auskunft. Und noch eins: Von einem er- 
füllten Leben zu lesen, erweist sich immer wieder als die einzige Lektüre, 
,von der man etwas hat'.'* Münchner Merkur 



„Diese schlichten Berichte, in denen die Grundzüge seines Wesens und sei- 
nes Werkes sichtbar werden» geben wohl das unmittelbarste und leben- 
digste Bild der Persönlichkeit Schweitzers wieder, die in unserer verwor- 
renen Zeit bereits zum Symbol der besten menschlichen Werte geworden 
ist. Fast schon zu sehr verehrtes, aber weit entrücktes Denkmal. Darum tut 
gerade dieses Buch in der ganz einfachen Erzählung der alltäglichen Pro- 
bleme und ihrer Bewältigung aus dem Schatz einer unerschöpflichen, aber 
ganz unpathetischen Güte so wohl." Düsseldorfer Nachrichten 



RELIGION UND PHILOSOPHIE 



ALBERT SCHWEITZER 

Kultur und Ethik tkMBnmmyßOm 
Sonderausgabe mit Einschluß von „Verfall und Wiederaufbau der Kultur". 371 Seiten. 
Ganzleinen DM 9.80 

„Albert Schweitzer setzt sich hier mit der Tragödie der abendländischen 
Weltanschauung auseinander, mit dem Niedergang der Kultur (hauptsäch- 
lich) durch das Versagen der Philosophie. Aber er beläßt es nicht bei der 
Diagnose. Er bekennt seinen Glauben an die Möglichkeit einer Kultur- 
erneuerung, nennt sich selbst einen .schlichten Wegbereiter', der ,den Glau- 
ben an eine neue Menschheit als einen Feuerbrand in eine dunkle Zeit hinein- 
schleudern 1 will. Ein schlichter Wegbereiter! Es war kein Geringerer als 
Albert Einstein, der ausrief: .Endlich ein großer Mensch in diesem tragi- 
schen Jahrhundert!' In ,Kultux und Ethik* ist die wegweisende ethische Idee 
des »Willens zum Leben* und der »Ehrfurcht vor allem Leben* verankert, die 
die gesamte Arbeit Albert Schweitzers beherrscht und die als wichtigste Vor- 
aussetzung für die Renaissance der Kultur zu gelten hat. - Auf jeder Seite 
spürt man etwas von der »Unruhe einer niemals und nirgends aufhörenden 
Verantwortlichkeit'. Albert Schweitzer hat das, was er dachte und lehrte, 
immer selbst gelebt. Er ist sich stets treu geblieben." Weser-Kurier, Bremen 

Neben diesen Sonderausgaben sind weiterhin die Einzelausgaben lieferbar: 

Aus meiner Kindheit und Jugendzeit 

13Q.-137. Tausend. 63 Seilen. Mit 2 Tafeln. Englisch broschiert DM 3.50, gebunden 
DM4.50 

Zwischen Wasser und Urwald 

Erlebnisse und Beobachtungen eines Arztes im Urwald Äquatorialafrikas. 203.-213. 
Tausend. VIII, 149 Seiten. Mit 16 Abbildungen und einer Karte. Gebunden DM 7.- 

Briefe aus Lambarene 

1924-1927. IV, 195 Seiten. Mit 14 Abbildungen. Gebunden DM 7.- 

Verfall und Wiederaufbau der Kultur (Kulturphilosophie Bd. I) 

SO. Tausend. X, 63 Seiten. Ganzleinen DM 6.- 

Kultur und Ethik (Kulturphilosophie Band II) 
49. Tausend. XXVI, 269 Seiten. Ganzleinen DM 14.- 



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RELIGION UND PHILOSOPHIE 



ALBERT SCHWEITZER 

Friede oder Atomkrieg 

20. Tausend. 47 Seiten. Kartoniert UM 2.50 
ALBERT SCHWEITZER 

Das Problem des Friedens in der heutigen "Welt 

Rede bei der Entgegennahme des Nobel-Friedenspreises in Oslo am 4. November 1954 
22. Tausend. 20 Seiten. Englisch broschiert DM 2.50 

ALBERT SCHWEITZER 

Das Christentum und die "Weltreligionen 

40. Tausend. 57 Seiten. Englisch broschiert DM 3.20 
ALBERT SCHWEITZER 

Goethe 

Vier Reden. SO. Tausend der Gesamtauflage. 1 0i Seiten. Englisch broschiert DM4.20 
Vom Sinn des Lebens 

Ein Gespräch zu fünft. Aus Werk und Eeben Albert Schweitzers gestaltet von Peter Latar. 
35. Tausend der Gesamtauflage. 66 Seiten. Englisch broschiert DM 2.80 

MARIE WOYTT-SECRETAN 

Albert Schweitzer, der Urwalddoktor von Lambarene 

24.-27. Tausend der deutschen Ausgabe. 183 Seiten. Mit 28 Abbildungen auf 
15 Tafeln. Ganzleinen DM 8.— 

CHARLES R. JOY - MELVIN ARNOLD 

Bei Albert Schweitzer in Afrika 

Ein Text- und Bildbericht. 159 Seiten. Mit 148 Abbildungen. Ganzleinen DM11.80- 
GUY BARTH ELEMY 

Wie ich Lambarene erlebte 

Ein junger Mensch besucht Albert Schweitzer. Ans dem Französischen übertragen von 
Marie Woytt-Secretan. O.-ll. Tausend, 100 Seiten. Mit 2 Abbildungen. Englisch 
broschiert DM 3.20 



JAHRE 
DER ENTSCHEIDUNG 



ERSTER TEIL 

DEUTSCHLAND 
UND DIE 

WELTGESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG 

VON 

OSWALD SPENGLER 

i Ol. BIS 125. TA US END 




C. H. BECK' SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 
MÜNCHEN 1933 



Copyright 1933 by C. H. Beck'sche Verlag-buchhandlung 
< Oskar Beck> München 



Im Zwange der Welt 
Weben die Nomen 

Sie können nichts wenden noch wandeln 

Richeu'd Wagner, Siegfried 



EINLEITUNG 



Niemand konnte die nationale Umwälzung dieses Jahres 
beisehnen als ich. Ich habe die schmutzige Revolution von 1918 
vom ersten Tage an gehaßt, als den Verrat des minderwertigen Teils 




weil er eine Zukunft haben konnte und haben wollte. 
Alles, was ich seitdem über Politik schrieb, war gegen die Mächte 
gerichtet, die sich auf dem Berg unseres Elends und Unglücks mit 
Hilfe unserer Feinde verschanzt hatten, um diese Zukunft unmög- 
lich zu machen. Jede Zeile sollte zu ihrem Sturz beitragen und ich 
hoffe, daß das der Fall gewesen ist. Irgend etwas mußte kommen, 
in irgendeiner Gestalt, um die tiefsten Instinkte unseres Blutes von 
diesem Druck zu befreien, wenn wir bei den kommenden Entschei- 
dungen des Weltgeschehens mitzureden, mitzuhandeln haben und 
nicht nur ihr Opfer sein sollten. Das große Spiel der Weltpolitik 
ist nicht zu Ende. Die höchsten Einsätze werden erst gemacht. Es 
geht für jedes der lebenden Völker um Größe oder Vernichtung. 
Aber die Ereignisse dieses Jahres geben uns die Hoffnung, daß 
diese Frage für uns noch nicht entschieden ist, daß wir — wie in 
Zeit Bismarcks — irgendwann wieder Subjekt und nicht nur 
der Geschichte sein werden. Es sind gewaltige Jahrzehnte, in 
denen wir leben, gewaltig — das heißt furchtbar und glücklos. 
Größe und Glück sind zweierlei, und die Wahl steht uns nicht offen. 



aber es ist vielen möglich, die Bahn ihrer Jahre nach persönlichem 
Willen in Größe oder in Kleinheit zu durchschreiten. Indessen, wer 
nur Behagen will, verdient es nicht, da zu sein. 

Der Handelnde sieht oft nicht weit. Er wird getrieben, ohne das 
wirkliche Ziel zu kennen. Er würde vielleicht Widerstand leisten, 
wenn er es sähe, denn die Logik des Schicksals hat nie von mensch- 
lichen Wünschen Kenntnis genommen. Aber viel häufiger ist es, 
daß er in die Irre geht, weil er ein falsches Bild der Dinge um sich 
und in sich entwickelt hat. Es ist die große Aufgabe des Geschichts- 
ken ners, die Tatsachen seiner Zeit zu verstehen und von ihnen aus 
die Zukunft zu ahnen, zu deuten, zu zeichnen, die kommen wird, ob 




VIII 



EINLEITUNG 



warnende, leitende Kritik ist eine Epoche von solcher Bewußtheit 
wie die heutige nicht möglich. 

Ich werde nicht schelten oder schmeicheln. Ich enthalt« mich jedes 
Werturteils über die Dinge, die erst zu entstehen begonnen haben. 
Wirklich werten läßt sich ein Ereignis erst, wenn ^ es ferne ^Ver- 

Tatsachen geworden sind, also nach Jahrzehnten. Ein reifes Ver- 
ständnis Napoleons war nicht vor dem Ende des vorigen Jahrhun- 
derts möglich. Über Bismarck können selbst wir noch keine ab- 
schließende Meinung haben. Nur Tatsachen stehen fest, Urteile 
schwanken und wechseln. Und schließlich: Ein großes Ereignis be- 
darf des wertenden Urteils der Mitlebenden nicht. Die Geschichte 




Aber das darf heute schon gesagt werden: Der nationale Umsturz 
von 1933 war etwas Gewaltiges und wird es in den Augen der Zu- 
kunft bleiben, durch die elementare, überpersönliche Wucht, mit 
der er sich vollzog, und durch die seelische Disziplin, mit der er 
vollzogen wurde. Das war preußisch durch und durch, wie der 
Aufbruch von 191 4, der in einem Augenblick die Seelen ver- 
wandelte. Die deutschen Träumer erhoben sich, ruhig, mit impo> 
nierender Selbstverständlichkeit, und öffneten der Zukunft einen,; 
Weg. Aber eben deshalb müssen sich die Mithandelnden darüber 
klar sein: Das war kein Sieg, denn die Gegner fehlten. Vor der Ge- 



oder getan war. Es war ein Versprechen künftiger Siege, die in 
schweren Kämpfen erstritten werden müssen und für die hier erst 

antwortung dafür auf sich genommen und sie müssen wissen oder 
lernen, was das bedeutet. Es ist eine Aufgabe voll ungeheurer Ge- 
fahren, und sie liegt nicht im Inneren Deutschlands, sondern draußen, 
in der Welt der Kriege und Katastrophen, wo nur die große Politik 
das Wort führt. Deutschland ist mehr als irgendein Land in das 
Schicksal aller andern verflochten; es kann weniger als irgendein 
anderes regiert werden, als ob es etwas für sich wäre. Und außerdem : 
Es ist nicht die erste nationale Revolution, die sich hier ereignet hat 
— Cromweü und Mirabeau sind vorangegangen — , aber es ist die 
erste, die sich in einem politisch ohnmächtigen Lande in sehr ge- 



EINLEITUNG 



IX 



fährlicher Lage vollzieht: das steigert die Schwierigkeit der Auf- 
gaben ins Ungemessene. 

Sie sind sämtlich erst gestellt, kaum begriffen, nicht gelöst. Es ist 
keine Zeit und kein Anlaß zu Rausch und Triumphgefühl. Wehe 
denen, welche die Mobilmachung mit dem Sieg verwechseln! Eine 
Bewegung hat eben erst begonnen, nicht etwa das Ziel erreicht, und 
die großen Fragen der Zeit haben sich dadurch in nichts geändert. 
Sie gehen nicht Deutschland allein an, sondern die ganze Welt, 
sie sind nicht Fragen dieser Jahre, sondern eines Jahrhunderts. 
Die Gefahr der Begeisterten ist es, die Lage zu einfach zu 
Begeisterung verträgt sich nicht mit Zielen, die über Generationen 
hinaus liegen. Mit solchen beginnen aber erst die wirklichen Ent- 



Diese Machtergreifung hat sich in einem Wirbel von Stärke und 
Schwäche vollzogen. Ich sehe mit Bedenken, daß sie täglich mit so 
viel Lärm gefeiert wird. Es wäre richtiger, wir sparten das für einen 
Tag wirklicher und endgültiger Erfolge auf, das heißt außen- 
politischer. Es gibt keine andern. Wenn sie einmal errungen sind, 
werden die Männer des Augenblicks, die den ersten Schritt taten, viel- 

vergessen und geschmäht, bis irgend- 
sich ihrer Bedeutung erinnert. Die Geschichte ist nicht 
sentimental, und wehe dem, der sich selbst sentimental nimmt ! 
In jeder Entwicklung mit solchem Anfang liegen viele Möglich- 
keiten, deren sich die Teilnehmer selten ganz bewußt sind. Sie kann 
in Prinzipien und Theorien erstarren, in politischer, sozialer, wirt- 
schaftlicher Anarchie untergehen, ergebnislos zum Anfang zurück- 
kehren, so wie man im Paris von 1793 deutlich fühlte, que ca 
mhangerait. Dem Rausch der ersten Tage, der oft schon kommende 
Möglichkeiten verdarb, folgt in der Regel eine Ernüchterung und 
die Unsicherheit über den „nächsten Schritt". Es gelangen Ele- 
mente zur Macht, welche den Genuß der Macht als Ergebnis be- 
trachten und den Zustand verewigen möchten, der nur für Augen- 
blicke tragbar ist. Richtige Gedanken werden von Fanatikern bis 
zur Selbstaufhebung übersteigert. Was als Anfang Großes versprach, 
endet in Tragödie oder Komödie. Wir wollen diese Gefahren bei- 
zeiten und nüchtern ins Auge fassen, um klüger zu sein als manche 
Generation der Vergangenheit. 




Wenn aber hier das dauerhafte Fundament einer großen Zukunft 
gelegt werden soll, auf dem kommende Geschlechter bauen kön- 
nen, so ist das nicht ohne Fortwirken alter Traditionen möglich. 
Was wir von unsern Vätern her im Blute haben, Ideen ohne Worte, 
ist allein das, was der Zukunft Beständigkeit verspricht. Was ich 
vor Jahren als „Preußentum" gezeichnet hatte, ist wichtig — es 
hat sich gerade eben bewährt — , nicht irgendeine Art von „Sozia- 
lismus". Wir brauchen eine Erziehung zu preußischer Haltung, 
wie sie 1870 und 1914 da war und wie sie im Grunde unserer 
Seelen als beständige Möglichkeit schläft. Nur durch lebendiges Vor- 
bild und sittliche Selbstdisziplin eines befehlenden Standes ist das 
erreichbar, nicht durch viel Worte oder durch Zwang. Sich selbst 
beherrschen muß man, um einer Idee dienen zu können, zu inner- 
lichen Opfern aus Überzeugung bereit sein. Wer das mit dem 
geistigen Druck eines Programms verwechselt, der weiß nicht, 
wovon hier die Rede ist. Damit komme ich auf da 
mit dem ich 191 9 den Hinweis auf diese sittliche INotwenc 
begonnen habe, ohne die sich nichts von Dauer errichten läßt: 
„Preußentum und Sozialismus". Alle anderen WeltYÖlker haben 
einen Charakter durch ihre Vergangenheit erhalten. Wir hatten 
keine erziehende Vergangenheit und wir müssen deshalb den Cha- 
rakter, der als Keim in unserem Blute liegt, erst wecken, entfalten, 
erziehen. 

Ziel soll auch dieses Werk gewidmet sein, dessen ersten 
ich hier vorlege. Ich tue, was ich immer getan habe: Ich gebe 
Wunschbild der Zukunft und noch weniger ein Programm zu 
en Verwirklichung, wie es unter Deutschen Mode ist, sondern 
ein klares Bild der Tatsachen, wie sie sind und sein werden. Ich 
sehe weiter als andere. Ich sehe nicht nur große Möglichkeiten, son- 
dern auch große Gefahren, ihren Ursprung und vielleicht den Weg, 
ihnen zu entgehen. Und wenn niemand den Mut hat zu sehen und 
zu sagen, was er sieht, will ich es tun. Ich habe ein Recht zur 
Kritik, weil ich immer wieder durch sie das gezeigt habe, was ge- 
schehen muß, weil es geschehen wird. Eine entscheidende Reihe 
von Taten ist begonnen worden. Nichts, was einmal Tatsache ist, 
läßt sich zurücknehmen. Jetzt müssen wir alle in dieser Richtung 
fortschreiten, ob wir sie gewollt haben oder nicht. Es wäre kurz- 



EINLEITUNG 



XI 




Aber das Ja setzt ein Verstehen voraus. Dem soll dies Buch dienen. 
Es ist eine Warnung vor Gefahren. Gefahren gibt es immer. Jeder 
Handelnde ist in Gefahr. Gefahr ist das Leben selbst. Aber wer das 
Schicksal von Staaten und Nationen an sein privates Schicksal ge- 
knüpft hat, muß den Gefahren sehend begegnen. Und zum Sehen 
gehört vielleicht der größere Mut. 

Dies Buch ist aus einem Vortrag „Deutschland in Gefahr" entstan- 
den, den ich 1929 in Hamburg gehalten habe, ohne auf viel Ver- 
ständnis gestoßen zu sein. Im November 1932 ging ich an die Aus- 
arbeitung, immer noch der gleichen Lage in Deutschland gegen- 
über. Am 3o. Januar 1933 war es bis zur Seite 106 gedruckt. Ich 
habe nichts daran geändert, denn ich schreibe nicht für Monate 
oder das nächste Jahr, sondern für die Zukunft. Was richtig ist, 
kann durch ein Ereignis nicht aufgehoben werden. Nur den Titel 
habe ich anders gewählt, um nicht Mißverständnisse zu erzeugen: 
Nicht die nationale Machtergreifung ist eine Gefahr, sondern die 
Gefahren waren da, zum Teil seit 191 8, zum Teil sehr viel länger, 
und sie bestehen fort, weil sie nicht durch ein Einzelereignis be- 
seitigt werden können, daäerst einer jahrelangen und richtigen Fort- 
entwicklung bedarf, um ihnen gegenüber wirksam zu sein. Deutsch- 
land ist in Gefahr. Meine Angst um Deutschland ist nicht kleiner 
geworden. Der Sieg vom März war zu leicht, um den Siegern über 
den Umfang der Gefahr, ihren Ursprung und ihre Dauer die Augen 
zu öffnen. 

Niemand kann wissen, zu was für Formen, Lagen und Persönlich- 
keiten diese Umwälzung führt und was für Gegenwirkungen sie 
von außen zur Folge hat. Jede Revolution verschlechtert die außen- 
politische Lage eines Landes, und allein um dem gewachsen zu 
sein, sind Staatsmänner vom Range Bismarcks nötig. Wir stehen 
vielleicht schon dicht vor dem zweiten Weltkrieg mit unbekannter 
Verteilung der Mächte und nicht vorauszusehenden — militärischen, 
wirtschaftlichen, revolutionären — Mitteln und Zielen. Wir haben 
keine Zeit, uns auf innerpoiitische Angelegenheiten zu beschränken. 
Wir müssen für jedes denkbare Ereignis „in Form" sein. Deutsch- 
land ist keine Insel. Wenn wir nicht unser Verhältnis zur Welt als 



XII 



EINLEITUNG 



das wichtigste Problem gerade für uns sehen, geht das Schicksal 
— und was für ein Schicksal ! — erbarmungslos über uns hinweg. 
Deutschland ist das entscheidende Land der Welt, nicht nur seiner 
Lage wegen, an der Grenze von Asien, weltpolitisch heute dem wich- 
tigsten Erdteil, sondern auch weil die Deutschen noch jung genug 
sind, um die weltgeschichtlichen Probleme in sich zu erleben, zu 
gestalten, zu entscheiden, während andere Völker zu alt und starr 
geworden sind, um mehr als eine Abwehr aufzubringen. Aber auch 
großen Problemen gegenüber enthält der Angriff das größere Ver- 
sprechen des Sieges. 

Das habe ich beschrieben. Wird es die gehoffte Wirkung tun? 
München, im Juli 1 933 



Oswald Spengler 



Deutschland ist keine Insel I. Angst vor der Wirklichkeit 3. Rationalismus und Ro- 
mantik 5. Der tauschende Friede 1871/191$ 10. Größe der Zeit 11. 



...................... 



Zeitalter der Weltkriege 16. Zwischen vergangenen und künftigen Machtformen, Met- 
ternich 19. Der erste Weltkrieg seit 1878 drohend 20. 19 18 nichts entschieden 22. 



Nationalismus a5. Die Wirtschaft machtiger als die Politik: Keim der Wirtschaf tskata- 
strophe 28. Wandlung der Heere und strategischen Gedanken 3a. Flotten und Kolo- 
nien 35. Wirtschaftliche Kriegführung 3g. Neue Mächte 4 1 • Rußland wieder asiatisch 43. 
Japan 46. Die Vereinigten Staaten und die Revolution 47- England 5i. Frankreich 54- 



Die „Revolution von unten". Zeitalter der Gracchen in Rom 58. Nicht wirtschaftlich, 
sondern städtisch: Zerfall der Gesellschaft 62. Die Gesellschaft als Rangordnung 64- 
Unterschiede, nichtGegensätze 66. Unterwelt der Großstadt: „vornehm" und „gemein" 67. 
Ziel der Revolution: Einebnung der Gesellschaft. Demokratie == Bolschewismus 69. 



Einheit der Bewegung vom Liberalismus zum Bolschewismus 78. Seit i84o Mobil- 
machung der „Arbeiterklasse". „Diktatur des Proletariats" 79. Berufsagitation 80. Der 
Bolschewismus nicht russisch 82. Duldung durch die liberale Gesellschaft 84« Kultus 
des „Arbeiters" 87. Typus des Demagogen 88. Kirche und Klassenkampf, Kommunismus 
und Religion 89. Wirtschaftlicher Egoismus als Moral des Klassenkampfes g4- Zeitalter 
der revolutionären Theorie 1760/1 85o. Die Nationalökonomie seit 1770 gehört dam 97. 
Negatives Ideal des Klassenkampfes: Zerstörung der Rangordnung seit 1770, der Wirt- 
schaftsordnung seit i84o 99. „Kapitalismus" und , 
Sozialismus als Kapitalismus von unten 102. 




durch Arbeitszeitverkürzung und Lohnerhöhung iofc 
Werttheorie als Waffe durch die Praxis der politischen Löhne 110. Umfang und Wir- 
kung des politischen Lohnes 112. Sieg der niederen Massenarbeit über die Führer- 
arbeit 11 4- Bauerntum und städtische Luxuslöhne 116. Das krankhafte Tempo der 
Wirtschaftsentwicklung eine Folge des Lohndruckes 117. Ausdehnung des Finanzkapitals 
eine zweite Folge 119. Ende des Industriemonopols der weißen Arbeiterschaft 120. 
Die farbigen Löhne treten in den Kampf ein 121. 



XIV 



INHALTSVERZEICHNIS 



Um 1900 die weiße Wirtschaft schon untergraben 122. Der Zusammenbruch vom 
Weltkrieg nicht bewirkt, sondern nur nicht länger aufgehalten ia3. Seit 19 16 Diktatur 
der Arbeiterparteien über Staat und Wirtschaft. Die Arbeitslosigkeit 124. Ausraubung 
der Gesellschaft ia5- Mangel an Einsicht. Inflation, Autarkie, Arbeitsbeschaffung 128. 
Der Klassenkampf noch nicht zu Ende 12g. Zwei Fronten i3o. Was ist „links"? i3a. 
Sinn des Faschismus x34- „Preußentum und Sozialismus" i36. Ausgang der „Revo- 
lution von unten". Cäsarismus i4i. Individualismus als nordische Lebensform 1 43. 

Die farbige Weltrevolution i47 

Tatsache der zwei Revolutionen : Klassenkampf und Rassenkampf 147. Die „Revolution 
von außen" gegen das römische Imperium i48- Lage der weißen Volker. Versailles ein 
Sieg der farbigen Welt i5o. Das aktive Asien: Rußland und Japan i5i. Indianer i54- 
Neger x56. Indien und China i56. Müdigkeit der weißen Völker: Unfruchtbarkeit 157. 
Pazifismus, panem et circenses 161. Gefahr der Verständigung zwischen den Farbigen 
und dem weißen Proletariat i64. Eintritt in die entscheidenden Jahrzehnte i65. 



DER POLITISCHE HORIZONT 




Hat heute irgend ein Mensch der weißen Rassen einen 
was rings umher auf dem Erdball vor sich geht? Für die Größe der 
Gefahr, die über dieser Völkermasse liegt und droht? Ich rede nicht 
von der gebildeten oder ungebildeten Menge unserer Städte, den 



Wählern und Gewählten längst kein Unterschied des Ranges mehr 
besteht — , sondern von den führenden Schichten der weißen Na- 
tionen, soweit sie nicht schon vernichtet sind, von den Staats- 
männern, sofern es welche gibt, von den echten Führern der Politik 
und der Wirtschaf t, der Heere und des Denkens. Sieht irgend jemand 
über diese Jahre und über seinen Erdteil, sein Land, selbst über 
den engen Kreis seiner Tätigkeit hinaus? 

Wir leben in einer verhängnisschweren Zeit. Die großartigste Ge- 
schichtsepoche nicht nur der faustischen Kultur Westeuropas mit 
ihrer ungeheuren Dynamik, sondern eben um dieser willen der ge- 



als die Zeiten Casars und Napoleons. Aber wie blind sind die 
sehen, über die dieses gewaltige Schicksal hinwegbraust, sie durchein- 
anderwirbelnd, erhebend oder vernichtend. Wer von ihnen sieht und 
begreift, was mit ihnen und um sie her geschieht? Vielleicht ein alter 
weiser Chinese oder Inder, der schweigend, mit einer tausendjähri- 
gen Vergangenheit des Denkens im Geiste um sich blickt — aber 
wie flach, wie eng, wie klein gedacht ist alles, was an l 
Maßnahmen in Westeuropa und Amerika hervortritt! Wer 
von den Bewohnern des mittleren Westens der Vereinigten Staaten 
wirklich etwas von dem, Was jenseits von Newyork und San Fran- 
zisko vor sich geht? Was ahnt ein Mann der englischen Mittelklasse 
von dem, was auf dem Festland drüben sich vorbereitet, um von der 
französischen Provinz zu schweigen? Was wissen sie alle von der 
Richtung, in welcher ihr eigenes Schicksal sich bewegt? Da entstehen 




2 



DER POLITI SCHE HORIZONT 



Strophen im Umfang von Generationen durch prosperity und Ab- 
rüstung zu „überwinden". 

Aber ich rede hier von Deutschland, das im Sturm der Tatsachen 
tiefer bedroht ist als irgend ein anderes Land, dessen Existenz im 
erschreckenden Sinne des Wortes in Frage steht. Welche Kurzsichtig- 
keit und geräuschvolle Flachheit herrschen hier, was für provinziale 
Standpunkte tauchen auf, wenn von den größten Problemen die Rede 
ist! Man gründe innerhalb unserer Grenzpfähle das Dritte Reich 
oder den Sowjetstaat, schaffe das Heer ab oder das Eigentum, die 
Wirtschaftsführer oder die Landwirtschaft, man gebe den einzelnen 
Länderchen möglichst viel Selbständigkeit oder beseitige sie, man 
lasse die alten Herren von der Industrie oder Verwaltung wieder im 
Stile von 1900 arbeiten oder endlich, man mache eine Revolution, 
proklamiere die Diktatur, zu der sich dann ein Diktator schon finden 
wird — vier Dutzend Leute fühlen sich dem schon längst gewachsen 
— und alles ist schön und gut. 

Aber Deutschland ist keine Insel. Kein zweites Land ist in dem 
Grade handelnd oder leidend in das Weltschicksal verflochten. Seine 
geographische Lage aliein, sein Mangel an natürlichen Grenzen ver- 
urteilen es dazu. Im 18. und ig. Jahrhundert war es „Mitteleuropa", 
im 20. ist es wieder wie seit dem 1 3. Jahrhundert ein Grenzland 
gegen „Asien", und niemand hat es nötiger, politisch und wirtschaft- 
lich weit über die Grenzen hinaus zu denken, als die Deutschen. Alles 
was in der Ferne geschieht, zieht seine Kreise bis ins Innere 
Deutschlands. 

Aber unsere Vergangenheit rächt sich, diese 700 Jahre jammervoller 
provinzialer Kleinstaaterei ohne einen Hauch von Größe, ohne Ideen, 
ohne Ziel. Das läßt sich nicht in zwei Generationen einholen. Und 
die Schöpfung Bismarcks hatte den großen Fehler, das heranwach- 
sende Geschlecht nicht für die Tatsachen der neuen Form unseres 
politischen Lebens erzogen zu haben. 1 Man sah sie, aber begriff sie 



l, CigHUlX; Olli ölAvll U1UC1 ÜUll Ulli üilOil UVI liUH ICJI, 

und neuen Pflichten nicht an. Man lebte nicht mit ihnen. Und der 
Durchschnittsdeutsche sah nach wie vor die Geschicke seines großen 
Landes parteimäßig und partikularistisch an, das heißt flach, eng, 

deine Denken begann, seit die Stau- 




DER POLITISCHE HORIZONT 



3 




fenkaiser mit ihrem Blick über das Mittelmeer hin und die Hansa, 
die einst von der Sc 



Mangels an einer realpolitischen Stützung im Hinter lande anderen, 
sicherer begründeten Mächten erlegen waren. Seitdem sperrte man 

indchen und Winkelinteressen ein, maß die 
lichte an deren Horizont und träumte hungernd und arm- 
1 von einem Reich in den Wolken, wofür man das Wort Deutscher 
Idealismus erfand. Zu diesem kleinen, innerdeutschen Denken ge- 
hört noch fast alles, was an politischen Idealen und Utopien im 
Sumpfboden des Weimarer Staates aufgeschossen ist, all die inter- 
nationalen, kommunistischen, pazifistischen, ultramontanen, föde- 
ralistischen, „arischen" Wunschbilder vom Sacrum Imperium, 
Sowjetstaat oder Dritten Reich. Alle Parteien denken und handeln 
so, als wenn Deutschland allein auf der Welt wäre. Die Ge werk- 
schaften sehen nicht über die Industriegebiete hinaus. Kolonial- 
politik war ihnen von jeher verhaßt, weil sie nicht in das Schema 
des Klassenkampfes paßte. In ihrer doktrinären Beschränktheit be- 
greifen sie nicht oder wollen nicht begreifen, daß der wirtschaft- 
liche Imperialismus der Zeit um 1900 gerade für den Arbeiter eine 
Voraussetzung seiner Existenz war mit seiner Sicherung von Absatz 
der Produkte und Gewinnung von Rohstoffen, was der englische 
Arbeiter längst begriffen hatte. Die deutsche Demokratie schwärmt 
für Pazifismus und Abrüstung außerhalb der französischen Macht- 
grenzen. Die Föderalisten möchten das ohnehin kleine Land wieder 
Zwergstaaten ehemaligen Gepräges verwandeln 
fremden Mächten Gelegenheit geben, den einen gegen 
den andern auszuspielen. Und die Nationalsozialisten glauben ohne 
und gegen die Welt fertig zu werden und ihre Luftschlösser bauen 
zu können, ohne eine mindestens schweigende aber sehr fii 
Gegenwirkung von außen her. 



Dazu kommt die allgemeine Angst vor der Wirklichkeit. Wir 
„Bleichgesichter" haben sie alle, obwohl wir ihrer sehr selten, die 
meisten nie bewußt werden. Es ist die seelische Schwäche des späten 
Menschen hoher Kulturen, der in seinen Städten vom Bauerntum 



4 



DER POLITISCHE HORIZONT 



mütterlichen Erde und damit vom natürlichen Erleben von 
Schicksal, Zeit und Tod abgeschnitten ist. Er ist allzu wach ge- 
worden, an das ewige Nachdenken über das Gestern und Morgen ge- 
wöhnt und erträgt das nicht, was er sieht und sehen muß: den 
unerbittlichen Gang der Dinge, den sinnlosen Zufall, die wirk- 
liche Geschichte mit ihrem mitleidlosen Schritt durch die Jahr- 
hunderte, in die der einzelne mit seinem winzigen Privatleben an 
bestimmter Stelle unwiderruflich hineingeboren ist. Das ist es, was 
er vergessen, widerlegen, abstreiten möchte. Er flieht aus der Ge- 
schichte in die Einsamkeit, in erdachte und weltfremde Systeme, 
in irgend einen Glauben, in den Selbstmord. Er steckt, als ein gro- 
»trauß, seinen Kopf in Hof f nungen, Ideale, in feigen 
ius: es ist so, aber es soll nicht so sein, also ist es anders, 
im Walde singt, tut es aus Angst. Aus derselben Angst 
te die Feigheit der Städte ihren angeblichen Optimismus 
inaus. Sie vertragen die Wirklichkeit nicht mehr. Sie 
setzen ihr Wunschbild der Zukunft an die Stelle der Tatsachen — 
obwohl die Geschichte sich noch nie um Wünsche der Menschen 
gekümmert hat — vom Schlaraffenland der kleinen Kinder bis 
zum Weltfrieden und Arbeiterparadies der großen. 
So wenig man von den Ereignissen der Zukunft weiß — nur die 
allgemeine Form künftiger Tatsachen und deren Schritt durch die 
Zeiten läßt sich aus dem Vergleich mit anderen Kulturen erschließen 
— , so sicher ist es, daß die bewegenden Mächte der Zukunft keine 
anderen sind als die der Vergangenheit: der Wille de3 Stärkeren, 
die gesunden Instinkte, die Rasse, der Wille zu Besitz und Macht: 
und darüber hin schwanken wirkungslos die Träume, die immer 
Träume bleiben werden : Gerechtigkeit, Glück und Friede. 
Dazu kommt aber für unsere Kultur seit dem 1 6. Jahrhundert die 




wickelter und undurchsichtiger werdenden Ereignisse und Lagen 
der großen Politik und Wirtschaft noch zu übersehen und die in 
ihnen wirkenden Mächte und Tendenzen zu begreifen, geschweige 
denn zu beherrschen. Die echten Staatsmänner werden immer sel- 
tener. Das meiste, was in der Geschichte dieser Jahrhunderte ge- 
macht und nicht geschehen ist, ist von Halbkennern und Dilettanten 



DER POLITISCHE HORIZONT 



5 



hin auf die Völker verlassen, deren Instinkt sie gewähren ließ. Erst 
heute ist dieser Instinkt so schwach und die redselige Kritik aus 
fröhlicher Unwissenheit so stark geworden, daß die wachsende Ge- 
fahr besteht, ein wirklicher Staatsmann und Kenner der Dinge werde 
nicht etwa instinktiv gebilligt oder auch nur murrend ertragen, 
sondern durch den Widerstand aller Besserwisser gehindert das zu 
tun, was getan werden muß. Das erste konnte Friedrich der Große 
erfahren, das letzte wurde beinahe das Schicksal Bismarcks. Die 
chöpfungen solcher Führer würdigen können erst 
Geschlechter und nicht einmal die. Aber es kommt darauf an, 
daß die Gegenwart sich auf Undank und Unverständnis beschränkt 
und nicht zu Gegenwirkungen übergeht. Besonders die Deutschen 
darin, schöpferische Taten zu beargwöhnen, zu bekrit- 




teln, zu vereiteln. Die historische Erfahrung und die Stärke der 
Tradition, wie sie im englischen Leben zu Hause sind, geht ihnen 
ab. Das Volk der Dichter und Denker, das im Begriff ist, ein Volk 
der Schwätzer und Hetzer zu werden ! Jeder wirkliche Staatslenker 
ist unpopulär, die Folge der Angst, Feigheit und Unkenntnis der 
Zeitgenossen, aber selbst um das zu verstehen, muß man mehr 
sein als ein „Idealist' \ 

Wir befinden uns heute noch im Zeitalter des Rationalismus, 
das im 18. Jahrhundert begann und im 20. rasch zu Ende geht. 1 Wir 
sind alle seine Geschöpfe, ob wir es wissen und wollen oder nicht. 
Das Wort ist jedem geläufig, aber wer weiß, was alles dazugehört? 
Es ist der Hochmut des städtischen, entwurzelten, von keinem starken 
Instinkt mehr geleiteten Geistes, der auf das blutvolle Denken der 
Vergangenheit und die Weisheit alter Bauerngeschlechter mit Ver- 
achtung herabsieht. Es ist die Zeit, in der jeder lesen und schreiben 
kann und deshalb mitreden will und alles besser versteht. Dieser 
Geist ist von Begriffen besessen, den neuen Göttern dieser Zeit, 
und er übt Kritik an der Welt: sie taugt nichts, wir können das 
besser machen, wohlan, stellen wir ein Programm der besseren Welt 
auf! Nichts ist leichter als das, wenn man Geist hat. Verwirklichen 
wird es sich dann wohl von selbst. Wir nennen das einstweilen den 
,, Fortschritt der Menschheit". Da es einen Namen hat, ist es da. Wer 

1 Unt. d. Abendl. II, S. S74ff. Der „Untergang des Abendlandes" wird nach den neuen 
Ausgaben seit 192/j zitiert (Bd. I 65., Bd. II 43. Aufl. u. folg.). 



6 



DER POLITISCHE HORIZONT 



daran zweifelt, ist beschränkt, ein Reaktionär, ein Ketzer, vor allem 



ist die Angst vor der Wirklichkeit vom geistigen Hochmut 
überwunden worden, dem Dünkel aus Unwissenheit in allen Dingen 
des Lebens, aus seelischer Armut, aus Mangel an Ehrfurcht, zu- 
letzt aus weltfremder Dummheit, denn nichts ist dümmer als die 
wurzellose städtische Intelligenz. In englischen Kontoren und Klubs 
nannte man sie common sense, in französischen Salons esprit, in 



mus des Bildungsphilisters beginnt die elementaren Tatsachen der 
Geschichte nicht mehr zu fürchten, sondern zu verachten. Jeder 



sie begrifflich vollkommener machen als sie wirklich sind, sie sich 
im Geiste Untertan wissen, weil er sie nicht mehr erlebt, sondern 
nur noch erkennt. Dieser doktrinäre Hang zur Theorie aus Mangel 
an Erfahrung, besser aus mangelnder Begabung Erfahrungen zu 
machen, äußert sich literarisch im unermüdlichen Entwerfen von 
politischen, sozialen und wirtschaftlichen Systemen und Utopien, 
praktisch in der Wut des Organisierens, die zum abstrakten 
Selbstzweck wird und Bürokratien zur Folge hat, die an ihrem 
eigenen Leerlauf zugrunde gehen oder lebendige Ordnungen zu- 
grunde richten. Der Rationalismus ist im Grunde nichts als Kritik, 
und der Kritiker ist das Gegenteil des Schöpfers : er zerlegt und fügt 
zusammen; Empfängnis und Geburt sind ihm fremd. Deshalb ist 
sein Werk künstlich und leblos und tötet, wenn es mit wirklichem 



auf dem Papier entstanden, methodisch und absurd, und leben nur 
auf dem Papier. Das beginnt zur Zeit Rousseaus und Kants mit 

geht im 19. Jahrhundert zu wissenschaftlichen Konstruktionen über 
mit naturwissenschaftlicher, physikalischer, darwinistischer Me- 
thode — Soziologie, Nationalökonomie, materialistische Geschichts- 
schreibung — und verliert sich im 20. im Literatentum der Ten- 
denzromane und Parteiprogramme. 

Aber man täusche sich nicht : Idealismus und Materialismus gehören 




DER POLITISCHE HORIZONT 



7 



Proudhon, die Ideologen der Befreiungskriege ebenso wie Marx, die 
materialistische Auffassung der Geschichte in demselben Grade wie 
die idealistische: Ob man als deren „Sinn" und ..Zweck" den Fort- 
schritt, die Technik, die „Freiheit", das „Glück der meisten" an- 
sieht, oder die Blüte von Kunst, Dichtung und Denken, das macht 
wenig aus. In beiden Fallen hat man nicht bemerkt, daß das Schick- 
sal in der Geschichte von ganz anderen, robusteren Mächten ab- 
hängt. Menschengeschichte ist Kriegsgeschichte. Von den wenigen 




den Staatsmännern 
half. 

Aber ebenso wie Idealismus und Materialismus ist die Romantik 
ein Ausdruck rationalistischer Überhebung aus Mangel an Sinn für 
die Wirklichkeit. Sie sind im tiefsten Grunde verwandt und es wird 
schwer sein, bei irgend einem politischen oder sozialen Romantiker 
die Grenze zwischen diesen Richtungen des Denkens zu finden. In 
jedem bedeutenden Materialisten steckt ein heimlicher Romantiker. 1 
Gewiß, man verachtet den kalten, flachen, methodischen Geist der 
andern, aber man besitzt selbst genug davon, um es mit den gleichen 
Mitteln, dem gleichen Dünkel zu tun. Romantik ist kein Zeichen 
starker Instinkte, sondern schwachen, sich selbst hassenden In- 
tellekts. Sie sind alle infantil, diese Romantiker, Männer, die zu 
lange oder immer Kinder geblieben sind, ohne die Kraft zur Selbst- 
kritik, aber mit ewigen Hemmungen aus dem dumpfen Bewußtsein 
persönlicher Schwäche und von dem kranken Gedanken getrieben, 
die Gesellschaft abzuändern, die ihnen zu männlich, zu gesund, 
zu nüchtern ist, nicht mit Messer und Revolver wie in Rußland, 
beileibe nicht, sondern mit edlem Gerede und poetischen Theorien. 
Wehe ihnen, wenn sie nicht künstlerische Begabung genug besitzen, 
um sich die fehlende Gestaltungskraft wenigstens einzureden. Aber 
auch da sind sie weibisch und schwächlich: sie können keinen gro- 
ßen Roman, keine strenge Tragödie auf die Beine stellen, noch 
weniger eine geschlossene starke Philosophie: nur innerlich form- 
lose Lyrik, blutleere Schemata und fragmentarische Gedanken kom- 
zum Vorschein, weltfremd und weltfeindlich bis zur Absurdität. 



1 Die Welträlsel Haeckels z. B. sind das Buch eines reinen Schwärmers und schwachen 



DER POLITISCHE HORIZONT 



Aber so waren auch die ewigen „Jünglinge" nach i8i5 mit ihren 




Stein konnte seinen romantischen 
Staatsordnungen nicht so weit bändigen, um von seiner großen 
praktischen Erfahrung den diplomatisch erfolgreichen Gebrauch 
zu machen. Gewiß, sie waren heldenhaft, edel und jeden Augenblick 
bereit Märtyrer zu sein, aber sie sprachen zu viel von deutschem 
Wesen und zu wenig von Eisenbahnen und Zollverein, und deshalb 
sind sie für die wirkliche Zukunft Deutschlands nur ein Hinder- 
nis gewesen. Haben sie je den Namen des großen Friedrich List 
gehört, der i846 Selbstmord beging, weil niemand seine voraus- 
schauenden realpolitischen Ziele - 
Nationalwirtschaft — begriff und unterstützte? 
Arminius und Thusnelda kannten sie alle. 

Und genau dieselben ewigen Jünglinge sind heute wieder da. un- 



aber frischweg über Politik schreibend und mitredend, von Uni- 
formen und Abzeichen begeistert und mit dem fanatischen Glauben 
an irgend eine Theorie. Es gibt eine Sozialromantik des schwärme- 
rischen Kommunismus, eine politische Romantik, die Wahlziffern 
und den Rausch von Massenreden für Taten hält, und eine Wirt- 
schaftsromantik, die ohne alle Kenntnis der inneren Formen realer 



fühlen sich nur in Masse, weil sie da das dunkle Gefühl ihrer 
Schwäche betäuben können, indem sie sich multiplizieren. Und das 
nennen sie Überwindung des Individualismus. 

Und sie sind, wie alle Rationalisten und Romantiker, sentimental 
wie ein Gassenhauer. Schon der Contrat social und die Menschen- 
rechte stammen aus dem Zeitalter der Empfindsamkeit. Burke be- 
tonte als echter Staatsmann demgegenüber mit Recht, daß sie da 
drüben ihre Rechte nicht als Menschen, sondern als Engländer for- 
derten. Das war praktisch und politisch gedacht, nicht rationalistisch 



die über allen theoretischen Strömungen dieser zwei Jahrhunderte 
liegt, dem Liberalismus, Kommunismus, Pazifismus, über allen 

evolutionen, stammt aus seelischer Unbe- 



DER POLITISCHE HORIZONT 



y 



eine strenge alte Tradition. Sie ist „bürgerlich" oder „plebejisch", 
soweit das Schimpfworte sind. Sie sieht die menschlichen Dinge, 
die Geschichte, das politische und wirtschaftliche Schicksal von 
unten, klein und kleinlich, aus dem Kelierfenster, von der Gasse, 
dem Literatencafe, der Volksversammlung her, nicht aus der Höhe 
und Ferne. Jede Art von Größe, alles was aufragt, herrscht, über- 
legen ist, ist ihr verhaßt, und Aufbau bedeutet ihr in Wirklichkeit 
den Abbau aller Schöpfungen der Kultur, des Staates, der Gesell- 
schaft bis zum Niveau der kleinen Leute, über das ihr armseliges 
Gefühl nicht begreifend hinausragt. Das allein ist heute volkstüm- 
lich und volksfreundlich, denn „Volk" bedeutet im Munde jedes 
Rationalisten und Romantikers nicht die formvolle, vom Schick- 
sal im Laufe langer Zeiten gestaltete, geschichtete Nation, sondern 
den Teil der flachen formlosen Masse, den jeder gerade als seines- 
gleichen empfindet, vom „Proletariat" bis zur „Menschheit". 
Diese Herrschaft des städtischen wurzellosen Geistes geht heute zu 
Ende. Als letzte Art des Verstehens der Dinge wie sie sind, erscheint 
die Skepsis, der gründliche Zweifel an Sinn und Wert des theo- 
retischen Nachdenkens, an dessen Fähigkeit kritisch und begriff- 
lich irgend etwas zu erschließen und praktisch irgend etwas zu 
leisten: die Skepsis in Form der großen historischen und physio- 
gnomischen Erfahrung, des unbestechlichen Blickes für Tatsachen, 
der wirklichen Menschenkenntnis, die lehrt, wie der Mensch war 
und ist und nicht wie er sein sollte, des echten Geschichtsdenkens, 
das unter anderem lehrt, wie oft solche Zeitalter der allmächtigen 
Kritik schon da waren und wie erfolglos sie vergangen sind; die 
Ehrfurcht vor den Tatsachen des Weltgeschehens, die innerlich 
Geheimnisse sind und bleiben, die wir nur beschreiben und nicht er- 
klären können und die praktisch nur durch Menschen von starker 
Rasse, die selbst historische Tatsachen sind, gemeistert wer- 
den können und nicht durch sentimentale Programme und Systeme. 
Dieses harte historische Wissen um die Tatsachen, wie es in diesem 
Jahrhundert beginnt, ist den weichen, unbeherrschten Naturen un- 
erträglich. Sie hassen den, der sie feststellt, und nennen ihn einen 
Pessimisten. Nun gut, aber dieser starke Pessimismus, zu dem die 
Menschenverachtung aller großen Tatmenschen gehört, die Men- 




10 



DER POLITISCHE HORIZONT 



müden Seelen, welche das Leben fürchten und den Blick auf die 
Wirklichkeit nicht ertragen. Das erhoffte Leben in Glück, Frieden, 
ohne Gefahr, in breitem Behagen ist langweilig, greisenhaft und 
ist außerdem nur denkbar, nicht möglich. An dieser Tatsache, an 
Virklicl 



Was die augenblickliche Weltlage betrifft, so sind wir alle in Ge- 
fahr sie falsch zu sehen. Seit dem amerikanischen Bürgerkrieg 
(i865), dem deutsch-französischen Krieg (1870) und der vikto- 
rianischen Zeit hat sich bis 191 4 ein so unwahrscheinlicher Zustand 
von Ruhe, Sicherheit, friedlichem und sorglos fortschreitendem Da- 
sein über die weißen Völker verbreitet, daß man in allen Jahr- 

nach etwas ähnlichem sucht. Wer das erlebt 
ren davon hört, erliegt immer wieder der Nei- 
gung, es für normal zu halten, die wüste Gegenwart als Störung 
dieses natürlichen Zustandes aufzufassen und zu wünschen, daß es 



Fall sein. Dergleichen wird nie wiederkommen. Man kennt die 
Gründe nicht, die diesen auf die Länge unmöglichen Zustand her- 
beigeführt haben : die Tatsache, daß die stehenden und immer wach- 
senden Heere einen Krieg so unberechenbar machten, daß kein 
Staatsmann mehr einen zu führen wagte; die Tatsache, daß die tech- 
nische Wirtschaft sich in einer fieberhaften Bewegung befand, die 
ein rasches Ende nehmen mußte, weil sie sich auf rasch hinschwin- 
dende Bedingungen stützte; und endlich die Tatsache, daß durch 
beides die schweren ungelösten Probleme der Zeit immer weiter 
und Enkeln zugeschoben wurden, als 
kommender Geschlechter, bis man nicht mehr an ihr 
handensein glaubte, obwohl sie in ständig wachsender Spannung aus 
der Zukunft herüberdrohten. 

Einen langen Krieg ertragen wenige, ohne seelisch zu verderben; 
einen langen Frieden erträgt niemand. Diese Friedenszeit von 1870 
bis 191 4 und die Erinnerung an sie hat alle weißen Menschen satt ? 



DER POLITISCHE HORIZONT 



11 



rungen, mit denen heute jeder Demagoge auftritt, Forderungen 





sagung auch nur zu erinnern. 

Dieser allzulange Friede über dem vor wachsender Erregung zittern- 
den Boden ist eine furchtbare Erbschaft. Kein Staatsmann, keine 
Partei, kaum ein politischer Denker steht heute sicher genug, um die 
Wahrheit zu sagen. Sie lügen alle, sie stimmen alle in den Chorus 
der verwöhnten und unwissenden Menge ein, die es morgen so und 
noch besser haben will wie einst, obwohl die Staatsmänner und 
Wirtschaftsführer die furchtbare Wirklichkeit besser kennen soll- 
ten. Aber was für Führer haben wir heute in der Welt! Dieser 
feige und unehrliche Optimismus kündet jeden Monat einmal 
die „wiederkehrende" Konjunktur und prosperity an, sobald ein 
paar Haussespekulanten die Kurse flüchtig steigen lassen ; das Ende 
der Arbeitslosigkeit, sobald irgendwo 100 Mann eine 
und vor allem die erreichte „Verständigung" der Völ 
Völkerbund, dieser Schwärm von Sommerfrischlern, die am Genfer 
See schmarotzen, irgend einen Entschluß faßt. Und in allen Ver- 
sammlungen und Zeitungen hallt das Wort Krise wider als der 
Ausdruck für eine vorübergehende Störung des Behagens, mit dem 
man sich über die Tatsache belügt, daß es sich um eine Katastrophe 
von unabsehbaren Ausmaßen handelt, die normale Form, in der 
sich die großen Wendungen der Geschichte vollziehen. 
Denn wir leben in einer gewaltigen Zeit. Es ist die größte, welche 
die Kultur des Abendlandes je erlebt hat und erleben wird, dieselbe, 
welche die Antike von Cannä bis Aktium erlebt hat, dieselbe, aus 
der die Namen Hannibal, Scipio, Gracchus, Marius, Sulla, Cäsar 
herüberleuchten. 1 Der Weltkrieg war für uns nur der erste Blitz 
und Donner aus der Gewitterwolke, die schicksalsschwer über dieses 
Jahrhundert dahinzieht. Die Form der Welt wird heute aus dem 
Grunde umgeschaffen wie damals durch das beginnende Imperium 
Romanum, ohne daß das Wollen und Wünschen „der meisten" be- 
achtet und ohne daß die Opfer gezählt werden, die jede solche Ent- 
scheidung fordert. Aber wer versteht das? Wer erträgt das? Wer 
empfindet es als Glück, dabei zu sein? Die Zeit ist gewaltig, aber 
i Unt. d. Abendl. II, S.5i8ff. 



12 



DER POLITISCHE HORIZONT 



um so kleiner sind die Menschen. Sie ertragen keine Tragödie mehr, 



end flacher Unterhaltungsromane, kümmerlich und 
sind. Aber das Schicksal, das sie in diese Jahrzehnte hineingeworfen 
hat, packt sie beim Kragen und tut mit ihnen, was getan werden 
muß, ob sie nun wollen oder nicht. Die feige Sicherheit vom Aus- 
gang des vorigen Jahrhunderts ist zu Ende. Das Leben in Ge- 
fahr, das eigentliche Leben der Geschichte, tritt wieder in sein 




der den Mut hat, die Dinge zu sehen und zu 
nehmen, wie sie sind. Die Zeit kommt — nein, sie ist schon da! — 
die keinen Raum mehr hat für zarte Seelen und schwächliche Ideale. 
Das uralte Barbarentum, das Jahrhunderte lang unter der Formen- 
strenge einer hohen Kultur verborgen und gefesselt lag, wacht 
wieder auf, jetzt wo die Kultur vollendet ist und die Zivilisation 
begonnen hat, jene kriegerische gesunde Freude an der eigenen 
Kraft, welche das mit Literatur gesättigte Zeitalter des rationali- 
stischen Denkens verachtet, jener ungebrochene Instinkt der Rasse, 
der anders leben will als unter dem Druck der gelesenen Bücher- 
masse und Bücherideale. Im westeuropäischen Volkstum lebt noch 
genug davon, auch in den amerikanischen Prärien und darüber 
hinaus in der großen nordasiatischen Ebene, wo die Welteroberer 

Ist das „Pessimismus"? Wer es so empfindet, hat also die fromme 
Lüge oder den Schleier der Ideale und Utopien not ig, um vor dem 
Anblick der Wirklichkeit geschützt, von ihm erlöst zu sein? Es ist 
möglich, daß das die Mehrzahl der weißen Menschen tut, sicherlich 
in diesem Jahrhundert, ob aber auch in den folgenden? Ihre Vor- 
fahren in der Zeit der Völkerwanderung und der Kreuzzüge waren 

dem Leben sind in der indischen Kultur auf gleicher Zeitstufe der 
Buddhismus und die verwandten Richtungen entstanden, die unter 
uns beginnen Mode zu werden. Es ist wohl möglich, daß hier eine 
Spätreligion des Abendlandes in Bildung begriffen ist, vielleicht in 
christlicher Verkleidung, vielleicht nicht, wer kann das wissen? 
Die religiöse „Erneuerung", welche den Rationalismus als 



DER POLITISCHE HORIZONT 



13 



stehung neuer Religionen. Die müden, feigen, vergreisten Seelen 
wollen sich aus dieser Zeit in irgend etwas flüchten, das sie durch 
Wunderlichkeiten der Lehren und Bräuche besser in Vergessen- 
heit wiegt, als es offenbar die christlichen Kirchen vermögen. Das 
credo quia absurdum ist wieder obenauf. Aber die Tiefe des Welt- 
leidens, ein Gefühl, das so alt ist als das Grübeln über die Welt 
selbst, die Klage über die Absurdität der Geschichte und die Grau- 
samkeit des Lebens stammt nicht aus den Dingen, sondern aus dem 
kranken Denken über sie. Es ist das ve 
den Wert und die Kraft der eigenen Seele. Ein 
nicht notwendig mit Tränen gesättigt. 

Es gibt ein nordisches Weltgefühl — von England bis nach Japan 
hin — voll Freude gerade an der Schwere des menschlichen Schick- 
sals. Man fordert es heraus, um es zu besiegen. Man geht stolz zu- 
grunde, wenn es sich stärker erweist als der eigene Wille. So war 





vom Kampf zwischen den Kurus und Pandus berichten, bei Homer, 
Pindar und Aisehylos, in der germanischen Heidendichtung und 
bei Shakespeare, in manchen Liedern des chinesischen Schuking 



fassung des Lebens, die heute nicht ausgestorben ist, die in Zu- 
kunft eine neue Blüte erleben wird und sie im Weltkrieg schon er- 
lalb sind alle ganz großen Dichter aller nordischen 
ren Tragiker gewesen und die Tragödie über Ballade und Epos 
hinaus die tiefste Form dieses tapferen Pessimismus. Wer keine 
Tragödie erleben, keine ertragen kann, kann auch keine Gestalt 



lieh ist, nämlich tragisch, vom Schicksal durchweht, vor dem Auge 
der Nützlichkeitsanbeter also ohne Sinn, Ziel und Moral, der ist 
auch nicht imstande, Geschichte zu machen. Hier scheidet sich das 
überlegene und das unterlegene Ethos des menschlichen Seins. Das 
Leben des einzelnen ist niemand wichtig als ihm selbst: ob er es 
aus der Geschichte flüchten oder für sie opfern will, darauf kommt 
es an. Die Geschichte hat mit menschlicher Logik nichts zu tun. Ein 
Gewitter, ein Erdbeben, ein Lavastrom, die wahllos Leben vernich- 
ten, sind den planlos elementaren Ereignissen der Weltgeschichte 
verwandt. Und wenn auch Völker zugrunde gehen und alte Städte 



14 



DER POLITISCHE HORIZONT 



altgewordener Kulturen brennen oder in Trümmer sinken, deshalb 
kreist doch die Erde ruhig weiter um die Sonne und die Sterne 
ziehen ihre Bahn. 

Der Mensch ist ein Raubtier. 1 Ich werde es immer wieder sagen. 
All die Tugendbolde und Sozialethiker, die darüber hinaus sein 



Zähnen, die andere wegen der Angriffe hassen, die sie selbst weis- 
lich vermeiden. Seht sie doch an: sie sind zu schwach, um ein Buch 




n aui der ötral5e 
um ihre Nerven an dem Blut und 



wenn ein Unglüi 

Geschrei zu erregen, und wenn sie auch das nicht mehr wagen kön- 
nen, dann genießen sie es im Film und in den illustrierten Blättern. 
Wenn ich den Menschen ein Raubtier nenne, wen habe ich damit 
beleidigt, den Menschen — oder das Tier? Denn die großen Raub- 
tiere sind edle Geschöpfe in vollkommenster Art und ohne die 



Sie schreien: Nie wieder Krieg! — aber sie wollen den Klassen- 
kampf. Sie sind entrüstet, wenn ein Lustmörder hingerichtet wird, 
aber sie genießen es heimlich, wenn sie den Mord an einem poli- 
tischen Gegner erfahren. Was haben sie je gegen die Schlächtereien 
der Bolschewisten einzuwenden gehabt? Nein, der Kampf ist die 
Urtatsache des Lebens, ist das Leben selbst, und es gelingt 
auch dem jämmerlichsten Pazifisten nicht, die Lust daran in seiner 
Seele ganz auszurotten. Zum mindesten theoretisch möchte er alle 
Gegner des Pazifismus bekämpfen und vernichten. 
Je tiefer wir in den Cäsarismus der faustischen Welt hinein- 
schreiten, desto klarer wird sich entscheiden, wer ethisch zum Sub- 
jekt und wer zum Objekt des historischen Geschehens bestimmt 
ist. Der triste Zug der Weltverbesserer, der seit Rousseau durch 
diese Jahrhunderte trottete und als einziges Denkmal seines Da- 
seins Berge bedruckten Papiers auf dem Wege zurückließ, ist zu 
Ende. Die Cäsaren werden an ihre Stelle treten. Die große Politik 
als die Kunst des Möglichen fern von allen Systemen und Theo- 
rien, als die Meisterschaft, mit den Tatsachen als Kenner zu 
schalten, die Welt wie ein guter Reiter durch den Schenkeldruck 
zu regieren, tritt wieder in ihre ewigen Rechte, 
i Der 



DER POLITISCHE HORIZONT 



15 



Deshalb will ich hier nichts tun als zeigen, in welcher geschicht- 
lichen Lage sich Deutschland und die Welt befinden, wie diese 
Lage aus der Geschichte vergangener Jahrhunderte mit Notwendig- 
keit hervorgeht, um unausweichlich auf gewisse Formen und Lösun- 
gen zuzuschreiten. Das ist Schicksal. Man kann es verneinen, aber 
damit verneint man sich selbst. 



Die „Weltkrise" dieser Jahre wird, wie schon das Wort beweist, viel 
zu flach, zu leicht und zu einfach aufgefaßt, je nach dem Standort, 
den Interessen, dem Horizont des Beurteilers : als Krise der Produk- 
tion, der Arbeitslosigkeit, der Währung, der Kriegsschulden und Repa- 
rationen, der Außen- oder der Innenpolitik, vor allem als Folge des 
Weltkrieges, der sich nach Meinung der Leute bei größerer diplo- 
matischer Ehrlichkeit und Geschicklichkeit hätte vermeiden lassen. 
Man redet, vor allem mit dem Seitenblick auf Deutschland, von 
Kriegswillen und Kriegsschuld. Natürlich hätten Iswolski, Poincare 
und Grey die Absicht aufgegeben, die vollzogene Einkreisung 



rationen 191 1 in Tripolis und 1912 auf dem Balkan begannen, dem 
gewünschten politischen Ergebnis zuzuführen, wenn sie den heu- 





tsame Entladung der nicht nur politischen Spannung, viel- 
mit einer etwas anderen und weniger grotesken Verteilung 
[ächte, auch nur um ein weiteres Jahrzehnt aufzuhalten ge- 
wesen? Die Tatsachen sind immer stärker als die Menschen, und der 
Umkreis des Möglichen ist selbst für einen großen Staatsmann viel 
enger, als es der Laie sich denkt. Und was wäre geschichtlich 
damit geändert worden? Die Form, das Tempo der Katastrophe, 
nicht diese selbst. Sie war der notwendige Abschluß eines Jahr- 
hunderts abendländischer Entwicklung, das sich seit Napoleon in 
wachsender Erregung auf sie zu bewegte. 

Wir sind in das Zeitalter der Weltkriege eingetreten. Es be- 
ginnt im 19. Jahrhundert und wird das gegenwärtige, wahrschein- 
lich auch das nächste überdauern. Es bedeutet den Übergang von 
der Staatenwelt des 18. Jahrhunderts zum Imperium mundi. Es 



und Aktium, die von der Form der hellenistischen Staatenwelt ein- 
schließlich Roms und Karthagos zum Imperium Romanum hinüber- 
leiteten. Wie dieses den Bereich der antiken Zivilisation und ihrer 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



17 




eine unbekannte Zeitdauer das Schicksal des Erdballs sein. Der Im- 
perialismus ist eine Idee, ob sie nun den Trägern und Vollstrek- 
kern zum Bewußtsein kommt oder nicht. Sie wird in unserem Falle 
vielleicht nie volle Wirklichkeit werden, vielleicht von anderen Ideen 
durchkreuzt werden, die außerhalb der Welt der weißen Völker 
Leben gewinnen, aber sie liegt als Tendenz einer großen geschicht- 
lichen Form in allem, was jetzt vor sich geht. 

Wir leben heute , »zwischen den Zeiten". Die Staatenwelt des Abend- 
landes war im 1 8. Jahrhundert ein Gebilde strengen Stils wie die 
gleichzeitigen Schöpfungen der hohen Musik und Mathematik. 1 Sie 
war vornehme Form, nicht nur in ihrem Dasein, sondern auch in 
ihren Handlungen und Gesinnungen. Es herrschte überall eine alte 
und mächtige Tradition. Es gab vornehme Konventionen des Re- 
gierens, der Opposition, der diplomatischen und kriegerischen Be- 
ziehungen der Staaten untereinander, des Einge 
läge und der Forderungen und Zugeständnisse bei Friedenssehl i 
Die Ehre spielte noch eine unangefochtene Rolle. Alles ging 
moniös und höflich vor sich wie bei einem Duell. 
Seitdem Peter der Große in Petersburg einen St 
Formen begründet hatte, 2 beginnt das Wort „Europa" in den allge- 
meinen Sprachgebrauch der westlichen Völker einzudringen und in- 
folgedessen, wie es üblich ist, unvermerkt auch in das praktische 
politische Denken und die geschichtliche Tendenz. Bis dahin war es 
ein gelehrter Ausdruck der geographischen Wissenschaft gewesen, 
die sich seit der Entdeckung Amerikas am Entwerfen von Land- 
karten entwickelt hatte. Es ist bezeichnend, daß das türkische Reich, 
damals noch eine wirkliche Großmacht, welche die ganze Balkanhalb- 
insel und Teile des südlichen Rußland besaß, instinktiv nicht dazu- 
gerechnet wurde. Und Rußland selbst zählte im Grunde nur als 
Petersburger Regierung. Wie viele der westlichen Diplomaten kann- 
ten denn Astrachan, Nishnij Nowgorod, selbst Moskau, und rechneten 
sie gefühlsmäßig zu „Euroj 
Kultur lag immer dort, wo 
stand gekommen war. 

In diesem „Europa" bildete Deutschland die Mitte, kein Staat, son- 

1 Uni. d. Abendl. II, S.484f. 

2 Polit. Schriften S. ii2ff. 
Jahre I 2 




18 DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



dem das Schlachtfeld für wirkliche Staaten. Hier wurde, zum 



afrika und Nordamerika gehören sollten. Im Osten lagen Rußland, 
Österreich und die Türkei, im Westen Spanien und Frankreich, 
die sinkenden Kolonialreiche, denen die Insel England den 
abgewann, den Spaniern endgültig 171 3, den 
England wurde die führende Macht in diesem System, nicht nur ab 
Staat, sondern auch als Stil. Es wurde sehr reich im Verhältnis zum 




aufgefaßt — und setzt diesen Reichtum in Gestalt gemieteter Sol- 
daten, Matrosen und ganzer Staaten an, die gegen Subsidien für die 



Am Ende des Jahrhunderts hatte Spanien längst aufgehört, eine 
Großmacht zu sein, und Frankreich war dazu bestimmt, ihm zu fol- 
gen : beides altgewordene, verbrauchte Völker, stolz aber müde, der 
Vergangenheit zugewendet, ohne den wirklichen Ehrgeiz, der von 
Eitelkeit streng zu scheiden ist, eine schöpferische Rolle auch in 
der Zukunft zu spielen. Wären Mirabeaus Pläne 1789 gelungen, 
so wäre eine leidlich beständige konstitutionelle Monarchie entstan- 
den, die sich im wesentlichen mit der Aufgabe begnügt hätte, den 
Rentnergeschmack der Bourgeoisie und der Bauern zu befriedigen. 
Unter dem Direktorium lag die Wahrscheinlichkeit vor, daß das 
Land, resigniert und aller Ideale satt, sich mit jeder Art von Re- 
gierung zufrieden gegeben hätte, welche die Ruhe nach außen und 
innen gewährleistete. Da kam Napoleon, ein Italiener, der Paris zur 




den Typus des letzten Franzosen, der noch ein volles Jahr* 
hundert lang Frankreich als Großmacht aufrechterhalten hat: 
fer, elegant, prahlerisch, roh, voller Freude am Töten, Plündern, 
; dem Elan ohne Ziel, nur um seiner selbst willen, so daß 
alle Siege trotz unerhörten Blutvergießens Frankreich nicht den ge- 
ringsten bleibenden Vorteil gebracht haben. Nur der Ruhm gewann 
dabei, nicht einmal die Ehre. Im Grunde war es ein Jakobinerideal, 
das gegenüber dem girondistischen der kleinen Rentner und Spieß- 
bürger nie die Mehrheit hinter sich hatte, aber stets die Macht. Mit 
statt der 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



Masse, der Krieg als Aufgebot von Massen, die Schlacht als Ver- 
schwendung von Menschenleben, die brutalen Friedensschlüsse, die 
Diplomatie der Advokatenkniffe ohne Manieren. Aber England hatte 
ganz Europa und seinen eignen ganzen Reichtum nötig, um diese 
Schöpfung eines einzelnen Mannes zu vernichten, die dennoch als 
Gedanke weiterlebte. Auf dem Wiener Kongreß siegte noch einmal 
das 1 8. Jahrhundert über die neue Zeit. Das hieß seitdem ..kon- 
servativ". 

Es war nur ein scheinbarer Sieg, dessen Erfolg das ganze Jahr- 
hundert hindurch beständig in Frage gestellt war. Metternich, dessen 
politischer Blick — was man auch gegen seine Person sagen mag — 
tiefer in die Zukunft drang als der irgendeines Staatsmannes nach 
Bismarck, sah das mit unerbittlicher Klarheit: „Mein geheimster 
Gedanke ist, daß das alte Europa am Anfang seines Endes ist. Ich 
werde, entschlossen mit ihm unterzugehen, meine Pflicht zu tun 
wissen. Das neue Europa ist anderseits noch im Werden; zwischen 
Ende und Anfang wird es ein Chaos geben." Nur um dieses Chaos 
solange als möglich zu verhindern, entstand das System des 
Gleichgewichts der großen Mächte, beginnend mit der Heiligen 
Allianz zwischen Österreich, Preußen und Rußland. Verträge 
wurden geschlossen, Bündnisse gesucht, Kongresse abgehalten, um 
nach Möglichkeit jede Erschütterung des politischen „Europa" zu 
verhindern, das sie nicht ertragen hätte; und wenn trotzdem ein 
Krieg zwischen einzelnen Mächten ausbrach, rüsteten sofort die 
Neutralen, um beim Friedensschluß trotz geringer Grenzverschie- 
bungen das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten: der Krimkrieg ist 
ein klassisches Beispiel. Nur eine Neubildung ist erfolgt: Deutsch- 
land, die persönliche Schöpfung Bismarcks, wurde eine Großmacht, 
und zwar in der Mitte des Svstems der älteren. In dieser schlichten 
Tatsache liegt der Keim einer Tragik, die durch nichts zu umgehen 
war. Aber solange Bismarck herrschte — und er hat in Europa 
geherrscht, mehr als einst Metternich — , änderte sich nichts in dessen 
politischem Gesamtbild. Europa war unter sich; niemand mischte 
sich in seine Angelegenheiten. Die Weltmächte waren ohne Aus- 
nahme europäische Mächte. Und die Angst vor dem Ende dieses 
Zustandes — ■ das, was Bismarck le cauchemar des coalitions nannte, 
gehört dazu — leitete die Diplomatie aller zugehörigen Staaten. 

2* 



20 DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



Aber trotzdem war die Zeit schon 1878 für den ersten Wel 



greifen, Frankreich und Österreich auch ; der Krieg wäre sofort nach 
Asien und Afrika und vielleicht Amerika ausgedehnt worden, denn 



ypten und den Suezkanal, chinesische Probleme traten her- 
vor, und dahinter lag der beginnende Wettstreit Londons und New- 
yorks, das die englischen Sympathien für die Südstaaten im Sezes- 

heit Bismarcks schob die Entscheidung der großen Machtfragen, 
die auf friedlichem Wege unmöglich war, der Zukunft zu, aber 

Wettrüsten für mögliche trat, eine neue Form des Krieges im gegen- 
seitigen Ubertreffen an Zahl der Soldaten, der Geschütze, der Er- 
findungen, der zur Verfügung stehenden Geldsummen, die die Span- 
nung seitdem längst ins Unerträgliche wachsen ließ. 1 Und eben 
damals begann, vom Europa der Bismarckzeit gänzlich unbeachtet, 
Japan unter Mutsuhito (1869) sich zu einer Großmacht europäi- 




und die Vereinigten Staaten zogen die Folgerung aus dem 
krieg von 1861 — 65, in welchem das Element der 

Börsen erlegen war: der Dollar begann eine Rolle in 
spielen. 

Seit dem Ende de3 Jahrhunderts wird der Verfall dieses Staaten- 





ner, unter denen es keinen einzigen von irgendweicher Bedeutur 
mehr gibt. Sie erschöpfen sich alle in den gewohnten 3 
Bündnissen und Verständigungen, vertrauen 
Amtszeit auf die äußere Ruhe, welche durch die stehenden Heere 
repräsentiert wurde, und denken alle an die Zukunft wie an eine 
verlängerte Gegenwart. Und über alle Städte Europas und Nord- 
amerikas hin hallt das Triumphgeschrei über den „Fortschritt der 
Menschheit", der sich in der Länge der Eisenbahnen und Leit- 
artikel, der Höhe der Fabrikschornsteine und radikalen Wahlzif- 

lzerplatten und 




DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



1 



Geldschränken täglich bewies ; ein Triumphgeschrei, das den Donner 

und Havanna und selbst den der neuen japanischen Steilfeuer- 
geschütze übertönte, mit denen die kleinen vom dummen Europa 
verwöhnten und bewunderten gelben Männer bewiesen, auf wie 
schwachen Füßen dessen technische Überlegenheit stand, und mit 
denen sie das auf seine Westgrenze st 
drücklich wieder an Asien erinnerten. 

jetzt 




„Europa" zu beschäftigen : Es stand fest, daß Österreich-1 
Tod des Kaisers Franz Josef nicht oder kaum überleben werc 
es fragte sich, in welchen Formen die Neuordnung dieser 
Gebiete sich vollziehen und ob das ohne Krieg möglich sein werde. 
Es gab außer verschiedenen, einander ausschließenden Plänen und 
Tendenzen im Innern des Donaureiches die Gedanken von hoffen- 
n und darüber hinaus die Erwartungen fernerer Mächte, 
Konflikt wünschten, um anderswo ihren eigenen Zielen 
lerzukommen. Das Staatensystcm Europas als Einheit war nun 
zu Ende, und der 1878 aufgeschobene Weltkrieg drohte um der- 
selben Probleme willen an derselben Stelle auszubrechen. Es 
geschah 191 2. 

Inzwischen begann dieses System in eine Form überzugehen, die heute 
noch fortdauert und die an den Orbis terrarum der späthellenisti- 
schen und römischen Jahrhunderte erinnert : in der Mitte lagen da- 
mals die alten Stadtstaaten der Griechen einschließlich Roms und 
Karthagos und rings umher der „Kreis der Länder", der für ihre 
Entscheidungen die Heere und das Geld lieferte. 1 Aus der Erbschaft 
Alexanders des Großen stammten Makedonien, Syrien und Ägypten, 
aus derjenigen Karthagos Afrika und Spanien, Rom hatte Nord- 




um die Frage, wer das kommende Imperium organisieren und 
beherrschen sollte, wurde von Hannibal und Scipio bis auf 
Antonius und Oktavian mit den Mitteln der großen Randgebiete 
geführt. Und ebenso entwickelten sich die Verhältnisse 6 in den 
letzten Jahrzehnten vor 1914» Eine Großmacht europäischen Stils 
war ein Staat, der auf europäischem Boden einige hunderttausend 
HJnt.d.Abendl. II, S. 5o6£. 



22 



DIE WELTKRIEGE UND 



T E 



Mann unter Waffen hielt und Geld und Material genug besaß, 



der dahinter in fremden Erdteilen weite Randgebiete beherrschte, 
die mit ihren Flottenstützpunkten, Kolonialtruppen und einer Bevöl- 
kerung von Rohstoff erzeugern und Produktionsabnehmern die Unter- 
lage für den Reichtum und damit die militärische Stoßkraft des 
Kernlandes bildeten. Es war die gewissermaßen aktuelle Form des 
englischen Empire, des französischen Westafrika und des russischen 
Asien, während in Deutschland die Beschränktheit der Minister und 
Parteien die jahrzehntelange Gelegenheit versäumt hatte, in Mittel- 
afrika ein großes Kolonialreich zu errichten, das im Kriegsfall auch 



jedenfalls die völlige Ausschließung von der See verhindert hätte. 
Aus dem hastigen Streben, die noch verfügbare Welt in Interessen- 
sphären aufzuteilen, ergaben sich die sehr ernsten Reibungen zwi- 
schen Rußland und England in Persien und im Golf von Tschili, 
zwischen England und Frankreich in Faschoda, zwischen Frank- 
reich und Deutschland in Marokko, zwischen allen diesen Mächten 
in China. 

Überall lagen die Anlässe zu einem großen Kriege, der immer wie- 
der mit sehr verschiedener Verteilung der Gegner vor dem Ausbruch 
- im Faschodafalle und im russisch-japanischen Konflikt 
i Rußland und Frankreich auf der einen, England und Japan 
auf der anderen Seite — , bis er in einer völlig sinnlosen Form 191 4 
zur Entwicklung kam. Es war eine Belagerung Deutschlands als 
des „Reichs der Mitte" durch die ganze Welt, der letzte Versuch, in 
alter Weise die großen fernen Fragen auf deutschem Boden auszu- 
kämpfen, sinnlos dem Ziel und dem Orte nach ; er hätte sofort eine 
ganz andere Gestalt, andere Ziele und einen anderen Ausgang ge- 
wonnen, wenn es gelungen wäre, Rußland frühzeitig zu einem Son- 
derfrieden mit Deutschland zu bringen, was notwendig den Über- 
gang Rußlands auf die Seite der Mittelmächte zur Folge gehabt 
haben würde. In dieser Gestalt war der Krieg ein notwendiger Miß- 
erfolg, denn die großen Probleme sind heute so ungelöst als je und 
konnten durch die Verbindung von natürlichen Feinden wie England 
und Rußland, Japan und Amerika gar nicht gelöst werden. 



DIE WELTKRIEGE 



D 




plomatie, deren letzter Repräsentant Bismarck gewesen war. Keiner 
der jämmerlichen Staatsmänner begriff mehr die Aufgaben seines 
Amtes und die geschichtliche Stellung seines Landes. Mehr als einer 
hat es seitdem zugestanden, daß er ratlos und ohne sich zu wehren 
in den Gang der Ereignisse hineingetrieben wurde. So ging die Tat- 
sache „Europa" dumm und würdelos zu Ende. 

Wer war hier Sieger, wer der Besiegte? 191 8 glaubte man es zu 
wissen und Frankreich wenigstens hält krampfhaft an seiner Auf- 
fassung fest, weil es den letzten Gedanken seines politischen 
seins als Großmacht, die Revanche, seelisch nicht preisgeben 
Aber England? Oder gar Rußland? Hat sich hier die Gescl 
aus Kleists Novelle „Der Zweikampf" in 
abgespielt? War „Europa" der Besiegte? Oder die Mächte der Tra- 
dition? In Wirklichkeit ist eine neue Form der Welt entstanden 
als Voraussetzung künftiger Entscheidungen, die mit furchtbarer 
Wucht hereinbrechen werden. Rußland ist von Asien seelisch zu- 
rückerobert worden, und vom englischen Empire ist es fraglich, 
ob sein Schwerpunkt noch in Europa liegt. Der Rest ..Europas" 
befindet sich zwischen Asien und Amerika — zwischen Rußland 
und Japan im Osten und Nordamerika und den englischen Domi- 
nions im Westen — und besteht heute im Grunde nur noch aus 
Deutschland, das seinen alten Rang als Grenzmacht gegen „Asien" 
wieder einnimmt, aus Italien, das eine Macht ist, solange Mussolini 
lebt, und vielleicht im Mittelmeer die größere Basis einer wirklichen 
Weltmacht gewinnen wird, und Frankreich, das sich noch einmal 
als Herrn von Europa betrachtet und zu dessen politischen Ein- 
richtungen der Genfer Völkerbund und die Gruppe der Südost- 
staaten gehören. Aber alles das sind vielleicht oder wahrscheinlich 
flüchtige Erscheinungen. Die Verwandlung der politischen Formen 
der 

einigen Jahrzehnten die 
rikas aussehen wird. 




Was Metternich unter dem Chaos verstand, das er durch seine ent- 
sagungsvolle, unschöpferische, nur auf die 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMACHTE 



den gerichtete Tätigkeit solange als 



von Europa fernhalten 




Gleichgewicht der Mächte als 
Staatshoheit seihst in den einzelnen Ländern, die uns seitdem 
seihst als Begriff so gut wie verloren gegangen ist. Was wir heute als 
„Ordnung" anerkennen und in „liberalen" Verfassungen festlegen, 
ist nichts als eine zur Gewohnheit gewordene Anarchie. Wir 
nennen das Demokratie, Parlamentarismus, Selbstregierung des Vol- 



Verantwortung bewußten 
eines wirklichen Staates. 





Geschichte politischer Mächte. Die Form dieser Geschichte ist der 
Krieg. Auch der Friede gehört dazu. Er ist die Fortsetzung des 
Krieges mit andern Mitteln: der Versuch des Besiegten, die Folgen 
des Krieges in der Form von Verträgen abzuschütteln, der Versuch 
des Siegers, sie festzuhalten. Ein Staat ist das „In Form sein" 1 
einer durch ihn gebildeten und dargestellten völkischen Einheit für 

sie als solche schon den Wert eines siegreichen Krieges, der ohne 
Waffen, nur durch das Gewicht der verfügungsbereiten Macht ge- 
wonnen wird. Ist sie schwach, so kommt sie einer beständigen Nie- 
derlage in den Beziehungen zu anderen Mächten gleich. Staaten sind 
rein politische Einheiten, Einheiten der nach außen wirkenden 
Macht. Sie sind nicht an Einheiten der Rasse, Sprache oder Reli- 



solchen Einheiten decken oder kreuzen, so wird ihre Kraft infolge 
des inneren Widerspruches in der Regel geringer, nie größer. 



arn. Wo sie andere, eigene Ziele 
fall, das Außer-Form-geraten des Staates. 

Zum „In Form sein" einer Macht als Staat unter Staaten gehört 
aber vor allem die Stärke und Einheit der Führung, des Regierens» 
der Autorität, ohne welche der Staat tatsächlich nicht vorhanden ist. 
Staat und Regierung sind dieselbe Form, als Dasein oder als Tätig 




Unt. d. Abendl. II, S. 444ff. 



DIE WELTKRIEGE UND WELT MÄCHTE 



25 



durch die dynastische, höfische, gesellschaftliche Tradition streng 
bestimmt und in weitem Maße mit ihr identisch war. Das Zere- 
moniell, der Takt der guten Gesellschaft, die vornehmen Manieren 
des Handelns und Verhandeins sind nur ein sichtbarer Ausdruck 
davon. Auch England war ,,in Form": die Insellage ersetzte wesent- 
liche Züge des Staates und im regierenden Parlament war eine 
durchaus aristokratische, sehr wirksame Form, die Geschäfte zu be- 
handeln, durch alten Brauch festgelegt. Frankreich geriet in eine 
Revolution, nicht weil „das Volk" sich gegen den Absolutismus auf- 
lehnte, der hier gar nicht mehr vorhanden war, nicht wegen des 
Elends und der Verschuldung des Landes, die anderswo viel größer 
waren, sondern weil die Autorität in Auflösung begriffen war. 
Alle Revolutionen gehen vom Verfall der Staatshoheit aus. 
Ein Aufstand der Gasse kann diese Wirkung gar nicht haben. Er 
folgt nur daraus. Eine moderne Republik ist nichts als die Ruine 
einer Monarchie, die sich selbst aufgegeben hat. 
Mit dem ig. Jahrhundert gehen die Mächte aus der Form des dy- 
nastischen Staates in die des Nationalstaates über. Aber was 



Im großen und ganzen deckten sie sich auch mit den Machtgebieten 
der großen Dynastien. Diese Nationen waren Ideen, in dem Sinne 
wie Goethe von der Idee seines Daseins spricht: die innere Form 
eines bedeutenden Lebens, die unbewußt und unvermerkt sich in 
jeder Tat, in jedem Wort verwirklicht. „La naiiori' im Sinne von 
1789 war aber ein rationalistisches und romantisches Ideal, 
ein Wunschbild von ausdrücklich politischer, um nicht zu sagen 
sozialer Tendenz. Das kann in dieser flachen Zeit niemand mehr 
unterscheiden. Ein Ideal ist ein Ergebnis des Nachdenkens, ein 
Begriff oder Satz, der formuliert sein muß, um das Ideal zu 
„haben". Infolgedessen wird es nach kurzer Zeit zum Schlagwort, 
das man gebraucht, ohne sich noch etwas dabei zu denken. Ideen da- 
en sind wortlos. Sie kommen ihren Trägern selten oder gar 




müssen im Bilde des Geschehens gefühlt, in ihren 
en beschrieben werden. Definieren lassen sie 




26 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



über das einzelne Leben hinaus schicksalhaft in eine Richtung 



srtums, 




e Idee des Strebens ins Unendliche. 
Die wirklichen Nationen sind Ideen, auch heute noch. Was aber 
der Nationalismus seit 1789 meint, wird schon dadurch gekenn- 
zeichnet, daß er die Muttersprache mit der Schriftsprache der gro- 
ßen Städte verwechselt, in der jeder lesen und schreiben lernt, mit 
der Sprache also der Zeitungen und Flugblätter, durch die jeder 
über das „Recht" der Nation und ihre notwendige Befreiung von 
irgend etwas aufgeklärt wird. Wirkliche Nationen sind, wie jeder 
lebendige Körper, von reicher innerer Gliederung; sie sind durch 
ihr bloßes Dasein schon eine Art von Ordnung. Der politische Ra- 
tionalismus versteht aber unter „Nation" die Freiheit von, den 
Kampf gegen jede Ordnung. Nation ist ihm gleich Masse, formlos 
und ohne Aufbau, herrenlos und ziellos. Das nennt er Souverän i- 



Denken und Fühlen des Bauerntums, er verachtet Sitte und Brauch 
des echten Volkslebens, zu denen auch, und zwar ganz besonders, 
furcht vor der Autorität gehört. Er kennt keine Ehrfurcht, 
int nur Prinzipien, die aus Theorien stammen. Vor allem das 
plebejische der Gleichheit, das heißt den Ersatz der verhaßten Qua- 
lität durch die Quantität, der beneideten Begabung durch die Zahl. 



ist revolutionär und städtisch durch und durch. 
Am verhängnisvollsten ist das Ideal der Regierur 



des Volkes 




so wenig eine Armee sich selber führen kann. Es muß regiert wer- 
den und es will das auch, solange es gesunde Instinkte besitzt. 
Aber es ist etwas ganz anderes gemeint: der Begriff der Volks- 
vertretung spielt in jeder solchen Bewegung sofort die erste Rolle. 
Da kommen die Leute, die sich selbst zu „Vertretern" des Volkes 
ernennen und als solche empfehlen. Sie wollen gar nicht „dem 
Volke dienen"; sich des Volkes bedienen wollen sie, zu eige- 
nen, mehr oder weniger schmutzigen Zwecken, unter denen die Be- 
friedigung der Eitelkeit der harmloseste ist. Sie bekämpfen die 
Mächte der Tradition, um sich an ihre Stelle zu 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



27 



dert. Sie bekämpfen jede Art von Autorität, weil sie niemandem 




Wege gehen. Keine Verfassung enthält eine Instanz, vor welcher 
die Parteien sich zu rechtfertigen hätten. Sie bekämpfen vor allem 
die langsam herangewachsene und gereifte Kulturform des Staates, 
weil sie sie nicht in sich haben wie die gute Gesellschaft, die society 
des 18. Jahrhunderts, und sie deshalb als Zwang empfinden, was 
sie für Kulturmenschen nicht ist. So entsteht die „Demokratie" 
des Jahrhunderts, keine Form, sondern die Formlosigkeit in je 
Sinne als Prinzip, der Parlamentarismus als verfassungsma 
Anarchie, die Republik als Verneinung jeder Art von Autorität. 
So gerieten die europäischen Staaten außer Form, je 
lieh er" sie regiert wurden. Das war das Chaos, das Metternich be- 
wog, die Demokratie ohne Unterschied der Richtung zu bekämpfen 
— die romantische der Befreiungskriege wie die rationalistische der 
Bastillestürmer, die sich dann 18^8 vereinigten — und allen Refor- 
men gegenüber gleich konservativ zu sein. In allen Ländern bil- 
deten sich seitdem Parteien, das heißt neben einzelnen Idealisten 
von Geschäftspolitikern zweifelhafter Herkunft und mehr 
zweifelhafter Moral: Journalisten, Advokaten, Börsianer, Lite- 
raten, Parteifunktionäre. Sie regierten, indem sie ihre Interessen 
vertraten. Monarchen und Minister waren stets irgendwem ver- 
antwortlich gewesen, zum mindesten der öffentlichen Meinung. Nur 
diese Gruppen waren niemand Rechenschaft schuldig. Die Presse, 
entstanden als Organ der öffentlichen Meinung, diente längst dem, 
der sie bezahlte ; die Wahlen, einst Ausdruck dieser Meinung, führ- 
ten die Partei zum Siege, hinter der die stärksten Geldgeber standen. 
Wenn es trotzdem noch eine Art von staatlicher Ordnung, von ge- 
wissenhaftem Regieren, von Autorität gab, so waren es die Reste 
der Form des 18. Jahrhunderts, die sich in Gestalt der wenn 
auch noch so konstitutionellen Monarchie, des Offizierkorps, der 

Parlaments, vor allem des Oberhauses, und seiner zwei Parteien 
erhalten hatten. Ihnen verdankt man alles, was an staatlichen 
Leistungen trotz der Parlamente zustande kam. Hätte Bismarck sich 
nicht auf seinen König stützen können, so wäre er sofort 
1. Der politische Dilettantismus, dessen 



28 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



melplatz die Parlamente waren, betrachtete diese Mächte der 
Tradition denn auch mit Mißtrauen und Haß. Er bekämpfte sie 
grundsätzlich und hemmungslos ohne Rücksicht auf die äußeren 
Folgen. So wird die Innenpolitik überall ein Gebiet, das weit über 
seine eigentliche Bedeutung hinaus die Tätigkeit aller erfahrenen 
Staatsmänner notgedrungen an sich zog, ihre Zeit und Kraft ver- 
geudete, und über dem man den ursprünglichen Sinn der Staats- 
leitung, die Führung der Außenpolitik, vergaß und vergessen 
wollte. Das ist der 

Demokratie bezeichnet wird und der von der 
chischen Staatshoheit durch den politischen, 
lismus zum Cäsarismus der Zukunft hinüberführt, der 
diktatorischen Tendenzen sich leise zu melden 
ist, das Trümmerfeld geschichtlicher Traditionen 
beherrschen. 




Zu den ernsthaftesten Zeichen des Verfalls der Staatshoheit ge- 
hört die Tatsache, daß im Lauf des 19. Jahrhunderts der Eindruck 
herrschend geworden ist, die Wirtschaft sei wichtiger als die Poli- 
tik. Unter den Leuten, die heute irgendwie den Entscheidungen nahe 
stehen, gibt es kaum einen, der das entschieden ablehnt. Man 
betrachtet die politische Macht nicht etwa nur als ein Element des 
öffentlichen Lebens, dessen erste, wenn nicht einzige Aufgabe es 
ist, der Wirtschaft zu dienen, sondern es wird erwartet, daß sie 
sich den Wünschen und Ansichten der Wirtschaft vollkommen 
füge, und zuletzt, daß sie von den Wirtschaftsführern komman- 
diert werde. Das ist denn auch in weitem Umfang geschehen, mit 
welchem Erfolg, lehrt die Geschichte dieser Zeit. 
In Wirklichkeit lassen sich Politik und Wirtschaft im Leben der 
Völker nicht trennen. Sie sind, wie ich immer wiederholen muß, 
zwei Seiten desselben Lebens, aber sie verhalten sich wie die Füh- 



ist der Kapitän die erste Person, nicht der Kaufherr, dem die La- 
dung gehört. Wenn heute der Eindruck vorherrscht, daß die Wirt- 

»ere Element ist, so liegt das daran, daß 
le fünruna der 




DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



und die Bezeichnung einer wirkliehen Führung kaum noch verdient, 
und daß deshalb die wirtschaftliche höher zu ragen scheint. Aber 
wenn nach einem Erdbeben ein Haus zwischen Trümmern stehen 
geblieben ist, so ist es deshalb nicht das wichtigste gewesen. In der 
Geschichte, solange sie „in Form" verläuft und nicht tumultuarisch 
und revolutionär, ist der Wirtschaftsführer niemals Herr der Ent- 
scheidungen gewesen. Er fügte sich den politischen Erwägungen ein, 
er diente ihnen mit den Mitteln, die er in Händen hatte. Ohne eine 



gegeben, obwohl die materialistische Theorie das Gegenteil lehrt. Adam 
Smith, ihr Begründer, hatte das wirtschaftliche Leben als das eigent- 
liche menschliche Leben behandelt, das Geldmachen als den Sinn 
der Geschichte, und er pflegte die Staatsmänner als schädliche Tiere 
zu bezeichnen. Aber gerade in England waren es nicht Kaufleute 
und Fabrikbesitzer, sondern echte Politiker wie die beiden Pitt, die 
durch eine großartige Außenpolitik, oft unter leidenschaftlichstem 
Widerspruch der kurzsichtigen Wirtschaftsleute, die englische Wirt- 
schaft zur ersten der Welt gemacht haben. Reine Staatsmänner 
waren es, welche den Kampf gegen Napoleon bis an die Grenzen 
des finanziellen Zusammenbruchs führten, weil sie weiter sahen 
als bis zur Bilanz des nächsten Jahres, wie es jetzt üblich ist. Aber 
heute besteht die Tatsache, daß infolge der Belanglosigkeit der lei- 
tenden Staatsmänner, die zum großen Teil selbst an Privatgeschäften 
interessiert sind, die Wirtschaft maßgebend in die Entscheidungen 
hineinredet, aber nun auch die Wirtschaft in ihrem vollen Um- 
fang: nicht nur die Banken und Konzerne, mit oder ohne partei- 



rung und Arbeitsverkürzung, die sich Arbeiterparteien nennen. Das 
letzte ist die notwendige Folge des ersten. Darin liegt die Tragik 
jeder Wirtschaft, die sich selbst politisch sichern will. Auch das 
begann 1789, mit den Girondisten, welche die Geschäfte des wohl- 
habenden Bürgertums zum Sinn des Vorhandenseins staatlicher Ge- 
walten machen wollten, was nachher unter Louis Philipp, dem 



weit 

role: „Enrichis$ez~vous" wird zur politischen Moral. Sie wurde zu 
gut verstanden und befolgt, nämlich nicht nur von Handel und 

Politikern selbst, sondern auch von 



30 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



der Lohnarbeiter, welche nun — i848 — die Vorteile des Verfalls 




Revolution des ganzen Jahrhunderts, die man Demokratie 
nennt und die in Revolten der Masse durch Wahlzettel oder Barri- 
kaden, der „Volksvertreter" durch parlamentarische Ministerstürze 
und Budgetverweigerungen dem Staat gegenüber in periodische Er- 
scheinungtritt, eine wirtschaftliche Tendenz. Auch in England, wo die 
Freihandelslehre des Manchestertums von den Trade Unions auch auf 



und Engels dann im Kommunistischen Manifest theoretisch aus- 
gestaltet haben. Damit vollendet sich die Absetzung der Politik durch 
die Wirtschaft, des Staates durch das Kontor, des Diplomaten durch 
den Gewerkschaftsführer: hier und nicht in den Folgen des Welt- 
krieges liegen die Keime für die Wirtschaftskatastrophe der Gegen- 
wart. Sie ist in ihrer ganzen Schwere nichts als eine Folge 

Die geschichtliche Erfahrung hätte das Jahrhundert warnen sollen. 
Niemals haben wirtschaftliche Unternehmungen ohne Deckung durch 
litisch denkende Staatsleitung ihr Ziel wirklich er- 
Es ist falsch, wenn man die Raubfahrten der Wikinger, mit 
denen die Seeherrschaft der abendländischen Völkerweit beginnt, 
so beurteilt. Ihr Ziel war selbstverständlich das Beutemachen — ob 



Aber das Schiff war ein Staat für sich, und der Plan der Fahrt, 
der Oberbefehl, die Taktik waren echte Politik. Wo aus dem Schiff 
eine Flotte wurde, kam es sofort zu Staatsgründungen, und zwar mit 
sehr ausgesprochenen Hoheitsregierungen wie in der Normandie, in 
England und Sizilien. Die deutsche Hansa wäre eine wirtschaftliche 
lacht geblieben, wenn Deutschland selbst es politisch ge- 



politisch zu sichern niemand als Aufgabe eines deutschen Staates 
empfand, schied Deutschland aus den großen weltwirtschaftlichen 
Kombinationen des Abendlandes aus. Es wuchs erst im 19. Jahr- 
hundert wieder in sie hinein, nicht durch private Bestrebungen, 
sondern einzig und allein durch die politische Schöpfung Bis- 
marcks, welche die Voraussetzung für den imperialistischen Auf- 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



31 



Der maritime Imperialismus, der Ausdruck für das faustische Stre- 
ben ins Unendliche, begann große Formen anzunehmen, als mit der 



wege nach Asien politisch gesperrt wurden. Das ist der tiefere 
Anlaß für die Entdeckung des Seewegs nach Ostindien durch die 
Portugiesen und die Entdeckung Amerikas durch die Spanier, hinter 
denen Großmächte der Zeit standen. Die treibenden Motive im ein- 
zelnen waren Ehrgeiz, Abenteurerlust, Freude an Kampf und Ge- 
fahr, Hunger nach Gold und nicht etwa „gute Geschäfte". Die ent- 
deckten Länder sollten erobert und beherrscht werden; sie sollten 
die Macht der Habsburger in den europäischen Kombinationen stär- 
ken. Das Reich, in dem die Sonne nicht unterging, war ein poli- 



erst insofern ein Feld für wirtschaftliche Erfolge. Es wurde nicht 
anders, als England den Vorrang gewann, nicht durch seine wirt- 
schaftliche Stärke, die zunächst gar nicht vorhanden war, sondern 
durch das kluge Regiment des Adels, seien es nun Tories oder 
Whigs. Durch Schlachten ist England reich geworden, nicht durch 
Ruchführung und Spekulation. Deshalb ist das englische Volk, so 



von Europa gewesen: konservativ im Sinne der Erhaltung aller 
Machtformen der Vergangenheit bis auf die geringsten zeremoniel- 
len Einzelheiten, mochte man auch darüber lächeln, sie zuweilen 
verachten ; solange keine stärkere neue Form zu sehen war, behielt man 
die alten alle : die beiden Parteien, die Art, wie die Regierung in ihren 
Entscheidungen sich vom Parlament unabhängig erhielt, Oberhaus 
und Königtum als retardierende Momente in kritischen Lagen. 
Dieser Instinkt hat England immer wieder gerettet, und wenn er 
heute erlischt, so bedeutet das nicht nur den Verlust der politischen, 

rand, Metternich, Wellington verstanden nichts von der W'irtschaft. 
Das war sicherlich ein Einwand. Aber es wäre schlimmer gewesen, 
wenn an ihrer Stelle ein wirtschaftlicher Fachmann versucht hätte, 
Politik zu machen. Erst als der Imperialismus in die Hände wirt- 
schaftlicher, materialistischer Geschäftemacher gerät, als er aufhört, 
macht politisch zu sein, sinkt er von den Interessen der wirtschaft- 
lichen Fi 



32 DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



fes der ausführenden Arbeit herab, und so zersetzen sich die großen 




Der folgenreichste Ausdruck der „nationalen" Revolution seit 1789 
sind die stehenden Heere des 19. Jahrhunderts gewesen. Die Berufs- 
heere der dynastischen Staaten wurden durch Massenheere auf 



Grunde ein Jakobinerideal : die levee en masse von 1792 entsprach 
der Nation als Masse, die an Stelle der alten, gewachsenen, stän- 
gegiie 





werden sollte. Daß dann in den Sturmangriffen dieser uniformierten 
Massen etwas ganz anderes zum Vorschein kam, eine prachtvolle, 
barbarische, gänzlich untheoretische Freude an Gefahr, Herrschaft 
und Sieg, der Rest von gesunder Rasse, das was noch von nordi- 
schem Heldentum in diesen Völkern lebte, war eine Erfahrung, welche 
die Schwärmer für „Menschenrechte" sehr bald machten. Das Blut 



rung für das Ideal des „Volkes in Waffen" hatte ein ganz anderes, 
, rationalistischeres Ziel gehabt als die Entfesselung dieser 
auch in Deutschland in und vor allem nach den 
treiungskriegen, wo sie zu den Revolutionen von i83o und i848 
hinüberleitete. Diese Heere, „in denen es keinen Unterschied von 
hoch und niedrig, reich und arm gab", sollten ein Abbild der künf- 



und der Begabung irgendwie aufgehoben waren. Das war der stille 
Gedanke vieler Freiwilligen von 181 3, aber ebenso des literarischen 
Jungen Deutschland (Heine, Herwegh, Freiligrath) und vieler 
Männer der Paulskirche (wie Unland). Das Prinzip der anorgani- 
Gleichheit war ihnen das Entscheidende. Die Leute vom 
der Jahn und Arndt ahnten nicht, daß es die Gleichheit 
war, die zum ersten Mal bei den Septembermorden von 1792 
den Ruf Vive la nation ertönen ließ. 

Man vergaß eine grundlegende Tatsache : In der Romantik der Volks- 




DIE W ELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



33 



Heere, ihr Geist, ihre Zucht, ihre Durchbildung hingen von Eigen- 
schaften des Offizierkorps ab, und dessen „In Form sein" be- 
ruhte ganz auf den Traditionen des 18. Jahrhunderts. Sittlich taugt 
auch bei den Jakobinern eine Truppe soviel wie der Offizier, der 
sie durch sein Vorbild erzogen hat. Napoleon bekannte auf St. He- 
lena, daß er nicht besiegt worden wäre, wenn er zu dem prachtvollen 
Soldatenmaterial seiner Heere ein Offizierkorps wie das öster- 
reichische gehabt hätte, in dem die ritterlichen Überlieferungen von 
Treue, Ehre und schweigender selbstloser Disziplin noch lebendig 
waren. Wankt diese Führerschaft in ihrer Gesinnung und Haltung 
oder gibt sie sich selbst auf wie 191 8, so ist aus einem tapferen 
Regiment im Augenblick eine feige und hilflose Herde geworden. 
Es wäre bei der raschen Zersetzung der Macht f ormen in Europa 
ein Wunder gewesen, wenn dieses Machtmittel ihr standgehalten 
hätte. Und trotzdem war es so. Die großen Heere sind das konser- 
vativste Element des 19. Jahrhunderts gewesen. Sie und nicht die 
schwachgewordene Monarchie, der Adel oder gar die Kirche hielten 
die Form der staatlichen Autorität aufrecht und lehensfähig gegen 
die anarchischen Tendenzen des Liberalismus. „Was aus dem 
Schutte sich herausbilden wird, dies kann heute niemand wissen. 
Ein Element der Kraft hat sich nicht allein in Österreich, sondern 
im gesamten so hart gedrängten Europa erhoben, dieses Element 
heißt: die stehenden Heere. Leider ist dieses Element nur ein er- 
haltendes und kein schaffendes, und auf das Schaffen kommt es 
eben an", schrieb Metternich 1849. 1 Und zwar beruhte das aus- 
schließlich auf den strengen Anschauungen der Offizierkorps, zu 
welchen die Mannschaft herangebildet worden war. Wo es i848 
und später zu örtlichen Meutereien und Aufständen kam, lag die 
Schuld immer an der sittlichen Minderwertigkeit der Offiziere. 
Politisierende Generale, die aus ihrem militärischen Rang die Be- 
fähigung und das Recht zu staatsmännischen Urteilen ableiteten 
und danach zu handein versuchten, hat es immer gegeben, in Spa- 
nien und Frankreich wie in Preußen und Österreich, aber das Offi- 
zierkorps als Ganzes verbot sich überall eine eigene politische Mei- 
nung. Nur die Heere, nicht die Kronen hielten i83o, i848, 
1870 stand. 

1 An Hartig, 3o. März. Ebenso Bismarck, Gedanken und Erinnerungen I, S. 63. 
I 3 



34 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



Sie haben seit 1870 auch den Krieg verhindert, weil niemand mehr 
diese ungeheure Macht in Bewegung zu setzen wagte aus Furcht 
vor der unberechenbaren Wirkung, und damit haben sie den anor- 
malen Friedenszustand von 1870 bis 191 4 heraufgeführt, der es 
uns heute fast unmöglich macht, die Lage der Dinge richtig zu 
beurteilen. 1 An die Steile unmittelbarer Kriege trat nun der mittel- 
bare in Gestalt einer ständigen Erhöhung der Kriegsbereitschaft, 
des Tempo der Rüstungen und technischen Erfindungen, ein Krieg, 
in dem es ebenfalls Siege, Niederlagen und kurzlebende Friedens- 
schlüsse gab. 2 Diese Art von verschleierter Kriegführung setzt aber 
einen nationalen Reichtum voraus, wie ihn nur die Länder mit 



aus dieser Industrie selbst, sofern sie ein Kapital darstellte — und 
diese hatte zur Voraussetzung das Vorhandensein von Kohle, auf 
deren Vorkommen die Industrien aufgebaut wurden. 3 Zum Krieg- 



So wurde die industrielle Großwirtschaft selbst zur Waffe; je lei- 
stungsfähiger sie war, desto entschiedener sicherte sie von vornherein 




•eitschaft. Die Aussicht auf erfolgreiche Operationen wurde 
mehr und mehr abhängig von der Möglichkeit unumschränkten Ma- 
terialverbrauchs, vor allem an Munition. Man wurde sich dieser 
Tatsache nur sehr langsam bewußt. Bismarck legte bei den Frie- 
densverhandlungen von 1871 noch allein Wert auf strategische 
Punkte wie Metz und Beifort und gar keinen auf das lothringische 
Erzrevier. Als man dann aber das ganze Verhältnis zwischen Wirt- 
schaft und Krieg, zwischen Kohle und Kanonen erkannt hatte, wie 
nun bestand, kehrte es sich um: Die starke Wirtschaft war die 

ührung geworden; sie for- 
nun begannen in steigendem 
Maße die Kanonen der Kohle zu dienen. 4 Der Verfall des Staats- 
gedankens infolge des um sich greifenden Parlamentarismus trat 




derte dafür die erste Beachtung 



1 Siehe S. 10, 

2 Unt. d. Abendl. II, S. 534. Polit. Schriften S. i32. 
s Polit. Schriften S.329ff. 

4 Polit. Schriften S. 33o. 




den der Außenpolitik mitzubestimmen. Die Kolonial- und Übersee- 



der Industrie, darunter in steigendem Maße um die Ölvorkommen. 
Denn das Erdöl begann die Kohle zu bekämpfen, zu verdrängen. 
Ohne die Ölmotoren wären Automobile, Flugzeuge und Untersee- 
boote unmöglich gewesen. 

In derselben Richtung verwandelte sich die Bereitschaft für den 
Seekrieg. 1 Noch zu Beginn des amerikanischen Bürgerkrieges waren 
armierte Handelsschiffe den gleichzeitigen Kriegsschiffen nahezu 
ebenbürtig. Drei Jahre später waren Panzerschiffe der seebeherr- 

Tempo der Konstruktion immer größerer und stärkerer Typen, von 
denen jeder nach ein paar Jahren veraltet war, die schwimmenden 
Festungen der Jahrhundertwende, ungeheure Maschinen, die infolge 
ihres Kohlebedarfs von Stützpunkten an der Küste immer abhängiger 
wurden. Der alte Wettkampf um den Vorrang von Meer oder Land 
begann sich in bestimmtem Sinne wieder dem Lande zuzuneigen: 
Wer die Flottenstützpunkte mit ihren Docks und Materialreserven 
hatte, beherrschte das Meer, ohne Rücksicht auf die Stärke der 
Flotte. Das Rule Britannia beruhte zuletzt auf dem Reichtum Eng- 
lands an Kolonien, die um der Schiffe willen da waren, nicht um- 
gekehrt. Das war nunmehr die Bedeutung von Gibraltar, Malta. 
Aden, Singapore, den Bermudas und zahlreichen ähnlichen strate- 
gischen Stützpunkten. Man verlor den Sinn des Krieges, die Ent- 
scheidungsschlacht zur See, aus den Augen. Man suchte die feind- 
liche Flotte wirkungslos zu machen, indem man sie von den Küsten 
ausschloß. Es hat zur See nie etwas gegeben, das den Operations- 
plänen der Generalstäbe entsprach, und es ist nie eine Ent- 
scheidung mit diesen Schlachtschiffgeschwadern wirklich durch- 
gekämpft worden. Der theoretische Streit über den Wert der Dread- 
noughts nach dem russisch- japanischen Kriege beruhte gerade dar- 
auf, daß Japan den Typ gebaut, aber nicht erprobt hatte. Auch im 
Weltkrieg lagen die Schlachtschiffe still in den Häfen. Sie hätten 
gar nicht zu existieren brauchen. Auch die Schlacht am Skagerrak war 
nur ein Überfall, das Angebot einer Schlacht, der sich die eng- 
i Unt. d. Abendl. II, S. 5a4. Polit. Schriften S. i34ff., i^fi. 
3* 



politik wird zum Kampf um 




36 DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



liscbe Flotte so gut als möglich entzog. Fast alle große» Schiffe, 



worden sind, haben nie einen Schuß auf einen ebenbürtigen Gegner 
abgegeben. Und heute macht die Entwicklung der Luftwaffe es 
fraglich, ob die Zeit der Panzerschiffe nicht überhaupt zu Ende ist. 
Vielleicht bleibt nur der Kaperkrieg übrig. 

Verlauf des Weltkrieges tritt auf dem festen Lande eine voll- 
imene Wandlung ein. Die nationalen Massenheere, bis an die 
Frenze ihrer Möglichkeiten entwickelt, eine Waffe, die 
im Gegensatz zur Schlachtflotte wirklich „erschöpft" wurde, endeten 
im Schützengraben, in dem die Belagerung Deutschlands mit Stür- 

Quantität siegte über die Qualität, die Mechanik über das Leben. Die 
große Zahl machte der Geschwindigkeit derjenigen Art ein Ende, die 
Napoleon in die Taktik eingeführt hatte, am deutlichsten im Feldzug 
von i8o5, der in ein paar Wochen über Ulm nach Austerlitz führte, 
und die von den Amerikanern 1861 — 65 durch die Verwendung 
"der Eisenbahnen noch weiter gesteigert wurde. Ohne die Bahnen, 
welche Deutschland die 
und West möglich machten, wäre auch 
und Dauer nach unmöglich gewesen. 

Es gibt in der Weltgeschichte zwei ganz große Umwälzungen in 
der Kriegführung durch plötzliche Steigerung der Beweglichkeit. 
Die eine fand in den ersten Jahrhunderten seit 1000 v. Chr. statt, 
als irgendwo in den weiten Ebenen zwischen Donau und Amur das 
Reitpferd aufkam. Die berittenen Heere waren dem Fußvolk 1 weit 
überlegen. Sie konnten auftauchen und verschwinden, ohne daß 
ein Angriff auf sie und eine Verfolgung möglich waren. 




Fußvolk eine Reiterei auf : sie war durch jenes an 
Bewegung verhindert. Und ebenso vergebens wird das römische 





die nur in der Schlacht und nicht auf dem, ! 
etwa ein Jahrtausend älter, in demselben Gebiet entstanden 
und haben überall, wo sie auftauchten, eine ungeheuere Überlegenheit über die damalige 
Kampf weise im Felde bewiesen, in China und Indien etwa seit i5oo, in Vorderaaien schon 
etwas früher, in der hellenischen Welt etwa seit 1600. Sie wurden bald allgemein rer- 
wendet und verschwanden, ab die Reiterei, wenn auch nur ab Spezialwaffe neben dem 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



37 



das chinesische Imperium mit Wall und Graben umgeben, von 
denen die chinesische Mauer heute noch halb Asien durchquert und 
der römische Limes in der syrisch-arabischen Wüste eben jetzt 
wieder aufgefunden worden ist. Es war nicht möglich, hinter diesen 
Wällen die Sammlung der Heere so schnell durchzuführen, wie es 
die überraschenden Angriffe forderten: den Parthern, Hunnen, 
Skythen, Mongolen, Türken sind die chinesische, indische, römische, 
arabische und abendländische Weit mit ihrer seßhaften Bauern- 



daß Bauerntum und Reiterleben sich seelisch nicht vertragen, 
die Scharen Dschingiskhans verdanken ihre Siege der 
Geschwindigkeit. 




des durch die „Pferdekraft" der faustischen Technik. Bis in den 
ersten Weitkrieg hinein waren gerade die alten berühmten Kaval- 
lerieregimenter Westeuropas von ritterlichem Stolz, Abenteurer lust 
und Heldentum umwittert, mehr als jede andere Waffe. Sie waren 
Jahrhunderte hindurch die eigentlichen Wikinger des Landes. Sie 
stellten mehr und mehr den echten innerlichen Soidatenberuf , das 
Soldatenleben dar, weit mehr als die Infanterie der allgemeinen 
Wehrpflicht. In Zukunft wird das anders sein. Die Flugzeuge und 
Tankgeschwader lösen sie ab. Die Beweglichkeit wird damit über 




aber sozusagen der individuellen Maschine, 
im Gegensatz zum unpersönlichen Trommelfeuer der Schützen- 
gräben dem persönlichen Heldentum wieder große Aufgaben stellt. 
Aber viel tiefer als diese Entscheidung zwischen Masse und Beweg- 
lichkeit greift eine andere Tatsache in das Schicksal der stehenden 
Heere ein und sie* wird dem Grundsatz der allgemeinen nationalen 



Der Verfall der Autorität, der Ersatz des Staates durch die Partei, 
die fortschreitende Anarchie also hatte bis 191 4 vor dem Heere 
haltgemacht. Solange ein bleibendes Offizierkorps eine rasch 
wechselnde Mannschaft erzog, blieben die ethischen Werte der 
Waffenehre, Treue und des schweigenden Gehorsams, der Geist 
Friedrichs des Großen, Napoleons, Wellingtons, also des 1 8. Jahr- 



28 DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



ment der Stabilität. Erschüttert wurde es zuerst, als im Stellungs- 
krieg rasch ausgebildete junge Offiziere älteren, jahrelang im Felde 
stehenden Mannschaften gegenüberstanden. Auch hier hat der lange 
Friede von 1870 bis 191 4 eine Entwicklung aufgehalten, die mit 
dem fortschreitenden Verfall des „In Form seins" der Nationen ein- 
treten mußte. Die Mannschaft einschließlich der unteren Schichten 
des Offizierkorps, welche die Welt von unten sahen, weil sie Führer 
nicht aus innerem Beruf, sondern infolge vorübergehender Ver- 
wendung waren, bekamen eine eigene Meinung über politische Mög- 
lichkeiten, die, wie sich versteht, von außen, vom Feinde oder den 
radikalen Parteien des eigenen Landes durch Propaganda und Zer- 
setzungszellen importiert wurde, einschließlich des Nachdenkens 
über die Durchsetzung dieser Meinung. Damit ist das Element der 
Anarchie in das Heer geraten, das sie bis dahin allein fernzuhalten 
wußte. Und das setzte sich nach dem Kriege überall in den Kasernen 
der stehenden Friedensheere fort. Dazu kommt, daß vierzig Jahre 
lang der einfache Mann aus dem Volke ebenso wie der Berufspoli- 
tiker und radikale Parteiführer die unbekannte Wirkung moderner 
Heere fürchtete und überschätzte, gegen fremde Heere wie gegen 
Aufstände, und den Widerstand gegen sie deshalb als praktische Mög- 
lichkeit kaum noch in Betracht zog. 1 Die sozialdemokratischen Par- 
teien hatten überall vor dem Kriege den Gedanken an eine Revolution 
längst aufgegeben und behielten nur die Phrase in ihren Program- 
men bei. Eine Kompanie genügte, um Tausende aufgeregter Zivi- 
listen in Schach zu halten. Nun bewies aber der Krieg, wie gering 
die Wirkung selbst einer starken Truppe mit schwerer Artillerie 
gegenüber unseren steinernen Städten ist, wenn sie Haus für Haus 
verteidigt werden. Die reguläre Armee verlor den Nimbus der Un- 
besiegbarkeit in Revolutionen. Heute denkt jeder zwangsweise ein- 
gezogene Rekrut ganz anders darüber als vor dem Kriege. Und da- 
mit hat er das Bewußtsein verloren, bloßes Objekt der befehls- 
habenden Gewalt zu sein. Es ist mir sehr zweifelhaft, ob zum Bei- 
spiel in Frankreich eine allgemeine Mobilmachung gegen einen ge- 
fährlichen Feind überhaupt durchzuführen ist. Was soll geschehen, 
wenn sich die Massen 




DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 39 



wie weit in ihr die moralische Zersetzung fortgeschritten ist und 
auf welchen Bruchteil von Leuten man wirklich zählen darf? Das 



Begeisterung für den Krieg zum Ausgangspunkt hatte, und der An- 



ailen Kulturen; man denke an den Ersatz des ausgehobenen römi- 
schen Bauernheeres durch besoldete Beruf sheere seit Marius und an 
die Folgen — der Weg zum Cäsarismus und in der Tiefe der in- 
stinktive Aufstand des Blutes, der unverbrauchten Rasse, des pri- 
mitiven Willens zur Macht gegen die materialistischen Mächte des 
Geldes und Geistes, der anarchistischen Theorien und der sie aus- 
nützenden Spekulation, von der Demokratie bis zur Plutokratie. 1 
Diese materialistischen und plebejischen Mächte haben seit dem 
Ende des 1 8. Jahrhunderts folgerichtig zu ganz anderen Kriegsmit- 
teln gegriffen, die ihrem Denken und ihrer Erfahrung näher lagen. 
Neben den Heeren und Flotten, die in steigendem Maße für Zwecke 
angesetzt wurden, welche den Nationen selbst ganz fernlagen und 
lediglich den geschäftlichen Interessen einzelner Gruppen ent- 



dem echten Soldaten, Moltke etwa, verachtet und in ihrer Wirksam- 
keit sicherlich unterschätzt. Um so besser wußten die „modernen" 
Staatsmänner sie zu schätzen, die ihrer Herkunft und Veranlagung 
nach zuerst wirtschaftlich und dann — vielleicht — politisch dach- 
ten. Die fortschreitende Auflösung der Staatshoheit durch den Par- 
lamentarismus bot die Möglichkeit, die Organe der staatlichen 
Macht in dieser Richtung auszunützen. Vor allem geschah das in 
England, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts durchaus eine 
„Nation von shopkeepers" geworden war: die feindliche Macht sollte 
nicht militärisch unterworfen, sondern wirtschaftlich als Konkur- 
renzruiniert, als Abnehmerin englischer Waren aber erhalten werden. 
Das war das Ziel des freihändlerischen „liberalen" Imperialismus 
seit Robert Peel. Napoleon hatte die Kontinentalsperre als rein mili- 






Unt. 



d. 




DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



tärisches Mittel gedacht, weil ihm England gegenüber kein anderes 
zur Verfügung stand. Auf dem Kontinent schuf er nur neue Dyna- 
stien, während Pitt in der Ferne Handels- und Plantagenkolonien be- 
gründete. Der Krieg von 191 4 aber wurde von England nicht Frank- 
reichs oder gar Belgiens wegen, sondern „um des weekend willen" 
geführt, um Deutschland als Wirtschaftskonkurrenz wenn möglich 
für immer auszuschalten. 19 16 begann neben dem militärischen 
der planmäßige Wirtschaftskrieg, der fortgesetzt werden sollte, 
wenn der andere notwendig zum Ende kam. Die Kriegsziele wurden 
seitdem immer entschiedener in dieser Richtung gesucht. Der Ver- 
trag von Versailles sollte gar keinen Friedenszustand begründen, 
sondern die Machtverhältnisse derart regeln, daß das Ziel jederzeit 
mit neuen Forderungen und Maßnahmen gesichert werden konnte. 
Daher die Auslieferung der Kolonien, der Handelsflotte, die Be- 
schlagnahme der Bankguthaben, Besitzungen, Patente in allen Län- 



das Saarland, die Einführung der Republik, von der man mit Recht 
eine Untergrabung der Industrie durch die allmächtig gewordenen 
ten erwartete, und endlich die Reparationen, die wenig- 
im Sinne Englands keine Kriegsentschädigung sein sollten, 
sondern eine dauernde Belastung der deutschen Wirtschaft bis zu 
deren Erliegen. 

Aber damit begann, sehr gegen die Erwartung der Mächte, die den 
Vertrag diktiert hatten, ein neuer Wirtschaftskrieg, in dem wir uns 
heute befinden und der einen sehr erheblichen Teil der gegenwär- 
tigen „Weltwirtschaftskrise" bildet. Die Machtverteilung der Welt 
war durch die Stärkung der Vereinigten Staaten und deren Hoch- 
finanz und die neue Gestalt des russischen Reiches völlig verlagert, 
die Gegner und Methoden andere geworden. Der augenblickliche 
Krieg mit wirtschaftlichen Mitteln, den man in einer späteren Zeit 
vielleicht als den zweiten Weltkrieg bezeichnen wird, brachte ganz 
neue Formen der bolschewistischen Wirtschaftsoffensive in 




das Pfund, die von fremden Börsen aus geleiteten Inflationen als 
Zerstörung ganzer Nationalvermögen und die Autarkie der National- 

zur Vernichtung des gegnerischen 
it der Ex'u 




DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



41 



gen großer Volker durchgeführt werden wird, den Dawes- und 
Youngplan als Versuche von Finanzgruppen, ganze Staaten zur 
Zwangsarbeit für Banken her abzudrücken. Es handelt sich in der 
Tiefe darum, die Lebensfähigkeit der eigenen Nation durch Ver- 
nichtung derjenigen fremder zu retten. Es ist der Kampf auf dem 
Bootskiel. Und hier werden, wenn alle anderen Mittel erschöpft 
sind, doch wieder die ältesten und ursprünglichsten, die militäri- 
schen, in ihre Rechte treten: die stärker gerüstete Macht wird die 
schwächere zwingen, ihre Wirtschaftsdefensive aufzugeben, zu ka- 
pitulieren, zu verschwinden. Die Kanonen sind letzten Endes doch 
stärker als die Kohle. Es läßt sich nicht absehen, wie dieser Wirt- 
schaftskrieg ausgehen wird, aber sicher ist, daß er zuletzt den Staat 
als Autorität, gestützt auf freiwillige und deshalb zuverlässige, 
gut durchgebildete und sehr bewegliche Berufsheere, in seine ge- 
schichtlichen Rechte wieder einsetzen und die Wirtschaft in die 
zweite Linie verweisen wird, wohin sie gehört. 

8 



In diesem Zeitalter des Übergangs, der Formlosigkeit zwischen 
den Zeiten", das wahrscheinlich noch lange nicht auf der Höhe der 
Verwirrung und der flüchtigen Gestaltungen angelangt ist, zeichnen 
sich ganz leise neue Tendenzen ab, die darüber hinaus in die fernere 
Zukunft deuten. Die Mächte beginnen sich zu bilden, der Form und 
der Lage nach, welche bestimmt sind, den Endkampf um die Herr- 
schaft auf diesem Planeten zu führen, von denen nur eine dem Im^ 
perium mandi den Namen geben kann und wird, wenn nicht ein 
ungeheures Schicksal es vernichtet, bevor es vollendet war. Nationen 
einer neuen Art sind im Begriff zu entstehen, nicht wie sie heute 
noch sind: Summen gleichgeordneter Individuen von gleicher 
Sprache, auch nicht wie sie vormals waren, als man in der Re- 
naissance ein Gemälde, eine Schlacht, ein Gesicht, einen Gedanken, 
eine Art von sittlicher Haltung und Meinung mit Sicherheit dem Stil, 
der Seele nach als italienisch erkannte, obwohl es einen italienischen 
Staat gar nicht gab. Faustische Nationen vom Ende des 20. Jahrhun- 




42 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



selbstverständlich mit der gleichen Sprache, ohne daß die Kenntnis 
dieser Sprache sie bezeichnet oder abgrenzt, Menschen von starker 



heit des Blickes für die Dinge der Wirklichkeit gehört, den man heute 
in den großen Städten und unter Bücherschreibern nicht vom 
„Geist" bloßer Intelligenzen zu unterscheiden weiß, Menschen, die 
sich zu Herren geboren und berufen fühlen. Was kommt auf die 
Zahl an? Sie hat nur das vorige Jahrhundert tyrannisiert, das vor 
Quantitäten auf den Knien lag. Ein Mann bedeutet viel gegenüber 
einer Masse von Skiavenseelen, von Pazifisten und Weltverbesse- 
rern, die Ruhe um jeden Preis ersehnen, selbst um den der „Frei- 
heit". Es ist der Übergang vom populus Romanus der Zeit Hanni- 
bals zu den Repräsentanten des „Römertums" im i. Jahrhundert, 
die wie Marius und Cicero zum Teil gar nicht „Römer" waren. 
Es scheint, daß Westeuropa seine maßgebende Bedeutung verloren 
hat, aber von der Politik abgesehen scheint es nur so. Die Idee der 
faustischen Kultur ist hier erwachsen. Hier hat sie ihre Wurzeln 
und hier wird sie den letzten Sieg ihrer Geschichte erfechten oder 
rasch dahinsterben. Die Entscheidungen, wo sie auch fallen mögen, 
geschehen um des Abendlandes willen, seiner Seele freilich, nicht 
seines Geldes oder Glückes wegen. Aber einstweilen ist die Macht 
in die Randgebiete verlegt, nach Asien und Amerika. Dort ist es die 
Macht über die größte Binnenlandmasse des Erdballs, hier — in 
den Vereinigten Staaten und den englischen Dominions — die über 
die beiden durch den Panamakanal verbundenen weltgeschicht- 
lichen Ozeane. Indessen von den Weltmächten dieser Tage steht 
keine so fest, daß man mit Sicherheit sagen kann, sie werde in 
hundert, in fünfzig Jahren noch eine Macht, ja überhaupt noch 
vorhanden sein. 

Was ist heute eine Macht großen Stils? Ein staatliches oder staat- 
ähnliches Gebilde, mit einer Leitung, die weltpolitische Ziele hat 
und der Wahrscheinlichkeit nach auch die Kraft, sie durchzusetzen, 
gleichviel auf was für Mittel sie sich stützt : Heere, Flotten, politische 
Organisationen, Kredite, mächtige Bank- oder Industriegruppen von 
gleichem Interesse, endlich und vor allem eine starke strategische 
Position auf dem Erdball. Man kann sie alle durch die Namen von 




DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



43 



Millionenstädten bezeichnen, in denen die Macht und der Geist dieser 
Macht gesammelt ist. Ihnen gegenüber sind ganze Länder und Völker 
nichts als „Provinz". 1 

Da ist vor allem „Moskau", geheimnisvoll und für abendländisches 
Denken und Fühlen völlig unberechenbar, der entscheidende Fak- 
tor für Europa seit 1812, als es staatlich noch zu diesem gehörte, 
seit 1917 für die ganze Welt. Der Sieg der Bolschewisten bedeutet 
geschichtlich etwas ganz anderes als sozialpolitisch oder wirtschafts- 
theoretisch. Asien erobert Rußland zurück, nachdem „Europa" 
es durch Peter den Großen annektiert hatte. Der Begriff Europa 
wieder aus dem praktischen Denken der Po- 
es tun, wenn wir Politikei 
Dies „Asien" aber ist eine Idee, und zwar eine Idee, 
hat. Rasse, Sprache, Volkstum, Religion in den heutigen Formen 
sind daneben gleichgültig. Das alles kann und wird sich grund- 



nicht zu bestimmende, ihrer selbst unbewußte neue Art von Leben, 
mit dem eine große Landschaft schwanger ist und das sich auf dem 
Wege zur Geburt befindet. Die Zukunft definieren, festlegen, in 
ein Programm bringen wollen heißt das Leben mit einer Phrase 
darüber verwechseln, wie es der herrschende Bolschewismus tut, 
der sich seiner westeuropäischen, rationalistischen und großstädti- 
schen Herkunft nicht hinreichend bewußt ist. 

Die Bevölkerung dieses gewaltigsten Binnenlandes der Erde ist von 
außen unangreifbar. Die Weite ist eine Macht, politisch und mili- 
tärisch, die noch nie überwunden worden ist; das hat schon Na- 
poleon erfahren. Was sollte es einem Feinde nützen, wenn er noch 
so große Gebiete besetzt? Um auch den Versuch dazu wirkungslos 
zu machen, haben die Bolschewisten den 
stems immer weiter nach Osten verlegt. Die machtj 
tigen Industriegebiete sind sämtlich östlich von Moskau, zum großen 
Teil östlich vom Ural bis zum Altai hin, und südlich bis zum 
Kaukasus aufgebaut worden. Das ganze Gebiet westlich Moskaus, 
Weißrußland, die Ukraine, einst von Riga bis Odessa das lebens- 
wichtigste des Zarenreiches, bildet heute ein phantastisches Glacis 
gegen „Europa* 




44 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



System zusammenbricht. Aber damit ist jeder Gedanke an eine 



leeren Raum 

Dies Bolschewistenregiment ist kein Staat in unserem Sinne, wie 
es das petrinische Rußland gewesen war. Es besteht wie Kiptschak, 
das Reich der „goldenen Horde" in der Mongolenzeit, aus einer 
herrschenden Horde — kommunistische Partei genannt — mit 
Häuptlingen und einem allmächtigen Khan und einer etwa hundert- 
mal so zahlreichen unterworfenen, wehrlosen Masse. Von echtem 
Marxismus ist da sehr wenig, außer in Namen und Programmen. 
In Wirklichkeit besteht ein tartarischer Absolutismus, der die Welt 



jrenzen zu 

die der Vorsicht, verschmitzt, grausam, mit dem Mord als alltäg- 
lichem Mittel der Verwaltung, jeden Augenblick vor der Möglich- 
keit einen Dschingiskhan auftreten zu sehen, der Asien und Europa 



Der echte Russe ist in seinem Lebensgefühl Nomade geblieben, 
ganz wie der Nordchinese, der Mandschu und Turkmene. 1 Heimat 




Rußland. Die Seele dieser unendlichen Landschaft treibt ihn zum 
Wandern ohne Ziel. Der ,, Wille" fehlt. Das germanische Lebens- 
gefühl hat ein Ziel, das erobert werden muß, ein fernes Land, ein 
Problem, einen Gott, eine Macht, Ruhm oder Reichtum. Hier wan- 
dern Bauernfamilien, Handwerker und Arbeiter von einer Gegend 
in die andere, von Fabrik zu Fabrik, ohne Not, nur dem inneren 
Drange folgend. Keine Gewaltmaßnahme der Sowjets hat das hin- 
dern können, obwohl es das Entstehen eines Stammes gelernter und 
mit dem Werk verbundener Arbeitskräfte unmöglich macht. Schon 



ohne fremde Mitarbeit zu schaffen und zu erhalten. 
Aber ist das kommunistische Programm überhaupt noch ernst ge- 
meint, als Ideal nämlich, dem Millionen von Menschen geopfert worden 
sind und um dessen willen Millionen hungern und im Elend leben? 
Oder ist es nur ein äußerst wirksames Kampfmittel der Verteidi- 
gung gegen die unterworfene Masse, vor allem die Bauern, und des 
Angriffs gegen die verhaßte, nichtrussische Welt, 

1 Polit. Schriften S. nof. 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



46 




werden soll, bevor man sie niederwirft? 1 Sicher ist, daß sich tat- 
sächlich nicht viel ändern würde, wenn man eines Tages aus 
Gründen der machtpolitischen Zweckmäßigkeit das kommunistische 
Prinzip fallen ließe. Die Namen würden anders werden; die 
Verwaltungszweige der Wirtschaftsorganisation würden Konzerne 

lie Kommunisten selbst 

Aktienbesitzer. Im 
längst vorhanden. 



außer durch Propaganda. Dazu ist das Sy- 
stem mit seinen westeuropäisch-rationalistischen Zügen, die noch 
aus der literarischen Unterwelt von Petersburg stammen, viel zu 
künstlich. Es würde keine Niederlage überleben, da es nicht einmal 
einen Sieg überleben würde: Einem siegreichen General gegenüber 
wäre die Moskauer Bürokratie verloren. Sowjetrußland würde durch 

scheinlich abgeschlachtet werden. Aber damit wäre nur der Bolsche- 
wismus marxistischen Stils überwunden, der nationalistisch-asi- 
atische würde hemmungslos ins Gigantische wachsen. Aber ist die 
rote Armee überhaupt zuverlässig? Ist sie brauchbar? Wie steht es 
mit den berufsmäßigen und sittlichen Qualitäten des „Offizier- 
korps"? Was bei den Paraden in Moskau gezeigt wird, sind nur die 



Leibgarde der Machthaber. Aus der Provinz hört man immer wieder 
von unterdrückten Verschwörungen. Und sind die Eisenbahnen, Flug- 




haupt gewachsen? Sicher ist, daß das russische Verhalten in der 
Mandschurei und die Nichtangriffspakte im Westen den Entschluß 
verraten, einer militärischen Probe unter allen Umständen aus dem 
Wege zu gehen. Die anderen Mittel, die wirtschaftliche Vernich- 
tung der Gegner durch den Handel und vor allem die Revolution, 
nicht als ideales Ziel, sondern als Waffe gedacht, wie sie 191 8 
Prankreich gegen Deutschland 

unget - 



ki schrieb 1878: „Alle Menschen müssen russisch werden, als erstes und vor 
1 russisch werden. Ist die Allmenschheit die russische Nationalidee, so muß 



46 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



Demgegenüber hat Japan eine sehr starke Stellung. Zur See ist 
es fast unangreifbar wegen der Inselketten, deren schmale Durch- 
gänge mit Minenfeldern, Unterseebooten und Flugzeugen sicher ge- 
sperrt werden können, so daß das Chinesische Meer für keine 
fremde Flotte erreichbar ist. Darüber hinaus hat sich Japan in der 
Mandschurei ein Festlandgebiet von gewaltiger wirtschaftlicher Zu- 
kunft gesichert — die Sojabohne hat heute schon die Rentabilität 
der Kokos- und öipalme in der Südsee und in Westafrika zerstört 
— , dessen Menschenzahl ungeheuer wächst 1 und dessen endgültige 
Grenzen heute noch ganz unbestimmt sind. Der geringste Versuch 
der Bolschewisten, militärisch gegen diese Machtverschiebung ein- 
zuschreiten, würde zur Fortnahme von Wladiwostok, der östlichen 
Mongolei und wahrscheinlich Pekings führen. Die einzige prak- 
tische Gegenwirkung ist die rote Revolution in China, aber sie ist 
seit der Gründung der Kuomintang immer wieder an „kapitalisti- 
schen" Angriffen gescheitert, nän 
räle und ganzer Armeen von irgendeiner 
Völker 2 wie die Inder und Chinesen können nie wieder eine selb- 
ständige Rolle in der Welt der großen Mächte spielen. Sie können 
die Herren wechseln, den einen vertreiben — etwa die Engländer 
aus Indien — , um dem nächsten zu erliegen, aber sie werden nie 
mehr eine eigene innere Form des politischen Daseins hervorbrin- 
gen. Dazu sind sie zu alt, zu starr, zu verbraucht. Auch die Form 
ihrer heutigen Auflehnung samt deren Zielen — Freiheit, Gleich- 
heit, Parlament, Republik, Kommunismus und dergleichen — sind 
ohne Ausnahme von Westeuropa und Moskau importiert. Sie sind 
Objekte und Kampfmittel für fremde Mächte, ihre Länder Schlacht- 
felder für fremde Entscheidungen, aber gerade dadurch können sie 
eine gewaltige, wenn auch vorübergehende Bedeutung erlangen. 
Ohne Zweifel haben Rußland und Japan den Blick auf die 
ruhenden Möglichkeiten gerichtet und arbeiten im stillen mit Mit- 
teln, die der „Weiße" weder kennt noch sieht. Aber steht Japan 
st wie zur Zeit des 




1 Sie hat sich in i5 Jahren • 
biicklich über 3o Millionen. 




DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



47 



Samurai, die mit zum besten gehört, was die ganze Welt an 
„Rasse" besitzt. Aber heute hört man von radikalen Parteien, 
Streiks, bolschewistischer Propaganda und ermordeten Ministem. 
Ist dieser prachtvolle Staat schon über den Gipfel seines Daseins 
hinaus, vergiftet von den demokratisch-marxistischen Verfalls- 
formen der weißen Völker, jetzt wo der Kampf um den Stillen 
Ozean eben in die entscheidende Phase tritt? Sollte es seine alte 
Offensivkraft noch besitzen, dann ist es in Verbindung mit der un- 
vergleichlichen strategischen Lage zur See jeder feindlichen Kombi- 
nation gewachsen. Aber wer kommt hier als Gegner ernsthaft in 
Betracht? Rußland sicherlich nicht, und ebensowenig irgendeine 
westeuropäische Macht. Nirgends kann man das Herabsinken all 
dieser Staaten von ihrem einstigen politischen Rang so deutlich 
empfinden wie hier. Vor kaum zwanzig Jahren waren Port Arthur, 
Weihaiwei und Kiautschou besetzt und die Aufteilung Chinas in 
Interessenssphären westlicher Mächte im Gang. Das pazifische Pro- 
blem war einmal ein europäisches. Jetzt wagt nicht einmal Eng- 
land mehr, den seit Jahrzehnten geplanten Ausbau von Singapur 
durchzuführen. Es hatte der mächtige Stützpunkt der englischen 
Flotte bei ostasiatischen Verwicklungen sein sollen, aber läßt es 
sich gegen Japan und Frankreich halten, wenn dieses den Landweg 
über Hinterindien freigibt? Verzichtet England aber auf seine alte 
Stellung in diesen Meeren und gibt damit Australien dem japani- 
schen Druck preis, so wird dieses mit Sicherheit aus dem Empire 
ausscheiden und sich Amerika anschließen. Amerika ist der ein- 
zige ernsthafte Gegner, aber wie stark ist er an dieser Stelle zur 
See, trotz des Panamakanals? San Franzisko und Hawaii liegen viel 
zu weit entfernt, um Flottenstützpunkte gegen Japan zu sein, die 
Philippinen sind kaum zu halten und Japan besitzt im lateinischen 

rk, 




9 



Sind die Vereinigten Staaten eine Macht, die Zukunft hat? Flüchtige 
Beobachter redeten vor 191 4 von unbegrenzten Möglichkeiten, nach- 

iie neue 



48 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



„Gesellschaft" Westeuropas nach 191 8, aus Snob und Mob ge- 
mischt, schwärmt vom jungen, starken, uns weit überlegenen und 
schlechtweg vorbildlichen Amerikanertum, aber sie verwechseln Re- 
korde und Dollars mit der seelischen Kraft und Tiefe des Volks- 
tums, die dazugehören, wenn man eine Macht von Dauer sein will, 



mit Geist. Was ist der „hundertprozentige" Amerikanismus? Ein 
nach dem unteren Durchschnitt genormtes Massedasein, eine pri- 
mitive Pose oder ein Versprechen der Zukunft? 
Sicher ist, daß es hier bisher weder ein wirkliches Volk noch einen 
wirklichen Staat gibt. Können sich beide durch ein hartes Schicksal 



aus, dessen seelische Vergangenheit anderswo lag und abgestorben 
ist? Der Amerikaner redet wie der Engländer nicht von Staat oder 
Vaterland, sondern von this country. In der Tat handelt es sich um 
ein unermeßliches Gebiet und um eine von Stadt zu Stadt schwei- 
fende Bevölkerung von Trappern, die in ihm auf die Dollarjagd 
gehen, rücksichtslos und ungebunden, denn das Gesetz ist nur für 



Die Ähnlichkeit mit dem bolschewistischen Rußland ist viel größer 
als man denkt: Dieselbe Weite der Landschaft, die jeden erfolg- 
reichen Angriff eines Gegners und damit das Erlebnis wirklicher 
nationaler Gefahr ausschließt und so den Staat entbehrlich macht, 
infolge davon aber auch ein echt politisches Denken nicht entstehen 
läßt. Das Leben ist ausschließlich wirtschaftlich gestaltet und ent- 
behrt deshalb der Tiefe, um so mehr als ihm das Element der echten 
geschichtlichen Tragik, das große Schicksal fehlt, das die Seele der 
abendländischen Völker durch Jahrhunderte vertieft und erzogen hat. 
Die Religion, ursprünglich ein strenger Puritanismus, ist eine Art von 
pflichtgemäßer Unterhaltung geworden und der Krieg war ein neuer 
Sport. Und dieselbe Diktatur der öffentlichen Meinung hier und dort, 



sie nun 



lieh vors 



sich auf alles erstreckt, was im Abendland dem Willen des einzelnen 
freigestellt ist, Flirt und Kirchgang, Schuhe und Schminke, Mode- 
tänze und Moderomane, das Denken, Essen und Vergnügen. Alles 
alle gleich. Es gibt einen nach Körper, Kleidung und Seele 
Typus des Amerikaners und vor allem der Amerikane- 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



riii, und wer sich dagegen auflehnt, wer das öffentlich zu kritisieren 
wagt, verfällt der allgemeinen Ächtung, in Newyork wie in Moskau. 
Und endlich findet sich eine fast russische Form des Staats- 
sozialismus oder Staatskapitalismus, dargestellt durch die Masse der 
Trusts, die den russischen Wirtschaftsverwaltungen entsprechend 



leiten. Sie sind die eigentlichen Herren des Landes, hier wie dort. 
Es ist der faustische Wille zur Macht, aber aus dem organisch Ge- 



lismus, der ganz Amerika bis nach Santiago und Buenos Aires hin 
durchdringt und überall die westeuropäische, vor allem die englische 
Wirtschaft zu untergraben und auszuschalten sucht, gleicht mit 
seiner Einordnung der politischen Macht in wirtschaftliche Tendenzen 
genau dem bolschewistischen, und dessen Losung: Asien den 
Asiaten" entspricht im wesentlichen durchaus der heutigen Auf- 
fassung der Monroedoktrin für Lateinamerika: Ganz Amerika für 
die Wirtschaftsmacht der Vereinigten Staaten. Das ist der letzte 
Sinn der Gründung „unabhängiger" Republiken wie Kuba und 
Panama, des Eingreifens in Nikaragua und des Sturzes unbe- 
quemer Präsidenten durch die Macht des Dollars bis nach dem 
äußersten Süden hin. 

Aber diese Staat- und gesetzlose „Freiheit" des rein wirtschaftlich 
gerichteten Lebens hat eine Kehrseite. Es ist aus ihm heraus eine 
Seemacht entstanden, die stärker zu werden beginnt als die Eng- 
lands, und die zwei Ozeane beherrscht. Es sind Kolonialbesitzungen 
entstanden: die Philippinen, Hawaii, westindische Inseln. Und man 
ist von geschäftlichen Interessen und durch die englische Propa-* 
ganda immer tiefer in den ersten Weltkrieg bis zur militärischen 
Beteiligung hineingezogen worden. Damit aber sind die Vereinigten 
Staaten ein führendes Element der Weltpolitik geworden, ob sie es 
wissen und wollen oder nicht, und sie müssen nun nach innen und 
außen staatspolitisch denken und handeln lernen oder in ihrer heu- 
tigen Gestalt verschwinden. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Ist der 



störbare Art des Lebens dar oder ist er nur eine Mode der leib- 
lichen, geistigen und seelischen Kleidung? Aber wieviel Ein- 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



Typus innerlich überhaupt nicht an? Von den Negern ganz ab- 
gesehen sind in den zwanzig Jahren vor dem Kriege nur noch 
wenige Deutsche, Engländer und Skandinavier eingewandert, aber 
i5 Millionen Polen, Russen, Tschechen, Balkanslaven, Ostjuden, 
Griechen, Vorderasiaten, Spanier und Italiener. Sie sind zum großen 
Teil nicht mehr im Amerikanertum aufgegangen und bilden ein 
fremdartiges, andersdenkendes und sehr fruchtbares Proletariat mit 
dem geistigen Schwerpunkt in Chikago. Sie wollen ebenfalls den 
gesetzlos freien Wirtschaftskampf, aber sie fassen ihn anders auf. 
Gewiß, es gibt keine kommunistische Partei. Die hat es als Organisation 
für Wahlzwecke auch im Zarenreich nicht gegeben. Aber es gibt hier 
wie dort eine mächtige Unterwelt fast Dostojewskischer Prägung mit 
eigenen Machtzielen, Zersetzungs- und Geschäftsmethoden, die infolge 
der üblichen Korruption der Verwaltungs-und Sicherheitsorgane, vor 
allem durch den Alkoholschmuggel, der die politische und soziale 




habende Schichten der Gesellschaft hinaufreicht. Sie schließt das 
Berufsverbrechertum ebenso ein wie die geheimen Gesellschaften 
von der Art des Ku-Klux-Klan. Sie umfaßt Neger und Chinesen 
so gut wie die entwurzelten Elemente aller europäischen Stämme 
und sie besitzt sehr wirksame, zum Teil schon alte 
anisationen nach Art der italienischen Gamorra, der spanischen 
und der russischen Nihilisten vor und Tschekisten nach 
1917. Das Lynchen, die Entführungen und Attentate, Mord, Raub 
und Brand sind längst erprobte Mittel der politisch-wirtschaft- 
lichen Propaganda. Ihre Anführer nach Art der Jack Diamond und 
AlCapone besitzen Villen, Autos und verfügen über Bankguthaben, 
welche die vieler Trusts und selbst mittlerer Staaten übertreffen. 
In weiten, dünnbevölkerten Gebieten haben Revolutionen notwendig 
eine andere Form als in den Hauptstädten Westeuropas. Die latein- 
amerikanischen Republiken beweisen das unaufhörlich. Hier gibt es 
keinen starken Staat, der durch den Kampf gegen ein Heer mit alten 
Traditionen gestürzt werden müßte, aber auch keinen, der die be- 
stehende Ordnung schon durch die Ehrfurcht vor seinem Dasein 
verbürgt. Was hier government heißt, kann sich sehr plötzlich in 
en. Schon vor dem Kriege haben die r 
durch eigene Befestig 




DIE WELTKRIEGE UND WELT MÄCHTE 



51 



rschützen verteidigt. Es gibt im „Lande der Freiheit" 
nur den Entschluß freier Männer, sich selbst zu helfen — der Revolver 
in der Hosentasche ist eine amerikanische Erfindung — , aber er steht 
den Besitzenden ebenso frei wie den andern. Erst kürzlich haben die 
Farmer in Iowa ein paar Städte belagert und mit Aushungern be- 
droht, wenn ihnen ihre Produkte nicht zu einem menschenwürdigen 
Preis abgenommen würden. Vor wenig Jahren hätte man jeden für 
irrsinnig erklärt, der das Wort Revolution in Beziehung auf dies 
Land ausgesprochen hätte. Heute sind derartige Gedanken längst 
an der Tagesordnung. Was werden die Massen von Arbeitslosen 
tun — ich wiederhole: zum überwiegenden Teil nicht „hundertpro- 
zentige Amerikaner" — , wenn ihre Hilfsquellen vollständig er- 
schöpft sind und es keine staatliche Unterstützung gibt, weil es 
keinen organisierten Staat mit genauer und ehrlicher Statistik und 
Kontrolle der Bedürftigen gibt? Werden sie sich der Kraft ihrer 
Fäuste und ihrer wirtschaftlichen Interessengemeinschaft mit der 
Unterwelt erinnern? Und wird die geistig primitive, nur an Geld 
denkende Oberschicht im Kampf mit dieser ungeheuren Gefahr auf 
einmal schlummernde moralische Kräfte offenbaren, die zum wirk- 
lichen Aufbau eines Staates führen und zur seelischen Bereitschaft, 
Gut und Blut für ihn zu opfern, statt wie bisher den Krieg als Mittel 
zum Geldverdienen aufzufassen? Oder werden die wirtschaftlichen 
Sonderinteressen einzelner Gebiete doch stärker bleiben und, wie 
1861 schon einmal, zum Zerfall des Landes in einzelne Staaten 
führen — etwa den industriellen Nordosten, die 
mittleren Westens, die Negerstaaten des Süden 
seits der Rocky Mountains? 

Es gibt, wenn man von Japan absieht, das lediglich den Wunsch 
hat, seine imperialistischen Pläne in Ostasien und nach Australien 
hin ungestört durchzuführen, nur eine Macht, welche alles tun und 
jedes Opfer bringen würde, um einen solchen Zerfall zu fördern: 
England. Es hat das schon einmal getan, bis dicht an eine Kriegs- 
erklärung heran: 1862 — 64 während des Sezessionskrieges, als für 
die Südstaaten in britischen Häfen Kriegs- und Kaperschiffe ge- 
baut oder gekauft wurden, die in europäischen Gewässern ausge- 
rüstet und bemannt — die „Alabama" sogar mit britischen 
Seesoidaten — , die Handelsschiffe der Nordstaaten überall ver- 




DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



brannten und versenkten, wo sie sie auch trafen. Damals war Eng- 
land noch unbestrittene Herrin der Meere. Es war der einzige Grund, 

„Freiheit der Meere" war die englische Freiheit des Handelns, 
nichts anderes. Das ist seit 1918 zu Ende. England, im 19. Jahr- 
hundert das Kontor der Welt, ist heute nicht mehr reich genug, um 
im Tempo des Flottenbaues die Spitze zu halten, und seine Macht 
reicht nicht mehr aus, um andere mit Gewalt an der Überflüge- 
lung zu hindern. Das Vorgefühl dieser historischen Grenze war 
einer der Gründe für den Krieg gegen Deutschland, und der No- 
vember 191 8 wahrscheinlich die letzte allzu kurze Zeit, in der sich 
diese Macht von gestern die Illusion eines großen Sieges gönnen 
durfte. Aber abgesehen von der wachsenden Ünterlegenheit im Bau 
von Schlachtschiffen hat sich, wie eben gezeigt wurde, der Begriff der 
Seebeherrschung grundlegend verändert. Neben den Unterseebooten 



Hinterland wichtiger als Küste und Häfen. Gegenüber französischen 
Bombengeschwadern hat England aufgehört, strategisch eine Insel 



England in die Vergangenheit. 

Aber auch die englische Nation ist der Seele und Rasse nach nicht 
mehr stark, nicht mehr jung und gesund genug, um diese furchtbare 
Krise mit Zuversicht durchzukämpfen. England ist müde geworden. 
Es hat noch im 19. Jahrhundert zuviel wertvolles Blut für seine Be- 
sitzungen hingegeben, durch Auswanderung an die weißen Dominions, 
durch klimatische Verheerungen in den farbigen Kolonien. Und vor 
allem fehlt ihm die rassemäßige Grundlage eines starken Bauerntums. 
Dieseitder NormannenzeitherrschendeOberschicht aus Germanen und 
Kelten — es gibt keinen Unterschied dazwischen — ist aufgebraucht. 
Überall dringt die massenhafte Urbevölkerung, die man fälschlich 
Kelten nennt, 1 mit ihrem andersgearteten, „französischen" Le- 

1 Es ist dieselbe Rasse, welcher der französische Bauer und Bourgeois und die Mehrheit 
der Spanier angehören, nachdem auch dort das nordische Element im Kriege und durch 
Auswanderung verbraucht worden ist. Die echt keltischen Stämme sind erst in der Mitte 




DIE W ELT K RIEGE UND WELTMÄCHTE 



bensgefühl in die herrschende Stellung ein und hat z. B. schon 
die alte, oligarchische Form der vornehmen parlamentarischen 
Regierung in die kontinentale und anarchische Art schmutziger 
Parteikämpfe umgewandelt. Galsworth y hat diese Tragik des Er- 
löschens mit tiefem schmerzlichen Verstehen in seiner Forsyte Saga 
geschildert. Damit siegt wirtschaftlich das Rentnerideal über den 
kapitalistischen Imperialismus. Man besitzt noch erhebliche Reste 
des einstigen Reichtums, aber der Antrieb fehlt, neuen zu erkämp- 
fen. Industrie und Handel veralten langsam in ihren Methoden, 
ohne daß die schöpferische Energie da wäre, nach amerikanischem 
und deutschem Vorbild neue Formen zu schaffen. Die Unterneh- 
mungslust stirbt ab, und die junge Generation zeigt geistig, sittlich 
und in ihrer Weltanschauung einen Absturz von der Höhe, zu der 
die Qualität der englischen Gesellschaft im vorigen Jahrhundert 
hinaufgezüchtet war, der erschreckend und in der ganzen Welt ohne 
Beispiel ist. Der alte Appell: England expects everyman to do his 
duly, den vor dem Kriege jeder junge Engländer aus guter Familie 
in Eton und Oxford an sich persönlich gerichtet fühlte, hallt 
heute in den Wind. Man beschäftigt sich spielerisch mit bolsche- 



und Inhalt des Lebens. Es sind die Leute der älteren Generation, 
die schon als Männer in hohen Stellungen tätig waren, als der Krieg 



nd Verzweiflung fragen, wer denn das 
Ideal des Greater Britain nach ihnen verteidigen soll. Bernhard 
Shaw hat im „Kaiser von Amerika" angedeutet, daß „einige" lieber 
den hoffnungslosen Kampf gegen Amerikas Übermacht durchfech- 
ten als die Waffen strecken würden, aber wie viele werden das in 
zehn, in zwanzig Jahren sein? Im Westm inster Statut von io,3i hat 
England die weißen Dominions als Commonwealth of nations sich 



verband sich mit diesen Staaten auf Grund gleicher Interessen, vor 
allem des Schutzes durch die englische Flotte. Aber morgen schon 
können Kanada und Australien sich ohne Sentimentalität den Ver- 
einigten Staaten zuwenden, wenn sie dort ihre Interessen, etwa als 
weiße Nationen gegen das gelbe Japan, besser gewahrt sehen. Jen- 
seits von Singapur ist die einstige Stellung Englands schon aufge- 



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DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



Ägypten und im Mittelmeer keinen eigentlichen Sinn mehr. Die 
englische Diplomatie alten Stils versucht vergebens, den Kontinent 
wie einst für englische Zwecke gegen Amerika — als Schuldner- 
front — und gegen Rußland — als Front gegen den Bolschewismus 
zu machen. Aber das ist bereits Diplomatie von vor- 
Sie hat io,i4 ihren letzten verhängnisvollen Erfolg ge- 
habt. Und wie, wenn sich beim letzten Aufbäumen englischen tra- 
ditionsgesättigten Stolzes Rußland und Amerika verständigen? Das 
liegt nicht außerhalb aller Möglichkeiten. 

Gegenüber solchen Erscheinungen, in denen sich das Schicksal der 
Welt vielleicht für Jahrhunderte dunkel und drohend zusammen- 
ballt, haben die romanischen Länder nur noch provinziale Bedeu- 
tung. Auch Frankreich, dessen Hauptstadt im Begriff ist, eine histo- 
rische Sehenswürdigkeit zu werden wie Wien und Florenz, und Athen 
in der Römerzeit. Solange der alte Adel keltischen und germanischen 



bis zu den Kreuzzügen zurückreichten, die große Politik in Händen 
hatte, etwa bis auf Ludwig XIV., gab es große Ziele wie die Kreuz- 
züge selbst und die Kolonialgründungen des 17. Jahrhunderts. 
Das französische Volk aber hat von jeher immer nur mächtig ge- 
wordene Nachbarn gehaßt, weil deren Erfolge seine Eitelkeit ver- 
letzten, die Spanier, die Engländer, vor allem die Deutschen — im 
habsburgischen wie im Hohcnzollernstaat gegen die der uralte 
Haß seit der mißglückten „Rache für Sadowa" ins Irrsinnige 
wuchs. Es hat niemals in die Fernen des Raumes und der Zeit zu 



sein Streben nach gloire immer nur durch die Einverleibung oder 
Verwüstung von Landstrichen an der Grenze befriedigt. Welcher 
echte Franzose begeistert sich im Grunde für den riesigen Besitz 
in Westafrika mit Ausnahme von hohen Militärs und Pariser Geld- 
leuten? Oder gar für Hinterindien? Und was geht sie selbst Elsaß- 
Lothringen an, nachdem sie es „zurückerobert" haben? Mit dieser 
Tatsache hat es jeden Reiz für sie verloren. 

Die französische Nation sondert sich immer deutlicher in zwei 
seelisch grundverschiedene Bestandteile. Der eine weitaus zahl- 

Element, der Prc 
der Bauer und 




DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 55 



wollen nichts als die Ruhe eines in Schmutz, Geiz und Stumpfheit 
müde und unfruchtbar gewordenen Volkstums, ein wenig Geld, 
Wein und „amour", und wollen nichts mehr von großer Politik, 
von wirtschaftlichem Ehrgeiz, vom Kampf um bedeutende Lebens- 
ziele hören. Darüber aber liegt die langsam kleiner werdende jako- 
binische Schicht, die seit 1792 das Schicksal des Landes bestimmt 
und den Nationalismus französischer Prägung nach einer alten Lust- 
spielfigur von i83i auf den Namen Chauvin getauft hat. Sie setzt 
sich zusammen aus Offizieren, Industriellen, den höheren Beamten 
der von Napoleon streng zentralisierten Verwaltung, den Journalisten 
der Pariser Presse, den Abgeordneten ohne Unterschied der Parteien 
und ihrer Programme — Abgeordneter sein bedeutet in Paris ein 
Privat-, kein Parteigeschäft — und einigen mächtigen Organisationen 
wie der Loge und den Frontkämpferverbänden. Im stillen geleitet 
und ausgenützt wird sie seit einem Jahrhundert von der internatio- 
nalen Pariser Hochfinanz, welche die Presse und die Wahlen be- 
zahlt. Chauvinismus ist längst in weitem Umfange ein Geschäft. 
Die .Herrschaf t dieser Oberschicht beruht heute auf der namenlosen 
aber echten Angst der Provinz vor irgendwelchen außenpolitischen 
Gefahren und vor neuer Entwertung der Ersparnisse, einer Angst, 
die durch die Pariser Presse und die geschickte Art, Wahlen zu 
machen, aufrechterhalten wird. Aber diese Stimmung ist noch auf 
Jahre hinaus eine Gefahr für alle Nachbarländer, England und 
Italien so gut wie Deutschland. Sie hat sich vor 191 4 von England 
und Rußland für deren Ziele gebrauchen lassen und würde heute 
noch einem geschickten Staatsmann eines fremden Landes als In- 
strument zur Verfügung stehen. Die Gestalt Chauvins wächst lang- 
sam zum Gegenteil des spanischen Don Quichote empor und erregt 
heute schon in ihrer grandiosen Komik das Lächeln der halben 
Welt: Der greisenhaft gewordene Draufgänger, der nach vielen 



Freunde von gestern zu Hilfe rufend in seinem zur Festung umge- 
bauten Hause zitternd aus dem Fenster blickt und beim Anblick 
jedes kaum bewaffneten Nachbarn außer sich gerät. Das ist das 
Ende der grande nation. Ihr Erbe im Gebiet des Mittelmeers und 





der Welt hinter sich, 




66 



DIE WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 



Nordafrikas wird vielleicht die Schöpfung Mussolinis sein, wenn 
sie sich unter seiner Leitung lange genug bewährt, um die nötige see- 



Von keiner dieser Mächte kann man heute sagen, ob sie um die Mitte 
des Jahrhunderts in ihrer heutigen Gestalt noch vorhanden ist. Eng- 
land kann auf seine Insel beschränkt, Amerika zerfallen sein ; Japan 
und Frankreich, die heute allein wissen, was ein starkes Heer wert 
ist, können in die Hände kommunistischer Gewalthaber gefallen 

nicht einmal vermuten. Aber beherrscht wird die augenblickliche 
Lage von dem Gegensatz zwischen England und Rußland im 
Osten und zwischen England und Amerika im Westen. In beiden 
Fällen geht England wirtschaftlich, diplomatisch, militärisch und 
moralisch zurück und die schon verlorenen Positionen sind zum 
Teil überhaupt nicht, auch nicht durch einen Krieg wieder zu 



Kapitulation? Oder steht dem Unterliegenden nicht einmal diese 
Wahl mehr frei? Die meisten Angelsachsen auf beiden Seiten des 
Atlantischen Ozeans glauben sich durch Blut und Tradition fester 
len, als daß sie hier vor eine Entscheidung gestellt werden 
1. Aber der Glaube, daß Blut dicker sei als Wasser, hat für 
England und Deutschland seine Probe schlecht bestanden. Der 
Bruderhaß ist unter Menschen immer stärker gewesen als der Haß 
gegen Fremde, und gerade er kann aus kleinen Anlässen plötzlich zu 
einer Leidenschaft wachsen, die kein Zurück mehr gestattet. 
So sieht die Welt aus, von der Deutschland umgeben ist. In 
dieser Lage ist für eine Nation ohne Führer und Waffen, ver- 
armt und zerrissen, nicht einmal das nackte Dasein gesichert. 
Wir haben Millionen in Rußland abschlachten und in China ver- 
hungern sehen und es war für die übrige Welt nur eine Zeitungs- 
nachricht, die man am Tage darauf vergaß. Kein Mensch wi 
draußen in seiner Ruhe gestört werden, wenn Schlimmeres ir 
in Westeuropa geschähe. Man erschrickt nur vor Drohungen; mit 
vollendeten Tatsachen findet der Mensch sich schnell ab. Ob ein- 
zelne oder Völker sterben, sie hinterlassen keine Lücke. Ange- 
sichts dieser Lage haben wir Deutschen bisher nichts aufgebracht 
als den Lärm um Parteiideale und das gemeine Gezänk um die Vor- 



DIB WELTKRIEGE UND WELTMÄCHTE 57 

teile von Berufsgruppen und Länderwinkeln. Aber der Verzicht 
auf Weltpolitik schützt nicht vor ihren Folgen. In denselben 
Jahren, als Kolumbus Amerika entdeckte und Vasco da Gama den 
Seeweg nach Ostindien fand, als die westeuropäische Welt ihre 
Macht und ihren Reichtum über den Erdball zu erstrecken begann, 
wurde auf Antrag der englischen Kaufmannschaft der Stahlhof 
in London geschlossen, das letzte Zeichen einstiger hanseatischer 
Großmacht, und damit verschwanden deutsche Kauffahrer von den 
Ozeanen, weil es keine deutsche Flagge gab, die von ihren Masten 
wehen konnte. Damit war Deutschland ein Land geworden, zu arm 
für eine große Politik. Es mußte seine Kriege mit fremdem Geld 
und im Dienste dieses Geldes führen und führte sie um elende 
Fetzen eigenen Landes, die von einem Zwergstaat dem andern fort- 
genommen wurden. Die großen Entscheidungen in der Ferne wurden 
weder beachtet noch begriffen. Unter Politik verstand man etwas 
so Erbärmliches und Kleines, daß sich nur Menschen von sehr 
kleinem Charakter damit beschäftigen mochten. Soll das wieder- 
kommen, jetzt in den entscheidenden Jahrzehnten? Sollen wir als 
Träumer, Schwärmer und Zänker von den Ereignissen verschlun- 
gen werden und nichts hinterlassen, was unsere Geschichte in einiger 
Größe vollendet? Das Würfelspiel um die Weltherrschaft hat erst 
begonnen. Es wird zwischen starken Menschen zu Ende gespielt 
werden. Sollten nicht auch Deutsche darunter sein? 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



eitaltcr der Weltkriege aus, in dessen Anfängen wir uns 
Aber dahinter erscheint das zweite Element der unge- 
heuren Umwälzung, die Weltrevolution. Was will sie? Worin be- 
steht sie? Was hat das Wort im tiefsten Grunde zu bedeuten? Man 
versteht seinen vollen Inhalt heute so wenig wie den geschichtlichen 
Sinn des ersten Weltkrieges, der eben hinter uns liegt. Es handelt 
sich nicht um die Bedrohung der Weltwirtschaft durch den Bolsche- 
wismus von Moskau, wie es die einen, und nicht um die „Befreiung" 
der Arbeiterklasse, wie es die andern meinen. Das sind nur Fragen 
der Oberfläche. Vor allem: diese Revolution droht nicht erst, son- 
dern wir stehen mitten darin, und nicht erst seit gestern 
sondern seit mehr als einem Jahrhundert. Sie durchkreuzt den „u 
zontalen" Kampf zwischen den Staaten und Nationen durch den verti- 
kalen zwischen den führenden Schichten der weißen Völ- 
ker und den andern, und im Hintergrund hat schon der weit ge- 
fährlichere zweite Teil dieser Revolution begonnen: der Angriff 
auf die Weißen überhaupt von seiten der gesamten Masse 
der farbigen Erdbevölkerung, die sich ihrer Gemeinschaft 
langsam bewußt wird. 

Dieser Kampf herrscht nicht nur zwischen den Schichten von Men- 
schen, sondern darüber hinaus zwischen den Schichten des Seelen- 
lebens bis in den einzelnen Menschen hinein. Fast jeder von uns hat 
diesen Zwiespalt des Fühlens und Meinens in sich, obwohl er das gar 
nicht weiß. Deshalb kommen so wenige zu der klaren Einsicht, auf 
welcher Seite sie wirklich stehen. Aber gerade das zeigt die innere 
Notwendigkeit dieser Entscheidung, die weit über das persönliche 
Wünschen und Wirken hinausgeht. Mit den Schlagworten, welche 



Kommunismus, Klassenkampf, Kapitalismus und Sozialismus, mit 
denen jeder die Frage genau umschrieben glaubt, weil er nicht 

len ver 




DIE WEISSE WELTREVOLUTION 




auf der gleichen Stufe zu 



so wenig wir im 

wissen. 1 

Aber von der Antike wissen wir genug. Der Höhepunkt der revo- 
lutionären Bewegung liegt in der Zeit von Tib. und G. Gracchus bis 
auf Sulla, aber der Kampf gegen die führende Schicht und deren 
gesamte Tradition begann schon ein volles Jahrhundert früher durch 
C. Flaminius, dessen Ackergesetz von 23a Polybius (II, 21) mit 
Recht als den Anfang der Demoralisation der Volksmasse bezeichnet 
hat. Diese Entwicklung wurde nur vorübergehend durch den Krieg 
gegen Hannibai unterbrochen und abgelenkt, gegen dessen Ende be- 
reits Sklaven in das „Bürgerheer" eingestellt worden sind. Seit der 
Ermordung der beiden Gracchen — und ihres großen Gegners, des 



Mächte altrömischer Tradition schnell dahin. Marius, aus dem nie- 
deren Volk und nicht einmal aus Rom stammend, stellte das erste 
Heer auf, das nicht mehr auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht, 
sondern aus besoldeten, ihm persönlich anhängenden Freiwilligen 
gebildet war, und griff mit ihm rücksichtslos und blutig in die inne- 
ren Verhältnisse Roms ein. Die alten Geschlechter, in denen seit 
Jahrhunderten staatsmännische Begabung und sittliches Pflicht- 
bewußtsein herangezüchtet worden waren und denen Rom seine Stel- 
lung als Weltmacht verdankte, wurden zum guten Teil ausgerottet. 
Der Römer Sertorius versuchte mit den barbarischen Stämmen Spa- 
niens dort einen Gegenstaat zu gründen, und Spartakus rief die 
Sklaven Italiens zur Vernichtung des Römertums auf. Der Krieg 
gegen Jugurtha und die Verschwörung Gatilinas zeigten den Ver- 
fall der herrschenden Schichten selbst, deren entwurzelte Elemente 
jeden Augenblick bereit waren, den Landesfeind und den Pöbel des 
Forums für ihre schmutzigen Geldinteressen zu Hilfe zu rufen. 
Sallust hatte vollkommen recht: Am baren Gclde, nach dem der 
Pöbel und die reichen Spekulanten gleich gierig waren, sind die Ehre 
und Größe Roms, seine Rasse, seine Idee zugrunde gegangen. Aber 
diese großstädtische, von allen Seiten her zusammengelaufene Masse 
wurde — wie heute — nicht von innen heraus mobilisiert und or- 



um 



Druck der 

1 Unt. d. Abendl. 



Schic 
, S. 522 ff., 56off. 




60 



DIE WEISSE WELT REVOLUTION 



für die Zwecke von Geschäftspolitikern und Berufsrevolutionären. 
Aus diesen Kreisen hat sich die „Diktatur von unten" als die not- 
wendige letzte Folge der radikalen demokratischen Anarchie ent- 
wickelt, damals wie heute. Polybius, der staatsmännische Erfahrung 
und einen scharfen Blick für den Gang der Ereignisse besaß, sah das 
schon dreißig Jahre vor C. Gracchus mit Sicherheit voraus : „Wenn 
sie hinter hohen Staatsämtern her sind und sie nicht auf Grund 
persönlicher Vorzüge und Fähigkeiten erhalten können, dann ver- 
schwenden sie Geld, indem sie die Masse auf jede Art ködern und 
verführen. Die Folge ist, daß das Volk durch dies politische Streber- 
ehmen gewöhnt und begehrlich nach Geld ohne 
geht die Demokratie zu Ende, und es tritt die 
Gewalt und das Recht der Fäuste an ihre Stelle. Denn sobald die 
Menge, die von fremdem Eigentum zu leben und die Hoffnung für 
ihren Unterhalt auf den Besitz anderer zu gründen sich gewöhnt hat, 
einen ehrgeizigen und entschlossenen Führer findet, geht sie zur An- 
wendung der Macht ihrer Fäuste über. Und jetzt, sich zusammen- 
rottend, wütet sie mit Mord und Vertreibung und eignet sich den Be- 

s sie völlig verwildert in die Gewalt eines un- 

i Diktators gerät." 1 „Die eigentliche Katastrophe wird 

die Schuld der Masse herbeigeführt werden, wenn sie 
r einen sich geschädigt glaubt, während der 
»eiz der andern, ihrer Eitelkeit schmeichelnd, sie zur Selbst- 
überschätzung verführt. In der Wut wird sie sich erheben, wird bei 
allen Verhandlungen nur der Leidenschaf t Gehör geben, wird denen, 
welche den Staat leiten, keinen Gehorsam mehr leisten, ja ihnen 
nicht einmal Gleichberechtigung zugestehen, sondern in allem das 
Recht der Entscheidung für sich fordern. Wenn es dahin kommt, 
wird der Staat sich mit den schönsten Namen schmücken, denen der 
Freiheit und Regierung des Volkes durch sich selbst, aber in Wirk- 
wird er die schlimmste Form erhalten haben, die Ochlo- 




Diese Diktatur droht heute den weißen Völkern nicht etwa, sondern 
wir befinden uns unter ihrer vollen Herrschaft, und zwar so tief und 

[ gar nicht mehr bemerken. Die „Dikta- 
tur des Proletariats" 
i VI, 9. * VI, 5 7 . 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



und der Parteifunktionäre aller Richtungen, ist eine vollzogene Tat- 
sache, ob die Regierungen nun von ihnen gebildet oder infolge der 
Angst des „Bürgertums' 'von ihnen beherrscht werden. Das hatte Marius 
gewollt, aber er scheiterte an seinem völligen Mangel staatsmänni- 
scher Begabung. Davon besaß sein Neffe Cäsar um so mehr, und er 
hat die furchtbare Revolutionszeit durch seine Form der „Diktatur 
beendet, die an die Stelle der parteimäßigen Anarchie 



die unumschränkte Autorität einer überlegenen Persönlichkeit 
setzte, eine Form, der er für immer den Namen gegeben hat. Seine 
Ermordung und deren Folgen konnten nichts mehr daran ändern. 
Von ihm an gehen die Kämpfe nicht mehr um Geld oder Befriedi- 
gung des sozialen Hasses, sondern nur noch um den Besitz der ab- 




Mit dem Kampf zwischen „Kapitalismus" und „Sozialismus" hat das 
gar nichts zu tun. Im Gegenteil : die Klasse der großen Finanzleute und 
Spekulanten, die römischen equites, was seit Mommsen ganz irre- 
führend mit Ritterschaft übersetzt wird, haben sich mit dem Pöbel 
und seinen Organisationen, den Wahlklubs (sodalicia) und bewaff- 
len wie denjenigen des Milo und Clodius, immer sehr gut 
Sie gaben das Geld her für Wahlen, Aufstände und 
jen, und C.Gracchus hat ihnen dafür die Provinzen zur 
unumschränkten Ausbeutung unter staatlicher Deckung preisgegeben, 
in denen sie namenloses Elend durch Plünderung, Wucher und den 
Verkauf der Bevölkerung ganzer Städte in die Sklaverei verbrei- 
teten, und darüber hinaus die Besetzung der Gerichte, in denen sie 
nun über ihre eigenen Verbrechen urteilen und sich gegenseitig frei- 
sprechen konnten. Dafür versprachen sie ihm alles und sie ließen 
ihn und seine ernstgemeinten Reformen fallen, als sie ihren eigenen 
Vorteil in Sicherheit gebracht hatten. Dieses Bündnis zwischen Börse 
und Gewerkschaft besteht heute wie damals. Es liegt in der natür- 
lichen Entwicklung solcher Zeiten begründet, weil es dem gemein- 
samen Haß gegen staatliche Autorität und gegen die Führer der pro- 
duktiven Wirtschaft entspringt, welche der anarchischen Tendenz auf 
Gelderwerb ohne Anstrengung im Wege stehen. Marius, ein politi- 
scher Tropf wie viele voi 
männer Saturninus und Cinna 
i Unt. d. Abendl.II, S. 566 ff. 



62 



DIE WEISSE WELT REVOLUTION 



und Sulla, der Diktator der nationalen Seite, richtete deshalb nach 
der Erstürmung Roms unter den Finanzleuten ein furchtbares Ge- 



metzel an, von dem sich diese Klasse nie wieder erholt hat. Seit Casar 
verschwindet sie als politisches Element vollständig aus der Ge- 
schichte. Ihr Dasein als politische Macht war mit dem Zeitalter der 





Diese Revolution von der Dauer mehr als eines Jahrhunderts 
hat im tiefsten Grunde mit „Wirtschaft" überhaupt nichts zu 
Sie ist eine lange Zeit der Zersetzung des gesamten Lebens 
Kultur, die Kultur selbst als lebendiger Leib begriffen. Die 
Form des Lebens zerfällt und damit die Kraft, ihr durch 
pferische Werke, deren Gesamtheit die Geschichte der 
Staaten, Religionen, Künste bildet, nach außen hin Ausdruck zu 
geben, nachdem sie bis zur äußersten Höhe ihrer Möglichkeiten ge- 
reift war. Der einzelne Mensch mit seinem privaten Dasein folgt 
dem Zuge des Ganzen. Sein Tun, Sichverhalten, Wollen, Denken, 
Erleben bilden mit Notwendigkeit ein wenn auch noch so geringes 



fragen verwechselt, so ist das schon ein Zeichen des Verfalls, der 
auch in ihm vor sich geht, ob er das nun fühlt und erkennt oder 
nicht. Es versteht sich von selbst, daß Wirtschaftsformen in dem- 
selben Grade Kultur sind wie Staaten, Religionen, Gedanken und 
Künste. 1 Was man aber meint, sind nicht die Formen des Wirt- 



wachsen und vergehen, sondern der materielle Ertrag der wirtschaft- 
Tatigkeit, den man heute mit dem Sinn von Kultur und 
tweg gle 
materialistisch und mechanir* 1 
Weltkatastrophe betrachtet. 
Der Schauplatz dieser Revol 
gleich ur 




i Unt. d. Abendl. II, S. 586 ff. 



DIE WEISSE W ELT REVOLÜT ION 



Kulturen sich zu bilden beginnt. 1 In dieser steinernen und versteinern- 
den Welt sammelt sich in immer steigendem Maße entwurzeltes 
Volkstum an, das dem bäuerlichen Lande entzogen wird, „Masse" in 
erschreckendem Sinne, formloser menschlicher Sand, aus dem man 
zwar künstliche und deshalb flüchtige Gebilde kneten kann, Par- 
teien, nach Programmen und Idealen entworfene Organisationen, in 
dem aber die Kräfte natürlichen, durch die Folge der Generationen 
mit Tradition gesättigten Wachstums abgestorben sind, vor allem die 
natürliche Fruchtbarkeit allen Lebens, der Instinkt für die Dauer 
der Familien und Geschlechter. Der Kinderreichtum, das erste 
Zeichen einer gesunden Rasse, wird lästig und lächerlich. 2 Es ist das 
ernsteste Zeichen des „Egoismus" großstädtischer Menschen, selb- 
ständig gewordener Atome, des Egoismus, der nicht das Gegenteil 
des heutigen Kollektivismus ist — dazwischen besteht überhaupt 
kein Unterschied; ein Haufen Atome ist nicht lebendiger als ein 



kommen, in der schöpferischen Sorge für sie, in der Dauer seines 
Namens fortzuleben. Dafür schießt die kahle Intelligenz, diese einzige 
Blüte, das Unkraut des städtischen Pflasters, in unwahrscheinlichen 
Mengen auf. Das ist nicht mehr die sparsame, tiefe Weisheit alter 
Bauern geschlechter, die so lange wahr bleibt, als die Geschlechter 
dauern, zu denen sie gehört, sondern der bloße Geist des Tages, der 
Tageszeitungen, Tagesliteratur und Volksversammlungen, der Geist 
ohne Blut, der alles kritisch zernagt, was von echter, also ge- 
wachsener Kultur noch lebendig aufrecht steht. 
Denn Kultur ist ein Gewächs. Je vollkommener eine Nation die 
Kultur repräsentiert, zu deren vornehmsten Schöpfungen immer die 
Kulturvölker selbst gehören, je entschiedener sie im Stile echter 
Kultur geprägt und gestaltet ist, desto reicher ist ihr Wuchs ge- 
gliedert nach Stand und Rang, mit ehrfurchtgebietenden Distanzen 
vom wurzelhaften Bauerntum bis hinauf in die führenden Schichten 
der städtischen Gesellschaft. Hier bedeuten Höhe der Form, der 
Tradition, Zucht und Sitte, angeborene 



eit der leitenden 

Geschlechter, Kreise, Persönlichkeiten das Leben, das Schicksal 
des Ganzen. Eine Gesellschaft in diesem Sinne bleibt von Ver- 
den Eint 



64 DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



sie hat aufgehört zu sein. Vor allem besteht sie aus Rangord- 
nungen und nicht aus „Wirtschaf tsklassen". Diese englisch- 
materialistische Ansicht, die sich seit Adam Smith mit und aus 
dem zunehmenden Rationalismus entwickelt hat und vor fast hun- 
dert Jahren von Marx in ein flaches und zynisches System gebracht 
worden ist, wird dadurch nicht richtiger, daß sie sich durchgesetzt 
hat und in diesem Augenblick das gesamte Denken, Sehen und 
Wollen der weißen Völker beherrscht. Sie ist ein Zeichen des Ver- 
falls der Gesellschaft und weiter nichts. Schon vor dem Ende dieses 
Jahrhunderts wird man sich mit Erstaunen fragen, wie diese Wer- 
tung gesellschaftlicher Formen und Stufen nach „Arbeitgebern" und 
„Arbeitnehmern 4 , nach der Menge von Geld also, die der einzelne 
als Vermögen, Rente oder Lohn hat oder haben will, überhaupt ernst 
genommen werden konnte, nach der Geldmenge, nicht nach der 
standesgebundenen Art, wie es erworben und zu echtem Besitz ge- 
staltet wird. Es ist der Standpunkt von Proleten und Parvenüs, die 
im tiefsten Grunde derselbe Typus sind, dieselbe Pflanze des groß- 
städtischen Pflasters, vom Dieb und Agitator der Gasse bis zum 
Spekulanten der Börse und der Parteipolitik. 

„Gesellschaft" aber bedeutet Kultur haben, Forin haben bis in den 
kleinsten Zug der Haltung und des Denkens hinein, Form, die durch 
eine lange Zucht von ganzen Geschlechtern herangebildet worden ist, 
strenge Sitte und Lebensauffassung, welche das gesamte Sein mit 
tausend nie ausgesprochenen und nur selten ins Bewußtsein treten- 
den Pflichten und Bindungen durchdringt, damit aber alle Menschen, 
die dazu gehören, zu einer lebendigen Einheit macht, oft weit über 
die Grenzen einzelner Nationen hinaus wie den Adel der Kreuzzüge 
und des 1 8. Jahrhunderts. Das bestimmt den Rang : das heißt „Welt 
haben". Das wird schon unter den germanischen Stämmen beinahe 
mystisch mit Ehre bezeichnet. Diese Ehre war eine Kraft, welche 
das ganze Leben der Geschlechter durchdrang. Die persönliche Ehre 
war nur das Gefühl der unbedingten Verantwortung des einzelnen 
für die Standesehre, die Berufsehre, die nationale Ehre. Der einzelne 
lebte das Dasein der Gemeinschaft mit, und das Dasein der andern 
war zugleich das seine. Was er tat, zog die Verantwortung aller nach 
sich, und damals starb ein Mensch nicht nur seelisch dahin, wenn er 
ehrlos geworden, wenn sein oder der Seinen Ehrgefühl durch eigene 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



65 



oder fremde Schuld tödlich verletzt worden war. Alles was man Pflicht 
nennt, die Voraussetzung jedes echten Rechts, die Grund- 
substanz jeder vornehmen Sitte, geht auf Ehre zurück. Seine Ehre hat 
das Bauerntum wie jedes Handwerk, der Kauf mann und der Off izier, 
der Beamte und die alten Fürstengeschlechter. Wer sie nicht hat, 
wer „keinen Wert darauf legt", vor sich selbst wie vor seinesgleichen 
anständig dazustehen, ist „gemein". Das ist der Gegensatz zur Vor- 
nehmheit im Sinne jeder echten Gesellschaft, nicht die Armut, der 
Mangel an Geld, wie es der Neid heutiger Menschen meint, nachdem 
man jeden Instinkt für vornehmes Leben und Empfinden verloren 
hat und die öffentlichen Manieren aller „Klassen" und „Parteien" 
gleich pöbelhaft geworden sind. 

.In die alte vornehme Gesellschaft Westeuropas, die am Ende des 
1 8. Jahrhunderts an Höhe des Lebens und Feinheit der Formen etwas 
erreicht hatte, das nicht mehr übertroffen werden konnte und in man- 
chen Zügen schon zerbrechlich und krank zu werden begann, wuchs 
noch in den vierziger Jahren das erfolgreiche englisch-puritanische 
Bürgertum hinein, das den Ehrgeiz hatte, dem Hochadel in seiner 
Lebensführung gleich zu werden und wenn möglich mit ihm zu 
verschmelzen. Darin, in der Einverleibung immer neuer Ströme 
menschlichen Lebens, zeigt sich die Kraft alter gewachsener Formen. 
Aus den Plantagenbesitzern im spanischen Süd- und im englischen 
Nordamerika war längst eine echte Aristokratie nachdem Vorbild spa- 
nischer Granden und englischer Lords geworden. Die letztere wurde 
im Bürgerkrieg von 1861 — 65 vernichtet und durch die Parvenüs von 
Newyork und Ghikago mit dem Protzentum ihrer Milliarden ersetzt. 
Noch nach 1870 wuchs das neue deutsche Bürgertum in die strenge 



hinein. Aber das ist die Voraussetzung gesellschaftlichen Daseins: 
was durch Fähigkeiten und durch innere Kraft in höhere Schichten 
aufsteigt, muß durch die Strenge der Form und die Unbedingtheit 
der Sitte erzogen und geadelt werden, um in den Söhnen und Enkeln 
diese Form nunmehr selbst zu repräsentieren und weiterzugeben. 
Eine lebendige Gesellschaft erneuert sich unaufhörlich durch wert- 
volles Blut, das von unten, von außen einströmt. Es beweist die 
innere Kraft der lebendigen Form, wieviel sie aufnehmen, verfei- 
1 kann, ohne unsicher zu werden. Sobald aber < 



Form des Lebens nicht mehr selbstverständlich ist, sobald sie 
der Kritik in bezug auf ihre Notwendigkeit auch nur Gehör ver- 




Notwendigkeit der Gliederung, die jeder Art Mem 
lieber Tätigkeit ihren Rang im Leben des Ganzen anweist, den Sinn 
für die notwendige Ungleichheit der Teile also, die mit organischer 
Gestaltung identisch ist. Man verliert das gute Gewissen des eigenen 
Rangesund verlernt es, Unterordnung als selbstverständlich entgegen- 
zunehmen, aber in demselben Grade verlernen es, erst in Folge da- 
von, die unteren Schichten, diese Unterordnung zu leisten und als 
notwendig und berechtigt anzuerkennen. Auch hier beginnt, wie 
jedesmal, die Revolution von oben, um dann Revolten von unten Platz 

gar nicht daran gedacht hatten sie zu verlangen. Aber die Gesellschaft 
beruhtauf der Ungleichheit der Menschen. Das ist eine naturhafteTat- 

schöpferische und unbegabte, ehrenhafte, faule, ehrgeizige und stille 
Naturen. Jede hat ihren Platz in der Ordnung des Ganzen. Je be- 
deutender eine Kultur ist, je mehr sie der Gestaltung eines edlen tie- 
rischen oder pflanzlichen Leibes gleicht, desto größer sind die Unter- 
schiede der aufbauenden Elemente, die Unterschiede, nicht die 
Gegensätze, denn diese werden erst verstandesmäßig hinein- 
getragen. Kein tüchtiger Knecht denkt daran, den Bauern als seines- 
gleichen zu betrachten, und jeder Vorarbeiter, der etwas leistet, ver- 
bittet sich den Ton der Gleichheit von Seiten ungelernter Arbeiter. 
Das ist das natürliche Empfinden menschlicher Verhältnisse. 
„Gleiche Rechte 4 4 sind wider die Natur, sind die Zeichen der Ent- 
artung altgewordener Gesellschaften, sind der Beginn ihres unauf- 
haltsamen Zerfalls. Es ist intellektuelle Dummheit, den durch Jahr- 
hunderte herangewachsenen und durch Tradition gefestigten Bau 
der Gesellschaft durch etwas anderes ersetzen zu wollen. Man er- 



etwas anc 
nur der Tod. 

Und so ist es im tiefsten Grunde auch gemeint. Man will nicht 
verändern und verbessern, sondern zerstören. Aus jeder Gesellschaft 
sinken bestandig entartete Elemente nach unten, verbrauchte Fa- 

hochgezüchteter Geschlechter, 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



Mißratene und Minderwertige an Seele und Leib — man sehe sich 
nur einmal die Gestalten in diesen Versammlungen, Kneipen, Um- 
zügen und Krawallen an : irgendwie sind sie alle Mißgeburten, Leute, 
die statt tüchtiger Rasse im Leib nur noch Rechthabereien und Rache 
für ihr verfehltes Leben im Kopfe haben, und an denen der Mund der 
wichtigste Körperteil ist. Es ist die Hefe der großen Städte, der eigent- 
lichePöbel,dieUnterweltin jedem Sinne, die sich überall im bewuß- 
ten Gegensatz zur großen und vornehmen Welt bildet und im Haß 
gegen sie vereinigt : politische und literarische Boheme, verkommener 
Adel wie Catilina und Philipp Egalitc, der Herzog von Orleans, geschei- 
terte Akademiker, Abenteurer und Spekulanten, Verbrecher und Dir- 
nen, Tagediebe, Schwachsinnige, untermischt mit ein paar traurigen 
Schwärmern für irgendwelche abstrakten Ideale. Ein verschwomme- 
nes Rachegefühl für irgendein Pech, das ihnen das Leben verdarb, 
die Abwesenheit aller Instinkte für Ehre und Pflicht und ein hem- 
mungsloser Durst nach Geld ohne Arbeit und Rechten ohne Pf lichten 
führt sie zusammen. Aus diesem Dunstkreis gehen die Tageshelden 
aller Pöbelbewegungen und radikalen Parteien hervor. Hier erhält 
das Wort Freiheit den blutigen Sinn sinkender Zeiten. Die Freiheit 
von allen Bindungen der Kultur ist gemeint, von jeder Art von 
Sitte und Form, von allen Menschen, deren Lebenshaltung sie in 



Armut, schweigende Pflichterfüllung, Entsagung im Dienst einer 
Aufgabe oder Überzeugung, Größe im Tragen eines Schicksals, Treue, 
Ehre, Verantwortung, Leistung, alles das ist ein steter Vorwurf für 
die „Erniedrigten und Beleidigten". 

Denn, es sei noch einmal gesagt, der Gegensalz von vornehm ist nicht 
arm, sondern gemein. Das niedrige Denken und Empfinden dieser 
Unterwelt bedient sich der entwurzelten, in all ihren Instinkten un- 
sicher gewordenen Masse der großen Städte, um seine eigenen Ziele 
und Genüsse der Rache und Zerstörung zu erreichen. Deshalb wird 
dieser ratlosen Menge ein „Klassenbewußtsein" und ...Klassenhaß' 4 
durch ununterbrochenes Reden und Schreiben eingeimpft, deshalb 
werden ihr die führenden Schichten, die „Reichen", die „Mächtigen", 
in gerader Umkehrung ihrer wirklichen Bedeutung als Verbrecher und 
Ausbeuter gezeichnet, und endlich bietet man sich ihr als Retter 
und Führer an. x\lle „Volksrechte", die oben aus krankem Gewissen 



und haltlosem Denken rationalistisch beschwatzt wurden» werden nun 
als selbstverständlich von unten, von den „Enterbten" gefordert, nie- 
ias Volk, denn sie sind immer denen gegeben worden, die 



ran gedacht hatten sie zu verl 



anzufangen wußten. Sie sollten da3 auch gar nicht, denn diese Rechte 
waren nicht für das „Volk" bestimmt, sondern für die Hefe der sich 
selbst ernennenden „Volksvertreter** , aus der sich nun ein radikaler 
Parteiklüngel bildet, der den Kampf gegen die gestaltenden Mächte 
der Kultur als Gewerbe betreibt und die Masse durch das } 



So entsteht der Nihilismus, der abgründige Haß des Proleten 
gegen die überlegene Form jeder Art, gegen die Kultur als deren In- 
Ergebnis. Daß jemand Form hat, sie beherrscht, sich in ihr wohl 
fühlt, während der gemeine Mensch sie als Fessel empfindet, in der 
er sich nie frei bewegen wird, daß Takt, Geschmack, Sinn für Tra- 
dition Dinge sind, die zum Erbgut hoher Kultur gehören und Er- 
ziehung voraussetzen, daß es Kreise gibt, in denen Pflichtgefühl und 
Entsagung nicht lächerlich sind, sondern auszeichnen, das erfüllt 
ihn mit einer dumpfen Wut, die in früheren Zeiten sich in die 
Winkel verkroch und dort nach Art de3 Thersites geiferte, heute 
aber breit und gemein als Weitanschauung über allen weißen 



meisten wissen gar nicht, in welchem Grade sie selbst es sind. Die 
schlechten Manieren aller Parlamente, die allgemeine Neigung, ein 
nicht sehr sauberes Geschäft mitzumachen, wenn es Geld ohne Arbeit 
verspricht, Jazz und Niggertänze als seelischer Ausdruck aller Kreise, 
der Frauen, die Sucht von Literaten, in Ro- 



nehmen Gesellschaft unter allgemeinem Beifall lächerlich zu machen, 
und der schlechte Geschmack bis in den hohen Adel und alte Fürsten- 
häuser hinein, sich jedes gesellschaftlichen Zwanges und jeder alten 
Sitte zu entledigen, beweisen, daß der Pöbel tonangebend geworden 
ist. Aber während man hier über die vornehme Form und die alte 
Sitte lächelt, weil man sie nicht mehr als Imperativ in sich trägt, und 
ohne zu ahnen, daß es sich hier um 
fesseln sie dort den Haß, der 




DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



was nicht jedem zugänglich ist, was emporragt und endlich hinunter 
soll. Nicht nur Tradition und Sitte, sondern jede Art von verfeinerter 
Kultur, Schönheit, Grazie, der Geschmack sich zu kleiden, die Sicher- 
heit der Umgangsformen, die gewählte Sprache, die beherrschte Hal- 
tung des Körpers, die Erziehung und Selbstzucht verrät, reizen das 
gemeine Empfinden bis aufs Blut. Ein vornehm gebildetes Gesicht, 
ein schmaler Fuß, der sich leicht und zierlich vom Pflaster hebt, 
widersprechen aller Demokratie. Das otium cum dignitate statt 
von Boxkämpfen und Sechstagerennen, die Ken- 
edle Kunst und alte Dichtung, selbst die Freude 
an einem gepflegten Garten mit schönen Blumen und sel- 
tenen Obstarten ruft zum Verbrennen, Zerschlagen, Zertram- 
peln auf. Die Kultur ist in ihrer Überlegenheit der Feind. Weil 
man ihre Schöpfungen nicht verstehen, sie sich innerlich nicht an- 
eignen kann, weil sie nicht „für alle" da sind, müssen sie vernichtet 



Und das ist die Tendenz des Nihilismus: Man denkt nicht daran, die 
Masse zur Höhe echter Kultur zu erziehen; das ist anstrengend und 
unbequem und vielleicht fehlt es auch an gewissen Voraussetzungen. 
Im Gegenteil: Der Bau der Gesellschaft soll eingeebnet wer- 
den bis herab auf das Niveau des Pöbels. Die allgemeine 
Gleichheit soll herrschen: alles soll gleich gemein sein. Die gleiche 
Art, sich Geld zu verschaffen und es für die gleiche Art von Ver- 
gnügen auszugeben: panem et circenses — mehr braucht man nicht 
und mehr versteht man nicht. Überlegenheit, Manieren, Geschmack, 
jede Art von innerem Rang sind Verbrechen. Ethische, religiöse, 
nationale Ideen, die Ehe um der Kinder willen, die Familie, die 
Staatshoheit sind altmodisch und reaktionär. Das Straßenbild von 
Moskau zeigt das Ziel, aber man täusche sich nicht: Es ist nicht der 
von Moskau, der hier gesiegt hat. Der Bolschewismus ist in 
teuropa zu Hause, und zwar, seit die englisch-materialistische 



lehrige Schüler verkehrten, im Jakobinismus des Kontinents einen 
wirksamen Ausdruck gefunden hatte. DieDemokratie des 1 9. Jahr- 
hunderts ist bereits Bolschewismus; sie besaß nur noch nicht 
den Mut zu ihren letzten Folgerungen. Es ist nur ein Schritt vom Ba- 
stillesturm und der die allgemeine Gleichheit befördernden Guillo- 



tine zu den Idealen und Straßenkämpfen von i848, dem Jahr des 
kommunistischen Manifest», und ein zweiter von dort bis zum Sturz 
ten Zarentums. Der Bolschewismus droht uns 



it, sondern er beherrscht uns. Seine Gleichheit ist die Gieich- 
setzung des Volkes mit dem Pöbel, seine Freiheit ist die Befreiung 
von der Kultur und ihrer Gesellschaft. 



Zu einer hohen Kultur gehört endlich noch etwas, und zwar mit ] 
wendigkeit, was gemeine Naturen in Delirien von Neid und Haß aus- 
brechen laßt: Der Besitz im ursprünglichen Sinne, der alte und 
dauerhafte Besitz, der von den Vätern her ererbt oder in Jahrzehnten 
strenger und entsagungsvoller eigener Arbeit herangewachsen ist und 
für Söhne und Enkel gepflegt und vermehrt wird. Reichtum ist 
nicht nur eine Voraussetzung, sondern vor allem die Folge und der 
Ausdruck von Überlegenheit, und nicht nur durch die Art, wie er 
erworben wurde, sondern auch durch die Fähigkeit ihn als Element 
echter Kultur zu gestalten und zu verwenden. Es muß endlich ein- 
mal offen gesagt werden, obwohl es der Gemeinheit dieser Zeit 
ins Gesicht schlägt: Besitzen ist kein Laster, sondern eine Be- 
gabung, deren die wenigsten fähig sind. Auch sie ist das Ergebnis 
einer langen Zucht durch gehobene Geschlechter hin, zuweilen, bei 
den Gründern aufsteigender Familien, durch Selbsterziehung auf 
der Grundlage starker Rasseeigenschaften erworben, beinahe nie 
durch urwüchsige Genialität allein vorhanden, ohne alle Voraus- 
setzungen von erziehender Umgebung und vorbildlicher Vergangen- 
heit. Es kommt nicht darauf an, wieviel, sondern was und in wel- 



Man kann Besitz als Mittel zur Macht wollen und haben. Das ist die 
Unterordnung von wirtschaftlichen Erfolgen unter politische Ziele 



Lenken von Staaten Geld gehört. So hat es Cäsar aufgefaßt, als er 
Gallien eroberte und plünderte, und in unseren Tagen Gecil Rhodes, 
als er die südafrikanischen Minen in seine Hand brachte, um hier ein 
Reich nach seinem persönlichen Geschmack zu gründen. Kein armes 
Volk kann große politische Erfolge haben, und wenn es Armut für 




DIE WEISSE WELTREVOLUTION 71 

und Reichtum für Sünde hält, so verdient es auch keine, 
sitz ist eine Waffe. Das war auch der letzte, kaum ganz bewußte 
lischer See- und Landfahrten : Mit den erbeuteten Schätzen 
und warb ein Gefolge. Eine königliche Frei- 
aigkeit kennzeichnet diese Art des Willens zur Macht. Sie ist 
das Gegenteil von Habgier und Geiz wie von parvenuhafter Ver- 
schwendung und von weibischer Nächstenliebe. Aber davon ist hier 
nicht die Rede. Ich spreche vom Besitzen, insofern es die Tradition 
einer Kultur in sich hat. Es bedeutet innere Überlegenheit : es zeich- 
net vor ganzen Klassen von Menschen aus. Es gehört nicht viel 
dazu: Ein kleiner gut gehaltener Bauernhof, ein tüchtiges Hand- 
werk von gutem Ruf, ein winziger Garten, dem man die Liebe an- 
sieht, mit der er gepflegt wird, das saubere Haus eines Bergmanns, 
ein paar Bücher oder Nachbildungen alter Kunst. Worauf es ankommt 
ist, daß man diese Dinge in eine persönliche Welt verwandelt, mit 
seiner Persönlichkeit durchdringt. Echter Besitz ist Seele und erst 
insofern echte Kultur. Ihn auf seinen Geldwert hin abschätzen ist 
irgendwie ein Mißverständnis oder eine Entweihung. Ihn nach 
dem Tode des Besitzers teilen ist eine Art Mord. Das war 
die germanische Auffassung vom Erbe: Es war der Idee nach eine 
unauflösliche Einheit, von der Seele des Verstorbenen durchdrun- 



versteht das? Wer hat heute noch Augen und Gefühl für den inner- 
lichen, beinahe metaphysischen Unterschied von Gut und Geld? 1 
Echte Güter sind etwas, mit dem man innerlich verwachsen ist, wie 
ein germanischer Krieger mit seinen Waffen, die er als Eigen- 
tum mit ins Grab nimmt, wie ein Bauer mit seinem Hof, auf dem 
schon die Väter gearbeitet haben, ein Kaufmann alten Schlages mit 
der Firma, die den Namen der Familie trägt, ein echter Handwerker 
mit seiner Werkstatt und seinem Beruf: etwas, dessen Wert 
für den Besitzer nicht in Geld auszudrücken ist, sondern in einer 
Verbundenheit besteht, deren Zerstörung ans Leben greift. Deshalb 
ist wirklicher „Besitz* 'im tieferen Sinne immer unbeweglich. Er haftet 
am Besitzer. Er besteht aus Dingen und ist nicht in ihnen „angelegt" 2 
wie die bloßen Vermögen, die nur quantitativ zu bestimmen und ganz 
eigentlich heimatlos sind. Deshalb streben aufsteigende Familien im- 

1 Unt. d. Abendl. II, S. »97 ff. « Polit. Schriften S. i38ff., 269. 



72 



DIE WEISSE WELT REVOLUTION 



mer nach Grundbesitz als der Urform des unbeweglichen Gutes, und 
sinkende suchen ihn in Bargeld zu verwandeln. Auch darin liegt der 
Unterschied von Kultur und Zivilisation. 

„Geld" aber ist ein Abstraktum, 1 eine reine Wertmenge im Sinne 
des Marktes, die nur mathematisch an irgendeiner Währung ge- 



vom Glücksspiel und Einbruchsdiebstahl bis zu Geschäften mit 
Politik und zur Börsenspekulation mit Summen, die man gar nicht 
hat, und andererseits es jederzeit hinauswerfen zu können, ist sein 
einziger Reiz. Darin sind Proleten und Parvenüs einig, und auch 
darin besteht eine innere Verwandtschaft zwischen Bolschewismus 
und Amerikanismus. Was ein zu Geld gekommener radikaler Partei- 
führer oder Spekulant „hat", soll gezeigt werden. Die Schlösser 
reichgewordener Jakobiner, geriebener Finanzleute seit den fran- 
zösischen Steuer pächtern des 18. Jahrhunderts und nordamerika- 



im alten Rom, wo Martial, Juvenal, Petronius über diese Zurschau- 
stellung zu schnell erworbener Geldmassen spotteten. Natürlich gibt 
man alles für sich selbst aus, auch wenn man etwas stiftet, ver- 
geudet oder andern gönnerhaft in die Tasche steckt: aber der Zu- 
schauer ist das Wesentliche. Die ganze Welt soll es wissen, sonst 
hat es keinen Sinn. Man genießt das Geldausgeben als solches. Man 
will den Mäzen spielen, weil man davon gehört hat, aber man bringt 
es nur zu dem, was man in München eine Würzen nennt, zum gön- 
nerhaften Protzen, zu einer Kopie des römischen Trimalchio. Man 



denen nur der Preis wichtig ist. Der gesamte Kunsthandel lebt heute 
wie zur Zeit Casars 2 davon. Aber die sinnlosesten „Verschwender'* 



saubere Gewinne und Parteigehälter vertrunken und verspielt wer- 
den, nicht in den Bürgerhäusern alter Patriziate und auf den Land- 
gütern alter Familien. Aber weil man die Kultur, die Tradition 
des Genießens, die aus wenigem viel zu machen versteht, nicht hat 
und nicht mit Geld erwerben kann, so frißt trotz alledem der Neid auf 
diese Art von Überlegenheit an allen Menschen von gemeiner Natur. 



(1920), III, S. 97— 117. 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



73 



Es muß immer wieder gesagt werden, gerade heute, wo in Deutsch- 
land „nationale* * Revolutionäre von den Idealen allgemeiner Armut 
und Armseligkeit schwärmen wie ein Bettelmönch, im schönen Ein- 
verständnis mit den Marxisten den Reichtum jeder Art für ein Ver- 
brechen und Laster erklären und gegen alles zu Felde ziehen, was 
diese Überlegenheit in Dingen von hoher Kultur hat, was durch 
Fähigkeit des Erwerbens, Erhaltens und Verwendens von Besitz 
andere überragt — und zwar aus Neid auf diese Fähigkeiten, die 
ihnen selbst gänzlich fehlen: Hohe Kultur ist mit Luxus und 
Reichtum untrennbar verbunden. Luxus, das selbstverständ- 
liche Sichbewegen unter Dingen von Kultur, die seelisch zur Persön- 
lichkeit gehören, ist die Voraussetzung aller schöpferischen Zeiten 
zum Beispiel für das Entstehen einer großen Kunst, die es heute 
auch darum nicht mehr gibt, weil seit dem vorigen Jahrhundert das 
wirkliche Kunst! eben erloschen ist, das sich stets in der Gesell- 
schaft abgespielt hat, zwischen Kennern und Schöpfern bedeutender 
Werke und nicht zwischen Kunsthändlern, Kunstkritikern und Snobs, 
dem „Volk" oder gar dem „Publikum". Und Reichtum, der sich in 
wenigen Händen und in führenden Schichten sammelt, ist unter 
anderem die Voraussetzung für die Erziehung von Generationen 
führender Köpfe durch das Vorbild einer hochentwickelten Um- 
gebung, ohne die es kein gesundes Wirtschaftsleben und keine Ent- 
wicklung politischer Fähigkeiten gibt. Ein Erfinder kann arm sein, 
aber in einem bettelhaften Volk kommt seine Begabung nicht durch 
große Aufgaben zur Reife und oft nicht einmal zum Bewußtsein 
ihrer selbst. Und nicht anders steht es mit staatsmännischen und 
künstlerischen Anlagen. Deshalb wurden die Deutschen seit i648 
das weltfremde Volk der Theoretiker, Dichter und Musiker, denn 
allein dazu braucht man kein Geld. Sie verwechselten, und ver- 
wechseln heute noch, romantische Einbildungen mit wirklicher 
Politik, denn das kostet nichts — außer dem Erfolg. Aber Reichtum 
ist ein relativer Begriff . Was in England um 1770 geringen Wohlstand 
bedeutete, war in Preußen sehr reich. Und ebenso Armut : Der preu- 
ßische Adel warinseiner guten Zeit arm und deshalb im Gegensatz zum 
englischen arm an staätsmännischen Begabungen, die zu ihrer Ausbil- 
dung, von seltenen Ausnahmen abgesehen, das Leben in der großen 
Welt voraussetzen; er war arm, aber er empfand das nicht als 



DIE 



Armut. 1 Der Mangel an bedeutendem Besitz oder Einkommen ist 
kein Unglück oder Elend, so wenig ihr Vorhandensein Glück im all- 



über sie, die Empfindung von Unterschieden als Gegensätze, der 
Neid macht ihn dazu. Damit man sich elend fühle, muß einem das 
bescheidene Dasein erst verekelt werden, und das ist die Aufgabe 
der Demagogen aller Zeiten gewesen. Im Nürnberg Albrecht Dürers 
etwa freute sich der einfache Mann ohne Neid über die Pracht der 
höheren Stände. Etwas von dem Glanz der Vaterstadt fiel auch auf 
ihn und er bedachte, daß seine Lebenshaltung davon abhing und 
daß er sich in der der anderen niemals glücklich fühlen würde. Ge- 
rade der unverbildete Verstand von Bauernknechten und 
werkern ist sich bewußt, daß Besitz vor allem Verantwortung, 
und Arbeit bedeutet. Aber seit dem 18. Jahrhundert, 




Menschenschicksal ist der Neid planmäßig gezüchtet worden, der 
dem fleißigen und tüchtigen Arbeiter von Natur ganz fernliegt, und 
zwar von der Unterwelt der demokratischen Berufspolitiker und 
Schreiber des Tages wie Rousseau, die daran verdienten oder ihren 
kranken Gefühlen Genüge taten. Die Gier nach dem Eigentum der 
andern, das als Diebstahl gezeichnet wird, ohne daß man die damit 
verbundene Arbeit und Begabung achtet oder beachtet, wird zur 
Weltanschauung ausgebildet und hat eine entsprechende Politik 
von unten zur Folge. 

Und erst damit beginnt die Revolution der Gesellschaft eine wirt- 
schaftliche Tendenz zu erhalten, die in agitatorischen Theorien zum 
Ausdruck kommt, nicht in bezug auf Organisation und Ziele der 



und Erträge. Es werden Gegensätze zwischen reich und arm ge- 
schaffen, um zwischen ihnen den Kampf zu eröffnen. Man will 
„alles" haben, was da ist, was sich zu Geld machen läßt, durch Ver- 
teilung oder Gemeinbesitz, und zerstören, was man nicht haben 
kann, damit es die anderen nicht weiter besitzen. Aus diesem Fühlen 



1 Selbstverständlich auch nicht als Vorzug:, was man manchen Tröpfen immer wieder 
sagen muß. Lautes Lob der Armut ist genau so verdächtig wie Schmähen des Reich - 
tums: Dahinter 
machen. 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



75 



deren sich selbst ernennenden Wortführern ist alles entstanden, was 
in der Antike gleiche Verteilung der Guter und was heute Klassen- 
kampf und Sozialismus heißt. Es ist der Kampf zwischen unten und 
oben in der Gesellschaft, der geführt wird zwischen den Führern 
der Nationen und den Führern aus der Unterweit, denen die Klassen 
der Handarbeiter nur Objekte und Mittel zu eigenen Zwecken sind, 
und in welchem die altgewordene Gesellschaft nur eine schwäch- 
liche Verteidigung, ihre geborenen Feinde aber einen schonungs- 
losen Angriff führen, bis der heraufkommende Gäsarismus der Dik- 



16 



Damit sind die Voraussetzungen gewonnen, um die „weiße" Re- 
volution in ihrem vollen Umfang, ihren Zielen, ihrer Dauer und 
ihrer logischen Entwicklung zu zeichnen, was bisher niemand gewagt 
hat und was vielleicht auch nicht möglich war, bevor sie mit den 
Folgen des ersten Weltkrieges in die entscheidenden Jahrzehnte trat. 
Die Skepsis, die Voraussetzung des historischen Blicks, des Unter- 
sichsehens der Geschichte — wie die Menschenverachtung die not- 
wendige Voraussetzung tiefer Menschenkenntnis ist — steht nicht 
am Anfang der Dinge. 

Diese Revolution beginnt nicht mit dem materialistischen Soziaiis- 
mus des 19. Jahrhunderts und noch viel weniger mit dem Bol- 
schewismus von 19 17. Sie ist seit der Mitte des 18. Jahrhunderts „in 
Permanenz 41 , um eine ihrer geläufigen Phrasen zu gebrauchen. Da- 
malsbegann die rationalistische Kritik, die sich stolz Philosophie der 
Aufklarung 1 nannte, ihre zerstörende Tätigkeit von den theologi- 
schen Systemen des Christentums und der überlieferten Welt- 
anschauung der Gebildeten, die nichts war als Theologie ohne den 



der Gesellschaft, zuletzt den gewachsenen Formen der Wirtschaft 
zuzuwenden. Sie begann die Begriffe Volk, Recht und Regierung 
ihres geschichtlichen Gehaltes zu entleeren und gestaltete den Unter- 
schied von reich und arm ganz materialistisch zu einem morali- 

* Unt. d. Abendl. II, S. 3 7 4ff. 



76 DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



sehen Gegensatz, der mehr agitatorisch behauptet als ehrlich ge- 
glaubt wurde. Hierher gehört die Nationalökonomie, die als 
materialistische Wissenschaft um 1770 von A. Smith im Kreise 
von Hartley, Priestley, Mandeville und Bentham begründet wurde 
und die sich anmaßte, die Menschen als Zubehör zur wirtschaft- 
lichen Lage zu betrachten 1 und die Geschichte von den Begriffen 



Auffassung der Arbeit nicht als Lebensinhalt und Beruf, sondern 
als Ware, mit welcher der Arbeitende Handel treibt. 2 All die Ge- 
schichte gestaltenden Leidenschaften und schöpferischen Züge star- 
ker Persönlichkeiten und Rassen sind vergessen, der auf Befehlen 
und Herrschen, auf Macht und Beute gerichtete Wille, der Erfinder- 



folge und auf der anderen Seite der Neid, die Faulheit, die giftigen 
Gefühle der Minderwertigen. Es bleiben nur die „Gesetze" des Gel- 
des und Preises, die in Statistiken und graphischen Kurven ihren 
Ausdruck finden. 

Daneben beginnt der Flagellantismus der sinkenden, allzu geistreich 
gewordenen Gesellschaft, die zu ihrer eigenen Verhöhnung Beifall 
klatscht: „Figaros Hochzeit" des Herrn ..de" Beaumarchais, die dem 
königlichen Verbot zum Trotz im Schlosse Gennevilliers vor dem 
grinsenden Hofadel aufgeführt wurde, die Romane des Herrn „de" 3 



verschlungen worden sind, die Zeichnungen Hogarths, Gullivers 
Reisen und Schillers „Rauber" und „Kabale und Liebe", die einzi- 



das durch ihr Publikum, das durchaus nicht den unteren Schichten 
angehörte. 4 Was in den „durchgeistigten" Kreisen der hohen Gesell- 
schaft selbst geschrieben wurde, die Briefe des Lord Ghesterfield, 
die Maximen des Herzogs von Larochefoucauld, das Systeme de la 

* Unt. d. Abend!. II, S. 583 ff. 2 Polit. Schriften S. 79 ff. 

3 Nicht nur diese kleinbürgerlichen Hochstapier und Literaten, die Söhne des Uhrmachers 
Caron und des Steuerbeamten Arouet, sondern auch „de" Robespierre hat, noch zur 
Zeit der Nationalversammlung, widerrechtlich den Adelstitel geführt. Sie wollten zur 
Gesellschaft gerechnet werden, die sie zerstörten: ein charakteristischer Zug aller Revo- 
lutionen dieser Art. 

* Ebenso die sozialistischen Stücke und Romane der achtziger Jahre und die bolsche- 
wistischen nach 19 18, die in allen Großstädten Westeuropas sich bei denen bezahlt 
machten, gegen die ihr Angriff gerichtet war. 



nature des Barons Holbach, war außerhalb derselben schon infolge 
der geistreichen Diktion unverständlich, ganz abgesehen davon, daß 
und Schreiben nicht einmal in den mittleren Schichten ali- 




waren. 



so besser verstanden die Berufsdemagogen der städtischen Unter- 
die nichts gelernt hatten als Reden halten und Pamphlete 
schreiben, daß sich aus diesen Schriften vortreffliche Schlagworte 
für die Agitation unter der Masse gewinnen ließen. In England began- 
nen die Unruhen 1762 mit dem Fall Wilkes\ der wegen Beleidigung 
der Regierung durch die Presse verurteilt und daraufhin immer wieder 
ins Unterhaus gewählt wurde. In Versammlungen und bei planmäßi- 
gen Krawallen (riots) war „Wilkes und Freiheit" der Ruf, mit dem 




wurden. Damals hat Marat sein erstes Pamphlet: „The chains of 
slavery" in England und für Engländer geschrieben (1774). Der Abfall 
der amerikanischen Kolonien ( 1776), ihreErklärung der allgemeinen 
Menschenrechte und der Republik, ihre Freiheitsbäume und Tugend- 
bündler sind letzten Endes von englischen Bewegungen dieser Jahre 
ausgegangen. 1 Von 1779 an entstehen die Klubs und geheimen Ge- 
sellschaften, die das ganze Land durchsetzten, eine Revolution an- 
strebten und seit 1790, die Minister Fox und Sheridan an der Spitze, 
dem Konvent und den Jakobinern Glückwunschadressen, Briefe und 
Ratschlage sandten. Wäre die herrschende englische Plutokratie nicht 
sehr viel energischer gewesen als der feige Hof von Versailles, so 
wäre die Revolution in London noch früher ausgebrochen als in 
Paris. 2 Die Pariser Klubs, vor allem die Feuillants und Jakobiner, 
sind einschließlich ihrer Programme, ihrer Verzweigung über ganz 
Frankreich und der Form ihrer Agitation nichts als Kopien der eng- 



ihrer Mitglieder durch Citizen und das neugebildete citizeness über- 
setzt und die Phrase Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wie die 

1 Die Lpy alisten, die nicht republikanisch gesinnten Amerikaner, wanderten daraufhin 
mehr oder weniger freiwillig nach Kanada aus. 

2 In Deutschland kam es nicht dazu, weil eine eigentliche Hauptstadt mit dem Zubehör 
von Agitatoren, Winkelliteraten und Berufsverbrechern fehlte. Die Ideologen waren da. 
Man braucht nur an Georg Forster und andere zu erinnern, die in Mainz und dann 
in Paris als Jakobiner auftraten und für ihre Ansicht starben. 1793 mußten die poli- 
tischen Klubs nach englisch-französischem Vorbild durch ein Reichsgesetz verboten 
werden. 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 

Könige als Tyrannen übernommen. Seitdem und 
die Form der Vorbereitung von Revolutionen ge- 



Bezeichnung 
heute noch i 



und Versammlungsfreiheit als Mittel dafür, die Kernforderung 
des politischen Liberalismus, des Freiseinwollens von den ethischen 
Bindungen alter Kultur, ein Verlangen, das nichts weniger als all- 
gemein war, sondern von den Schreiern und Schreibern so bezeich- 
net wurde, die davon leben und die privaten Zwecke dieser Freiheit 



„Gebildeten'", die Spießbürger des 19. Jahrhunderts, die Opfer 
dieser Freiheit also, erhoben sie zu einem Ideal, das jeder Kritik 
seiner Hintergründe entzogen blieb. Heute, wo wir nicht nur die Hoff- 
nungen des 18., sondern auch die Folgen des 20. Jahrhunderts vor 
uns sehen, läßt sich endlich darüber reden. Freiheit wovon, wofür? 



Diese Freiheiten haben sich überall als das herausgestellt, was sie 
sind: Mittel des Nihilismus zur Einebnung der Gesellschaft, Mittel 
der Unterweit, um der Masse der großen Städte diejenige Meinung 
einzuimpfen — eine eigene hat sie nicht — , die für diesen Zweck die 
erfolgversprechendste ist. 1 Deshalb werden diese Freiheiten — auch 
das allgemeine Wahlrecht gehört dazu — in dem Augenblick wieder 
hekämpft, beseitigt und in ihr Gegenteil verkehrt, wo sie ihren 
Zweck erfüllt und ihren Nutznießern die Gewalt in die Hände ge- 
geben haben, im jakobinischen Frankreich von 1793, im bolschewi- 
stischen Rußland und in der Gewerkschaftsrepublik Deutschland 
seit 1918. Wann gab es hier mehr Zeitungsverbote. 1820 oder 1920? 
siheit war immer die Freiheit derjenigen, welche die Macht er- 
1, nicht beseitigen wollten. 
Dieser aktive Liberalismus schreitet folgerichtig vom Jako- 
binismus zum Bolschewismus fort. Das ist kein Gegensatz des 
Denkens und Wollens. Es ist die Früh- und die Spätform, Anfang 
und Ende einer einheitlichen Bewegung. Und zwar beginnt sie um 
1770 mit sentimentalen „sozialpolitischen" Tendenzen : Der Bau der 
Gesellschaft nach Stand und Rang soll zerstört werden; man will zur 
„Natur", zur gleichförmigen Horde zurück. An Stelle des Standes soll 
das treten, was nicht von Stand ist, Geld und Geist, Kontor und Ka- 



theder, die Rechner und Schreiber, an Stelle des formvollen Lebens 
das Leben ohne Form, ohne Manieren, ohne Pf lichten, ohne Distanz. 
Erst um i8&o geht diese sozialpolitische Tendenz in eine „wirt- 
schaftspolitische" über. Statt gegen den Vornehmen wendet man sich 
gegen den Besitzenden, vom Bauern bis zum Unternehmer. Nicht 
mehr Gleichheit der Rechte wird den Anhängern der Bewegung ver- 
sprochen, sondern das Vorrecht der Besitzlosen, nicht mehr Frei- 
heit für alle, sondern die Diktatur des großstädtischen Pro- 
letariats, der „Arbeiterschaft* 4 . Aber das ist kein Unterschied der 
Weltanschauung — die war und blieb materialistisch und utilitari- 
stisch — j sondern einzig und allein der revolutionären Methode : Die 
berufsmäßige Demagogie mobilisiert einen anderen Teil der Volker 



Bauern und Handwerker gewandt, in England wie in Frankreich. 
Die Cahiers der ländlichen und kleinstädtischen Abgeordneten von 
1789, welche den „Aufschrei der Nation" darstellen sollten, waren 
von berufsmäßigen Schreiern 1 verfaßt und von den Wählern zum 
großen Teil gar nicht begriffen worden. Diese Schichten hatten zu- 
viel wurzelhafte Tradition, um als Mittel und Waffe unbedingt 
brauchbar zu sein. Ohne den Pöbel der östlichen Vororte wäre die 
Herrschaft des Terrors in Paris nicht möglich gewesen. Man brauchte 
die stets gegenwärtigen Fäuste der großen Stadt. Es ist nicht wahr, 
daß es sich damals um „wirtschaftliche" Nöte gehandelt hätte. 
Steuern und Zölle waren Hoheitsrechte. Das allgemeine Wahlrecht 
sollte ein Schlag gegen die Gesellschaftsordnung sein. Daher der 
Mißerfolg des Konvents: Bauerntum und Handwerk waren für Berufs- 




Sie waren fleißig und hatten etwas gelernt; außerdem 
wollten sie den Hof oder die Werkstatt den Söhnen hinterlassen: 
Programme und Schlagworte wirkten hier nicht auf die Dauer. 
Erst um i84o fand die sich gleichförmig fortentwickelnde schrei- 
bende und redende Demagogie Westeuropas 2 ein besseres Mittel für 

1 A.Wahl, Studien zur Vorgeschichte der französischen Revolution (1901), S. a4. 

2 Die bekannten Führer gehören sämtlich dem „Bürgertum" an. Owen, Fourier, 
waren „Unternehmer", Marx und Lassalle „Akademiker"; schon Danton und 
pierre waren Juristen, Marat Mediziner gewesen, 
nalisten. Es ist kein einziger Arbeiter darunter. 



Der Rest sind Literaten und Jour- 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



ihre Zwecke: die entwurzelte Masse, die sich auf der nordeuropä- 
ischen Kohle ansammelte, 1 den Typus des Industriearbeiters. Man 
muß sich endlich über eine Tatsache klar werden, die im Nebel der 
parteipolitischen Kämpfe gründlich verborgen geblieben ist: Nicht 
das „wirtschaftliche Elend", das der „Kapitalismus" über das „Pro- 
letariat" gebracht hat, führte zur Entstehung des Sozialismus, son- 
dern die Berufsagitation hat diese „zielbewußte" Anschauung der 
Dinge geschaffen, wie sie vor 1789 das vollkommen falsche Bild 
verelendeten Bauernstandes zeichnete, 2 und zwar lediglich 



hoffte. Und das gebildete und halbgebildete Bürgertum hat daran 
geglaubt und tut es heute noch. Das Wort „Arbeiter" wurde seit 
i848 mit einem Heiligenschein umgeben, ohne daß man über seinen 
Sinn und die Grenzen seiner Anwendung nachdachte. Und die „Ar- 
beiterklasse", die es in der wirtschaftlichen Struktur keines einzigen 



Schneidergeselle, der Metaliarbeiter, Kellner, Bankbeamte, Acker- 
knecht und Straßenkehrer miteinander zu tun? — wird zu einer 



weißen Völker in zwei Fronten gespalten hat, von denen die eine ein 
Heer von Parteifunktionären, Massenrednern, Zeitungsschreibern 




vate Ziele einstehen muß. Das ist der Zweck ihres Daseins. Der Ge- 
ensatz von Kapitalismus und Sozialismus — Worte, um deren De- 
tion sich seitdem eine ungeheure Literatur vergebens bemüht 
denn man definiert Schlagworte nicht — ist nicht aus irgend- 
einer Wirklichkeit abgeleitet, sondern lediglich eine aufreizende 
Konstruktion. Marx hat sie in die Verhältnisse der englischen Ma- 
schinenindustrie hineingetragen, nicht herausgelesen, und selbst das 
war nur möglich, wenn er vom Vorhandensein aller Menschen ab- 
sah, die mit Landwirtschaft, Handel, Verkehr und Verwaltung be- 
schäftigt waren. Dies Bild der Zeit hatte so wenig mit der Wirk- 
lichkeit und deren Menschen zu tun, daß sich sogar theoretisch der 
Süden vom Norden getrennt hat: die Grenze liegt etwa auf der Linie 

1 Polit. Schriften S.33iff. 

2 Das bald darauf aufgegeben wurde, weil es nicht die erhoffte Wirkung hatte. In 
Wirklichkeit ging es den französischen Bauern unter Ludwig XVI. besser als 
sonst in Europa. 3 Unt. d. Abendl. II, S. 696 f. 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



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Lyon-Mailand. Im romanischen Süden, wo man wenig zum Leben 
braucht und wenig arbeitet, wo es keine Kohle und deshalb keine 
Großindustrie gibt, wo man rassemäßig anders denkt und fühlt, 
entwickelten sich die anarchistischen und syndikalistischen Tenden- 
zen, deren Wunschbild die Auflösung der großen Voiksorganismen 
in staatlose, kleine, sich selbst genügende Gruppen, Beduinen- 
schwärme des Nichtstuns ist. Im Norden aber, wo der strenge Winter 
die strengere Arbeit fordert und sie ebenso möglich als notwendig 
macht, wo zum Kampf gegen den Hunger seit Urzeiten der gegen 
die Kälte tritt, entstehen aus dem germanischen, auf Organisation 
im Großen gerichteten Willen zur Macht die Systeme des auto- 
ritären Kommunismus mit dem Endziel einer proletarischen 
Diktatur über die ganze Welt. Und erst weil im Laufe des 19. Jahr- 
hunderts die Kohlenfelder dieser nördlichen Länder eine Ansamm- 
lung von Menschen und von nationalem Reichtum von einer bis 
dahin unerhörten Größenordnung veranlaßt haben, hat auch die 
Demagogie in ihnen und über ihre Grenzen hinaus eine ganz andere 
Stoßkraft erhalten. Die hohen Löhne des englischen, deutschen und 
amerikanischen Fabrikarbeiters siegten, gerade weil sie nichts weni- 
ger als „Hungerlöhne'* waren, über die niedrigen der Landarbeiter 
im Süden, und erst infolge dieser „kapitalistischen" Überlegenheit 
der Parteimittel hat der Marxismus über die Theorien von Fou- 
rier und Proudhon gesiegt. Das Bauerntum wird von ihnen allen 
nicht mehr beachtet. Es hat als Waffe für den Klassenkampf 
wenig Wert, schon weil es auf dem Straßenpflaster nicht jeder- 
zeit zur Verfügung steht und weil seine Traditionen von Besitz und 
Arbeit den Absichten der Theorie widersprechen, und es wird des- 
halb von den Schlagworten des kommunistischen Programms igno- 



fältiger man ist, desto weniger bemerkt man, was alles außerhalb 
dieses Schemas bleibt. 

Jede Demagogie gestaltet ihr Programm nach dem Teil der Nation, 
auf dessen Mobilmachung sie für ihre Zwecke rechnet. In Rom war 
es von Flaminius bis auf C. Gracchus die italische Bauernschaft, 
die Land haben wollte, um es zu bestellen. Daher die Aufteilung des 
gallischen Gebietes südlich vom Po durch den ersten und die 




82 DIE WEISSE WELTREVOLU TJÖN 

Aber Gracchus ging zugrunde, weü die Bauern, die in Masse iut Ab- 
stimmung nach Rom gewandert waren, der Ernte wegen wieder nach 



Ctnna und CatOina auf die Sklaven und vor allem statt auf die 
Tagelöhner, wie es m den griechischen Städten seit Kleon 

i Straßen Roms herumlungerte und gefüttert und unterhalten sein 
et circenses! Gerade weil man sich ein Jahrhundert 




für sich iu gewinnen, sind sie zu einem Umfang an- 
gewachsen, der noch nach Casar eine ständige Gefahr für die Re- 
gierung des Weltreiches bildete. Je minderwertiger ein solches Ge- 
folge, desto brauchbarer ist es. Und deshalb hat der Bolschewis- 
mus seit der Pariser Kommune von 1871 weit weniger auf den ge- 
lernten fleißigen und nüchternen Arbeiter zu wirken gesucht, der an 

sindel der großen Städte, das in jedem Augenblick bereit ist zu plün*- 
dern und zu morden. Deshalb haben in Deutschland von 1 918 bis in 
die Jahre der großen Arbeitslosigkeit hinein die regierenden Gewerk- 
schaftsparteien sich wohl gehütet, zwischen Arbeitslosen und Ar- 
beitsscheuen einen gesetzlichen Unterschied entstehen zu lassen. Da- 
mals hat neben der Unterstützung angeblicher Arbeitslosigkeit ein 
Mangel an Arbeitern bestanden, vor allem auf dem Lande, und nie- 
mand wollte das ernstlich verhindern. Die Krankenkassen wurden 
von Tausenden mißbraucht, um der Arbeit aus dem Wege zu gehen. 
Die Arbeitslosigkeit ist in ihren Anfängen vom Marxismus geradezu 
gezüchtet worden. Der Begriff des Proletariers schließt die Freude 
an der Arbeit aus. Ein Arbeiter, der etwas kann und stolz auf seine 

revolutionäre Bewegung. Er muß proletarisiert, demoralisiert wer- 
den, um für sie brauchbar iu sein. Das ist der eigentliche Bolschewis- 
mus, in dem diese Revolution ihren Höhepunkt, abe 
nicht ihren Abschluß findet. 

Es kennzeichnet die Oberflächlichkeit des Denkens der 




betrachtet wird, die Westeuropa zu erobern drohe. In Wirklichkeit ist 
er in Westeuropa entstanden, und zwar mit folgerichtiger Notwendig- 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



keit als letzte Phase der liberalen Demokratie von 1770 und als letzter 
Triumph des politischen Rationalismus, das heißt der Anmaßung, 
die lebendige Geschichte durch papierne Systeme und Ideale meistern 
zu wollen. Sein erster Ausbruch großen Stils war nach den Juni- 
schlachten von 1848 die Pariser Kommune von 1871, die nahe 
daran war, ganz Frankreich zu erobern. 1 Nur die Armee 
verhindert 2 — und die deutsche Politik, die diese Armee mors 
stützte. Damals, nicht 191 7 in Rußland, sind aus den 
einer belagerten Hauptstadt heraus die Arbeiter- und Soldatenräte 
entstanden, die Marx, ein Tropf in praktischen Fragen, als mögliche 
Form einer kommunistischen Regierung seitdem empfohlen hat. 
Damals sind zuerst die massenhaften Abschlachtungen der Gegner 
durchgeführt worden, die Frankreich mehr Tote gekostet haben als 
der ganze Krieg gegen Deutschland. Damals herrschte in Wirklich- 
keit nicht die Arbeiterschaft, sondern das arbeitsscheue Gesindel, 
Deserteure, Verbrecher und Zuhälter, Literaten und Journalisten, 
darunter wie immer viele Ausländer, Polen, Juden, Italiener, selbst 
Deutsche. Aber es war eine spezifisch französische Form der Revo- 
lution. Von Marx war keine Rede, um so mehr von Proudhon, Fou- 
rier, den Jakobinern von 1792. Ein loser Bund der großen Städte, 
das heißt ihrer untersten Schichten, sollte das flache Land und die 
Kleinstädte unterwerfen und beherrschen — ein typischer Gedanke 
des romanischen Anarchismus. Etwas Ähnliches hatte schon i4.ii 
der Fleischer Caboche mit dem militärisch organisierten Pöbel von 
Paris versucht. Das ist 19 17 in Petersburg nur kopiert worden, mit 
einem gleichartigen „westlichen" Pöbel und mit den gleichen Schlag- 
worten. Die „asiatische" Seite dieser russischen Revolution aber, 



nicht gelungen ist, die westlich-kommunistischen Formen der Sowjet- 
herrschaft zu überwinden, hat ihren frühesten Ausdruck im Auf- 



gebiet ergriff und zeitweise Moskau und damit den Zarismus be- 
drohte. Das religiös begeisterte 5 Bauerntum, darunter ganze Kosa- 
1 Der Aufstand kam auch in Lyon, Marseille, Toulouse, Creusot, Narbonne zum Aus- 



kenstämme, tötete alles, was ihm von Vertretern des peir mischen, 
„europäisch" geformten Rußland in die Hände fiel, Offiziere, Be- 



im! den Vertretern der Sowjetbürokratie gemacht, und ihre Nach- 



das Moskau dieser Tage immer we~ 




aus ihrem Denken heraus 
tz zut 

int 

„weißen" Völker brütet und dem diese Demokratie und dieser Sozia- 
lismus selbst angehören, und dem Haß, der sich in allen farbigen 
Bevölkerungen der Welt gegen die weiße Zivilisation als Gesamtheit, 
einschließlich ihrer revolutionären Strömungen, ansammelt. 
Wie aber stellt sich die Gesellschaft" der westeuropäischen Zivili- 
sation, die sich im heutigen England gern als Mittelklasse, auf dem 

denn sie hat den Bauern eben- 
— , seit 1770 und vor allem seit i848 zur Tat- 
Stenden Revolution von unten, 
von 

ieiten, die der Presse, Vereine. 





unterstützt. 

tuelle Selbstmord war die große Mode des vorigen Jahrhunderte. 
Es muß immer wieder festgestellt werden: diese Gesellschaft, 
in der sich eben jetzt der Übergang von der Kultur zur Zivili- 
sation vollzieht, ist krank, krank in ihren Instinkten und deshalb 
auch in ihrem Geist. Sie wehrt sich nicht. Sie findet Geschmack an 
ihrer Verhöhnung und Zersetzung. Sie zerfällt seit der Mitte des 



1 Dasselbe drückt in Frankreich seit 1789 citoyen und bourgeois tatsächlich aus, den 
Willen der Stadt gegen das Land. 



DIE WEISSE WELTREVOLU T 10 N 



18. Jahrhunderts immer mehr in liberale und erst im Wider- 
spruch, in der verzweifelten Abwehr dagegen konservative Kreise. 
Auf der einen Seite gibt es eine kleine Zahl von Menschen, die aus 
sicherem Instinkt für die politische Wirklichkeit sehen, was vor sich 
geht und wohin es geht, die zu verhindern, zu mäßigen, abzuleiten 
versuchen, Persönlichkeiten nach Art des Scipionenkreises in Rom, 
aus dessen Anschauungen heraus Polybius sein Geschichtswerk ge- 
schrieben hat: Burke, Pitt, Wellington, Disraeli in England, Metternich 
und Hegel, später Bismarck in Deutschland, Tocqueville in Frankreich. 
Sie haben die erhaltenden Mächte der alten Kultur, den Staat, die Mon- 
archie, das Heer, das Standesbewußtsein, den Besitz, das Bauerntum 
zu verteidigen versucht, selbst wo sie Einwände hatten, und werden 



ralen erfunden worden ist und heute von ihren marxistischen Zög- 
lingen auf sie selbst angewendet wird, seit sie die letzten Folgen 

schritt. Auf der andern Seite befindet sich nahezu alles, was städti- 
sche Intelligenz besitzt oder sie zum mindesten als Zeichen zeit- 
gemäßer Überlegenheit und als Macht der Zukunft bewundert — 
einer Zukunft, die heute schon Vergangenheit ist. 
Hier wird der Journalismus zum herrschenden Ausdruck der Zeit 
ä ist der kritische esprit des 18. Jahrhunderts, zum Ge- 
geistig Mittelmäßige verdünnt und verflacht, und man 
vergesse nicht, daß das griechische krinein scheiden, zerlegen, zer- 
setzen bedeutet. Drama, Lyrik, Philosophie, sogar Naturwissenschaft 
und Geschichtsschreibung 1 werden Leitartikel und Feuilleton, mit 
einer maßlosen Tendenz gegen alles, was konservativ ist und einmal 
Ehrfurcht eingeflößt hat. Die Partei wird zum liberalen Ersatz für 
Stand und Staat, die Revolution in der Form periodischer Massen- 
wahlkämpfe mit allen Mitteln des Geldes, des „Geistes" und selbst 
nach gracchischer Methode der körperlichen Gewalt zu einem ver- 



gäbe staatlichen Daseins entweder bekämpft und verhöhnt oder zu 

1 Man denke an Haeckel. Mommsens Römische Geschichte ist das Pamphlet eines 
Achtundvierzigers gegen „Junker und Pfaffen", mit einer vollkommen irreführenden 
Darstellung der inneren Entwicklung Roms. Erst Eduard Meyer, „Untersuchungen zur 
Geschichte der Gracchen" und „Caesars Monarchie und das 
hat eine unparteiische Geschichte dieser Vorgänge geschrieben. 



einem Parteigeschäft herabgewürdigt. Aber die Blindheit und Feig- 
heit des Liberalismus geht weiter. Toleranz wird den zerstören- 
den Mächten der großstadtischen Hefe gewährt, nich 

rus 



von einem 

anderen weitergegeben. In Parts und London, vor 
Schweiz wird nicht nur ihr Dasein, sondern auch ihre untergrabende 
Tätigkeit sorgfältig geschätzt. Die liberale Presse hallt wider von 
Verwünschungen der Gefängnisse, in denen die Märtyrer der Frei- 
heit schmachten, und kein Wort fällt zugunsten der zahllosen Ver- 
teidiger der staatlichen Ordnung bis zum einfachen Soldaten und 



sprengt, zu Krüppeln geschossen, abgeschlachtet worden sind. 1 
Der Begriff des Proletariats, von sozialistischen Theoretikern mit 

tiert. Er hat mit den tausend Arten strenger und sachkundiger Ar- 
beit — vom Fischfang bis zum Buchdruck, vom Baumfällen bis 
zum Führen einer Lokomotive — in Wirklichkeit gar nichts zu tun, 
wird von fleißigen und gelernten Arbeitern verachtet und als Schimpf 
empfunden und sollte lediglich dazu dienen, diese dem großstädti- 
schen Pöbel zum Zwc 

nung einzugliedern. Erst der Liberalismus, indem er ihn 
verwe 



entstand eine armselige Literatur 
zum 

icu zur 




1 Alt Schopenha uer in seinem Testament eine Summe für die 

{bestimmt hatte, die i$£8 iß Berlin gefallen waren — niemand 
et der Revolution gedacht — , erhob sich unter Führung von 
über diese Schmach. Aus demselben Geist stammt das 
bolschewistischen Massenmörder Trotzkt, als ihm die „bürgerlichen" 

•as den staatlichen Schutz für den Besuch eines Kurortes verweigerten 



der 
hatte an 
ein 
mit 



scheue, der Hetzer, der Verbrecher. Es gilt von nun an als modern 
und überlegen, die Welt von unten zu sehen, aus der Perspektive von 
Winkelkneipen und verrufenen Gassen. Damals, in liberalen Kreisen 
Westeuropas und nicht 1918 in Rußland, ist der „Proletkult" ent- 
standen. Eine folgenschwere Einbildung, halb Lüge, halb Dumm- 
heit, beginnt sich der Köpfe von Gebildeten und Halbgebildeten zu 
bemächtigen: „Der Arbeiter" wird der eigentliche Mensch, das 
eigentliche Volk, der Sinn und das Ziel der Geschichte, der Politik, 
der öffentlichen Sorge. Daß alle Menschen arbeiten, daß vor allem 
andere mehr und wichtigere Arbeit leisten, der Erfinder, der Ingenieur, 
der Organisator, ist vergessen. Niemand wagt es mehr, den Rang, die 
Qualität einer Leistung als Maßstab ihres Wertes zu betonen. Nur 
die nach Stunden gemessene Arbeit gilt noch als Arbeit. Und „der 
Arbeiter" ist zugleich der Arme und Unglückliche, der Enterbte, 
Hungernde, Ausgebeutete. Auf ihn allein werden die Worte Sorge 



fruchtbarer Landstriche, seine Mißernten, die Gefahren von Hagel 
und Frost, die Sorge um den Verkauf seiner Erzeugnisse, an das 
elende Leben armer Handwerker in Gebieten mit starker Industrie, 
an die Tragödien kleiner Kaufleute, Hochseefischer, Erfinder, Ärzte, 
die in Angst und Gefahr um jeden Bissen täglichen Brotes ringen 
zu Tausenden unbeachtet zugrunde gehen. „Der 
findet Mitleid. Er allein wird unterstützt, versorgt, 
[ehr noch, er wird zum Heiligen, zum Götzen der 
'eit erhoben. Die Welt dreht sich um ihn. Er ist der Mittelpunkt 
Wirtschaft und das Schoßkind der Politik. Das Dasein aller 
ist um seinetwillen da; die Mehrheit der Nation hat ihm zu dienen. 
Man darf sich über den dummen und dicken Bauern, den trägen 
Beamten, den betrügerischen Krämer lustig machen, um vom Rich- 
ter, Offizier und Unternehmer, den bevorzugten Objekten gehässiger 
Witze, ganz zu schweigen, aber niemand würde es wagen über „den 
Arbeiter" den gleichen Hohn auszugießen. Alle anderen sind 
Müßiggänger, nur er nicht. Alle sind Egoisten, nur er nicht. 
Das gesamte Bürgertum schwingt die Weihrauchfässer vor diesem 
Phantom; wer auch noch soviel in seinem eigenen Leben leistet, 
muß vor ihm auf den Knien liegen. Sein Dasein ist über jede 
Kritik erhaben. Erst das Bürgertum hat diese Art die Dinge 




88 DIE WEISSE WELTREVOLUTION 

zu sehen völlig durchgesetzt, und die geschäftstüchtigen „Volks- 
vertreter" schmarotzen von dieser Legende. Sie haben sie den Lohn- 
arbeitern so lange erzählt, bis sie daran glaubten, bis sie sich wirklich 
mißhandelt und elend fühlten, bis sie jeden Maßstab für ihre Lei- 
stung und ihre Wichtigkeit verloren. Der Liberalismus gegenüber 
den Tendenzen der Demagogie ist die Form, in welcher die kranke 
Gesellschaft Selbstmord begeht. Mit dieser Perspektive gibt sie sich 
selbst auf. Der Klassenkampf, der gegen sie geführt wird, erbittert 
und erbarmungslos, findet sie zur politischen Kapitulation bereit, 
nachdem sie geistig die Waffen des Gegners schmieden half. Nur 
das konservative Element, so schwach es im 19. Jahrhundert war, 
kann und wird das Ende in Zukunft verhindern. 



es denn, der diese Masse der Lohnarbeiter in den großen 
Städten und Industriegebieten aufgewiegelt, organisiert, mit Schlag- 
worten versehen, durch eine zynische Propaganda in den Klassenhaß 
gegen die Mehrheit der Nation hineingetrieben hat? Es ist nicht der 
fleißige und gelernte Arbeiter, der „ Straubinger" (Vagabund), wie 
er im Briefwechsel zwischen Marx und Engels voller Verachtung 
genannt wird. Engels spricht im Brief an Marx vom 9. Mai i85i 
von dem demokratischen roten und kommunistischen Mob und 
schreibt am 1 1 . Dezember 1 85 1 an Marx : „Was ist denn noch an 
dem Gesindel, wenn es verlernt sich zu schlagen?" Der Hand- 
arbeiter ist nur Mittel für die privaten Ziele der Berufsrevolutio- 
näre. Er soll sich schlagen, um ihren Haß gegen die konservativen 
Machte und ihren Hunger nach Macht zu befriedigen. 1 Wollte man 
nur Arbeiter als Vertreter von Arbeitern anerkennen, so würden die 
Bänke auf der linken Seite aller Parlamente sehr leer werden. Unter 




1 Friedrich Lenz „Staat und Marxismus" (1921, 1 

Staaten der heiligen Allianz, vor a 
Kußland, kämpfte, bevor er um i843 Sozialist wurde, und daß er viel 
war, seine eigene kommunistische Theorie vom industriellen Proletariat 
und durch eine ganz andre von der 
Störung des Zarismus sicherer zu erreichen. 



Marx nur 
ißen und 
>ch bereit 
zu lassen 



I 

DIE WEISSE WELTREVOLU TION 89 

Fabrik gearbeitet hätte. 1 Die politische Boheme Westeuropas, in 
welcher der Bolschewismus sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts 
entwickelt, setzt sich aus denselben Elementen zusammen wie die, 
welche den revolutionären Liberalismus seit 1770 ausgebildet hat. 
Ob i848 in Paris die Februarrevolution für den „Kapitalismus*' 
oder die Junischlachten gegen ihn erfolgten, ob Freiheit und Gleich- 
heit" 1789 die des Mittelstandes, 1793 und 19 18 die der untersten 
Schichten bedeuten sollten, in Wirklichkeit waren die Ziele der An- 
stifter dieser Bewegungen und ihre letzten Motive genau die glei- 
chen, und nicht anders steht es heute in Spanien und morgen viel- 
leicht in den Vereinigten Staaten. Es ist der geistige Mob, an der Spitze 
die Gescheiterten aller akademischen Beruf e. die geistigUnf ähigenund 
seelisch irgendwie Gehemmten, woraus die Gangsters der liberalen und 
bolschewistischen Auf stände hervorgehen. Die „Diktatur des Prole- 
tariats", das heißt ihre eigene Diktatur mit Hilfe des Proletariats, 
soll ihre Rache an den Glücklichen und Wohlgeratenen sein, das letzte 
Mittel, die kranke Eitelkeit und die gemeine Gier nach Macht zu 
stillen, die beide aus der Unsicherheit des Selbstgef ühls hervorwachsen, 
der letzte Ausdruck verdorbener und fehlgeleiteter Instinkte. 
Unter all diesen Juristen, Journalisten, Schulmeistern, Künstlern, 
Technikern pflegt man einen Typus zu übersehen, den verhängnis- 
vollsten von allen : den gesunkenen Priester. Man vergißt den tiefen 
Unterschied zwischen Religion und Kirche. Religion ist das persön- 
liche Verhältnis zu den Mächten der Umwelt, wie es sich in Welt- 
anschauung, frommem Brauch und entsagendem Sichverhalten aus- 
drückt. Eine Kirche ist die Organisation einer Priesterschaft, die um 
ihre weltliche Macht kämpft. Sie bringt die Formen des religiösen 
Lebens und damit die Menschen, die an ihnen hängen, in ihre Gewalt. 
Sic ist deshalb die geborene Feindin aller anderen Machtgebilde, des 
Staates, des Standes, der Nation. Während der Perserkriege agi- 
tierte die Priesterschaft von Delphi für Xerxes und gegen die na- 
tionale Verteidigung. Cyrus konnte Babylon erobern und den letzten 
Chaldäerköriig Naboned stürzen, weil die Priesterschaft des Marduk 

1 Um so mehr Arbeiter, die sich durch Fleiß und Begabung „hinaufgearbeitet" haben, 
finden sich im Unternehmertum. Bebel hat das mit wütendem Haß als Verrat an der 
Arbeiterklasse gebrandmarkt. Nach seiner Meinung führt der „zielbewußte" Weg des Ar- 
beiters nur über den Parteisekretär zum Massenführer. 



mit ihm 




war. Dm 

sind voll von Beispielen dieser Art, und im 



und Priestertum nur dann — zuweilen — ein Waffenstillstand, 
wenn man sich von einem Bündnis gegen dritte den größeren Vorteil 
versprach- „Mein Reich ist nicht von dieser Welt" ist der tiefe Aus- 
spruch, der von jeder Religion gilt und den jede Kirche verrät. 
Aber jede Kirche verfällt mit der Tatsache ihres Daseins den Be- 
dingungen geschichtlichen Lebens: sie denkt machtpolitisch und 
materiell-wirtschaftlich ; sie fuhrt Krieg auf diplomatische und mili- 
tärische Art und teilt mit anderen Machtgebilden die 
Jugend und Alter, Aufstieg und Verfall. Und vor allem ist 
Hinblick auf konservative Politik und Tradition in Staat und Gesell- 
schaft nicht ehrlich und kann es als Kirche gar nicht sein. Alle 



jungen Se 

gegen Stand und Rang und für allgemeine Gleichheit eingenom- 
men. 1 Und die Politik altgewordener Kirchen, so konservativ sie in 
bezug auf sich selbst sind, ist immer in Versuchung in bezug auf den 
Staat und die Gesellschaft liberal, demokratisch, sozialistisch, also 
einebnend und zerstörend zu werden, sobald der Kampf zwischen 
Tradition und Mob beginnt. 

Alle Priester sind Menschen und damit wird das Schicksal der Kir- 
che von dem menschlichen Material abhangig, aus dem sie sich 
in schneller Folge zusammensetzt. Selbst die strengste Auswahl — 
und sie ist in der Regel meisterhaft — kann nicht verhindern, daß 
in Zeiten des gesellschaftlichen Verfalls und revolutionären Ab- 
baus aller alten Formen die gemeinen Instinkte und das gemeine 
Denken häufig und selbst herrschend werden. Es gibt in allen der- 
artigen Zeiten einen Priester pöbei, der die Würde und den Glauben 
der Kirche durch den Schmutz parteipolitischer Interessen schleift, 
sich mit den Mächten des Umsturzes verbündet und mit den senti- 
mentalen Phrasen von Nächstenliebe und Schutz der Armen die 
Unterwelt zur Zerstörung der gesellschaftlichen Ordnung entfesseln 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 91 

und schicksalhaft verbunden ist. Eine Religion ist das, was die Seele 
der Gläubigen ist. Eine Kirche ist so viel wert, als das Priester- 
material wert ist, aus dem sie sich zusammensetzt. 
Am Anfang der französischen Revolution stehen neben dem Schwärm 
verkommener Abbes, die seit Jahren gegen Monarchie, Autorität 
und Stand spöttisch schrieben und redeten, der entlaufene Mönch 
Fouche und der abtrünnige Bischof Talleyrand. beide Königsmörder 
und Millionendiebe, napoleonische Herzöge und Landesverräter. Seit 
i8i5 wird der christliche Priester immer häufiger Demokrat, So- 
zialist und Parteipolitiker. Das Luthertum, das kaum, und der Puri- 
tanismus, der gar keine Kirche ist, haben als solche keine destruk- 
tive Politik getrieben. Der einzelne Priester ging für sich „ins 
Volk" und zur Arbeiterpartei, redete in Wahlversammlungen und 
Parlamenten, schrieb über „soziale" Fragen und endete als Dema- 
goge und Marxist. Der katholische Priester aber, stärker gebunden, zog 
die Kirche auf diesem Wege hinter sich her. Sie wurde in die Agitation 
der Parteien verflochten, zuerst als wirksames Mittel und zuletzt als 
Opfer dieser Politik. Eine katholische Gewerkschaftsbewegung mit 
sozialistisch-syndikalistischen Tendenzen gab es in Frankreich schon 
unter Napoleon III. In Deutschland entstand sie seit 1870 aus der 
Furcht, daß die roten Gewerkschaften die Macht über die Massen 
der Industriegebiete allein eroberten. Und alsbald verständigte sie sich 
mit diesen. Alle Arbeiterparteien sind sich ihrer Gemeinsamkeit 
dunkel bewußt, so sehr die Führergruppen einander hassen. 
Es ist lange her, seit der weltpolitische Blick Leos XIII. Schule 
machte und in Deutschland ein echter Kirchenfürst wie Kardinal 
Kopp den Klerus regierte. Damals war die Kirche sich bewußt, 
eine konservative Macht zu sein, und wußte sehr genau, daß ihr 
Schicksal mit dem der übrigen konservativen Mächte, der staatlichen 
Autorität, der Monarchie, der gesellschaftlichen Ordnung und des 
Eigentums verbunden war, daß sie im Klassenkampf unbedingt 
gegendie liberalen und sozialistischen Mächte auf der „rechlen" Seite 
stand und daß davon die Aussicht abhing, das revolutionäre Zeitalter 
als Macht zu überdauern. Das hat sich schnell geändert. Die seelische 
Disziplin ist erschüttert. Die pöbelhaften Elemente im Priestertum 
tyrannisieren durch ihre Tätigkeit die Kirche bis in die höchsten 
Stellen hinauf, und diese müssen schweigen, um ihre Ohnmacht 



nicht vor der Welt zu enthüllen. Die Diplomatie der Kirche, einst 
vornehm von oben her und über Jahrzehnte hin die Dinge taktisch 
beurteilend, hat in weiten Gebieten den gemeinen Metboden der 
Tagespolitik Platz gemacht» der parteimäßig- demokratischen Agi- 
tation von unten mit ihren nichtswürdigen Kniffen und verlogenen 




Unterwelt. Man hat das überlieferte Streben nach welt*- 
Macht auf den kleinen Ehrgeiz von Wahlerfolgen und Bünd- 
nissen mit anderen Pöbel parteien zum Zweck materieller 
reduziert. Der Mob in der Priesterschaft, einst streng gezüge' 
heute mit seinem proletarischen Denken die Herrschaft über den 
wertvollen Teil des Klerus, welcher die Seele des Menschen für 
wichtiger hält als seine Wahlstimme und metaphysische Fragen ern- 
ster nimmt als demagogische Eingriffe in das Wirtschaftsleben. 
Taktische Fehler wie in Spanien, wo man sich einbildete, das Schick- 
sal von Thron und Altar trennen zu können, wären vor einigen Jahr- 
zehnten nicht gemacht worden. Aber seit dem Ende des Weltkrieges 
sank vor allem in Deutschland die Kirche, die eine alte Macht mit 
alten und starren Traditionen ist und als solche das Niedersteigen 
zur Gasse mit dem Ansehen unter den eignen Gläubigen teuer be- 
zahlen muß, durch die Agitation minderwertiger Anhänger zum 



in Deutschland einen katholischen Bolschewismus, 
ier ist 




Lutherschüler Karlstadt und 



as Münzer und der Staatssozia- 
imon, 




lt sehr wider Wissen und 
rüstung und auf scholastische 



en 



in 



Schaftsfragen in aller Heimlichkeit ihr Wesen trieben. 

des Thomas von Aquino steckt 
tem 



auf priesterlich-moralische Ent- 
e zurück, die im nationaldko- 



vom 
noch in 



DIE WEISSE WELTREVOLÜT10N 93 

munistischen Manifest! Die christliche Theologie ist die Großmutter 
des Bolschewismus. Alles abstrakte Grübeln über Wirtschaftsbegriffe 
fern von aller wirtschaftlichen Erfahrung führt, wenn es mutig und 
ehrlich zu Ende geführt wird, irgendwie zu Vernunftschlüssen gegen 
Staat und Eigentum, und nur der Mangel an Blick erspart es diesen 
materialistischen Scholastikern zu sehen, daß am Ende ihrer Ge- 
dankenkette wieder der Anfang steht: Der verwirklichte Kommunis- 
mus ist autoritäre Bürokratie. Um das Ideal durchzusetzen, 
braucht man die Diktatur, die Schreckensherrschaft, die bewaff- 
nete Macht, die Ungleichheit von Herren und Sklaven, Befehlenden 
und Gehorchenden, kurz das System von Moskau. Aber es gibt 
zweierlei Kommunismus : Den einen, gläubigen, aus doktrinärer Be- 
sessenheit oder weibischer Sentimentalität, der weltfremd und welt- 
feindlich den Reichtum der lasterhaft Glücklichen und zuweilen 
auch die Armut der braven Unglücklichen verwirft. Er endet ent- 
weder in nebelhaften Utopien oder mit dem Rückzug auf Askese, 
Kloster, Boheme und Landstreichertum, wo man die Belanglosig- 
keit all es Wirtschaftsstrebens predigt. Der andere, „weltliche", real- 
politische aber will durch seine Anhänger entweder aus Neid und 
Rache die Gesellschaft zertrümmern, weil sie ihnen auf Grund ihrer 
Persönlichkeit und ihrer Talente einen niedrigen Platz anweist, 
oder durch irgendein Programm die Massen hinter sich bringen, 
um seinen Willen zur Macht zu befriedigen. Aber auch das verbirgt 
sich gern hinter dem Mantel einer Religion. 

Auch der Marxismus ist eine Religion, nicht in der Absicht seines 
Urhebers, aber in dem, was das revolutionäre Gefolge daraus ge- 
macht hat. Er hat seine Heiligen, Apostel, Märtyrer, Kirchenväter, 
seine Bibel und seine Mission ; er hat Dogmen, Ketzergerichte, eine 
Orthodoxie und Scholastik und vor allem eine volkstümliche Moral 
oder vielmehr zwei — gegenüber Gläubigen und Ungläubigen — 
wie nur irgendeine Kirche. Und daß seine Lehre durch und durch 
materialistisch ist — macht das einen Unterschied? Sind alle die 
Priester, die sich agitatorisch in Wirtschaftsfragen mischen, es we- 
niger? Was sind denn christliche Gewerkschaften? Christlicher Bol- 
schewismus, nichts anderes. Seit dem Beginn des rationalistischen 
Zeitalters, seit 1700 also, gibt es Materialismus mit und ohne christ- 
liche Terminologie. Sobald man die Begriffe Armut, Hunger, Elend, 



94 DIE WEISSE W EL T REVO LV T 10 N 



Arbeit und 
in den 




mit dem moralischen II: 
und unrecht — und 




ierungen also eintritt, ist man Materialist, 
mit innerer Notwendigkeit an Stelle des Hochaltars das Partei- 
sekretariat, an Stelle des Opferstockes die Wahlkasse, und der Ge~ 

srer i 




iaterialismus der späten großen Städte ist eine Form 
des praktischen Urteilens und Handelns, mag daneben der „Glaube** 
sein wie er will. Es ist die Art, die Geschichte, das öffentliche und 

zu sehen und unter Wirtschaft 
zu verstehen, sondern die 
Methode, mit wenig Anstrengung soviel Geld und Genuß als mög- 
lich zu erbeuten: panem et circenses. Den meisten kommt es heute 
gar nicht zum Bewußtsein, wie materialistisch sie denken und sind. 
Man kann eifrig beten und beichten und beständig das Wort „Gott" 
im Munde führen, 1 man kann sogar Priester von Beruf und Über- 
zeugung und trotzdem Materialist sein. Die christliche Moral ist 
wie jede Moral Entsagung und nichts anderes. 2 Wer das nicht emp- 
findet, ist Materialist. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du 
dein Brot essen" — das heißt, diesen harten Sinn des Lebens nicht 
als Elend empfinden und nicht durch Parteipolitik zu umgehen 
suchen. Aber für proletarische Wahlpropaganda ist der Satz aller- 
dings nicht brauchbar. Der Materialist will lieber das Brot essen, 
das andere im Schweiße ihres Angesichts erarbeitet haben, der 
Bauer, der Handwerker, der Erfinder, der Wirtschaftsführer. In- 

1 Gerade diese Mode unter heutigen Rednern und Schreibern beweist, <Jaß es steh um 
ein Schlagwort, eine» leeren Begriff und um nichts weniger als den Ausdruck religiöser 
Erneuerung und innerlichen Erlebens handelt. Es gibt tiefe Religionen und religiöse 
Überzeugungen großer Menschen, die atheistisch, panuSeisttseh oder polytheistisch sind, 
in China, Indien, der Antike und heute im Abendland. Das aligerma rasche Wert god 
war ein Neutrum pluraiis und ist erst von der christlichen Propaganda in ein Maskuli- 
num singularis verwandelt worden. Wie man das undurchdringliche Geheimnis der Um- 
welt tu deuten versucht und ob man es versucht, hat mit dem Rang des religiösen 
Schauens und Verhaltens gar nichts zu tun. Aber hier verwechselt man religiös mit kon- 
fessionell« der Anerkennung bestimmter Lehren und Vorschriften, und mit klerikal, der 
Anerkennung der Ansprüche einer Priestetschaft. In Wirklichkeit hängt die Hefe einer 
Religion von der Persönlichkeit dessen ab, in dem sie lebt. Ohne Laienfrdmmigkeit ist 
seihat eine ausgesprochene Priesterreligion nicht lebensfähig. 
• ünt. d. Abendl. II, S. 330 ff. 



DIE WEISSE WELTREVOLÜTION 



95 



dessen das berühmte Nadelöhr, durch das manches Kamel hindurch- 
geht, ist nicht nur für den „Reichen" zu eng, sondern auch für 
den, der durch Streik, Sabotage und Wahlen Lohnsteigerungen und 
Arbeitszeitverkürzungen erpreßt, und auch für den, der diese Tätig- 
keit um seiner Macht willen leitet. Es ist die Nützlichkeitsmoral von 
Sklavenseelen : Sklaven nicht nur durch die Lebenslage — das sind 



Zeit und an einen Ort — sondern durch die gemeine Art, die Welt 
von unten zu sehen. Ob man das Reichsein beneidet oder 




Materialismus, dem Entsagen unverständlich und lächerlich bleibt, 
ist nichts als Egoismus, von einzelnen oder Klassen, der parasitische 
Egoismus der Minderwertigen, die das Wirtschaftsleben der an- 
deren und der Gesamtheit als Objekt betrachten, aus dem man mit 
möglichst geringer Anstrengung möglichst viel Lebensgenuß — pa- 
nem et circenses — saugt. Hier wird die persönliche Überlegenheit, 
der Fleiß, der Erfolg, die Freude an der Leistung als böse, als Sünde 
und Verrat betrachtet. Es ist die Moral des Klassenkampf es, die das 
alles unter der Bezeichnung Kapitaiismus, die von Anfang an 
moralisch gemeint war, 1 zusammenfaßt und dem Haß des Prole- 
tariers als Ziel bezeichnet, wie sie auf der anderen Seite versucht, 
die Lohnempfänger mit der Unterwelt der großen Städte zu einer 
politischen Front zu verschmelzen. 

Nur „der Arbeiter" darf und soll Egoist sein, nicht etwa der 
Bauer oder Handwerker. Er allein hat Rechte statt Pflichten. Die 
anderen haben nur Pflichten und kein Recht. Er ist der privilegierte 
Stand, dem die anderen mit ihrer Arbeit zu dienen haben. Das Wirt- 
schaftsleben der Nationen ist um seinetwillen da und muß allein 
mit Rücksicht auf sein Behagen organisiert werden, ob es dabei zu- 
grunde geht oder nicht. Das ist die Weltanschauung, welche die 
Klasse der Volksvertreter aus der akademischen Hefe, vom Li- 
teraten und Professor bis zun 
die sie die unteren Schichten der Gesellschaft 

1 Polit. Schriften („Preußentum und Soiialismus") S. 77 f. 



sie für ihren Haß und ihren Hunger nach Macht mobil zu machen. 
Deshalb sind Marx gegenüber vornehm und konservativ denkende 
Sozialisten wie Lassalle, der Anhänger der Monarchie, und Georges 
Sorel, der die Verteidigung von Vaterland, Familie und Eigentum 
als vornehmste Aufgabe des Proletariats betrachtete und von dem 
Mussolini gesagt hat, daß er ihm mehr verdanke als Nietzsche, un- 
bequem und werden nie mit ihrer wahren Meinung zitiert. 
Unter den vielen Arien des theoretischen Sozialismus oder Kom- 
t naturgemäß die gemeinste und in ihren letzten Ab- 
unehrlichste gesiegt, die, welche am rücksichtslosesten dar- 
entworfen war, den Berufsrevolutionären die Macht über 
zu verschaffen. Ob wir sie Marxismus nennen oder 
nicht, ist gleichgültig. Welche Theorie die revolutionären Schlag- 
worte für die Propaganda liefert, oder hinter welchen nichtrevo- 
lutionären Weltanschauungen sie sich verbirgt, ist ebenso gleich- 
gültig. Es kommt nur auf das praktische Denken und Wollen an. 
Wer gemein ist, gemein denkt, gemein fühlt und handelt, wird 
nicht anders dadurch, daß er sich ein Prieslergewand auf den Leib 
zieht oder nationale Fahnen schwenkt. Wer irgendwo in der Welt 
heute Gewerkschaften oder Arbeiterparteien gründet oder führt, 1 
unterliegt beinahe mit Notwendigkeit sehr bald der marxistischen 



tische und wirtschaftliche Führung, die Gesellschaftsordnung, die 
Autorität und das Eigentum verleumdet und verfolgt. Er findet als- 
bald in seiner Gefolgschaft die schon zur Tradition gewordene Auf- 
fassung des Wirtschaftslebens als Klassenkampf und wird dadurch 
von ihr abhängig, wenn er Führer bleiben will. Der proletarische 
Egoismus ist nun einmal in seinen Zielen und Mitteln die Form, 
in welcher die „weiße" Weltrevolution sich seit fast einem Jahr- 
hundert vollzieht, und es macht wenig aus, ob sie sich eine soziale 
Bewegung 
i 2 sein wollen oder nicht. 



1 Den linken Flügel der englischen sehr nationalen Arbeiterpartei und des deutschen 
Nationalsozialismus ebenso wie spanische Anarchistenklubs und amerikanische und 
japanische Gewerkschaften, so wenig von Marx sie gelegentlich hören wollen. 

2 Der Führer des katholischen Bergarbeitervereins sagte am 18. Januar 1925 in 
Essen: „Die sozialen Gedanken setzen sich durch, entweder auf dem Wege der Reform 
oder auf dem Wege der Gewalt. Das soll keine Drohung sein, sondern die Fest- 




DIE WEISSE WELTREVOLUTION 97 

Die Blütezeit der weltverbessernden Theorien füllt das erste, auf- 
steigende Jahrhundert des Rationalismus aus, vom Contrat social 
(1762) bis zum kommunistischen Manifest (1848). 1 Damals glaubte 
man wie Sokrates und die Sophisten an die Allmacht des mensch- 
lichen Verstandes und seine Fähigkeit, über Schicksal und Instinkte 
Gewalt zu haben und das geschichtliche Leben ordnen und leiten zu 
können. Sogar in das Linnesche System zog der Mensch damals 
als homo sapiens ein. Man vergaß die Bestie im Menschen, die ihr 
Dasein 1792 wieder nachdrücklich in Erinnerung brachte. Man war 
nie weiter entfernt von der Skepsis des echten Kenners der Geschichte 
und der wirklichen Weisen aller Zeiten, die wußten, daß ,,der Mensch 
böse ist von Jugend auf". Man hoffte die Völker zum Zweck ihrer 
endgültigen Seligkeit nach doktrinären Programmen organisieren 
zu können. Die Leser wenigstens haben daran geglaubt, inwieweit die 
Schreiber solcher materialistischen Utopien, ist eine andere Frage. 
Aber seit i848 ist das zu Ende. Das System von Marx ist auch dar- 
um das wirksamste geworden, weil es das letzte war. Wer heute 
politische oder wirtschaftliche Programme zur Rettung der „Mensch- 
heit" entwirft, ist altmodisch und langweilig. Er beginnt lächerlich zu 
werden. Aber die agitatorische Wirkung solcher Theorien auf Dumm- 
köpfe — die Lenin auf 960/0 aller Menschen schätzte — ist noch 
immer stark (sie nimmt in England und Amerika sogar zu), mit 
Ausnahme von Moskau, wo man nur zu politischen Zwecken daran 
zu glauben vorgibt. 

Die klassische Nationalökonomie von 1770 und die ebenso alte 
materialistische, das heißt „wirtschaftliche" Geschichtsauffassung, 

Stellung einer Tatsache, und wenn noch einmal eine Revolution kommt, so glaube ich 
nicht, daß dann die Kopfe der führenden deutschen Unternehmer gerettet 
würden." Die katholischen Gewerkschaf len haben unter dem Beifall der „atheistischen" 
immer wieder die Enteignung des Bergwerkbesitzes und der Großindustrie zum heuligen 
Erlragswert, das heißt ohne Entschädigung verlangt: Das ist die Expropriation der Expro- 
priateure des kommunistischen Manifest». (Vgl. die Broschüre : „Christentum oder Klassen- 
kampf ?" von F. lioltermann, Berlin.) Die wachsende Mißstimmung im wertvollen Teil 
des Klerus gegen die priesterlichen Elemente, welche den katholischen Bolschewismus 
entwickeln halfen und zum Bündnis mit der Sozialdemokratie getrieben haben, ist so 
groß und hat darüber hinaus so weite Schichten des Bauerntums und Mittelstandes er- 
griffen, daß die Entstehung einer deutschen Nationalkirche, wie sie schon der berühmte 
Generalvikar des Bistums Konstanz, v. Wessenberg, zur Zeit des Wiener Kongresses an- 
strebte, nicht außerhalb aller Möglichkeiten liegt, 
i Unt. d. Abendl. II, S. 563 ff. 
Spengler, Jahre I 7 



98 DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



die beide das Schicksal von Jahrtausenden auf die Begri 
Preis und Ware zurückführen, gehören im tiefsten Grunde dazu. 
Sie sind innerlich verwandt und vielfach identisch und führen mit 
Notwendigkeit zu Träumen von einem Dritten Reich, das der Fort- 
schrittsglaube des 19. Jahrhunderts irgendwie als Ende der Ge- 
schichte angestrebt hat. Es war die materialistische Travestie des 
Gedankens großer gotischer Christen wie des Joachim von Floris 
vom Dritten Reich. 1 Es sollte nun die endgültige Seligkeit auf Erden 
begründen, das Schlaraffenland aller Armen und Elenden, die man 
mit steigendem Nachdruck mit „dem Arbeiter" identifizierte. Es 
sollte das Ende aller Sorge, das süße Nichtstun, den ewigen Frieden 
bringen, und der Klassenkampf mit der Abschaffung des Eigentums, 
der „Brechung der Zinsknechtschaft", dem Staatssozialismus und 
der Vernichtung aller Herren und Reichen sollte dazu den Weg 
bahnen. Es war der siegreiche Egoismus der Klasse, als „Wohl 
der Menschheit" bezeichnet und moralisch in den Himmel erhoben. 
Das Ideal des Klassenkampfes 2 erscheint zuerst in der berühmten 
Propagandaschrift des Abbe Sieyes — wieder ein katholischer 
Priester! — von 1789 über den tiers etat, der die beiden höheren 
Stände einebnen sollte. Es entwickelt sich von dieser frührevolu- 
tionären liberalen Fassung folgerichtig zu der bolschewistischen 
Spätform von i848, welche den Kampf vom politischen auf das 
wirtschaftliche Gebiet verlegt, nicht der Wirtschaf t wegen, son- 
dern um durch ihre Zerstörung das politische Ziel zu er- 
reichen. Wenn hier von „bürgerlichen" Ideologen ein Unterschied 
von Idealismus und Materialismus gefunden wird, so sehen sie nicht 
über den Vordergrund der Schlagworte in die Tiefe der letzten Ziele 
hinein, die hier wie dort durchaus die gleichen sind. Alle Klassen- 
kampftheorien sind zum Zweck der Mobilmachung großstädtischer 
Massen entworfen worden. Die „Klasse" sollte erst geschaffen 
werden, mit der sich kämpfen ließ. Das Ziel wurde 18^8, wo man 
die ersten Erfahrungen von Revolutionen hinter sich hatte, als Dik- 
tatur des Proletariats bezeichnet, und hätte dort Diktatur der Bour- 
geoisie genannt werden können, denn der Liberalismus will nichts 
rs sein. Das ist der letzte Sinn 



1 Unt. d. Abend). I, S. &6t. 

2 Polit. Schriften S. ^kü. 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 99 

und des Parlamentarismus. Aber in Wirklichkeit war jedesmal die 
Diktatur der Demagogen gemeint, welche die Nationen mit Hilfe 
der planmäßig demoralisierten Masse zum Teil aus Rache vernichten, 
zum Teil aus Hunger nach Macht als Sklaven unter sich sehen 
wollten. 

Jedes Ideal stammt von einem, der es nötig hat. Das Ideal des 
liberalen wie des bolschewistischen Klassenkampfes ist die Schöp- 
fung von Leuten, die entweder ohne Erfolg in eine höhere Gesell- 
schaftsschicht strebten oder die sich in einer befanden, deren ethi- 




Das Ideal des Klassenkampfes ist der berühmte Umsturz: nicht 
der Aufbau von etwas Neuem, sondern die Zerstörung von Vor- 
handenem. Es ist ein Ziel ohne Zukunft. Es ist der Wille zum 
Nichts. Die utopischen Programme sind nur für die seelische 
Bestechung der Massen da. Ernstgemeint ist ausschließlich der 
Zweck der Bestechung, die Schaffung der Klasse als Kampf - 
truppe durch planmäßige Demoralisation. Nichts schmiedet besser 
zusammen als der Haß. Aber man sollte hier lieber von Klassen- 
neid als Klassenhaß reden. Im Haß liegt stillschweigend die An- 
erkennung des Gegners. Der Neid ist der schiefe Blick von unten hin- 
auf zu etwas Höherem,, das unverstanden und unerreichbar bleibt und 
das man deshalb herabziehen, zu seinesgleichen machen, beschmutzen 
und verachten möchte. Zum Wunschbild der proletarischen Zu- 
kunft gehört deshalb nicht nur das Glück der meisten, 1 das im ver- 
gnüglichen Nichtstun besteht — noch einmal : panem et circenses! 
— und der ewige Friede, um es frei von aller Sorge und Ver- 
antwortung zu genießen, sondern mit echt revolutionärem Ge- 

1 Die liberale Formel the greatest kappiness of the greatest number stammt von den eng- 
lischen Materialisten des 18. Jahrhunderts, unter denen sich gläubige Theologen wie 
Paley und Butler befanden. Sie hat sich folgerichtig zu der bolschewistischen von der 
Herrschaft der proletarischen Masse weiter entwickelt. Vom angeborenen Rangunter- 
schied der Menschen ist keine Rede mehr. Es kommt nur noch auf das Quantum — 
des Glücks wie der Glücklichen — an, nicht auf Qualitäten. 
7* 



DIE WEISSE WELTREV 

schmack vor allem das Unglück der „Wenigen' 4 , der ehemals 
Mächtigen, Klugen, Vornehmen und Reichen, an dessen Anblick 
man sich weidet. 1 Jede Revolution beweist es. Daß die Lakaien 
von gestern an der Tafel des Herrn schwelgen, ist nur ein halber 
Genuß : der Herr muß ihnen dabei aufwarten. 

Das Objekt des Klassenkampfes, das um 1789 ,,die Tyrannen* 4 
waren — die Könige, „Junker" und „Pfaffen" — wurde um i85o 
mit der Verlegung des politischen Kampfes auf wirtschaftliches 
Gebiet „der Kapitalismus". Es ist ein hoffnungsloser Versuch, 
dies Schlagwort — denn das ist es — definieren zu wollen. Es 
stammt gar nicht aus wirtschaftlicher Erfahrung, sondern ist mo- 
ralisch gemeint, um nicht zu sagen halb christlich. 2 Es soll den 



der Überlegenheit, den Teufel, der sich in Wirtschaftserfolge ver- 
kleidet hat. Es ist, sogar in gewissen bürgerlichen Kreisen, ein 
Schimpfwort für alle geworden, die man nicht leiden mag, alles was 
Rang hat, den erfolgreichen Unternehmer und Kaufmann so gut wie 
den Richter, Off izier und Gelehrten, sogar die Bauern. Es bedeutet 
alles, was nicht „Arbeiter" und Arbeiterführer ist, alle die 
nicht auf Grund geringer Talente schlecht weggekommen sind. Es 
faßt alle Starken und Gesunden zusammen in den Augen aller Un- 
zufriedenen, allen seelischen Pöbels. 

„Der Kapitalismus" ist überhaupt keine Form der Wirtschaft 
oder „bürgerliche" Methode Geld zu machen. Er ist eine Art die 
Dinge zu sehen. Es gibt Nationalökonomen, die ihn in der Zeit 
Karls des Großen und in urzeitlichen Dörfern gefunden haben. 
Die Nationalökonomie seit 1770 betrachtet das Wirtschaftsleben, 
das in Wirklichkeit eine Seite des geschichtlichen Daseins der 
Völker ist, vom Standpunkt des englischen Händlers aus. 3 Die 
englische Nation war wirklich damals im Begriff den Welthandel 
zu ihrem Monopol zu machen. Daher ihr Ruf als Krämervolk, als 
Masse von shopkeepers. Der Händler ist aber nur Vermittler. Er setzt 



1 Auch das ist ein Ideal christlicher Theologie, die e3 zu den Freuden d 
rechnet, daß man den Martern der Verdammten zusehen darf: „Beati in 
videbunt poenas damnatorum, ut beatitado Ulis magis complaceat" (Thomas von Aquino). 

2 Polit. Schriften S. 77 ff. 

3 Unt. d. Abendl. II, S. 583, 602. Noch Sombart (Der moderne Kapitalismus, 1919, I, 
S. 319} bezeichnet den Sinn jeder Wirtschaft als Verkehrs wirtschaftliche Organisation. 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



101 



das Wirtschaftsleben selbst voraus, indem er seine Tätigkeit zu dessen 
Schwerpunkt zu machen sucht, von dem alle anderen Menschen in 
der Rolle von Erzeugern und Verbrauchern abhängig sind. Diese 
Machtstellung hat Adam Smith beschrieben. Das ist seine „Wis- 
senschaft". Deshalb geht die Nationalökonomie bi3 zum heutigen 
Tage vom Begriff des Preises aus und sieht statt des wirtschaft- 
lichen Lebens und tätiger Menschen nur Waren und Märkte. Des- 
halb wird von nun an, vor allem von der sozialistischen Theorie, 
die Arbeit als Ware und der Lohn als Preis betrachtet. In 
diesem System hat weder die Führerarbeit des Unternehmers und 
Erfinders noch die Bauernarbeit Platz. Man sieht nur Fabrikwaren 
und Hafer oder Schweine. Es dauert nicht lange und man hat den 
Bauern und Handwerker ganz vergessen und denkt wie Marx bei 
der Zerlegung der Menschen in Klassen nur noch an den Lohn- 
arbeiter und — die andern, die „Ausbeuter '. 

So entsteht die künstliche Zweiteilung der „Menschheit 4 ' in Erzeuger 
und Abnehmer, 1 die sich unter den Händen der Klassenkampftheo- 
retiker in den perfiden Gegensatz von Kapitalisten und Proletariern, 
von Bourgeoisie und Arbeiterschaft, von Ausbeutern und Ausge- 
beuteten verwandelt hat. Den Händler aber, den eigentlichen ..Ka- 
pitalisten", hat man verschwiegen. Der Fabrikbesitzer und der Land- 
wirt ist der sichtbare Feind, weil er die Lohnarbeit entgegen- 
nimmt und den Lohn zahlt. Das ist sinnlos, aber wirksam. Die 
Dummheit einer Theorie war nie ein Hindernis für ihre Wirkung. 
Es handelt sich beim Urheber eines Systems um Kritik, beim Gläu- 
bigen immer um das Gegenteil. 

„Kapitalismus" und „Sozialismus" sind gleich alt, im innersten 
verwandt, aus derselben Betrachtungsweise hervorgegangen und mit 
denselben Tendenzen belastet. Der Sozialismus ist nichts als der 
Kapitalismus der Unterklasse. 2 Die freihändlerische Man- 

1 Sombart sagt an derselben Stelle: „Der Kapitalismus ist eine verkehrswirtschaftliche 
Organisation, bei der regelmäßig zwei verschiedene Bevölkerungsgruppen: die Inhaber 
der Produktionsmittel, die gleichzeitig die Leitung haben, Wirtschaftssubjekte sind und 
besitzlose Nurarbeiter (als Wirtschaftsobjekte), durch den Markt verbunden, zusammen- 
wirken." Aber das ist, obwohl „liberal \ schon halb marxistisch gedacht. Es paßt weder 
auf den Bauern noch den Handwerker. 

2 Was ich in „Preußentum und Sozialismus" beschrieben habe und was beinahe immer 
mißverstanden worden ist, war der Sozialismus als ethische Haltung, nicht als 
materialistisches Wirtschaftsprinzip . 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



chesterlehre Cobdens und das kommunistische System von Marx 
sind beide um iSVjo und in England entstanden. Marx hat den frei- 
händlerischen Kapitalismus sogar begrüßt. 1 

Der „Kapitalismus you unten" will die Ware Lohnarbeit so teuer als 
möglich verhandeln, ohne Rücksicht auf die Kaufkraft des Abnehmers, 
und so gering als möglich liefern. Daher der Haß sozialistischer Par- 
teien gegen die Qualitäts- und Akkordarbeit und ihr Streben, die 
„aristokratische" Lohnspanne zwischen gelernten und ungelernten Ar- 
beitern möglichst zu beseitigen. Er will durch den Streik — der erste 
Generalstreik fand i84i in England statt 2 — den Preis der Handarbeit 
in die Höhe treiben und ihn endlich durch Enteignung der Fabriken 
und Bergwerke von der dann den Staat beherrschenden Bürokratie der 
Arbeiterführer frei bestimmen lassen. Denn das ist der geheime Sinn 
der Verstaatlichung. Der „Kapitalismus von unten" bezeichnet den 
erarbeiteten Besitz der Begabten und Überlegenen als Diebstahl, um 
ihn sich durch die größere Zahl der Fäuste ohne Arbeit aneignen 
zu können. So entsteht die Theorie vom Klassenkampf, der wirt- 
schaftlich gestaltet und politisch gemeint war, jenes auf die Stim- 
mung der Arbeiter, dieses auf den Vorteil der Arbeiterführer be- 
rechnet. Es war ein Zweck ohne Dauer. Niedrige Geister können gar 
nicht über den morgigen Tag in die Ferne der Zeilen blicken und 
Der Klassenkampf sollte Zerstörung bringen und 
anderes. Er sollte die Mächte der Tradition, der politischen 
wie der wirtschaftlichen, aus dem Wege räumen, um den Mächten 
der Unterwelt die ersehnte Rache und die Herrschaft zu geben. Was 
its des Sieges kommt, wenn der Klassenkampf längst Ver- 
ist. daran haben diese Kreise nie einen Gedanken ver- 
schwendet. 

1 Er sagte 1847: „In» allgemeinen ist heutzutage das Schutzzollsystem konservativ, wäh- 
rend das Freihandelssystem zerstörend wirkt. Es zersetzt die früheren Nationalitäten 
und treibt den Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie auf die Spitze. Mit 
einem Wort, das System der Handelsfreiheit beschleunigt die soziale Revolution. Und 
nur in diesem revolutionären Sinn stimme ich für den Freihandel" (Anhang zum „Elend 
der Philosophie"). 

2 Daß der marxistische Streik aber gar kein wirtschaftliches, sondern ein politisches Ziel 
hat, wird den meisten erst beim Erleben eines Generalstreiks deutlich. Deutsche Sozialisten 
haben oft genug gesagt, daß nicht die gewonnenen, sondern die verlorenen Streiks für 
die Partei von 
zusammen. 



DIE WEISSE W ELT REVOLU T ION 



unendlich verwickelte Wirtschaftsleben der weißen Völker von 
zwei Seiten her: die Gilde der Geldhändler und Spekulanten, die 
Hochfinanz, durchdringt es mit Hilfe der Aktie, des Kredits, der 
Auf sich tsräte, und macht die Führerarbeit des fachmännischen Un- 
ternehmertums, in dem sich sehr viele ehemalige Handarbeiter be- 
finden, die sich durch Fleiß und Genie hinaufgearbeitet haben, 
von ihren Absichten und Interessen abhängig. Der eigentliche Wirt- 
schaftsführer sinkt zum Sklaven des Finanzmannes herab. Er ar- 
beitet am Gedeihen einer Fabrik, während sie im selben Augen- 





weiß, ruiniert wird. 1 
der Arbeiterführer 



amie, welche die öffentliche Meinung über Wirtschaf 
fragen formt und sich beratend und bestimmend in die Gesetzgebung 
mischt, die der anderen das kommunistische Manifest, mit dessen 
Grundsätzen von der linken Seite aller Parlamente aus ebenfalls in 
die Gesetzgebung eingegriffen wird. Und beide vertreten das 
Prinzip der „Internationale", das rein nihilistisch und negativ ist: 
sich gegen die geschichtlichen, grenzsetzenden Formen 
?orm, jede Gestalt ist Begrenzung — der Nation, des Staates, 
der nationalen Wirtschaften, deren Summe nur die „Weltwirt- 
schaft' 4 ist. Sie sind den Absichten der Hochfinanz wie der Berufs- 
revolutionäre im Wege. Deshalb werden sie verneint und sollen 
vernichtet werden. 

Aber beide Arten von Theorie sind heute veraltet. Was gesagt 
werden konnte, ist längst gesagt worden, und beide haben sich seit 
191 8 durch ihre Voraussagen — in der Richtung auf Newyork 
oder auf Moskau — so bloßgestellt, daß man sie nur noch zitiert, 
ohne daran zu glauben. Die Weltrevolution hat in ihrem Schatten 
begonnen. Sie ist heute vielleicht auf ihrer Höhe angelangt, 
noch lange nicht zu Ende, indessen sie nimmt Formen an, die 
von allem theoretischen Gerede sind. 



1 Polit. Schriften S. i38ff., 3o5£. 



104 



DIE WEISSE WELT REVOLUTION 



zu zeichnen, die heute erreicht sind. Denn die Revolution steht 
am Ziel. Sie droht nicht mehr; sie triumphiert, sie hat gesiegt. 
Und wenn ihre Anhänger das bestreiten, vor andern oder in voller 
Bestürzung vor ihrem eigenen Gewissen, so wiederholt sich darin 
nur das ewige Verhängnis menschlicher Geschichte, die dem Kämp- 
fer am Ziel mit grausamer Klarheit zeigt, daß es ganz anders ist 
als er hoffte und daß es meist der Mühe nicht wert war. 
Dieser Erfolg ist ungeheuerlich. Er ist für alle „weißen" Völker 
so furchtbar, daß niemand sieht oder zu sehen wagt, was alles dazu 
gehört, daß weder die Urheber den Mut haben, sich dazu zu beken- 
nen, noch die im Bürgertum erhaltenen Reste der alten Gesell- 
schaft, jene als Urheber zu bezeichnen. Der Weg vom Liberalismus 
zum Bolschewismus hatte sich zunächst im Kampf gegen die 
politischen Mächte vollzogen. Sie sind heute zerstört, zerfressen, 
zerfallen. Es hat sich wieder gezeigt, wie im Rom der Grac- 
chenzeit, daß alles, was die wenigen großen starken Raubtiere, die 
Staatsmänner und Eroberer, in Jahrhunderten geschaffen haben, von 
den massenhaften kleinen, dem menschlichen Ungeziefer, in kurzer 
Zeit zernagt werden kann. Die alten ehrwürdigen Formen des Staates 
liegen in Trümmern. Sie sind durch den formlosen Parlamentaris- 
mus ersetzt worden, ein Schutthaufen ehemaliger Autorität, Regie- 
rungskunst und staalsmänni3cher Weisheit, auf dem die Parteien, 
Horden von Geschäftspolitikern, sich um die Beute streiten. Die 
ererbte Hoheit wurde durch Wahlen ersetzt, die immer neue Scharen 
von Minderwertigen an die Geschäfte bringen. 

Und unter diesen Parteien sind es überall die Arbeiterparteien und 
deren Gewerkschaften, welche politische Zwecke mit wirtschaft- 
lichen Mitteln und wirtschaftliche mit politischen Mitteln ver- 
folgen, die nach Zusammensetzung des Führermaterials und mit 
ihren Programmen und Methoden der Agitation für alle andern 
tonangebend geworden sind. Sie werben alle um die groß- 
städtische Masse und peitschen sie mit denselben sinnlosen Hoff- 
nungen und erbitternden Anklagen auf. Kaum eine wagt es mehr 
auszusprechen, daß sie andere Teile der Nation vertreten will als 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 105 

„den Arbeiter". Sie behandeln ihn fast ohne Ausnahme als privilegier- 
ten Stand, aus Feigheit oder in der Hoffnung auf Wahlerfolge. Es 
ist in allen Ländern gelungen, ihn zu demoralisieren, ihn zum an- 
spruchvollsten, unzufriedensten und deshalb unglücklichsten Wesen 
zu machen, ihn mit dem Pöbel der Gasse zu einer gesinnungs- 
mäßigen Einheit, zur ..Klasse'' zu verschmelzen, aus ihm den seeli- 
schen Typus des Proleten heranzuzüchten, der durch sein bloßes 
Dasein den revolutionären Erfolg verbürgt, der Fleiß und Leistung 
als Verrat an der „Sache" verachtet und dessen höchster Ehrgeiz 
es ist, Massenführer und Träger der Revolution zu werden. 
Es macht keinen Unterschied, ob diese Fronten des Klassenkampfes 
die Gestalt bürokratischer Parteien oder Gewerkschaften erhalten 
haben wie die marxistischen, katholischen und nationalen in 
Deutschland, ähnlich in England, ob sie die romanische Form von 
Anarchisten- und Sozialistenklubs besitzen wie in Barcelona und 
Chikago, oder ob sie wie einst in Rußland und heute in Amerika 
als unterirdische Bewegungen vorhanden sind, um sich erst im 
Augenblick der Tat sichtbar zusammenzuballen: Sie bestehen alle 
aus herrschenden Gruppen von Berufsdemagogen und einer willen- 
los geleiteten Gefolgschaft, die dem kaum begriffenen Endziel zu 
dienen und sich ihm zu opfern hat. Die Regierungen sind längst 
ihre ausführenden Organe geworden, entweder weil die Massen- 
führer selbst die parlamentarische Macht besitzen oder weil es den 
Gegnern, di« sich in der Hypnose der Arbeiterideologie befinden, 
an Mut zu eigenem Denken und Handeln fehlt. 

Sie regieren auch die Wirtschaft, und zwar mit politischen Mitteln 
zu politischem Zweck. Und dieser Zweck ist nie aus den Augen 
verloren worden: es war der Klassenkampf gegen die organischen 
Mächte und Formen des Wirtschaftslebens, die man „Kapitalismus" 
nannte. Das letzte Ziel war deren Vernichtung, seit i848, und es 
ist endlich erreicht worden. Die seit fast einem Jahrhun- 
dert ekstatisch vorausgesagte Katastrophe der Wirtschaft 
ist da. Die Weltwirtschaftskrise dieser und noch sehr vieler 
kommenden Jahre ist nicht, wie die ganze Welt meint, die 
vorübergehende Folge von Krieg, Revolution, Inflation 
und Schuldenzahlung. Sie ist gewollt worden. Sie ist in 
allen wesentlichen Zügen das Ergebnis einer zielbewußten 



106 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



Arbeit der Führer des Proletariats. Ihre Wurzeln liegen viel 
tiefer als man denkt, und ihre Wirkungen sind nur in langen und 
harten Kämpfen gegen alles, was heute volkstümlich ist, und zum 
großen Teil überhaupt nicht wieder zu überwinden. Aber die Vor- 
aussetzung dafür ist der Mut zu sehen, was vor sich geht, und ich 
fürchte, daß davon nicht viel vorhanden ist. Zu keiner Zeit ist die 
Feigheit vor der allgemeinen Meinung der Parlamente, Parteien, 
Redner und Schreiber der ganzen Welt größer gewesen. Sie liegen 
alle auf den Knien vor dem „Volk'", der Masse, dem Proletariat 
oder wie sie sonst das nennen, was den Führern der Weltrevolution 
blind und ahnungslos als Waffe gedient hat. Der Vorwurf „arbeiter- 
feindlich" zu sein, läßt heute jeden Politiker erbleichen. 
Aber wer ist es denn, der eigentlich den Weltkrieg gewonnen hat? 
Sicherlich kein Staat, weder Frankreich noch England noch Ame- 
rika. Auch nicht die weiße Arbeiterschaft. Sie hat ihn zum großen 
Teil bezahlt, erst mit ihrem Blut auf den Schlachtfeldern, dann 
mit ihrer Lebenshaltung in der Wirtschaftskrise. Sie war das vor- 
nehmste Opfer ihrer Führer. Sie wurde für deren Ziele ruiniert. 
Der Arbeiterführer hat den Krieg gewonnen. W T as man in 
allen Ländern Arbeiterpartei und Gewerkschaft nennt, in Wirk- 
lichkeit die Gewerkschaft der Parteibeamten, die Büro- 
kratie der Revolution, hat die Herrschaft erobert und regiert 
heute die abendländische Zivilisation. Sie hat das „Proletariat" 
von Streik zu Streik, von Straßenkampf zu Straßenkampf ge- 
trieben, und ist selbst von einem verheerenden Parlamentsbeschluß 
zum anderen fortgeschritten, durch eigene Macht oder infolge der 
Angst des besiegten Bürgertums. Alle Regierungen der Welt wurden 
seit 1916 in rasch steigendem Maße von ihnen abhängig und 
mußten ihre Befehle vollziehen, wenn sie nicht gestürzt werden 
wollten. Sie mußten die brutalen Eingriffe in die Struktur und den 
Sinn des Wirtschaftslebens zulassen oder selbst durchführen, die 
sämtlich zugunsten der Arbeit niedersten Ranges, der bloß aus- 
führenden Handarbeit erfolgten in Gestalt von maßlosen Lohn- 
erhöhungen und Kürzungen der Arbeitszeit, von verwüstenden 
Steuergesetzen gegen den Ertrag der Führerleistung, gegen alten 
Familienbesitz, gegen das Gewerbe und gegen das Bauerntum. Die 
Ausraubung der Gesellschaft wurde durchgeführt. Es war 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



die Löhnung der Söldner im Klassenkampf. Der natürliche 
Schwerpunkt des Wirtschaftskörpers, das Wirtschafts denken der 
Kenner, wurde durch einen künstlichen, unsachlichen, 
politischen ersetzt. Das Gleichgewicht ging verloren und d 
stürzte ein. Aber das war seit Jahrzehnten das offen ausgespro- 
chene Ziel des abendländischen Bolschewismus; die Wirtschafts- 
katastrophe war also ein taktischer Erfolg, so wenig die Arbeiter- 
schaft das ahnte oder gewollt hat. Dieser seit i848 im voraus ge- 
schilderte, von Bebel mit Begeisterung gepriesene Umsturz des „Ka- 
pitalismus", das „ Jüngste Gericht" über die Bourgeoisie, sollte 
allerdings die ersehnte Diktatur des Proletariats, das heißt seiner 
Schöpfer und Führer von selbst zur Folge haben. 
Aber ist da 

war die Gewerkschaftsrepublik in Deutschland etwas anderes? Ist 
nicht in den nationalen Arbeiterparteien Deutschlands, Englands 
und sogar Italiens der wirtschaftliche, bürokratisch verwaltete So- 
zialismus das herrschende Ideal? Liegen nicht auf den Trümmern 
der Weltwirtschaft die schöpferischen Wirtschaftsbegabungen, die 
Träger des privaten Wirtscbaftsstrebens, als Opfer dieser Diktatur? 
Der Wirtschaftsführer, der Kenner des Wirtschaftslebens, ist 
vom Parteiführer verdrängt worden, der nichts von Wirtschaft und 
um so mehr von demagogischer Propaganda versteht. Er herrscht 
als Bürokrat in der wirtschaftlichen Gesetzgebung, die den freien 
Entschluß des Wirtschaftsdenkers ersetzt hat, als Leiter von unzäh- 
ligen Ausschüssen, Schiedsgerichten, Konferenzen. Minister ialbüros 
und wie die Formen seiner Diktatur sonst heißen mögen, sogar im 
faschistischen Korporationsministerium. Er will den wirtschaft- 
lichen Staatssozialismus, die Ausschaltung der Privatinitiative, die 
Planwirtschaft, was alles im Grunde das gleiche ist, nämlich Kom- 
munismus. Mag mit dem Unternehmer auch der Arbeiter das Opfer 
sein, jedenfalls hat der „Arbeiterführer" von Beruf endlich die 
ersehnte Gewalt in Händen und kann die Rache der Unterwelt an 
den Menschen vollziehen, die durch das Schicksal ihrer Geburt, das 
ihnen Talente und Überlegenheit verlieh, berufen waren, die Dinge 
von oben zu sehen und zu leiten. 

sten werden es mit Entsetzen 
Zusammenbruch von 




Jahrhunderte aufgebaut haben, als gewollt, als das Ergebnis einer 
zielbewußten Arbeit zu erkennen. Aber es ist so und es läßt sich be- 
weisen. Diese Arbeit beginnt, sobald die Berufsrevolutionäre der 
Generation yon Marx begriffen hatten, daß in Nordwesteuropa die 
an die Kohle gebundene Industrie zum wichtigsten Teil des Wirt- 
schaftslebens wurde. Das nackte Dasein der ins Massenhafte wach- 
senden Nationen hing von ihrer Blüte ab. In England war das schon 
der Fall ; für Deutschland hoffte man darauf,, und diese Doktrinäre, 
le die Welt durch das Schema von Bourgeoisie und Proletariat 
setzten als selbstverständlich voraus, daß es überall so wer- 
den müsse. Aber wie stand es denn mit Spanien und Italien, wo es 
keine Kohle gab, selbst mit Frankreich, um von Rußland ganz zu 
schweigen? 1 Es ist zum Erstaunen, wie eng der Horizont dieser Theo- 
logen des Klassenkampfes war und blieb, und wie wenig das bis 
heute bemerkt worden ist. Haben sie jemals Afrika. Asien, Latein- 

zeiungen gezogen? Haben sie einen Gedanken an die farbigen Ar- 
beiter der tropischen Kolonien verschwendet? Waren sie sich be- 
wußt, warum das unterblieb und unterbleiben mußte? Sie redeten 
von der Zukunft der „Menschheit", und statt den ganzen Planeten 
mit ihrem Blick zu umfassen, starrten sie auf ein paar Länder Euro- 
pas, deren Staat und Gesellschaft sie zerstören wollten. 
Hier aber haben sie gesehen, daß das erreichbar war, wenn sie die 
Lebensfähigkeit der Industrie vernichteten : und so begann der plan- 
mäßige Angriff auf sie dadurch, daß man ihre organisierte Arbeit 
unmöglich zu machen suchte. Das geschah, indem man zunächst 
im Gegensatz zur Führerarbeit der Unternehmer, Erfinder und In- 
genieure 2 die tägliche Dauer der ausführenden Lohnarbeit in den 





zur zweiten x\ 
ngels eine 
widerspricht. Da soll der Wi 



apital" vö 
'ommunismus auf einmal statt Ober die 
mern, den „Mir" 

führen. Es gab hier weder Bourgeoisie noch Proletariat im westeuropäischen Sinne — 
deshalb formten die beiden Demagogen ihre „Überzeugung" nach der Masse, die sie gegen 
den petrinischen Staat mobil machen wollten. Die .Arbeiterführer" von Moskau haben 
dann aber, der westlichen „Wahrheit" folgend, den Kampf gegen den Bauern zugunsten 
einer kaum vorhandenen Arbeiterschaft aufgenommen. 

2 Diese geistige Arbeit ist Oberhaupt nicht nach der Stundenzahl zu begrenzen. Sie 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



109 



Sie betrug im 1 8. Jahrhundert, in Übereinstimmung mit der allge- 
meinen Arbeitsgewohnheit von nordischen Bauern und Handwer- 
kern, mehr als zwölf Stunden, ohne gesetzlich festgelegt zu sein. 
Im Anfang des 19. Jahrhunderts wird sie in England auf zwölf 
Stunden beschränkt, um i85o durch die gerade auch yon Arbeitern 1 
erbittert bekämpfte Zehnstundenbill weiter herabgesetzt. Nachdem 
die Bill endgültig gesichert war, wurde sie in revolutionären Kreisen 
als Sieg der Arbeiterschaft und — mit Recht— als „Knebelung der 
Industrie" gefeiert. Man glaubte ihr damit einen tödlichen Schlag 
versetzt zu haben. Von da an übernahmen es die Gewerkschaften 
aller Länder mit steigendem Nachdruck, sie weiter zu kürzen und 
auf alle Lohnempfänger auszudehnen. Gegen Ende des Jahrhun- 
derts betrug sie 9, am Ende des Weltkrieges 8 Stunden. Heute, wo 
wir uns der Mitte des 20. Jahrhunderts nähern, wird die 4o-Stun- 
den- Woche zum Minimum der revolutionären Forderung. Da gleich- 
zeitig das Verbot der Sonntagsarbeit immer strenger durchgeführt 
wurde, so liefert der Einzelne von seiner „Ware Arbeit" nur noch 
die Hälfte des ursprünglichen, möglichen und natürlichen Quan- 
tums. Und so ist „der Arbeiter", der nach der Lehre der marxisti- 
schen Religion allein arbeitet, zum großen Teil gegen seinen Willen 
derjenige geworden, der es am wenigsten tut. Welcher Beruf ver- 
trägt sich sonst mit einer so geringen Leistung? 
Es war das Kampfmittel des Streiks in einer verschleierten, 
langsam wirkenden Form. Es bekam einen Sinn aber erst durch 
die Tatsache, daß der Preis für diese „Ware", der Wochen- 
lohn, nicht nur nicht verkürzt, sondern dauernd hinauf- 
getrieben wurde. Nun ist der „Wert", der wirkliche Ertrag der 
ausführenden Arbeit keine selbständige Größe. Er ergibt sich aus 
dem organischen Ganzen der Industriearbeit, in welcher der aus- 
zuführende Gedanke, die Führerarbeit der Leitung und Regelung 

losen Nächten; sie macht ein wirkliches Freisein vom Nachdenken, ein Ab- und Aus- 
spannen unmöglich und verbraucht gerade die überlegenen Exemplare vor der Zeit. 
Kein Lohnarbeiter geht an Überanstrengung oder durch Irrsinn zugrunde. Hier ereigne! 
es sich in zahllosen Fällen: Dies zur Beleuchtung des demagogischen Bildes vom 
schlemmenden und faulenzenden Bourgeois. 

1 Weil sie sich nicht verbieten lassen wollten, ihre Arbeitskraft voll auszunutzen wie 
jeder Schneider und Tischler. Dies gesunde Gefühl bricht trotz der Agitation aller 
Arbeiterparteien immer wieder durch, in dem Wunsch nach Oberstunden und Neben- 
beschäftigung. 



des Verfahrens, der Heranführung von Stoffen, des Absatzes der Er- 
zeugnisse, des Durchdenkens von Kosten und Ertrag, von Anlagen 
und Einrichtungen, von neuen Möglichkeiten viel entscheidender 
sind. Der Gesamtertrag hängt vom Rang und der Leistung der Köpfe 
ab, nicht von den Händen. Ist kein Ertrag da, ist das Produkt unver- 
käuflich, so ist die ausführende Arbeil werllos gewesen und kann 
eigentlich überhaupt nicht bezahlt werden. So ist es beim Bauern 
und Handwerker. Aber durch die Tätigkeit der Gewerkschaften ist 
der Stundenlohn des Handarbeiters aus der Einheit des Organismus 
herausgenommen worden. Er wird vom Parteiführer bestimmt, 
nicht vom Wirtschaftsführer errechnet, und er wird, wenn er 
von diesem nicht bewilligt wird und werden kann, durch Streik, 
Sabotage und den Druck auf die parlamentarischen Regierungen er- 
zwungen. Er ist seit hundert Jahren, am Ertrag der bäuerlichen 

worden. Jeder wirtschaftlich Tätige ist mit seinem Gewinn von der 
Lage der Wirtschaft abhängig, nur der Lohnarbeiter nicht. Er hat 
Anspruch auf die anorganisch festgesetzte und parteipolitisch 
erkämpfte Lohnhöhe, auch wenn sie nur durch den Verfall der An- 
lagen, durch Ertragslosigkeit des Ganzen, durch Verschleuderung 
der Erzeugnisse gehalten wird — bis die Werke erliegen. Und dann 
geht ein schadenfrohes Triumphgefühl durch die Reihen der „Ar- 
beiterführer 1 . Sie haben wieder einen Sieg auf dem Wege zum 
„Endziel* £ davongetragen. 

Heute, wo die Entstehung der Klassenkampftheorie fast ein Jahr- 
hundert zurückliegt und niemand mehr wirklich an sie glaubt, ist 
es zweifelhaft, ob diese Führer sich noch des Zweckes bewußt sind, 
um dessen willen diese Zerstörungsarbeit einst gefordert und be- 
gonnen worden ist. Aber es gibt eine nun schon alt gewordene Tra- 
dition und Methode unter ihnen, wonach sie unaufhörlich für Kür- 
zung der Arbeit und Steigerung des Lohnes wirken müssen. Es ist 
der Nachweis ihrer Befähigung vor der Partei. Und wenn heute der 
ursprüngliche dogmatische Sinn vergessen ist und das gute Gewissen 
des Gläubigen fehlt, so ist doch die Wirkung da., die sie nun auf 
andere „Ursachen" zurückführen — ein neues Mittel der Agitation, 
die Feststellung einer neuen Schuld gegenüber der Arbeiterschaft, 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION III 



Einst hatte die Lehre vom „Mehrwert" Gewalt über das unent- 
wickelte Denken der Masse gehabt : Der g a n z e Ertrag der industriellen 
Produktion war gleich dein Wert der ausführenden Handarbeit und 
mußte auf sie verteilt werden. Was der Wirtschaftsführer davon 
abzog, für Erhaltung der Werke, Bezahlung der Rohstoffe,. Gehäl- 
ter, Zinsen, der „Mehrwert" also, war Diebstahl. Die Führer, Er- 
finder, Ingenieure arbeiteten überhaupt nicht, und jedenfalls besaß 
eine geistige Arbeit, die nur eine Art von Nichtstun war, keinen hö- 
heren Wert. Es war dieselbe „demokratische" Tendenz, welche die 
Qualität jeder Art mißachtete und zu vernichten suchte und nur das 
Quantum gelten ließ, auch bei der Handarbeit selbst: Der „aristo- 
kratische" Unterschied von gelernten und ungelernten Arbeitern 
sollte aufgehoben sein. Sie sollten denselben Lohn erhalten. Ak- 
kordarbeit und höhere Leistungen wurden als Verrat an der „Sache" 
gebrandmarkt. Auch das hat sich, gerade in Deutschland seit 191 8, 
durchgesetzt. Es schaltete die Konkurrenz unter Arbeitern aus, er- 
stickte den Ehrgeiz des besseren Könnens und verminderte da- 
durch wieder die Gesamtleistung. Daß das alles Nihilismus 
war, Wille zur Zerstörung, zeigt die heutige Praxis von Moskau, wo 
in jeder Beziehung der Zustand von 1 84o wieder hergestellt wurde, 
sobald man „am Ziel" war: lange Arbeitszeit, niedrige Löhne, die 
größte Spannung der Welt — größer selbst als in Amerika — zwi- 
schen der Bezahlung gelernter und ungelernter Arbeit und der Im- 
port fremder Ingenieure statt der eigenen, die man abgeschlachtet 
hatte, weil sie nach der Lehre des kommunistischen Manifestes den 
Arbeiter nur ausbeuteten, ohne etwas zu leisten, und deren Wert 
man erst nachher begriff. 

Die Meinung, daß dem Arbeiter der „volle Wert" seiner Arbeit zu- 
stehe, was mit dem Gesamtertrag des Unternehmens gleichgesetzt 
wurde — ein Rest von Theorie also — blieb bis zum Ende des Jahr- 
hunderts in Geltung. Damit war wenigstens eine natürliche Grenze 
der Lohnforderungen anerkannt. Daneben und darüber hinaus ent- 
wickelte sich aber, etwa seit den siebziger Jahren, die ganz untheo- 
retische Methode der Lohner pressung durch den politischen Druck 
der Arbeiterorganisationen. Hier war keine Rede mehr von Grenzen, 
welche das Wirtschaftsleben dieser Ausraubung zugunsten einer 
Klasse setzte, sondern nur noch von den Grenzen der politischen, 



parlamentarischen, revolutionären Macht. In fast allen „weißen" 



eine ungesetzliche, aber mächtige Nebenregierung der Gewerkschaf- 



Mächten dadurch zu erkaufen, daß sie ihnen die Erlaubnis zum 
Regieren erteilten. Die „Stimmung der Arbeiterschaft", die von den 
Parteiführern gehandhabt wurde, war ausschlaggebend für alles ge- 
worden, wozu die parlamentarischen Regierungen sich zu entschlie- 
ßen wagten. So entstand die Tatsache der politischen Löhne, 
für die es natürliche, wirtschaftliche Grenzen nicht mehr 
gab. Die Tariflöhne, welche der Staat zu schützen verpflichtet war, 
wurden von der Partei festgesetzt, nicht von der Wirtschaft berech- 
net, und die Tarif hoheit der Gewerkschaften wurde zu einem Recht, 
das keine bürgerliche Partei oder Regierung anzutasten oder in 
Zweifel zu ziehen wagte. Der politische Lohn ging sehr bald über 
den „vollen Wert der Arbeit" hinaus. Er hat, mehr als Konkurrenz 
und Überproduktion, die Industrie der „weißen" Länder aus Not- 
wehr und Selbsterhaltungstrieb in eine Entwicklung gedrängt, deren 
Ergebnis in der Katastrophe der Weltwirtschaft heute vor unseren 
Augen liegt. Der Lohnbolschewismus, mit Streik, Sabotage, 
Wahlen, Regierungskrisen arbeitend, entzog dem Wirtschaftsleben 
der Nationen — nicht Deutschlands allein — so viel Blut, daß es in 



fieberhaftem Tempo versuchen mußte, diese Verluste auf jede denk- 
bare Weise zu ersetzen. 

Man muß wissen, was alles zum Begriff des politischen Lohnes ge- 
hört, um den Druck dieser Lohndiktatur auf das gesamte Wirt- 
schaftsleben der Völker zu ermessen. Er umfaßt, über die Geld- 
zahlung weit hinausgehend, die Sorge für das gesamte Dasein „des 
Arbeiters", die ihm abgenommen und „den anderen" aufgebürdet 
wurde. „Der Arbeiter" ist zum Pensionär der Gesellschaft, der Na- 
tion geworden. Jeder Mensch hat sich, wie jedes Tier, gegen das un- 
berechenbare Schicksal zu wehren oder es zu tragen. Jeder hat seine 
persönliche Sorge, die volle Verantwortung für sich selbst, 
die Notwendigkeit durch eigenen Entschluß in allen Gefahren 






cinz' 




daran. 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION US 



Bauern die Folgen von Mißernte, Viehseuchen, Brand und Absatz- 
nöten, den Handwerkern, Ärzten, Ingenieuren, Kauf leuten, Gelehrten 
die Gefahren des wirtschaftlichen Ruins und der Beruf suntauglich- 
keit infolge von mangelnder Eignung, Krankheit oder Unglücks- 
fällen auf Kosten anderer abzunehmen. Jeder mag selbst und 
auf eigene Kosten sehen, wie er dem begegnet, oder er mag die 
Folgen tragen und betteln oder nach seinem Belieben in anderer 
Weise zugrunde gehen. So ist das Leben. Die Sucht des Versichert- 
seinwollens — gegen Alter, Unfall, Krankheit, Erwerbslosigkeit, 
also gegen das Schicksal in jeder denkbaren Erscheinungsform, 
ein Zeichen sinkender Lebenskraft — hat sich von Deutschland aus- 
gehend im Denken aller weißen Völker irgendwie eingenistet. Wer 
ins Unglück gerät, schreit nach den andern, ohne sich selbst helfen 
zu wollen. Aber es gibt einen Unterschied, der den Sieg des mar- 
xistischen Denkens über die ursprünglich germanischen, die in- 
dividualistischen Triebe der Verantwortungsfreude, des persön- 
lichen Kampfes gegen das Schicksal, des „amor fati" bezeichnet. 
Jeder sonst sucht nach eigenem Entschluß und durch eigne Kraft 
dem Unvorhergesehenen auszuweichen oder entgegenzutreten, nur 
„dem Arbeiter" wird auch dieser Entschluß erspart. Er allein kann 
sich darauf verlassen, daß andere für ihn denken und handeln. Die 
entartende Wirkung dieses Freiseins von der großen Sorge, wie 
man sie an Kindern sehr reicher Familien beobachtet, 1 hat die ge- 
samte Arbeiterschaft gerade in Deutschland ergriffen: sobald sich 
irgendeine Not zeigt, ruft man den Staat, die Partei, die Gesellschaft, 
jedenfalls „die anderen" zu Hilfe. Man hat es verlernt, selbst Ent- 
schlüsse zu fassen und unter dem Druck wirklicher Sorgen zu 
leben. 

Aber das bedeutet eine weitere Belastung der höheren Arbeit einer 
Nation zugunsten der niederen. Denn auch dieser Teil des politischen 
Lohnes, die Versicherung jeder Art gegen das Schicksal, der Bau von 
Arbeiterwohnungen — es fällt niemandem ein, dasselbe für Bauern- 

1 Dafür wird dann die kleine Sorge in Gestalt von „Problemen" der Mode, der Küche, 
des ehelichen und unehelichen Liebesgeränkes und vor allem der Langeweile, die zum 
Überdruß am Leben führt, zu lacherlicher Wichtigkeit emporgel rieben. Man macht aus 
Vegetarismus, Sport, erotischem Geschmack eine „Weltanschauung". Man begeht Selbst- 
mord, weil man das ersehnte Abendkleid oder den gewünschten Liebhaher nicht be- 
kommen hat oder weil man sich über Rohkost und Ausflüge nicht einigen kann. 
Spengler, Jahre I 8 



114 DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



käuser zu verlangen — , die Anlage von Spielplätzen, Erholungsheimen, 
Bibliotheken, die Sorge für Vorzugspreise von Lebensmitteln, Bahn- 




andern" für die Arbeiterschaft bezahlt. Gerade das ist ein sehr 
wesentlicherTeil des politischen Lohnes, an den man nicht zu 
denken pflegt. Indessen ist der Nationalreichtum, auf dessen in Zahlen 



angegebene Höhe man sich verläßt, eine nationalökonomische 
Fiktion. Er wird — als „Kapital" — aus dem Ertrag der wirtschaft- 
lichen Unternehmungen oder dem Kurs von Aktien, der von der Ver- 
zinsung abhängt, errechnet und sinkt mit ihnen, wenn der Wert der 
arbeitenden Werke durch die Höhe der Lohnbelastung in Frage gestellt 
wird. Eine Fabrik, die so zum Stilliegen kommt, ist aber nicht mehr 
wert, als für das Abbruchsmaterial gezahlt wird. Die deutsche Wirt- 
schaf t hat unter der Diktatur der Gewerkschaften vom i . Januar 1925 
bis Anfang 1929, also in vier Jahren, eine jährliche Mehrbelastung 
durch Erhöhung von Löhnen, Steuern und sozialen Abgaben von 
18225 Millionen Mark erfahren. 1 Das ist ein Drittel des ge- 
samten Nationaleinkommens, das einseitig verlagert wurde. 
Ein Jahr später war diese Summe auf weit über 20 Milliarden ange- 
wachsen. Was bedeuteten demgegenüber die 2 Milliarden Repara- 
tionen! Sie gefährdeten die Finanzlage des Reiches und die Wäh- 
rung. Ihr Druck auf die Wirtschaft kam gegenüber den Wirkungen 
des Lohnbolschewismus überhaupt nicht in Betracht. Es war die 
Expropriation der gesamten Wirtschaft zugunsten einer Klasse. 

16 



Es gibt höhere und niedere Arbeit: das läßt sich weder leugnen 
noch ändern; es ist* der Ausdruck für die Tatsache, daß es Kultur 
gibt. Je höher sich eine Kultur entwickelt, je mächtiger ihre Ge- 
staltungskraft, desto größer wird der Unterschied von maßgeben- 
dem und untergeordnetem Tun jeder Art, sei es politisch, wirt- 
schaftlich oder künstlerisch. Denn Kultur ist gestaltetes, durch- 



schung einen immer höheren Rang der Persönlichkeit voraussetzt. 
Es gibt Arbeit, zu der man innerlich berufen sein muß, und andere, 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



115 



die man tun muß, weil man nichts Besseres kann, um davon zu 
leben. Es gibt Arbeit, der nur ganz wenige Menschen von Rang ge- 
wachsen sind, und andere, deren ganzer Wert in ihrer Dauer, ihrem 
Quantum besteht. Zur einen wie zur anderen wird man geboren. 
Das ist Schicksal. Das läßt sich nicht ändern, weder durch ratio- 
nalistische noch durch sentimental-romantische Gleichmacherei. 
Der Gesamtaufwand an Arbeit, den die abendländische Kultur in 
Anspruch nimmt, der mit ihr identisch ist, wird mit jedem Jahr- 
hundert größer. Er betrug zur Zeit der Reformation das Vielfache 
von dem im Zeitalter der Kreuzzüge und wuchs mit dem 18. Jahr- 
hundert ins Ungeheure, im Einklang mit der Dynamik der schöpfe- 
rischen Führerarbeit, welche die niedere Massenarbeit in immer grö- 
ßerem Umfange notwendig gemacht hat. Aber deshalb will der pro- 
letarische Revolutionär, der die Kultur von unten sieht und sie nicht 
begreift, weil er sie nicht hat, sie vernichten, um Qualitätsarbeit 
und Arbeit überhaupt zu sparen. Gibt es keinen Kulturmenschen mehr 
— den er für Luxus und überflüssig hält — , so gibt es weniger und 
vor allem geringere Arbeit, die jeder leisten kann. In einer sozialisti- 
schen Zeitung las ich einmal, daß nach den Geldmiilionären die 
Gehirnmillionäre abgeschafft werden müßten. Man ärgert sich über 
die wirklich schöpferische Arbeit, man haßt ihre Überlegenheil, man 
beneidet ihre Erfolge, ob sie nun in Macht oder Reichtum bestehen. 
Die Scheuerfrau des Krankenhauses ist ihnen wichtiger als der 
leitende Arzt; der Ackerknecht ist mehr wert als der Landwirt, der 
Getreidearten und Viehrassen züchtet, der Heizer mehr als der Er- 
finder der Maschine. Eine Umwertung der wirtschaftlichen Werte, 
um einen Ausdruck Nietzsches zu gebrauchen, hat sich vollzogen, und 



spiegelt, so soll die niedere Massenarbeit besser bezahlt werden als die 
höhere der führenden Persönlichkeiten, und das wird erreicht. 



„weiße" Arbeiter, um die Wette umschmeichelt und verwöhnt von 
den Führern der Arbeiterparteien und der Feigheit des Bürgertums, 
wird ein Luxustier. Man lasse doch den albernen Vergleich mit Mil- 
lionären aus dem Spiel, die es „besser haben". Es kommt nicht auf 
Leute an, die in Schlössern wohnen und Dienerschaft halten. Man 



8* 



116 DIE WEISSE WELTREVOLUTION 

arbeitersmit dem eines Kleinbauern. Um i84o war die Lebenshaltung 
beider Klassen etwa dieselbe. Heute arbeitet der erste viel weniger als 
der andre, aber die Art, wie der Bauer, gleichviel ob in Pommern, 
Yorkshire oder Kansas, wohnt, ißt und sich kleidet, ist gegenüber 
dem, was ein Metallarbeiter vom Ruhrgebiet bis nach Pennsylvanien 
hin für seinen Unterhalt und vor allem für sein Vergnügen ausgibt, 
so erbärmlich, daß der Arbeiter sofort streiken würde, wenn man ihm 
zumutete, jemals wieder für die doppelte Arbeit und die ewige Sorge 
um Mißernte, Absatz und Verschuldung diese Lebenshaltung in Kauf 
zu nehmen. Was in den großen Städten des Nordens als Existenz- 
minimum und als „Elend" betrachtet wird, würde in einem Dorf 
eine Wegstunde davon schon als Verschwendung erscheinen, ganz 
abgesehen vom Lebensstil im Gebiet des südeuropäischen Agrar- 
kommunismus, wo die Anspruchslosigkeit farbiger Völker noch zu 
Hause ist. Aber dieser Luxus der Arbeiterschaft, die Folge der 
politischen Luxuslöhne, ist da und wer bezahlt ihn? Die geleistete 
Arbeit nicht. Ihr Ertrag ist bei weitem nicht soviel wert. Es müssen 
andere arbeiten, der ganze Rest der Nation, um ihn zu bestreiten. 
Es gibt Narren — wenn Ford ernst gemeint hat, was er sagte und 
schrieb, gehört er dazu — , die glauben, daß die gesteigerte „Kauf- 
kraft" der Arbeiter die Wirtschaft auf der Höhe halte. Aber haben 
die unbeschäftigten Massen Roms seit der Gracchenzeit das getan? 
Man redet vom Binnenmarkt, ohne darüber nachzudenken, was das 
in Wirklichkeit ist. Man mache doch die Probe auf dies neue Dogma 
der „weißen" Gewerkschaften und entlohne die Arbeiter statt mit 
Geld mit den Erzeugnissen ihrer eigenen Arbeit, mit Lokomotiven, 
Chemikalien und Pflastersteinen, für deren Verkauf sie selbst zu 
sorgen hätten. 

Sie wüßten nichts damit anzufangen. Sie würden entsetzt darüber 
sein, wie wenig diese Dinge wert sind. Es würde sich außerdem zeigen, 
daß zum Geldausgeben höherer Art derselbe Grad von Kultur gehört, 
dieselbe Durchgeistigung des Geschmacks wie zum Geldverdienen 
durch überlegene Leistungen. Es gibt vornehmen und gemeinen 
Luxus, daran ändert man nichts. Es ist der Unterschied zwischen 
einer Oper you Mozart und einem Operettenschlager. Den Luxus- 
löhnen entspricht nun einmal kein verfeinertes Luxusbedürfnis. Es 
ist allein die Kaufkraft der höheren Gesellschaft, welche eine Quali- 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



tätsindustrie möglich macht. Die niederen Schichten ernähren nur 
eine Vergnügungsindustrie, „circenses" , heute wie im alten Rom. 
Aher dieser vulgäre Luxus der großen Städte — wenig Arbeit, viel 
Geld, noch mehr Vergnügen — übte eine verhängnisvolle Wir- 
kung auf die hart arbeitenden und bedürfnislosen Menschen des 
flachen Landes aus. Man lernte dort Bedürfnisse kennen, von denen 
die Väter sich nichts hatten träumen lassen. Entsagen ist schwer, 
wenn man das Gegenteil vor Augen hat. Die Landflucht begann, 
erst der Knechte und Mägde, dann der Bauernsöhne, zuletzt ganzer 
Familien, die nicht wußten, ob und wie sie das väterliche Erbe 
gegenüber dieser Verzerrung des Wirtschaftslebens halten könnten. 
Es war in allen Kulturen auf dieser Stufe das gleiche. Es ist nicht 
wahr, daß Italien seit der Zeit Hannibals durch den Großgrundbesitz 
entvölkert worden wäre. Das „panem et circenses" der Weltstadt 
Rom hat es getan, und erst das menschenleer und wertlos gewordene 
irte zur Entwicklung der Latifundienwirtschaft mit Sklaven. 1 
Wüste geworden. Die Entvölkerung der Dörfer be- 
gann i84o in England, 1880 in Deutschland, 1920 im mittleren 
Westen der Vereinigten Staaten. Der Bauer hatte es satt, Arbeit 
ohne Lohn zu tun, während die Stadt ihm Lohn ohne Arbeit ver- 
sprach. So ging er davon und wurde „Proletarier". 
Der Arbeiter selbst war unschuldig daran. Er empfindet seine 
Lebenshaltung gar nicht als Luxus, im Gegenteil. Er ist elend und 
unzufrieden geworden wie jeder Privilegierte ohne eignes Verdienst. 
Was gestern das Ziel ausschweifender Wünsche war, ist heute selbst- 
verständlich geworden und erscheint morgen als Notstand, der nach 
Abhilfe schreit. Der Arbeiterführer hat den Arbeiter verdorben, als 
er ihn zum Prätorianer des Klassenkampfes wählte. Zur Zeit des 



Proletarier gemacht werden, heute wird er zu gleichem Zweck 
mit der Hoffnung gefüttert, es eines Tages nicht mehr zu sein. 
Aber hier wie dort hat die unverdiente Höhe des politischen Lohnes 
dahin geführt, immer mehr für unentbehrlich zu halten. 
Aber kann dieser Lohn, der eine selbständige Größe neben 
der Wirtschaft geworden ist, überhaupt noch bezahlt werden? 



1 Unt. d. Abendl. II, S. 126. 



118 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



Stellung vom Ertrag der Wirtschaft sich unter dem Druck 
Lohnerpressungen unbemerkt verändert hat. Nur ein gesundes Wirt- 
schaftsleben kann fruchtbar sein. Es gibt einen natürlichen, unge- 
zwungenenErtrag, solange der Lohn der ausf ührenden Arbeit alsFunk- 
tion von ihm abhängt. Wird dieser eine unabhängige — politische 
— Größe, ein ununterbrochener Aderlaß, den kein lebender Körper 



des Wirtschaftens, ein Wettrennen zwischen dem Absatz, der an der 
Spitze bleiben muß, wenn nicht das Ganze erliegen, sich verbluten 
soll, und den vorauseilenden Löhnen samt Steuern und sozialen Ab- 
gaben, die indirekte Löhne sind. Das fieberhafte Tempo der Produk- 
tionssteigerung geht zum großen Teil vondie s er geheimen Wunde 

Reklame greift um sich ; der Fernabsatz unter farbigen Völkern wird 
auf jede denkbare Weise ausgedehnt und erzwungen. Der wirt- 
schaftliche Imperialismus der großen Industriestaaten, der mit mili- 
tärischen Mitteln Absatzgebiete sichert und in ihrer Rolle als solche 
zu erhalten sucht, wird in seiner Intensität auch durch den Selbst- 
erhaltungstrieb der Wirtschaftsführer bestimmt, welche der bestän- 



ruft. Sobald irgendwo in der „weißen" Welt ein wirkliches oder 
scheinbares Aufatmen der Industrie stattfindet, melden die Ge- 



die gar nicht vorhanden sind, zu sichern. Als in Deutschland die 
Reparationszahlungen eingestellt wurden, hieß es sofort, daß diese 
„Ersparnisse" der Arbeiterschaft zugute kommen müßten. Die na- 
türliche Folge der Luxuslöhne war eine Verteuerung der Produktion 
— also ein Sinken des Geldwertes — , und auch da wurde politisch 
eingegriffen, indem die Verkaufspreise gesetzlich gehalten oder ge- 
senkt wurden, um die Kaufkraft der Löhne zu sichern. Deshalb 
wurden um i85o in England die Kornzölle aufgehoben — eine ver- 
schleierte Lohnerhöhung also — und damit der Bauer dem Ar- 
beiter geopfert, was seitdem überall versucht oder durchgeführt 
worden ist, zum Teil mit der absurden nationalökonomischen Be- 
gründung von Bankiers und ähnlichen „Sachverständigen", daß 

len 




DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



119 



Was dann aus der Bauernschaft der Industrieländer werden sollte, 
danach fragte niemand. Sie war bloßes Objekt der Arbeiterpolitik. 
Sie war der eigentliche Feind für das Monopol der Arbeiterinter- 
essen. Alle Arbeiterorganisationen sind bauernfeindlich, ob sie es 
zugeben oder bestreiten. Aus dem gleichen Grunde wurde der Preis 
für Kohle und Eisen unter parlamentarischem Druck festgesetzt, 



ebenso wurden Vorzugspreise aller Art für die Arbeiterschaft er- 
zwungen, die dann durch Erhöhung der Normalpreise für „die 
andern" ausgeglichen werden mußten. Ob der Absatz darunter litt 
oder unmöglich wurde, war eine Privatangelegenheit des Unter- 
nehmertums, und je mehr es in seiner Stellung erschüttert wurde, 
desto siegreicher fühlten sich die Gewerkschaften. 
Eine Folge dieser Wirkungen des Klassenkampf es war der steigende 
Bedarf der produktiven Wirtschaft an „Kredit", an „Kapital", also 
an eingebildeten Geldwerten, die nur so lange vorhanden sind, 
als man an ihre Existenz glaubt, und die sich bei dem geringsten 
Zweifel in Form eines Börsenkrachs in nichts auflösen. Es war 
der verzweifelte Versuch, zerstörte echte Werte durch Wertphan- 
tome zu ersetzen. Die Blütezeit einer neuen hinterlistigen Art von 
Banken begann, welche die Unternehmungen finanzierten und damit 
ihre Herren wurden. Sie gaben nicht nur Kredit, sondern sie er- 
zeugten ihn auf dem Papier als gespenstisches, heimatlos schwei- 
fendes Finanzkapital. In immer rascherem Tempo wird alter 
Familienbesitz in Aktiengesellschaften umgewandelt, beweglich ge- 
macht, um mit 




und Einnahme zu füllen. 
Wirtschaft — denn zuletzt sind Aktien nichts als 
eine Schuld — wuchs ins Ungeheure, und als deren Verzinsung 
neben der Lohnzahlung eine für diese bedenkliche Größe zu werden 
begann, tauchte das letzte Mittel des Klassenkampfes auf, die 
Forderung nach Enteignung der Werke durch den Staat: damit 



zogen und zu Staatsgehältern werden, die von den regierenden 
Arbeiterparteien nach freiem Ermessen festgesetzt wurden und für 



120 



DIE WEISSE W ELT REV OLU T I ON 



Die letzten, entscheidenden. Folgen dieses Wahnsinns der Luxus- 
löhne treten seit 1910 rasch zutage: die zunehmende Verödung 
des bäuerlichen Landes führte immer größere Massen in den Bereich 
des großstädtischen panem et circenses und verführte die Industrie 
zu immer größerer Ausdehnung der Werke, für deren Absatz man 
noch keine Sorge nötig zu haben glaubte. In die Vereinigten Staaten 
wanderten 1900 — i4 fünfzehn Millionen ländlicher Menschen 
aus Süd- und Osteuropa ein, während die Farmbevölkerung be- 
reits abnahm. 1 In Nordeuropa erfolgte eine Binnenwanderung von 
gleichem Ausmaß. Im Bergwerksgebiet von Briey arbeiteten 191 4 
mehr Polen und Italiener als Franzosen. Und über diese Entwick- 
lung brach nun das Verhängnis von einer Seite herein, welche die 
Führer des Klassenkampfes nie in den Kreis ihrer Berechnungen 
gezogen, welche sie nicht einmal bemerkt hatten. 
Marx hatte die Industriewirtschaft der weißen" Länder des Nor- 



Er blickte immer nur auf deren Heimat, auf England, Frankreich 
und Deutschland, und für seine Nachfolger blieb dieser provinziale 
Horizont die rechtgläubige Voraussetzung aller laklischen Erwä- 
gungen. Aber die Welt war größer, und sie war mehr und etwas 
anderes als ein Gebiet, das den Export des kleinen europäischen 
Nordens stumm und widerstandslos aufnahm. Die weißen Arbeiter- 
massen lebten nicht von der Industrie überhaupt, sondern vom In- 
dustriemonopol der nordischen Großmächte. Nur auf Grund 
dieser Tatsache waren die politischen Löhne gezahlt worden, ohne 
sofort zur Katastrophe zu führen. Jetzt aber erhob sich über 
dem Klassenkampf zwischen Arbeiterschaft und Gesellschaft in- 
nerhalb der weißen Völker ein Rassenkampf von ganz anderem 
Ausmaß, den kein Arbeiterführer geahnt hatte und den auch 
heute keiner in seiner schicksalsschweren Unerbittlichkeit begreift 
und zu begreifen wagt. Die Konkurrenz der weißen Arbeiter unter- 
einander hatte man durch Gewerkschaftsorganisation und Tarif- 
löhne beseitigt. Der seit i84o herangewachsene Unterschied zwi- 
schen der Lebenshaltung des Industriearbeiters und des Bauern war 
dadurch unschädlich gemacht worden, daß die wirtschaftspolitischen 



Entscheidungen — Zölle, Steuern, Gesetze — von der Arbeiterseite 
aus und gegen die Landwirtschaft gefällt wurden. Hier aber trat 
die Lebenshaltung der Farbigen in Konkurrenz mit den Lu- 
xuslöhnen der weißen Arbeiterschaft. 

Farbige Löhne sind eine Größe anderer Ordnung und anderer Her- 
kunft als weiße. Sie wurden diktiert, nicht gefordert, und wurden 
niedrig gehalten, wenn es sein mußte, mit Waffengewalt. Man 
nannte das nicht Reaktion oder Entrechtung des Proletariats, son- 
dern Kolonialpolitik, und wenigstens der englische Arbeiter, der im- 
perialistisch zu denken gelernt hatte, war ganz damit einverstanden. 
Marx suchte bei seiner Forderung des „vollen Ertrags wertes" als Ar- 
beiterlohn eine Tatsache zu unterschlagen, die er bei größerer Ehr- 
lichkeit hätte bemerken und in Rechnung stellen müssen: Im Ertrag 
nordischer Industrien stecken die Kosten tropischer Rohstoffe — 
Baumwolle, Gummi, Metalle — und in diesen die niedrigen Löhne 
farbiger Arbeiter. Die Überbezahlung der weißen Arbeit be- 
ruhte auch auf der Unterbezahlung der farbigen. 1 
Was Sowjetrußland als Methode im Kampf gegen die „weiße" Wirt- 
schaft proklamiert hat, um deren Lebensfähigkeit durch Unterbie- 
tung zu zerstören: nämlich die eigene Arbeiterschaft nach Lebens- 
haltung und Arbeitszeit wieder auf den Stand von i84o zu setzen, 
wenn es sein mußte durch Hungertod oder — wie 1923 in Moskau 
— durch Artillerie, das war ohne Zwang schon längst auf 
der ganzen Erde in Entwicklung begriffen. Und es rich- 
tete sich mit furchtbarer Wirkung weniger gegen den Rang 
dieser Industrie als gegen dieExistenz der weißen Arbeiter- 
schaft. Haben die Sowjets das nicht begriffen, infolge ihrer dok- 
trinären Verblendung, oder war das schon der Vernichtungswille 
des erwachenden asiatischen Rassebewußtseins, das die Völker der 
abendländischen Kultur vertilgen will? 

In südafrikanischen Minen arbeiten Weiße und Kaffern nebeneinan- 
der, der Weiße 8 Stunden mit einem Stundenlohn von 2 Schilling, 
der Kaffer 12 Stunden bei 1 Schilling Tagelohn. Dies groteske Ver- 
hältnis wird durch die weißen Gewerkschaften aufrechterhalten, 



1 Ebenso wird die Kaufkraft 

der mit farbigen Löhnen 




122 DIE WEISSE W ELT REVO Lü Tl 0 N 

welche die Organisationsversuche der Farbigen verbieten und es durch 
politischen Druck auf die Parteien verhindern, daß die weißen Arbeiter 
samt und sonders hinausgeworfen werden, obwohl das in der Natur 
der Dinge läge. Aber das ist nur ein Beispiel des allgemeinen Ver- 
hältnisses zwischen weißer und farbiger Arbeit in der ganzen Welt. 
Die japanische Industrie schlägt mit ihren billigen Löhnen überall 
in Süd- und Ostasien die weiße Konkurrenz aus dem Felde und 
meldet sich schon auf dem europäischen und amerikanischen Markt. 1 
Indische Webwaren erscheinen in London. Und inzwischen geschieht 
etwas Furchtbares. Noch um 1880 gab es nur in Nordeuropa und 
Nordamerika Kohlenlager, die ausgebeutet wurden. Jetzt sind sie in 
allen Erdteilen bekannt und erschlossen. Das Monopol der weißen 
Arbeiterschaft auf Kohle ist zu Ende. Darüber hinaus aber hat sich 
die Industrie Yon der Bindung an die Kohle weitgehend befreit, durch 
Wasserkraft, Erdöl und elektrische Kraftübertragung. Sie kann 
wandern und sie tut es, und zwar überall fort aus dem Be- 
reich der weißen Gewerkschaftsdiktaturen zu Ländern mit 
niedrigen Löhnen. Die Zerstreuung der abendländischen Indu- 
strie ist seit 1900 in vollem Gang. Die Spinnereien Indiens sind als 
Filialen der englischen Fabriken gegründet worden, um „dem Ver- 
braucher näher zu sein". So war es ursprünglich gemeint, aber die 
Luxuslöhne Westeuropas haben eine ganz andere Wirkung hervor- 
gebracht. In den Vereinigten Staaten wandert die Industrie mehr 
und mehr von Chikago und Newyork nach den Negergebieten im 
Süden und wird auch an der Grenze Mexikos nicht haltmachen. Es 
gibt wachsende Industriegebiete in China, Java, Südafrika, Süd- 
amerika. Die Flucht der hochentwickelten Verfahren zu den Far- 
bigen schreitet fort und die weißen Luxuslöhne beginnen Theorie 

zu werden, da die dafür angebotene Arbeit nicht mehr gebraucht 
- -1 



17 

Schon um 1900 war die Gefahr ungeheuer. Der Bau der „weißen" 
Wirtschaft war bereits untergraben. Er drohte unter dem Druck der 

1 Die 60-Stunden -Woche wird in der japanischen Textilindustrie mit 7 Mark bezahlt, die 
48-Stunden-Woche in Lancashire mit 35 Mark (Anfang xg33). 



politischen Löhne, des Sinkens der persönlichen Arbeitsdauer, der 
Sättigung aller fremden Absatzmärkte, des Entstehens fremder, von 
den weißen Arbeiterparteien unabhängiger Industriegebiete bei der 
ersten weltgeschichtlichen Erschütterung einzustürzen. Nur der un- 
wahrscheinliche Friede seit 1870, den die Angst der Staatsmänner vor 
nicht absehbaren Entscheidungen über die „weiße" Welt gebreitet 
hatte, 1 hielt die allgemeine Täuschung über die unheimlich schnell 
näherrückende Katastrophe aufrecht. Die düsteren Vorzeichen wur- 
den nicht bemerkt und nicht beachtet. Ein verhängnisvoller, flacher, 



Fortschritt, der sich in Ziffern aussprach — beherrschte Arbeiter- 
führer und Wirtschaf tsführer, um von Politikern ganz zu schweigen, 
unterstützt von der krankhaften Aufblähung des fiktiven Finanzkapi- 
tals, das alle Welt für wirklichen Besitz, wirkliche, unzerstörbare 
Geldwerte hielt. Aber schon um 19 10 erhoben sich einzelne Stim- 
men, die daran erinnerten, daß die Welt im Begriff sei, mit Erzeug- 
nissen der Industrie einschließlich der industrialisierten Großland- 
wirtschaft übersättigt zu werden. Es wurde hier und da die Verstän- 
digung zwischen den Mächten über eine freiwillige Kontingentie- 
rung der Produktion vorgeschlagen. Aber das verhallte in den Wind. 
Niemand glaubte an ernsthafte Gefahren. Niemand wollte daran glau- 
ben. Es war außerdem falsch begründet, von einseitigen Wirtschaf ts- 
betrachtern nämlich, die nur die Wirtschaft wie eine unabhängige 
Größe sahen und nicht die viel mächtigere Politik der schleichen- 
den Weitrevolution, die sie in falsche Formen und Richtungen 
drängt hatte. Die Ursachen liegen tiefer, als daß sie durch 
denken über Fragen der Konjunktur auch nur berührt worden wären. 
Und es war bereits zu spät. Noch eine kurze Frist der Selbsttäu- 
schung war gegeben; Die Vorbereitung des Weltkrieges, die zahl- 
lose Hände in Anspruch nahm oder wenigstens der Produktion ent- 
zog, Soldaten der stehenden Heere und Arbeiter für die 
des Kriegsbedarfs. 

Dann kam der große Krieg, und mit ihm, nichtvon 
sondern nur nicht länger aufgehalten, der wirtschaftliche Zu- 
sammenbruch der weißen Welt. Er wäre auch so gekommen, nur 




")1E WEISSE 

wurde von England, der Heimat des praktischen Arbeitersozialis- 
mus, von Anfang an geführt, um Deutschland, die jüngste Groß- 
macht, die sich am schnellsten und in überlegenen Formen entwik- 
kelnde Wirtschaftseinheit, wirtschaftlich zu vernichten und für im- 
mer von der Konkurrenz des Weltmarktes auszuschließen. Je mehr 
im Chaos der Ereignisse das staatsmännische Denken verschwand 
und nur militärische und grob wirtschaftliche Tendenzen das Feld 
beherrschten, desto deutlicher trat überall die düstere Hoffnung zu- 
tage, durch den Ruin Deutschlands, dann Rußlands, dann der ein- 

und Finanz« 



lung, und damit den eigenen Arbeiter zu retten. Aber das war gar 
nicht mehr der eigentliche Beginn der folgenden Katastrophe. Sie ent- 
wickelte sich vielmehr aus der Tatsache, daß seit 1 916 in allen weißen 
Ländern, ob sie sich am Kriege beteiligten oder nicht, die Diktatur 
der Arbeiterschaft gegenüber der Staatsleitung sich durch- 
setzte, offen oder heimlich, in sehr verschiedenen Formen und Gra- 
den, aber mit derselben revolutionären Tendenz. Sie stürzte oder be- 
herrschte alle Regierungen. Sie wühlte in allen Heeren und Flotten. 
Sie wurde — mit Recht — mehr gefürchtet als der Krieg selbst. 
Und sie trieb nach seinem Abschluß die Löhne für die niedere 
Massenarbeit zu einer grotesken Höhe hinauf und setzte gleichzeitig 
den Achtstundentag durch. Als die Arbeiter aus dem Krieg nach 



Menschenverluste die bekannte Wohnungsnot, weil das siegreiche 
Proletariat jetzt nach Art der Bourgeoisie wohnen wollte und das 
durchgesetzt hat. Er war das klägliche Symbol des Sturzes aller alten 
Mächte des Standes und Ranges. Von dieser Seite her wurde die all- 
gemeine Inflation der Staatsfinanzen und Wirtschaftskredite zuerst als 
das begriffen, was sie war : eine der wirksamsten Formen des Bolsche- 
wismus, durch welche die f ührenden Schichten der Gesellschaft ent- 
eignet, ruiniert, proletarisiert und infolge davon aus der leitenden Poli- 
tik ausgeschaltet wurden. Seitdem beherrscht das niedrige, kurze Den- 
ken des gemeinen Mannes, der plötzlich mächtig geworden ist, die Welt. 
Das — war der Sieg! Die Vernichtung ist vollzogen, die Zukunft ist 
beinahe hoffnungslos, aber die Rache an der Gesellschaft ist be- 



DIE WEISSE WELT REVOLUTION 125 



dem gemeinen Denken, den Neidischen, den Träumern, den Schwär- 
mern, die für die großen und kalten Tatsachen der Wirklichkeit 
blind gewesen sind. 

Dreißig Millionen weiße Arbeiter sind heute ohne Arbeit, trotz 
der großen Kriegsverluste, und abgesehen von weiteren Millionen, 
die nur teilweise beschäftigt sind. Das ist nicht die Folge des Krie- 
ges, denn die Hälfte von ihnen lebt in Ländern, die kaum oder gar 
nicht am Kriege beteiligt waren, nicht die Folge von Kriegsschul- 
den oder verunglückten Währungsmanövern, wie die andern Län- 
der zeigen. Die Arbeitslosigkeit steht überall genau im Ver- 
hältnis zur Höhe der politischen Tariflöhne. Sie trifft die 
einzelnen Länder genau im Verhältnis zur Zahl der weißen Indu- 
striearbeiter. In den Vereinigten Staaten sind es zuerst die Anglo- 
amerikaner, dann die eingewanderten Ost- und Südeuropäer, bei 
weitem zuletzt die Neger, deren Arbeit man nicht mehr braucht. 
Ebenso steht es in Lateinamerika und Südafrika. In Frankreich ist 
die Zahl vor allem deshalb kleiner, weil die sozialistischen Abgeord- 
neten den Unterschied von Theorie und Praxis kennen und sich so 
schnell als möglich der regierenden Hochfinanz verkaufen, statt 
für ihre Wähler Löhne zu erpressen. Aber in Rußland, Japan, China, 
Indien gibt es keinen Mangel an Arbeit, weil es keine Luxuslöhne 
gibt. Die Industrie flüchtet sich zu den Farbigen, und in den weißen 
Ländern machen sich nur noch die Handarbeit sparenden Er- 
findungen und Methoden bezahlt, weil sie den Druck der Löhne 
mindern. Seit Jahrzehnten war die Steigerung der Produktion 
bei der gleichen Arbeiterzahl durch technische Verfeinerung das 
letzte Mittel gewesen, diesen Druck zu ertragen. Jetzt ertrug man 
ihn nicht mehr, weil der Absatz fehlte. Einst waren die Löhne 
von Birmingham, Essen und Pittsburg das Weltmaß; heute sind 
es die farbigen von Java, Rhodesia und Peru. Und dazu kommt 
die Einebnung der vornehmen Gesellschaft der weißen Völker 
mit ihrem ererbten Reichtum, ihrem langsam herangebildeten 
Geschmack, ihrem als Vorbild wirkenden Bedürfnis nach ech- 
tem Luxus. Der Bolschewismus der vom Neid diktierten Erbschafts- 
und Einkommensteuern — in England begann er schon vor dem 



n in 




m 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



verwandelten, haben gründliche Arbeit geleistet. Aber dieser echte 
Luxus hatte die Qualitätsarbeit geschaffen und erhalten und 
ganze Qualitätsindustrien wachsen lassen und genährt. Er 
hatte die mittleren Schichten verführt und erzogen, selbst feinere 
Ansprüche zu stellen. Je größer dieser Luxus, desto blühender die 



nationalökonomischen Theorien abgab und deshalb das Wirtschaf ts- 
leben besser verstand: Von seinem Hofe aus belebte sich die von 
den Jakobinern zerstörte Wirtschaft wieder, weil sich wieder eine 
höhere Gesellschaft bildete, nach englischem Vorbild freilich, weil die 
des ancien regime ausgemordet, ruiniert, in ihren Resten stumpf und 

Reichtum durch Pöbeleingriffe vernichtet, wenn er verdächtig, ge- 
ächtet und den Besitzern gefährlich wird, hört der nordische Wille 
zum Erwerb von Besitz, zur Macht durch Besitz auf, welchen zu 
schaffen. Der wirtschaftliche — seelische — Ehrgeiz stirbt ab. Der 
Wettkampf lohnt sich nicht mehr. Man sitzt im Winkel, verzichtet und 
spart — und am „Sparen", das immer ein Sparen der Arbeit an- 
derer ist, geht jede hochentwickelte Wirtschaft notwendig zugrunde. 
Das alles wirkt zusammen. Die niedere weiße Lohnarbeit ist wert- 
los, die Arbeitermasse auf der nordischen Kohle ist überflüssig ge- 
worden. Es war die erste große Niederlage der weißen Völker gegen- 
über der farbigen Völkermasse der ganzen Welt, zu der die Russen, 
die Südspanier und Süditaliener, die Völker des Islam ebenso ge- 



Amerika. Es war das erste drohende Zeichen dafür, daß die weiße 
Weltherrschaft vor der Möglichkeit steht, infolge des Klassenkamp- 
fes in ihrem Rücken der farbigen Macht zu erliegen. 
Und trotzdem wagt es niemand, die wirklichen Gründe und Ab- 
gründe dieser Katastrophe zu sehen. Die weiße Welt wird vor- 
wiegend von Dummköpfen regiert — wenn sie regiert wird, woran 
man zweifeln darf. Um das Krankenbett der weißen Wirtschaft 
stehen lächerliche Autoritäten, die nicht über das nächste Jahr hin- 
aussehen und die sich aus längst veralteten, „kapitalistischen" und 
„sozialistischen", eng wirtschaftlichen Ansichten heraus um kleine 
Mittel streiten. Und endlich: Feigheit macht blind. Niemand redet 
von den Folgen dieser mehr als hundertjährigen Weltrevolution, die 



aus den Tiefen der weißen Großstädte heraus das Wirtschaftsleben 
und nicht nur dieses zerstört hat; niemand sieht sie; niemand wagt 
es, sie zu sehen. 

„Der Arbeiter" ist nach wie vor der Götze aller Welt, und der 
„Arbeiterführer" ist jeder Kritik hinsichtlich der Tendenz seines 
Vorhandenseins enthoben. Man mag noch so lärmend gegen den 
Marxismus wettern, aus jedem Wort spricht der Marxismus selbst. 
Seine lautesten Feinde sind von ihm besessen und merken es nicht. 
Und fast jeder von uns ist in irgendeinem Winkel seines Herzens 
„Sozialist" oder,, Kommunist". 1 Daher die allgemeine Abneigung, 
die Tatsache des herrschenden Klassenkampfes zuzugeben und die 
Folgerungen daraus zu ziehen. Statt die Ursachen der Katastrophe 
rücksichtslos zu bekämpfen, soweit das überhaupt noch möglich 
ist, sucht man die Folgen, die Symptome zu beseitigen, und nicht 
einmal zu beseitigen, sondern zu übertünchen, zu verstecken, zu 
leugnen. Da ist, statt die Betrachtung bei der revolutionären Lohn- 
höhe zu beginnen, die Vierzigstundenwoche die neue revolutio- 
näre Forderung, ein weiterer Schritt auf marxistischem Wege, eine 
weitere Kürzung der Leistungen der weißen Arbeiterschaft bei 
gleichbleibendem Einkommen, also eine weitere Verteuerung der 
weißen Arbeit, denn daß die politischen Löhne nicht fallen dürfen, 
wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Niemand wagt es, den Ar- 
beitermassen zu sagen, daß ihr Sieg ihre schwerste Niederlage war, 
daß Arbeiterführer und Arbeiterparteien sie dahin gebracht haben, 
um ihren eigenen Hunger nach Volkstümlichkeit, nach Macht und 
nach einträglichen Posten zu stillen, und daß sie noch lange nicht 
daran denken, ihre Opfer aus der Hand zu lassen und selbst zu ver- 
lange, bis an die Grenze ihrer Arbeitskraft, in Rußland unter der 
Knute, anderswo aber schon mit dem stillen Bewußtsein der Macht, 
die sie damit über die verhaßten Weißen, die Herren von heute — 
oder von gestern? — in der Hand haben. 

Da ist das Schlagwort der „Abschaffung" der Arbeitslosigkeit, der 
„Arbeitsbeschaffung" — von überflüssiger und zweckloser Arbeit 
nämlich, da es notwendige, ertragreiche und zweckvolle unter diesen 
Bedingungen nicht mehr gibt — , und niemand sagt sich, daß die 
i S. 58. 



12 



Kosten dieser Produktion ohne Absatz, dieser Potemkinschen Dörfer 
in einer Wirtschaftswüste, wieder durch den Steuerbolschewismus 
einschließlich der Herstellung fiktiver Zahlungsmittel von den 
Resten des gesunden Bauerntums und der städtischen Gesellschaft 
eingetrieben werden müssen. Da ist das Dumping durch planmäßi- 
gen Währungsverfall, wodurch das einzelne Land den Absatz seiner 
Produkte auf Kosten desjenigen der anderen zu retten sucht — 
im Grunde eine falsche, billigere Verrechnung der wirklichen Löhne 
und Herstellungskosten, durch die der Abnehmer betrogen wird und 
wofür wieder der Rest des Besitzes der übrigen Nation durch Wert- 
verminderung die Kosten trägt. Aber der Sturz des Pfundes, ein 
gewaltiges Opfer für den englischen Stolz, hat die Zahl der Arbeits- 
losen auch nicht um einen Mann vermindert. Es gibt nur eine Art 
von Dumping, die im Wirtschaftsleben natürlich begründet und 
deshalb erfolgreich ist, die durch billigere Löhne und die größere 
Arbeitsleistung, und darauf stützt sich die zerstörende Tendenz des 
russischen Exports und die tatsächliche Überlegenheit der „farbigen" 
Produktionsgebiete wie Japan, mögen sie Industrie oder Landwirt- 
schaft treiben und die weiße Produktion durch eigenen Export oder 
durch Verhinderung des Imports infolge billigerer Selbstversorgung 
vernichten. 

Und endlich erscheint das letzte, verzweifelte Mittel der todkranken 
Nationalwirtschaften : die Autarkie oder mit welchen großen Worten 
man sonst dies Verhalten sterbender Tiere bezeichnet, die gegen- 
seitige wirtschaftliche Abschließung auf politischem Wege durch 
Kampfzölle, Einfuhrverbote, Boykott, Devisensperren und was man 
sonst noch erfunden hat oder erfinden wird, um den Zustand be- 
lagerter Festungen herzustellen, der schon fast einem wirklichen 
Kriege entspricht und eines Tages die militärisch stärkeren Mächte 
daran erinnern könnte, mit einem Hinweis auf Tanks und Bomben- 
geschwader die Öffnung der Tore und die wirtschaftliche Kapitu- 
lation zu verlangen. Denn, es muß immer wieder gesagt werden : Die 
Wirtschaft ist kein Reich für sich; sie ist mit der großen Politik 
unauflöslich verbunden ; sie ist ohne starke Außenpolitik nicht denk- 
bar und damit letzten Endes abhängig von der militärischen Macht 
des Landes, in dem sie lebt oder stirbt. 1 

1 Polit. Schriften S. 32aff. 



DIE WEISSE WELT REVOLUTION 129 



Aber welchen Sinn hat die Verteidigung einer Festung, wenn der 
Feind sich darin befindet, der Verrat in Gestalt des Klassen- 
kampfes, der es zweifelhaft erscheinen läßt, wen und was man 
eigentlich verteidigt. Hier liegen die wirklichen, schweren Probleme 
der Zeit. Die großen Fragen sind dazu da, daß bedeutende Köpfe an 
ihnen zerbrechen. Wenn man sieht, wie sie überall in der Welt auf 
kleine Scheinprobleme herabgezogen, herabgelogen werden* damit 
kleine Menschen sich mit kleinen Gedanken und kleinen Mitteln 
wichtig tun können — wenn die „Schuld" an der Wirtschaftskata- 
strophe beim Krieg und den Kriegsschulden, bei Inflation und Wäh- 
rungsschwierigkeiten gesucht wird und „Wiederkehr der Prosperität" 
und „Ende der Arbeitslosigkeit" Worte für den Abschluß einer un- 
geheuren welthistorischen Epoche sind, Worte, deren man sich nicht 
schämt, dann möchte man an der Zukunft verzweifeln. Wir leben 
in einem der gewaltigsten Zeilalter aller Geschichte und niemand 
sieht, niemand begreift das. Wir erleben einen Vulkanausbruch ohne- 
gleichen. Es ist Nacht geworden, die Erde zittert und Lavaströme 
wälzen sich über ganze Völker hin — und man ruft nach der Feuer- 
wehr! Aber daran erkennt man den Pöbel, der Herr geworden ist, 
im Unterschied von den seltenen Menschen, die „Rasse haben". Die 
großen Einzelnen sind es, die Geschichte machen. Was „in Masse" 
auftritt, kann nur ihr Objekt sein. 



Diese Weltrevolution ist nicht zu Ende. Sie wird die Mitte, viel- 
leicht das Ende dieses Jahrhunderts überdauern. Sie schreitet un- 
aufhaltsam fort, ihren letzten Entscheidungen entgegen, mit der 
geschichtlichen Unerbittlichkeit eines großen Schicksals, dem keine 
Zivilisation der Vergangenheit ausweichen konnte und das alle 
weißen Völker der Gegenwart seiner Notwendigkeit unterwirft. Wer 
ihr Ende predigt oder sie besiegt zu haben glaubt, der hat sie gar 
nicht verstanden. Ihre gewaltigsten Jahrzehnte brechen erst an. Jede 
führende Persönlichkeit im Zeitalter der gracchischen Revolution, 
Scipio so gut wie sein Gegner Haimibal, Sulla nicht weniger als 




sehen Kriege, der Aufstand der italischen Bundesgenossen, Skla- 
venrevolten von Sizilien bis Kleinasien sind nur Formen, in denen 
diese tief innerliche Krise der Gesellschaft, das heißt des organischen 
Baues der Kulturnationen, ihrer Vollendung entgegengeht. Es war im 
Ägypten der Hyksoszcit, im China der „Kämpfenden Staaten" 1 und 
überall sonst in den „gleichzeitigen" Abschnitten der Geschichte 
ebenso, wie wenig wir auch davon wissen mögen. Hier sind wir 
alle ohne Ausnahme Sklaven des „Willens" der Geschichte, mit- 
wirkende, ausführende Organe eines organischen Geschehens: 

Und wer sich vermißt, es klüglich zu wenden, 



In diesem ungeheuren Zweikampf großer Tendenzen, der sich über 
die weiße Welt hin in Kriegen, Umstürzen, starken Persönlich- 
keiten voller Glück und Tragik, gewaltigen Schöpfungen von den- 



sive von unten, von der städtischen Masse her, die Defensive von 
oben, noch schwächlich und ohne das gute Gewissen ihrer Not- 
wendigkeit. Das Ende wird erst sichtbar werden, wenn das Verhält- 
nis sich umkehrt, und das steht nahe bevor. 

Es gibt in solchen Zeiten zwei natürliche Parteien, zwei Fronten 
des Klassenkampf es, zwei innerliche Mächte und Richtungen, mögen 
sie sich nennen, wie sie wollen, und nur zwei, gleichviel in welcher 
Zahl Parteiorganisationen vorhanden sind und ob sie da sind. Die 
fortschreitende Bolschewisierung der Massen in den Vereinigten 
Staaten beweist es, der russische Stil in ihrem Denken, Hoffen und 
Wünschen. Das ist eine „Partei". 2 Noch gibt es kein Zentrum des 
Widerstandes dagegen in diesem Lande, das kein Gestern und viel- 
leicht kein Morgen hat. Die glänzende Episode der Dollarherrschaft 
und ihrer sozialen Struktur, mit dem Sezessionskrieg 1860 begin- 
nend, scheint vor dem Ende zu stehen. Wird Chikago das Moskau 
der neuen Welt sein? In England hat die Oxford Union Society, 
der größte Studentenklub der vornehmsten Universität des Landes, 
mit erdrückender Mehrheit den Beschluß gefaßt: Dies Haus wird 
unter keinen Umständen für König und Vaterland kämpfen. Das 



1 Unt. d. Abendl. II, S. 5io, 5i8, 53i. 
* S. 5o. 



DIE WEISSE WELT REVOLÜT ION 131 

bedeutet das Ende der Gesinnung, die alle Parteibildungen bis dahin 
beherrscht hatte. Es ist nicht unmöglich, daß die angelsächsischen 
Mächte im Begriff sind zu vergehen. Und das westeuropäische Fest- 
land? Am freiesten von diesem weißen Bolschewismus ist — Ruß- 
land, in dem es keine „Partei" mehr gibt, sondern unter diesem 
Namen eine regierende Horde altasiatischer Art. Hier gibt es auch 



Furcht vor dem Tode — durch Entziehung der Lebensmittelkarte, 
des Passes, durch Verschickung in ein Arbeitslager, durch eine Kugel 
oder den Strang. 

Vergebens bemüht sich die Feigheit ganzer Schichten, für eine versöhn- 
liche Mitte" gegen „rechts"- und ,.links"radikale Tendenzen einzu- 
treten. Die Zeit selbst ist radikal. Sie duldetkeine Kompromisse. Die 
Tatsache der bestehenden Ubermacht der Linken, der erwachende 
Wille zu einer Rechtsbewegung, die einstweilen nur in engen Krei- 
in einigen Heeren, unter anderm auch im englischen Oberhaus 
Stützpunkt hat, lassen sich nicht aus der Welt schaffen oder 
verleugnen. Deshalb ist die liberale Partei Englands verschwunden, 
und wird ihre Erbin, die Labour Party, in der heutigen Gestalt ver- 
schwinden. Deshalb verschwanden die Mittelparteien Deutschlands 
ohne Widerstand. Der Wille zur Mitte ist der greisenhafte Wunsch 
nach Ruhe um jeden Preis, nach Verschweizerung der Nationen, 
nach geschichtlicher Abdankung, mit der man sich einbildet, 
den Schlägen der Geschichte entronnen zu sein. Der Gegensatz zwi- 
schen gesellschaftlicher Rangordnung und städtischer Masse, zwi- 



sein weniger und der niederen, massenhaften Hanc 
man es nennen will, ist da. Es gibt nichts Drittes. 
Aber ebenso ist es ein Irrtum, an die Möglichkeit einer einzigen 
Partei zu glauben. Parteien sind liberal-demokratische Formen der 
Opposition. Sie setzen eine Gegenpartei voraus. Eine Partei ist 
im Staate so unmöglich, wie ein Staat in einer staatenlosen Welt. 
Die politische Grenze — des Landes oder der Gesinnung — trennt 
immer zwei Mächte voneinander. Es ist die Kinderkrankheit aller 
Revolutionen, an eine siegreiche Einheit zu glauben, während das 
Problem der Zeit, aus dem sie selbst hervorgegangen sind, den Zwie- 
spalt fordert. So werden die großen Krisen der Geschichte nicht 

9* 



132 



DIE WEISSE W ELT REVOLü TION 



gelöst. Sie wollen reifen, um in neue, in neue Kämpfe überzu- 
gehen. Der „totale Staat", ein italienisches Schlagwort, das ein in- 
ternationales Modewort geworden ist, war schon von den Jakobinern 
verwirklicht — für die zwei Jahre des Terrors nämlich. Aber sobald 
sie die verfallenen Mächte des ancien regime vernichtet und die 
Diktatur begründet hatten, spalteten sie sich selbst in Girondisten 
und Montagnards, und die ersten nahmen den verlassenen Platz 
ein. Ihre Führer fielen der Linken zum Opfer, aber deren Nach- 
folger machten es mit der Linken ebenso. Dann, mit dem Ther- 
midor, begann das Warten auf den siegreichen General. Man kann 
eine Partei als Organisation und Bürokratie von Gehaltsempfän- 
gern zerstören, als Bewegung, als seelisch-geistige Macht aber nicht. 
Der naturnotwendige Kampf wird damit in die übriggebliebene 
Partei verlegt. Dort bilden sich neue Fronten, um ihn fortzusetzen. 
Er läßt sich bestreiten und verdecken, aber er ist da. 
Das gilt vom Faschismus und von jeder der zahlreichen nach seinem 
Muster entstandenen oder noch, etwa in Amerika, entstehenden Be- 
wegungen. Hier ist jeder Einzelne vor eine unvermeidliche Wahl ge- 
stellt. Man muß wissen, ob man „rechts" oder „links" steht, mit 
Entschiedenheit, sonst entscheidet der Gang der Geschichte dar- 
über, der stärker ist als alle Theorie und ideologische Träu- 
merei. Eine Versöhnung ist heute so unmöglich wie im Zeitalter der 
Gracchen. 

Der abendländische Bolschewismus ist nirgends tot — außer in 
Rußland. Wenn man seine Kampf Organisationen vernichtet, lebt er 
in neuen Formen weiter, als linker Flügel der Partei, die ihn be- 
siegt zu haben glaubt, als Gesinnung, über deren Vorhandensein 
im eigenen Denken einzelne und ganze Massen sich gründlich täu- 
schen können, 1 als Bewegung, die eines Tages plötzlich in organi- 
sierten Formen hervorbricht. 

Was heißt denn „links"? Schlagworte des vorigen Jahrhunderts 
wie Sozialismus, Marxismus, Kommunismus sind veraltet ; sie sagen 
nichts mehr. Man gebraucht sie, um sich nicht Rechenschaft dar- 
über ablegen zu müssen, wo man wirklich steht. Aber die Zeit ver- 
langt Klarheit. „Links" ist, was Partei 2 ist, was an Parteien glaubt, 

* S- 58. 

2 Unt. d. Abendl. II, S. 5ü7ff. 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



133 



denn das ist eine liberale Form des Kampfes gegen die höhere Ge- 
sellschaft, des Klassenkampfes seit 1770, der Sehnsucht nach Mehr- 
heiten, nach dem Mitlaufen „aller", Quantität statt Qualität, die 
Herde statt des Herrn. Aber der echte Cäsarismus aller endenden 
Kulturen stützt sich auf kleine starke Minderheiten. Links ist, was 
ein Programm hat, denn das ist der intellektuelle, rationalistisch- 
romantische Glaube, die Wirklichkeit durch Abstraktionen bezwin- 
gen zu können. Links ist die lärmende Agitation auf dem Straßen- 
lungen, 1 die Kunst, die städtische Masse 
te Worte und mittelmäßige Gründe umzuwerfen : In der 
Gracchenzeit hat sich die lateinische Prosa zu jenem rhetorischen 
Stil entwickelt, der zu nichts taugt als zu spitzfindiger Rhetorik und 
den wir bei Cicero finden. Links ist die Schwärmerei für Massen 
überhaupt als Grundlage der eigenen Macht, der Wille, das Ausge- 
zeichnete einzuebnen, den Handarbeiter mit dem Volk gleichzusetzen 



Eine Partei ist nicht nur eine veraltende Form, sie ruht auch auf 
der schon veralteten Massenideologie, sie sieht die Dinge von unten, 
sie läuft dem Denken der Meisten nach. „Links* ' ist zuletzt und vor 
allem der Mangel an Achtung vor dem Eigentum, obwohl keine 
Rasse einen so starken Instinkt für Besitz hat wie die germanische, 




Der Wille zum Eigentum ist der nordische Sinn 
des Lebens. Er beherrscht und gestaltet unsere gesamte Geschichte 
von den Eroberungszügen halbmythischer Könige bis in die Form 
der Familie der Gegenwart hinein, die stirbt, wenn die Idee des Eigen- 
tums erlischt. Wer den Instinkt dafür nicht hat, der ist nicht „von 
Rasse". 

Das ist die große Gefahr der Mitte dieses Jahrhunderts, daß man fort- 
setzt, was man bekämpfen möchte. Es ist das Zeitalter der Zwischen- 
lösungen und Übergänge. Aber solange das möglich ist, ist die Revo- 
lution nicht zu Ende. Der Cäsarismus der Zukunft wird nicht über- 
reden, sondern mit der Waffe siegen. Erst wenn das selbstverständlich 
geworden ist, wenn man die Mehrheit als Einwand empfindet, sie 
verachtet, wenn je 
Programme und Ide üo^ien u 
1 S. 63. 




134 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



wunden. Auch im Faschismus besteht die gracchische Tatsache 
zweier Fronten — die linke der unteren städtischen Masse und die 
rechte der gegliederten Nation vom Bauern bis zu den führenden 
Schichten der Gesellschaft — , aber sie ist durch die napoleonische 
Energie eines Einzelnen unterdrückt. Aufgehoben ist der Gegen- 
satz nicht und kann es nicht sein, 1 und er wird in schweren Dia- 
dochenkämpfen in dem Augenblick wieder zutage treten, wo diese 
eiserne Hand das Steuer verläßt. Auch der Faschismus ist ein Ober- 
gang. Er hat sich von der städtischen Masse her entwickelt, als 
Massen partei mit lärmender Agitation und Massenreden. Tenden- 
zen des Arbeitersozialismus sind ihm nicht fremd. Aber solange 
eine Diktatur „sozialen" Ehrgeiz hat, um des „Arbeiters" willen da 
zu sein behauptet, auf den Gassen wirbt und populär ist, so lange ist 
sie Zwischenform. Der Cäsarismus der Zukunft kämpft nur um 
Macht, für ein Reich und gegen jede Art von Partei. 
Jede ideologische Bewegung glaubt an das Endgültige ihrer Lei- 
stungen. Sie lehnt den Gedanken ab, daß „nach ihr" die Geschichte 
weitergehe. Noch fehlt ihr die cäsarische Skepsis und Menschenverach- 
tung, das tiefe Wissen um die Flüchtigkeit aller Erscheinungen. Der 
schöpferische Gedanke Mussolinis war groß, und er hat eine inter- 
nationale Wirkung gehabt : Man sah eine mögliche Form, denBolsche- 
wismus zu bekämpfen. Aber diese Form ist in der Nachahmung 
des Feindes entstanden und deshab voller Gefahren: Die Revolu- 
tion von unten, zum guten Teil von Untermenschen gemacht und 
mitgemacht, die bewaffnete Parteimiliz — im Rom Casars durch 
die Banden von Clodius undMilo vertreten — , die Neigung, die gei- 
stige und wirtschaftliche Führerarbeit der ausführenden Arbeit 
unterzuordnen, weil man sie nicht versteht, das Eigentum der an- 
deren gering zu achten, Nation und Masse zu verwechseln, mit 
einem Wort : die sozialistische Ideologie des vorigen Jahrhunderts. 
Das alles gehört zur Vergangenheit. Was die Zi 

Pa 





1 Abgesehen davon, daß in einem südlichen Lande mit halbtropischem Lebensstil und 
entsprechender „Basse", und außerdem mit schwacher Industrie, also unentwickeltem 
Proletariat, die nordische Schärfe des Gegensatzes nicht vorhanden ist. In 
etwa hätte diese Art von Faschismus nicht entstehen und sich nicht 



DIE WEISSE W ELT REVO LTJ T ION 



135 



Parteiführer, obwohl er Arbeiterführer war, sondern der Herr seines 
Landes. Wahrscheinlich wäre sein Vorbild Lenin das auch gewor- 
den, wenn er länger gelebt hätte. Die überlegene Rücksichtslosig- 
keit seiner Partei gegenüber und den Mut, den Rückzug aus aller 
Ideologie anzutreten, besaß er, Mussolini ist vor allem Staatsmann, 
eiskalt und skeptisch, Realist, Diplomat. Er regiert wirklich allein. 
Er sieht alles — die seltenste Fälligkeit bei einem absoluten Herr- 
scher. Selbst Napoleon wurde von seiner Umgebung isoliert. Die 
schwersten Siege und die notwendigsten, die ein Herrscher er- 
ficht, sind nicht die über Feinde, sondern über die eigene Anhänger- 
schaft, die Prätorianer, die „Ras", wie sie in Italien hießen. Damit be- 
weist sich der geborene Herr. Wer das nicht weiß und kann und wagt, 
schwimmt wie ein Flaschenkork auf der Welle, oben und doch ohne 
Macht. Der vollendete Cäsarismus ist Diktatur, aber nicht die Dik- 
tatur einer Partei, sondern die eines Mannes gegen alle Parteien, 
vor allem die eigene. Jede revolutionäre Bewegung kommt mit einer 
Avantgarde von Prätorianern zum Sieg, die dann nicht mehr brauch- 
bar und nur noch gefährlich sind. Der wirkliche Herr zeigt sich in 
der Art, wie er sie verabschiedet, rücksichtslos, undankbar, nur auf 
sein Ziel blickend, für das er die richtigen Männer erst zu finden hat 
und zu finden weiß. Das Gegenteil zeigt die französische Revolution 
am Anfang : Niemand hat die Macht, alle wollen sie haben. Jeder be- 
fiehlt, und niemand gehorcht. 

Mussolini ist ein Herrenmensch wie die Kondottieri der Renais- 
sance, der die südliche Schlauheit der Rasse in sich hat und deshalb 
das Theater seiner Bewegung vollkommen richtig für den Charakter 
Italiens — die Heimat der Oper — berechnet, ohne je selbst da- 
von berauscht zu sein, wovon Napoleon nicht ganz frei war und 
woran zum Beispiel Rienzi zugrunde ging. Wenn Mussolini sich auf 
das preußische Vorbild beruft, so hatte er recht : er ist Friedrich dem 
Großen näher verwandt, selbst dessen Vater, als Napoleon, um von 
geringeren Beispielen zu schweigen. 

Hier muß endlich das entscheidende Wort über „Preußentum" und 
„Sozialismus" gesagt werden. Ich hatte 191g beide verglichen, eine 
lebendige Idee und das herrschende Schlagwort eines vollen Jahr- 
hunderts, 1 und bin — ich möchte sagen : selbstverständlich — nicht 
* Polit. Schriften S. iff. 



136 DIE WEISSE W E L T REVO LU T I O N 



verstanden worden. Man versteht heute nicht mehr zu lesen. Diese 
große Kunst noch der Goethezeit ist ausgestorben . Man überfliegt 
Gedrucktes „in Masse", und in der Regel demoralisiert der Leser 
das Buch. Ich hatte gezeigt, daß in der von Bebel zu einer gewaltigen 
Armee geschmiedeten Arbeiterschaft, ihrer Disziplin und Gefolgs- 
treue, ihrer Kameradschaft, ihrer Bereitschaft zu den äußersten 
Opfern jener altpreußische Stil fortlebte, der sich zuerst in den 
Schlachten des Siebenjährigen Krieges bewiesen hatte. Auf den ein- 
zelnen „Sozialisten" als Charakter, auf seine sittlichen Imperative 
kam es an, nicht auf den in seinen Kopf gehämmerten Sozialismus, 
dies nichts weniger als preußische Gemisch von dummer Ideologie 
und gemeiner Begehrlichkeit. Und ich zeigte, daß dieser Typus des 
In-Form-Seins für eine Aufgabe seine Tradition bis zum 
Deutschritterorden zurückführt, der in gotischen Jahrhunderten — 
wie heute wieder — die Grenzwacht der faustischen Kultur gegen 
Asien hielt. Diese ethische Haltung, unbewußt wie jeder echte Le- 
bensstil und deshalb nur durch lebendiges Vorbild, nicht durch 
Reden und Schreiben zu wecken und heranzubilden, trat im August 
191/4 prachtvoll hervor — das Heer hatte Deutschland erzogen — 
und wurde 1918 von den Parteien verraten, als der Staat erlosch. 
Seitdem richtete sich das disziplinierte Wollen in der nationalen 
Bewegung wieder auf, nicht in ihren Programmen und Parteien, 
sondern in der sittlichen Haltung der besten Einzelnen, 1 und es 
ist möglich, daß von dieser Grundlage aus das deutsche Volk für die 
Aufgaben seiner schweren Zukunft langsam und beharrlich erzogen 
und es ist notwendig, wenn wir nicht in den kommenden 
ipf en zugrunde gehen sollen. 
Aber die Flachköpfe kommen nicht aus dem marxistischen Denken 
des vorigen Jahrhunderts heraus. Sie verstehen überall in der Welt 
den Sozialismus nicht als sittliche Lebensform, sondern als Wirt- 
schaftssozialismus, als Arbeitersozialismus, als Massenideologie 
mit materialistischen Zielen. Der Programmsozialismus 
Denken von unten, auf gemeinen Instinkten ruhend, 
Herdengefühls, das sich heute allenthalben hinter dem Schlagwort 
„Überwindung des Individualismus'* versteckt, und das Gegenteil 

1 Ich habe diese Haltung in den „Politischen Pflichten der deutschen Jugend" 1924 zu 
ve 



DIE WEISSj 



von preußischem Empfinden, das an vorbildlichen Führern die Not- 
wendigkeit einer disziplinierten Hingabe erlebt hat und damit die 
innere Freiheit der Pflichterfüllung besitzt, das Sich-selbst- 
befehlen, Sich-seibst-beherrschen im Hinblick auf ein großes 
Ziel. 

Der Arbeitersozialismus in jeder Form dagegen ist — ich habe das 
schon gezeigt 1 — durchaus englischer Herkunft und zugleich mit 
der Herrschaft der Aktie als der siegreichen Form des heimatlosen 
Finanzkapitals um i84o entstanden. 2 Beides ist Ausdruck des frei- 

Kapitalismus von unten, Lohnkapitalismus, wie das speku- 
lierende Finanzkapital seiner Methode nach Sozialismus von 



Wurzel, dem Denken in Geld, 3 dem Handel mit Geld 
Pflaster der Weltstädte — ob als Lohnhöhe oder Kursgewir 

anfrage. Zwischen wirtschaftlichem Liberalismus und So- 
lus besteht kein Gegensatz. Der Arbeitsmarkt ist die Börse des 
organisierten Proletariats. Die Gewerkschaften sind Trusts für Lohn- 
erpressung von derselben Tendenz und Methode wie die Öl-, Stahl- 
und Banktrusts nach angloamerikanischem Muster, deren Finanz- 
sozialismus die persönlich und fachmännisch geleiteten Einzelunter- 
nehmen durchdringt, unterwirft, aussaugt und bis zur planwirtschaft- 
lichen Enteignung beherrscht. Die verheerende, ent eignen deEigen- 
schaft der Aktienpakete und Beteiligungen, die Trennung des bloßen 
„Habens" von der verantwortlichen Führerarbeit des Unternehmers, 
der gar nicht mehr weiß, wem eigentlich sein Werk gehört, ist noch 
lange nicht genug beachtet worden. Die produktive Wirtschaft ist zu- 
letzt nichts als das willenlose Objekt für Börsenmanöver. Erst mit 
der Herrschaft der Aktie hat die Börse, bis dahin ein bloßes Hilfs- 
mittel der Wirtschaft, die Entscheidung über das Wirtschaftsleben 
an sich genommen. Diese Finanzsozialisten und Trustmagnaten wie 
Morgan und Kreuger entsprechen durchaus den Masseführern der 




* S. 77 ff. Poiit. Schriften S. 70 ff. 
» Pohl. Schriften S. i3aff. 269. 
s Ünt. d. Abendl. II, S. 566. 



acchenzeit, die konservativen 
igentums, der Bauer wie der 



Seiten her werden, heute wie 
Mächte des Staates, des Heere 
Unternehmer bekämpft. 

Aber der preußische Stil fordert nicht nur den Vorrang der großen 
Politik vor der Wirtschaft, deren Disziplinierung durch einen 
starken Staat, was die freie Initiative des privaten Unternehmer- 
geistes voraussetzt und nichts weniger ist als parteimäßige, pro- 
grammatische Organisation und Überorganisation bis zur Aufhebung 
der Idee des Eigentums, welche gerade unter germanischen Völ- 
kern Freiheit des wirtschaftlichen Willens und Herrschaft über 
das Eigene bedeutet. 1 „Disziplinierung" ist die Schulung eines Rasse- 
pferdes durch einen erfahrenen Reiter und nicht die Pressung des le- 
bendigen Wirtschaftskörpers in ein planwirtschaftliches Korsett oder 
seine Verwandlung in eine taktmäßig klappernde Maschine. Preußisch 
ist die aristokratische Ordnung des Lebens nach dem Rang der Lei- 
stung. Preußisch ist vor allem der unbedingte Vorrang der Außen- 
politik, der erfolgreichen Leitung des Staates in einer Weltvon Staaten, 
über die Politik im Innern, die lediglich die Nation für diese Aufgabe 
in Form zu halten hat und zum Unfug und zum Verbrechen wird, 
wenn sie unabhängig davon eigene, ideologische Zwecke verfolgt. 
Hierin liegt die Schwäche der meisten Revolutionen, deren Führer 
durch Demagogie emporgekommen sind, nichts anderes gelernt ha- 
ben und deshalb den Weg vom parteimäßigen zum staatsmännischen 
Denken nicht zu finden wissen — wie Danton und Robespierre. 
Mirabeau und Lenin starben zu früh, Mussolini ist es geglückt. Aber 
die Zukunft gehört den großen Tatsachenmenschen, nachdem seit 
Rousseau Weltverbesserer sich auf der Bühne der Weltgeschichte 
gespreizt haben und ohne bleibende Spur verschwunden sind. 
Preußisch ist endlich ein Charakter, der sich selbst diszipliniert, wie 
an Friedrich der Große besaß und in dem Wort vom 




dienter, aber wenn Bebel meinte, 
dientenseele besitze, so hatte er für die 
Partei bewies es 191 8. Die Lakaien des Ei 

sie zu 



Volk eine Be- 
recht. Seine eigene 
5 sind bei uns zahl- 
und in allen 



1 Das altgermanische Wort eigan bedeutet herrschen: nicht nur etwas „haben", son- 
dern unumschränkt darüber verfügen. 



kern die menschliche Herde gefüllt haben. Es ist gleichgültig, ob 
der Byzantinismus seine Orgien vor dem Geldsack, dem politi- 
schen Glück, einem Titel oder nur vor Geßlers Hut vollzieht. Als 
Karl II. in England landete, gab es plötzlich keine Republikaner 
mehr. Diener des Staates sein ist eine aristokratische Tugend, 
deren nur wenige fähig sind. Wenn das ..sozialistisch" ist, so 
ist es ein stolzer und exklusiver Sozialismus für Menschen von 
Rasse, für die Auserwählten des Lebens. Preußentum ist etwas sehr 
Vornehmes und gegen jede Art von Mehrheit und Pöbelherrschaft 



Moltke, der große Erzieher des deutschen Off iziers, das größte Bei- 
spiel für echtes Preußentum im 19. Jahrhundert, war so. Graf 
Schlieffen hat seine Persönlichkeit in dem Wahlspruch zusammen- 
gefaßt: Wenig reden, viel leisten, mehr sein als scheinen. 
Von dieser Idee des preußischen Daseins wird die endliche Über- 
windung der Weltrevolution ausgehen. Es gibt keine andere Möglich- 
keit. Ich hatte schon 19 19 gesagt: Nicht jeder ist Preuße, der in 
Preußen geboren ist; dieser Typus ist überall in der weißen Welt 
möglich, und wirklich, wenn auch noch so selten, vorhanden. Er 
liegt der vorläufigen Form der nationalen Bewegungen — sie 
sind nichts Endgültiges — überall zugrunde, und es fragt sich, in 
welchem Grade es gelingt, ihn von den rasch veraltenden, popu- 
lären, parteimäßig-demokratischen Elementen des liberalen und so- 
zialistischen Nationalismus zu lösen, die ihn einstweilen beherr- 
schen. Das schweigende Nationalgefühl der Engländer um 1900, 
das heute unsicher geworden ist, der prahlerisch gehaltlose Chau- 
vinismus der Franzosen, der in der Dreyfusaffäre lärmend zutage 
trat, gehörten dazu, dort am Kultus der Flotte, hier an dem der 
Armee hängend. Amerika besitzt dergleichen nicht — der hundert- 
prozentige Amerikanismus ist eine Phrase — und es braucht ihn, 
wenn es die kommende Katastrophe zwischen dem lauernden Kom- 
munismus und der schon untergrabenen Hochfinanz als Nation über- 
haupt überdauern soll. Die preußische Idee richtet sich gegen den 
Finanzliberalismus wie gegen den Arbeitersozialismus. Jede Art von 



allem richtet sie sich gegen die Schwächung des Staates und seinen 
herabwürdigenden Mißbrauch für Wirtschaf tsinteressen. Sieistkon- 



140 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



servativ und „rechts* * und wächst aus den Urmächten des Lebens 
hervor, soweit sie in nordischen Völkern noch vorhanden sind: Dem 
Instinkt für Macht und Eigentum, für Eigentum als Macht, für 
Erbe, 1 Fruchtbarkeit und Familie — denn das gehört zusammen — 
für Rangunterschiede und gesellschaftliche Gliederung, deren Tod- 
feind der Rationalismus von 1750 bis 1960 war oder ist. Der Na- 
tionalismus der Gegenwart ist mit der in ihm verborgen liegenden 
monarchischen Gesinnung ein Übergang. Er ist eine Vorstufe des kom- 
menden Cäsarismus, mag der auch in noch so weiter Ferne zu liegen 



scheinen. Hier regt sich der Ekel an allem liberalen und sozialistischen 
Parteiwesen, an jeder Art von Volkstümlichkeit, die stets ihr Ob- 
jekt kompromittiert, an allem, was in Masse auftritt und mitreden 
will. Dieser Zug, mag er noch so tief unter „zeitgemäßeren" Ten- 
denzen verborgen sein, hat die Zukunft für sich — und die Führer 
der Zukunft. Alle wirklich großen Führer in der Geschichte gehen 
nach rechts, mögen sie aus noch so großer Tiefe emporgekommen 
sein: daran erkennt man den geborenen Herrn und Herrscher. 
Das gilt von Cromwell und Mirabeau wie von Napoleon. Je reifer 
die Zeit wird, desto aussichtsvoller ist dieser Weg. Der ältere Scipio 
ging an dem Konflikt zwischen den Traditionen seiner Herkunft, 
welche ihm die gesetzlose Diktatur verboten, und der geschichtlichen 
Stellung, die er durch die Rettung Roms vor der karthagischen Ge- 
fahr erhalten hatte, ohne es zu wollen, zugrunde und starb in der 
Fremde. Damals begann die revolutionäre Bewegung erst die tra- 
ditionsgesättigten Formen zu untergraben, so daß der jüngere Scipio 
gegen die Gracchen noch eine schwache, Sulla gegen Marius bereits 
eine sehr starke Stellung hatte, bis endlich Cäsar, der als Catilinarier 
begann, keinen parteimäßigen Widerstand mehr fand. Denn die 
Pompejaner waren keine Partei, sondern der Anhang eines Einzel- 
nen. Die Weltrevolution, so stark sie beginnt, endet nicht in Sieg 
oder Niederlage, sondern in Resignation der vorwärtsgetriebenen 
Massen. Ihre Ideale werden nicht widerlegt; sie werden lang- 
weilig. Sie bringen zuletzt niemand mehr dazu, sich für sie aufzu- 





1 Von dem ererbten Bauernhof, der Werkstatt, der Firma mit altem Namen bis rar Erb - 
monarchie. Die Republik ist seit 1789 eine Form der Opposition gegen den Erb- 



DTE WEISSE WELT REVOLÜ TION 



141 




damit noch als Proletarier. Er hat mit der Zukunft nichts zu schaffen. 
,nichtbürgeriiche" Gesellschaft läßt sich nur durch Terror 
ür ein paar Jahre halten — dann hat man sie satt, ab- 
len davon, daß inzwischen die Arbeiterführer zu neuen Bürgern 
geworden sind. Und das ist nicht der Geschmack von echten Führer- 
naturen. 

Der Sozialismus jeder Art ist heute so veraltet wie seine liberalen 
Ausgangsformen, wie alles, was mit Partei und Programm zusam- 
menhängt. Das Jahrhundert des Arbeiterkultus — i84o bis 1940 — 
ist unwiderruflich zu Ende. Wer heute „den Arbeiter" besingt, hat 
die Zeit nicht verstanden. Der Handarbeiter tritt in das Ganze der 
Nation zurück, nicht mehr als ihr verwöhntes Schoßkind, sondern 
als die unterste Stufe der städtischen Gesellschaft. Die vom Klassen- 
kampf herausgearbeiteten Gegensätze werden wieder zu bleiben- 
den Unterschieden 1 von hoch und niedrig, und man gibt sich da- 
mit zufrieden. Es ist die Resignation der römischen Kaiserzeit, in 
der es keine wirtschaftlichen Probleme dieser Art mehr gab. Aber 
was kann in den letzten Zeiten der sozialistischen Weltanarchie 
noch zerstört und eingeebnet werden 1 So viel, daß in manchen wei- 
ßen Völkern kein Stoff mehr vorhanden sein wird, mit dem ein Cäsar 
seine Schöpfung aufbauen könnte, sein Heer — denn Heere wer- 
den in Zukunft die Parteien ablösen — und seinen Staat. 
Ist in dem, was sich heute in allen weißen Ländern, die am Kriege 
beteiligt waren, unklar genüge die „Jugend", die „Frontgeneration" 
nennt, 2 überhaupt schon ein tragfähiges Fundament für solche Män- 
ner und Aufgaben der Zukunft vorhanden? Die tiefe Erschütterung 
durch den großen Krieg, die alle Welt aus den trägen Illusionen von 
Sicherheit und Fortschritt als dem Sinn der Geschichte herausriß, 
zeigt sich nirgends deutlicher als in dem seelischen Chaos, das er 
hinterließ. Daß man sich dessen nicht im geringsten bewußt ist 
und eine neue Ordnung in sich zu tragen glaubt, beweist sein Vor- 
handensein mehr als irgend etwas anderes. Den Menschen, die um 
1890 geboren sind, hat der Anblick eines wirklich großen Führers 
gefehlt. Die Gestalten Bismarcks und Moltkes, um von andern Län- 



t S. 66. 
2 Sind das 
alt sind? 



5o 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 



dern zu schweigen, waren bereits im Nebel einer historischen Lite- 
ratur verschwunden. Sie hätten ein Maßstab für echte Größe sein 
können, aber nicht ohne lebendige Gegenwart, und der Krieg hat 
nicht einen bedeutenden Monarchen, keinen überragenden Staats- 
mann, keinen siegreichen Schlachtendenker an entscheidender Stelle 
gezeigt. Alle Denkmäler und Straßennamen helfen darüber nicht 
hinweg. Die Folge davon war ein völliger Mangel an Autoritäts- 
gefühi, mit dem die Millionen beider Seiten aus den Schützengräben 
nach Hause kamen. Er zeigte sich in der hemmungslosen 
haften Kritik an allem Vorhandenen, Menschen und Dk 
daß vor allem einmal eine Spur von Selbstkritik dagewesen wäre. 
Man lachte über das Gestern, ohne seine fortbestehende Macht zu 



nach Diktaturen eigenen Geschmacks schrie, ohne einen Diktator 
zu kennen oder anzuerkennen, mit der man Führer heute wählte 
und anbetete und morgen verwarf — Primo de Rivera, d'Annunzio, 
Ludendorff — , das Führertum als ein Problem diskutierte, statt 
bereit zu sein, es als Tatsache hinzunehmen, wenn es einmal da 
sein sollte. Der politische Dilettantismus führte das große Wort. 
Jeder schrieb seinem künftigen Diktator vor. was er zu wollen hatte. 
Jeder forderte Disziplin von den andern, weil er der Selbstdisziplin 
nicht fähig war. Weil man vergessen hatte, was ein Staatenlenker ist, 
verfiel man in eine Hysterie der Programme und Ideale, und erging 
sich redend und schreibend in wüsten Träumen von dem, was bedin- 
gungslos umgestaltet werden sollte — denn daß das möglich war, 
setzte man als selbstverständlich voraus. Der Mangel an Respekt 
vor der Geschichte war in keiner Zeit größer als in diesen Jahren. 
Daß die Geschichte ihre eigene Logik hat, an der alle Programme 
scheitern, wußte man nicht und wollte man nicht wahr haben. Aber 
Bismarck kam zum Ziel, weil er den Gang der Geschichte seines 
Jahrhunderts begriffen hatte und sich in sie einfügte. Das war 



„Jugend" aller weißen Länder, welche eine Weltrevolu- 
tion von zwei Jahrhunderten von unten her „beenden" wollte, weil 
sie sie nicht begriff, und zwar in der Gestalt des Bolschewismus, von 
dem sie selbst soviel in sich hatte, erhob sich das typisch revolutio- 
näre Geschrei gegen den „Individualismus* 4 , in Deutschland, in Eng- 



land, in Spanien, überall. Sie waren alle selbst kleine Individua- 
listen — sehr kleine, ohne Talent, ohne Tiefe, aber eben deshalb 
von dem krampfhaften Bedürfnis besessen, Recht zu haben — und 
haßten deshalb die Überlegenheit der größeren, denen wenigstens 
ein Hauch von Skepsis sich selbst gegenüber nicht fremd war. Alle 
Revolutionäre sind humorlos — daran scheitern sie alle. Kleiner 
Eigensinn und Mangel an Humor — das ist die Definition des Fa- 
natismus. Daß Führertum, Autorität, Respekt und 
sich ausschließen, kam ihnen gar nicht zu Bewußtsein. 
Antiindividualismus ist die theoretische Mode des Augenblicks, unter 
den Intellektuellen wider Willen aller weißen Länder, wie es gestern 
ein Individualismus war, der sich nicht sehr davon unterschied. So 
kümmerlich diese Art von Geist ist, sie ist das einzige, was sie haben. 
Es ist Literatentum der großen Städte, nichts anderes, und nichts 
weniger als neu, denn schon die Jakobiner hatten sich daran müde 



tionalismus. 

Worin besteht denn der „Sozialismus" dieser Helden., die gegen die 
Freiheit der Persönlichkeit zu Felde ziehen? Es ist der unpersönliche 
asiatische Kollektivismus des Ostens, der Geist der großen Ebene, 1 
in Verbindung mit der westlichen levee en masse von 1792 : Was er- 
Lch da eigentlich? Die Belanglosen, deren Zahl ihre einzige 
ist. Es steckt sehr viel unterirdisch Slavisches darin, Reste 
schichtlicher Rassen und ihres primitiven Denkens, auch Neid 
entum, dessen unentwickelter Wille es von der Quai 
►efreit, etwas zu wollen und nicht zu wissen 
was, wollen zu müssen und es nicht zu wagen. Wer den Mut nicht 
hat, Hammer zu sein, findet sich mit der Rolle des Amboß ab. Sie 




löst zu sein, in der trägen Mehrheit unterzutauchen, d 
Bedientenseele, die Sorgen des Herrn nicht zu haben 



m Glück einer 
— alles das 



Die Apotheose des Herdengefühls ! Das letzte Mittel, die eigene Furcht 
vor Verantwortung zu idealisieren! Dieser Haß gegen den Indi- 
aus Feigheit und Scham ist die Karikatur der großen 
ter des i4- und 1 5. Jahrhunderts und ihres „Lassens der Ich- 
1 Unt. d. Abendl. II, S. 36 1. 



144 DIE WEISSE W E L T REVO Lü T IO N 

heit", wie es in der „Theologie deutseh 4 ' heißt. 1 Es waren starke 
Seelen, welche damals die ungeheure, echt germanische Einsamkeit 
des Ich in der Weh durchlebten und aus ihrer Qual heraus die 
glühende Sehnsucht empfanden, in dem aufzugehen, was sie Gott 
oder All oder anders nannten und das sie doch wieder selbst waren. 
Das starke, unbeugsame Ich war ihr Verhängnis. Jeder Versuch, 
seine Grenze zu uberschreiten, lehrte nur, daß es keine Grenze hatte. 
Heute kennt man es einfacher: Man wird „Sozialist" und redet gegen 
das Ich der andern. 

Das eigene Ich macht ihnen keine Beschwerde. Die Einebnung der 
Gehirne hat sich vollzogen: Man versammelt sich „in Masse", man 
will „in Masse", man denkt „in Masse". Wer nicht mitdenkt, wer 
selbst denkt, wird als Gegner empfunden. Die Masse statt der Gott- 
heit ist nun das, worin sich das träge, dumme, an allerlei Hem- 
mungen krankeich „versenkt": Auch das ist „Erlösung". Es ist bei- 
nahe mystisch. Das wußte man schon 1792. Es ist das Bedürfnis des 
Pöbels, mitzulaufen und mitzutun. Aber der preußische Stil ist ein 
Entsagen aus freiem Entschluß, das Sichbeugen eines star- 
ken Ich vor einer großen Pflicht und Aufgabe, ein Akt der Selbst- 
beherrschung und insofern das Höchste an Individualismus, was 
der Gegenwart möglich ist. 

Die keltisch-germanische „Rasse" ist die willensstärkste, welche die 
Welt gesehen hat. Aber dies „Ich will" — Ich will! — das die fau- 
stische Seele bis an den Rand erfüllt, den letzten Sinn ihres Daseins 
ausmacht und jeden Ausdruck der faustischen Kultur in Denken, 
Tun, Bilden und Sichverhalten beherrscht, weckte das Bewußtsein 
der vollkommenen Einsamkeit des Ich im unendlichen Raum. Wille 
und Einsamkeit sind im letzten Grunde dasselbe. Daher das Schwei- 
gen Moltkes und auf der andern Seite das Bedürfnis des weicheren, 
weiblicheren Goethe nach immer wiederholten Bekenntnissen vor 
einer selbstgewählten Mitwelt, das alle seine Werke durchdringt. 
Es war die Sehnsucht nach einem Echo aus dem Weltraum, das 
Leiden einer zarten Seele an dem Monologischen ihres Daseins. Man 
kann auf die Einsamkeit stolz sein oder an ihr leiden, aber man lauft 
nicht davon. Der religiöse Mensch der „ewigen Wahrheiten" — wie 
Luther — sehnt sich nach Gnade und Erlösung von diesem Geschick, 

1 Unt. d. Abendl. II, S. 35 7 . 



DIE WEISSE WELTREVOLUTION 145 

will sie erkämpfen, selbst ertrotzen. Der politische Mensch des Nor- 
dens aber entwickelt daraus einen gigantischen Trotz der Wirk- 
lichkeit gegenüber: „Du vertraust mehr auf dein Schwert als auf 
Thor" heißt es in einer isländischen Saga. Wenn etwas in der Welt 
Individualismus ist, so ist es dieser Trotz des Einzelnen gegen die 
ganze Welt, das Wissen um den eigenen unbeugsamen Willen, die 
Freude an letzten Entscheidungen und die Liebe zum Schicksal selbst 
in dem Augenblick, wo man an ihm zerbricht. Und preußisch ist das 
Sichbeugen aus freiem Willen. Der Wert des Opfers liegt darin, 
daß es schwer ist. Wer kein Ich zu opfern hat, sollte nicht von 
Gefolgstreue reden. Er läuft nur hinter jemand her, dem er die 
Verantwortung aufgeladen hat. Wenn etwas heute in Erstaunen 
setzen sollte, so ist es die Kümmerlichkeit des sozialistischen 
Ideals, mit dem man die Welt erlösen möchte. Das ist keine 
Befreiung von den Mächten der Vergangenheit: es ist die Fort- 
setzung ihrer schlechtesten Neigungen. Es ist Feigheit dem Leben 
gegenüber. 

Die echte — echt preußische — Gefolgstreue ist das, was die 
Welt in diesem Zeitalter der großen Katastrophen am nötigsten hat. 
Man stützt sich nur auf etwas, das Widerstand leistet. An dieser Ein- 
sicht bewährt sich der wirkliche Führer. Wer aus der Masse stammt, 
muß um so besser wissen, daß Masse, Mehrheiten, Parteien keine 
Gefolgschaft sind. Sie wollen nur Vorteile. Sie lassen den Voran- 
gehenden im Stich, sobald er Opfer verlangt. Wer von der Masse 
aus denkt und fühlt, wird in der Geschichte nie etwas anderes 
hinterlassen als den Ruf eines Demagogen. Hier scheiden sich die 
Wege nach links und rechts: Der Demagoge lebt unter der Masse 
stets unter seinesgleichen. Der zum Herrschen Geborene kann sie 
benützen, aber er verachtet sie. Er führt den schwersten Kampf 
nicht gegen den Feind, sondern gegen den Schwärm seiner ailzu- 
ergebenen Freunde. 

Deshalb sind Heere und nicht Parteien die künftige Form der 
Macht, Heere von selbstloser Ergebenheit, wie Napoleon seit Wag- 
ram keines mehr besaß: Seine alten Soldaten waren zuverlässig, die 
höheren Offiziere nicht, und der Wert jedes Heeres bemißt sich zu- 
erst nach diesen. 1 Man sah in ihm nicht den Führenden, sondern 
i S. 3 2 ff. 

Spengler, Jahre I 10 



146 DIE WEISSE WEZ VRE VO LU T I O N 



den ewig Gebenden. Sobald die geforderten Opfer die Vorteile über- 
wogen, war es mit der großen Armee zu Ende. 

Es wird Zeit, daß die „weiße" Welt und Deutschland zuerst sich auf 
solche Tatsachen besinnt. Denn hinter den Weltkriegen und der noch 
unbeendeten proletarischen Weltrevolution taucht die größte aller 
Gefahren auf, die farbige, und alles, was in den weißen Völkern 
noch an „Rasse' 4 vorhanden ist, wird nötig sein, um ihr zu begeg- 
nen. Deutschland vor allem ist keine Insel, wie die politischen Ideo- 
logen meinen, die an ihm als Objekt ihre Programme verwirklichen 
möchten. Es ist nur ein kleiner Fleck in einer großen und gärenden 
Welt, allerdings in entscheidender Lage. Aber es hat allein das 
Preußentum als Tatsache in sich. Mit diesem Schatz von vorbild- 
lichem Sein kann es der Erzieher der „weißen" Welt, vielleicht ihr 
Retter werden. 



DIE FARBIGE WELTREVOLUTION 



i j 

Die abendländische Zivilisation dieses Jahrhunderts wird nicht 
von einer, sondern von zwei Weltrevolutionen größten Ausmaßes 
bedroht. Sie sind beide noch nicht in ihrem wahren Umfange, ihrer 
Tiefe und ihren Wirkungen erkannt worden. Die eine kommt von 
unten, die andere von außen: Klassenkampf und Rassenkampf. 
Die eine liegt zum großen Teil hinter uns, wenn auch ihre entschei- 
denden Schläge — etwa in der angloamerikanischen Zone — wahr- 
scheinlich noch bevorstehen. Die andere hat erst im Weltkrieg mit 
Entschiedenheit begonnen und gewinnt sehr rasch feste Tendenz 
und Gestalt. In den nächsten Jahrzehnten werden beide nebeneinan- 
der kämpfen, vielleicht als Verbündete: es wird die schwerste 
Krise sein, durch welche die weißen Völker — ob einig oder nicht — 
gemeinsam hindurchgehen müssen, wenn sie noch eine Zukunft 
haben wollen. 

Auch die „Revolution von außen' ' hat sich gegen jede der vergange- 
nen Kulturen erhoben. Sie ging stets aus dem zähne knirschenden 
Haß hervor, den die unangreifbare Überlegenheit einer Gruppe von 
Kulturnationen, welche auf den zur Höhe gereiften politischen, mili- 
tärischen, wirtschaftlichen und geistigen Formen und Mittein be- 
ruhte, ringsum bei den hoffnungslos Unterlegenen, den „Wilden" 
oder „Barbaren", den rechtlos Ausgebeuteten hervorrief. Dieser Ko- 
lonialstil fehlt keiner Hochkultur. Aber ein solcher Haß schloß eine 
geheime Verachtung der fremden Lebensform nicht aus, die man all- 
mählich kennenlernte, spöttisch durchschaute und zuletzt hinsichtlich 
der Grenzen ihrer Wirkung abzuschätzen wagte. Man sah, daß sich 
vieles nachahmen ließ, daß anderes unschädlich gemacht werden 
konnte oder nicht die Kraft besaß, die man ihm anfangs in starrem 
Entsetzen zugeschrieben hatte. 1 Man schaute den Kriegen und Revo- 
lutionen innerhalb der Welt dieser Herrenvölker zu, wurde durch 
zwangsweise Verwendung in die Geheimnisse der Bewaffnung, 2 

1 Das Urteil Jugurthas über Rom. 

2 Dio Libyer und „Seevölker" durch die Ägypter des Neuen Reiches, die Germanen 
durch Rom, die Türken durch die Araber, die Neger durch Frankreich. 



148 



DIE FARBIGE W E LT R EVO LU T I O N 



Wirtschaft und Diplomatie eingeweiht. Man zweifelte endlich an 
der wirklichen Überlegenheit der Fremden, und sobald man fühlte, 
daß deren Entschlossenheit zu herrschen nachließ, begann man über 
einen möglichen Angriff und Sieg nachzudenken. So war es im 
China des dritten Jahrhunderts v. Chr., wo die Barbarenvölker nörd- 
lich und westlich des Hoangho und südlich des Jangtsekiang in die 
Entscheidungskämpfe der Großmächte hineingezogen wurden, in 
der arabischen Welt der Abbassidenzeit, wo türkisch-mongolische 
Stämme erst als Söldner, dann als Herren auftraten, und so war es 
vor allem in der Antike, wo wir die Ereignisse genau übersehen 
können, die vollkommen denen gleichen, in die wir unwiderruflich 
hineinschreiten . 

Die Barbarenangriffe auf die antike Welt beginnen mit den Kelten- 
zügen seit 3oo, die immer wieder gegen Italien erfolgten, wo in der 
Entscheidungsschlacht bei Sentinum (29a) gallische Stämme die 
Etrusker undSamniten gegen Rom unterstützten und nochHannibal 
sich ihrer mit Erfolg bedient hat. Um 280 eroberten andere Kelten 
Makedonien und Nordgriechenland, wo infolge der innerpolitischen 
Kämpfe jede staatliche Macht zu existieren aufgehört hatte, und 
wurden erst vor Delphi aufgehalten. In Thrakien und Kleinasien 
gründeten sie Barbarenreiche über einer hellenisierten, zum Teil 
hellenischen Bevölkerung. Etwas später beginnt auch im Osten, in 
dem zerfallenen Reich Alexanders des Großen, die barbarische Re- 
aktion unter zahllosen Aufständen gegen die hellenische Kultur, die 
Schritt für Schritt zurückweichen muß, 1 so daß seit 100 etwa Mithri- 

starnen) und auf das immer stärkere Vordringen der Parther von 
Ostiran gegen Syrien rechnend hoffen durfte, den im vollen Chaos 
der Klassenkämpfe befindlichen römischen Staat zu zerstören. Er 
konnte erst in Griechenland aufgehalten werden. Athen und andere 
Städte hatten sich ihm angeschlossen, auch keltische Stämme, die 
noch in Makedonien saßen. In den römischen Heeren herrschte 
offene Revolution. Die einzelnen Teile kämpften gegeneinander, 
und die Führer brachten sich gegenseitig um, selbst vor dem Feinde 
(Fimbria). Damals hörte das römische Heer auf, eine nationale Truppe 




DIE FARBIGE W EL T REVO L ü T IO N 



Einzelnen. WasHannibal 218 gegen Rom geführt hatte, waren nicht 
eigentlich Karthager gewesen, sondern überwiegend Leute aus den 
wilden Stämmen des Atlas und Südspaniens, mit denen Rom dann seit 
i46 furchtbare und endlose Kämpfe zu führen hatte — die Verluste 
in diesen Kriegen waren es, die zur Auflehnung des römischen 



denen der Römer Sertorius später einen gegen Rom gerichteten 
Staat zu gründen versuchte. Seit n3 erfolgte der keltisch-germani- 
sche Angriff der Kimbern und Teutonen, der erst, nach der Vernich- 
tung ganzer römischer Heere von dem Revolutionsführer Marius 
zurückgewiesen werden konnte, nachdem dieser von der Besiegung 
Jugurthas zurückgekehrt war, der Nordafrika gegen Rom in Waffen 
gebracht und durch Bestechung der römischen Politiker jahrelang 
jede Gegenwirkung verhindert hatte. Um 60 begann eine zweite kel- 
tisch-germanische Bewegung (Sueven, Helvetier), der Cäsar durch 



iens entgegentrat, 



zur 



Crassus gegen die siegreichen Parther fiel. Aber dann war es mit 
dem Widerstand durch Ausdehnung zu Ende. Der Plan Ca- 
sars, das Alexanderreich wieder zu erobern und damit die Parther- 
gefahr zu beseitigen, blieb unausgeführt. Tiberius mußte die Grenze 
in Germanien zurückverlegen, nachdem es nicht gelungen war, die 
in der Varusschlacht vernichteten Truppen zu ersetzen und beim 
Tode des Augustus der erste große Aufstand der Grenzlegionen 
stattgefunden hatte. Seitdem herrschte ein System der Defensive. 
Aber die Armee füllte sich mehr und mehr mit Barbaren. Sie wird 
eine unabhängige Macht. Germanen, Illyrier, Afrikaner, Araber kom- 
men als Führer empor, während die Menschen de3 Imperiums im 
Fellachentum eines ,, ewigen Friedens" versinken, und als vom Nor- 
den und Osten her die großen Angriffe begannen, schloß nicht nur 
die Zivilbevölkerung Verträge mit den Eindringenden ab und ging 
freiwillig in ein Untertanenverhältnis zu ihnen über: Der späte Pazi- 
fismus einer müden Zivilisation. 

Aber immerhin war durch Jahrhunderte eine planmäßige Abwehr 
dieser Zustände möglich, weil der Orbis terrarum des römischen 
Reiches ein geschlossenes Gebiet war, das Grenzen hatte, die ver- 
teidigt werden konnten. Viel schwerer ist die Lage beim heutigen Im- 
perium der weißen Völker, das die ganze Erdoberfläche umfaßt und 



, Farbigen* einschließt. Die weiße Menschheit hat sich in ihrem 
idigen Drang zur unendlichen Ferne überallhin zerstreut, über 
md Südamerika, Südafrika, Australien und über zahllose 
Stützpunkte dazwischen. Die gelbe, braune, schwarze und rote Ge- 
fahr lauert innerhalb des weißen Machtbereiches, 




dringt in die 



den weißen Mächten ein, beteiligt sich an ihnen und droht 
Scheidung zuletzt selbst in die Hand zu bekommen. 
Was alles gehört denn zur „farbigen' '' Welt? Nicht nur Afrika, die 
Indianer — neben Negern und Mischlingen — in ganz Amerika, die 
islamischen Völker, China, Indien bis nach Java hin, sondern vor 
allem Japan undRußland. das wieder eine asiatische, „mongolische' ' 
Großmacht geworden ist. Als die Japaner Rußland besiegten, leuch- 
tete eine Hoffnung über ganz Asien auf: Ein junger asiatischer 
Staat hatte mit westlichen Mitteln die größte Macht des Westens in 
die Knie gezwungen und damit den Nimbus der Unüberwindlich- 
keit zerstört, der , .Europa" umgab. Das wirkte wie ein Signal, in 
Indien, in der Türkei, selbst im Kapland und der Sahara: Es war 
also möglich, den weißen Völkern die Leiden und Demütigungen 
eines Jahrhunderts heimzuzahlen. Seitdem sinnt die tiefe Schlau- 
heit asiatischer Menschen über Mittel nach, die dem westeuropä- 
ischen Denken unzugänglich und überlegen sind. Und nun legte Ruß- 
land, nachdem es 191 6 von Westen her die zweite entscheidende 
Niederlage erlitten hatte, nicht ohne die spöttische Befriedigung des 
verbündeten England, die „weiße" Maske ab und wurde wieder 
asiatisch, aus ganzer Seele und mit brennendem Haß gegen Europa. 
Es nahm die Erfahrungen von dessen innerer Schwäche mit 



denen es die gesamte farbige Bevölkerung der Erde im Gedanken 
des gemeinsamen Widerstandes durchdrang. Das ist, neben dem 
Sieg des Arbeitersozialismus über die Gesellschaft der weißen Völker, 
die zweite wirkliche Folge des Weltkrieges, der von den eigent- 
lichen Problemen der großen Politik keines dem Verstehen näher 
gebracht und keines entschieden hat. Dieser Krieg war eine Nieder- 
lage der weißen Rassen, und der Friede von 19 18 war der erste 
große Triumph der farbigen Welt: Es ist ein Symbol, daß sie im 
Genfer „Völkerbund" — der nichts ist als das elende Symbol 



DIE FARBIGE WELTREVOLU T 10 N 



151 



für schmachvolle Dinge — heute über die Streitfra 



weißen 



Staaten untereinander mitreden darf. 

Daß die Auslandsdeutschen von Farbigen auf englischen und fran- 



raschender Neuheit. Diese Methode beginnt mit der liberalen Re- 
volution des 1 8. Jahrhunderts : 177» haben die Engländer Indianer- 



blikanischen Amerikaner herfielen, und es sollte nicht vergessen sein, 
in welcher Weise die Jakobiner die Neger von Haiti für die „Men- 
schenrechte" in Bewegung setzten. Aber daß die Farbigen der gan- 
zen Welt in Masse auf europäischem Boden von Weißen gegen 
Weiße geführt wurden, die Geheimnisse der modernsten Kriegs- 
mittel und die Grenzen ihrer Wirkung kennen lernten und in 
dem Glauben nach Hause geschickt wurden, weiße Mächte besiegt 
zu haben, das hat ihre Anschauung über die Machtverhältnisse der 



und die Schwäche der andern: sie begannen die Weißen zu ver- 
achten wie einst Jugurtha das mächtige Rom. Nicht Deutschland, 
das Abendland hat den Weltkrieg- verloren, 



Farbigen verlor. 

Die Tragweite dieser Verschiebung des politischen Schwergewichts 
ist zuerst in Moskau begriffen worden. In Westeuropa begreift man 
sie noch heute nicht. Die weißen Herrenvölker sind von ihrem ein- 
stigen Rang herabgestiegen. Sie verhandeln heute, wo sie gestern be- 
fahlen, und werden morgen schmeicheln müssen, um verhandeln zu 
dürfen. Sie haben das Bewußtsein der Selbstverständlichkeit ihrer 
Macht verloren und merken es nicht einmal. Sie haben in der „Revo- 
lution von außen" die Wahl der Stunde aus der Hand gegeben, an 
Amerika und vor allem an Asien, dessen Grenze heute an der Weich- 
sel und den Karpathen liegt. Sie sind seit der Belagerung Wiens 
durch die Türken zum erstenmal wieder in die Verteidigung gedrängt 
worden, und werden große Kräfte, seelisch wie militärisch, in der 
Hand sehr großer Männer aufbringen müssen, wenn sie den ersten 
gewaltigen Sturm überstehen wollen, der nicht lange auf sich warten 
lassen wird. 

In Rußland sind 191 7 beide Revolutionen, die weiße und die farbige, 
zugleich ausgebrochen. Die eine, flach, städtisch, der Arbeitersozia- 



H2 DIE FARBIGE WELTREVOLUTION 



lismus mit dem westlichen Glauben an Partei und Programm, von 
Literaten, akademischen Proletariern und nihilistischen Hetzern vom 
Schlage Bakunins im Verein mit der Hefe der großen Städte ge- 
macht, rhetorisch und literarisch durch und durch, schlachtete die 
petrinische Gesellschaft von großenteils westlicher Herkunft ab und 
setzte einen lärmenden Kultus „des Arbeiters" in Szene. Die Ma- 
schinentechnik, der russischen Seele so fremd und verhaßt, war plötz- 
lich eine Gottheit und der Sinn des Lebens geworden. Darunter aber, 
langsam, zäh, schweigend, zukunftsreich, begann die andere Revo- 
lution des Muschik, des Dorfes, der eigentlich asiatische Bolschewis- 
mus. Der ewige Landhunger des Bauern, der die Soldaten von der 
Front trieb, um die große Landverteilung mitzumachen, war ihr 
erster Ausdruck. Der Arbeitersoziaiismus hat die Gefahr sehr bald 
erkannt. Nach anfänglichem Bündnis begann er mit dem Bauernhaß 
aller städtischen Parteien, ob liberal oder sozialistisch, den Kampf 
gegen dies konservative Element, das stets in der Geschichte alle 
politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bildungen in den Städten 
überdauert hat. Er enteignete den Bauern, führte die tatsächliche 
Leibeigenschaft und Fronarbeit, die Alexander II. seit 1862 auf- 
gehoben hatte, wieder ein und brachte es durch feindselige und büro- 
kratische Verwaltung der Landwirtschaft — jeder Sozialismus, der 
von der Theorie zur Praxis übergeht, erstickt sehr bald in Büro- 
kratie — dahin, daß heute die Felder verw ildert sind, der Viehreich- 
tum der Vergangenheit auf einen Bruchteil zusammengeschmolzen 
und die Hungersnot asiatischen Stils ein Dauerzustand geworden ist, 
den nur eine willensschwache, zum Sklavendasein geborene Rasse 
erträgt. 

Aber der „weiße" Bolsechewismus ist hier rasch im Schwinden be- 
griffen. Man wahrt nur noch das marxistische Gesicht nach außen, 
um in Südasien, Afrika, Amerika den Aufstand gegen die weißen 
Mächte zu entfesseln und zu leiten. Eine neue, asiatischere Schicht 
von Regierenden hat die halb westliche abgelöst. Sie wohnt wieder 
in den Villen und Schlössern rings um Moskau, hält sich Diener- 
schaft und wagt es bereits, einen barbarischen Luxus zu entfalten im 
Geschmack der beutereichen Mongolenkhane des 1 4- Jahrhunderts. 
Es gibt einen „Reichtum" in neuer Form, der sich mit proletarischen 
Begriffen umschreiben läßt. 



DIE FARBIGE W E L T R E VOLü T 10 N 153 



Man wird auch zum bäuerlichen Eigentum, zum Privateigentum 
überhaupt zurückkehren, was die Tatsache der Leibeigenschaft nicht 
ausschließt, und kann da3, denn das Heer hat die Macht, nicht mehr 
die zivile „Partei 1 '. Der Soldat ist das einzige Wesen, das in Ruß- 
land nicht hungert, und er weiß warum und wie lange. Diese Macht 
ist von außen unangreifbar infolge der geographischen Weite des 



überall in der Welt, verkleidet wie sie selbst. Ihre stärkste Waffe ist 
die neue, revolutionäre, echt asiatische Diplomatie, die handelt statt 
zu verhandeln, von unten und hinten, durch Propaganda, Mord und 
Aufstand, und die damit der großen Diplomatie der weißen Länder 
weit überlegen ist, die ihren alten aristokratischen Stil, der aus dem 
Eskorial stammt und dessen letzter großer Meiste: 
wesen ist, selbst durch politisierende Advokaten und 
noch nicht ganz verloren hat. 

Rußland ist der Herr Asiens. Rußland ist Asien. Japan gehört nur 
geographisch dazu. Seiner „Rasse" nach steht es den östlichsten 
Malayen, den Polynesien! und manchen Indianervölkern der West- 
seite Amerikas zweifellos näher. Aber es ist zur See, was Rußland zu 
Lande ist: Herr eines weiten Gebietes, in dem abendländische Mächte 
keine Geltung mehr besitzen. England ist nicht entfernt in demselben 
Grade Herr in „seinem 4 ' Empire, nicht einmal in den farbigen Kron- 
kolonien. Japan dehnt seinen Einfluß weithin aus. Es hat ihn in 
Peru und am Panamakanal. Die angebliche Blutsverwandtschaft zwi- 
schen Japanern und Mexikanern ist auf beiden Seiten gelegentlich 
betont und gefeiert worden. 1 In Mexiko entstand Anfang io,i4 in 
führenden indianischen Kreisen der „Plan von San Diego", wonach 
eine Armee von Indianern, Negern und Japanern in Texas und Ari- 
zona einbrechen sollte. Die weiße Bevölkerung sollte massakriert, 
die Negerstaaten selbständig werden und ein größeres Mexiko als 
rein indianischer Rassestaat entstehen. 2 Wäre der Plan zur Ausfüh- 
rung gekommen, so hätte der Weltkrieg mit einer ganz andern Ver- 
teilung der Mächte und auf Grund andrer Probleme begonnen. Die 
Monroedoktrin in Gestalt des Dollarimperialismus mit ihrer Spitze 

1 L. Stoddard, The rising tide of color (1920) S. i3tff. 

2 In der Stadt Mexiko steht eine Statue des letzten Azlekenkaisers Guatemozin. 
würde es wagen, für Ferdinand Cortez dasselbe zu tun. 



154 DIE FARBIGE WELTREVOLU T 10 N 

gegen Lateinamerika wäre damit vernichtet worden. Rußland und 
Japan sind heute die einzigen aktiven Mächte der Welt. Durch sie 
ist Asien das entscheidende Element des Weltgeschehens geworden. 
Die weißen Mächte handeln unter seinem Druck und merken es 
nicht einmal. 

Dieser Druck besteht in der Tätigkeit der farbigen, rassemäßigen Re- 
volution, welche sich der weißen des Klassenkampfes bereits als 
Mittel bedient. Von den Hintergründen der Wirtschaftskatastrophe 
ist schon gesprochen worden. Nachdem die Revolution von unten in 



Gestalt des Arbeitersozialismus durch die politischen Löhne Bresche 
gelegt hatte, drang die farbige Wirtschaft, von Rußland und Japan 
geführt, mit der Waffe niedriger Löhne ein und ist im Begriff, die 
Zerstörung zu vollenden. 1 Dazu tritt aber die politisch-soziale Pro- 
paganda in ungeheurem Ausmaß, die eigentlich asiatische Diplo- 
matie dieser Tage. Sie durchdringt ganz Indien und China. Sie hat 
auf Java und Sumatra zur Aufrichtung einer Rassefront gegen die 
Holländer und zur Zersetzung von Heer und Flotte gef ührt. Sie wirbt 
von Ostasien her um die sehr begabte indianische Rasse von Mexiko 



schaflsgefühl, das sich gegen die weißen Herrenvölker richtet. 
Auch hier hat die weiße Revolution seit 1770 der farbigen den 
Boden bereitet. Die englisch-liberale Literatur von Mill und Spen- 
cer, deren Gedankengänge bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen, 
liefert die ,, Weltanschauung" an den höheren Schulen Indiens. Den 
Weg von dort zuMarx finden dann die jungen Reforminder selbst. Der 
chinesische Revolutionsführer Sunyatsen hat ihn in Amerika gefunden. 
Daraus ist eine eigene Revolutionsliteratur entstanden, die in ihrem 
Radikalismus Marx und Borodin weitaus in den Schatten stellt. 
Die Unabhängigkeitsbewegung des spanischen Amerika seit Bolivar 
(181 1) ist ohne die englisch-französische Revolutionsliteratur von 

1 Wenn man hört, daß Japan in Java Fahrräder für 12 Mark und Glühbirnen für 
5 Pfennig verkauft, während die weißen Länder das Vielfache davon fordern müssen, um 
nur die Selbstkosten zu decken, wenn der kleine javanische Bauer mit Frau und Kind 
den seibstgeemteten Sack Reis zur Hälfte des Preises anbietet, den die modernen Plan- 
tagen mit ihrer weißen Beamtenschaft fordern müssen, dann blickt man in den Ab- 
grund dieses Kampfes hinein. Da die abendländische Technik kein Geheimnis mehr ist 
und in Vollendung nachgeahmt wird, so besteht der Gegensatz nicht mehr in der Methode 
der Herstellung, sondern nur noch in deren Kosten. 




DIE FARBIGE W E L T REVO LU T I O N 



1770 — und das Vorbild Napoleons — nicht zu denken, sowenig als die 
nordamerikanische gegen England. Ursprünglich war das ein Kampf 
ausschließlich zwischen Weißen — der kreolischen, grundbesitzen- 
den Aristokratie, die seit Generationen im Lande lebte, und der spa- 
nischen Beamtenschaft, die das koloniale Herrenverhältnis aufrecht- 
erhielt. Bolivar, ein reinblütiger Weißer wie Miranda und San Mar- 
tin, hatte den Plan, eine Monarchie zu errichten, die von einer rein 
weißen Oligarchie gestützt werden sollte. Noch der argentinische 
Diktator Rosas — eine mächtige Gestalt „preußischen" Stils — ver- 



Mexiko bis zum äußersten Süden auftrat, in den kirchenfeindlichen 
Freimaurerklubs seine Stütze fand und die allgemeine Gleichheit, 
auch der Rassen, forderte: Damit begann die Bewegung der rein- 
und halbblütigen Indianer nicht nur gegen Spanien, sondern gegen 
das weiße Blut überhaupt. Sie ist unablässig fortgeschritten und steht 
heute nahe am Ziel. A. v. Humboldt schon hatte hier den Stolz auf die 
rein iberische Abkunft bemerkt, und noch heute lebt in den vorneh- 
men Geschlechtern Chiles die Tradition der Herkunft von Westgoten 
und Basken 1 fort. Aber in der Anarchie, die seit der Mitte des 
19. Jahrhunderts herrschend wurde, ist diese Aristokratie zum gro- 
ßen Teil zugrunde gegangen oder nach Europa zurückgewandert. Die 
„caudillos", kriegerische Demagogen aus der farbigen Bevölkerung, 
beherrschen die Politik. Darunter sind reinblütige Indianer von sehr 
großen Anlagen wie Juarez und Porfirio Diaz. Heute beträgt die 
weiße oder sich für weiß haltende Oberschicht, von Argentinien 
abgesehen, ein Viertel bis ein Zehntel der Bevölkerung. In manchen 
Staaten sind die Ärzte, Advokaten, Lehrer, sogar die Offiziere fast 
ausschließlich Indianer und fühlen sich dem Mischlingsproletariat 
der Städte, dem Mechopelo, im Haß gegen den weißen Besitz verwandt, 
ob er sich nun in kreolischen, englischen oder nordamerikanischen 
ien befindet. In Peru, Bolivia und Ecuador ist das Aymara die 





Kult mit dem angeblichen Kommunismus 
darin von Moskau unterstützt. Das Rasseideal einer reinen Indianer- 
herrschaft steht vielleicht dicht vor seiner Verwirklichung. 

1 Und von den zwangsweise bekehrten Arabern und Juden, den Marancn, die man an 



156 



DIE FARBIGE WELTREVOLUTION 




In Afrika ist es der christliche Missionar, vor allem der englische 
Methodist, der in aller Unschuld — mit seiner Lehre von der Gleich- 
heit aller Menschen vor Gott und der Sünde des Reichseins — den 
Boden pflügt, auf dem der bolschewistische Sendbote sät und erntet. 
Außerdem folgt von Norden und Osten her, heute schon gegen den 
Sambesi vordringend (Nyassaland), der islamische Missionar seinen 
Spuren mit weit größerem Erfolg. Wo gestern eine christliche Schule 
stand, steht morgen eine Moscheehütte. Der kriegerische, männliche 
Geist dieser Religion ist dem Neger verständlicher als die Lehre vom 
e ihm nur die Achtung vor den Weißen nimmt; und vor 
ist der christliche Priester verdächtig, weil er ein weißes Her- 
vertritt, gegen das sich die islamische Propaganda, mehr 
Is dogmatisch, mit kluger Entschiedenheit richtet. 1 
se farbige Gesamtrevolution der Erde schreitet unter sehr ver- 
schiedenen Tendenzen vor, nationalen, wirtschaftlichen, sozialen ; sie 
richtet sich öffentlich bald gegen weiße Regierungen von Kolonial- 
reichen (Indien) oder im eigenen Lande (Kapland), bald gegen eine 
weiße Oberschicht (Chile), bald gegen die Macht des Pfundes oder 
Dollars, eine fremde Wirtschaft überhaupt, auch gegen die eigene 
Finanzwelt, weil sie mit der weißen Geschäfte macht (China), gegen 
die eigene Aristokratie oder Monarchie; religiöse Momente treten 
hinzu : Der Haß gegen das Christentum oder gegen jede Art von 

Weltanschauung und Moral. Aber in der Tiefe liegt seit 
revolution in China, dem Sepoyaufstand in Indien, dem der Mexi- 
kaner gegen Kaiser Maximilian überall ein und dasselbe: Der Haß 
gegen die weiße Rasse und der unbedingte Wille, sie zu vernichten. 
Es ist dabei gleichgültig, ob uralte müde Zivilisationen wie die indi- 
sche und chinesische ohne fremde Herrschaft fähig sind, Ordnung 



Joch abzuwerfen, und das ist der Fall. Wer unter den farbigen 
Mächten der nächste Herr ist, ob Rußland, ob Japan, ob ein großer 




1 Aber es gibt auch eine äthiopische, europäerfeindliche Methodistenkirche, die von den 
Vereinigten Staaten her Mission treibt und z. B. 1907 in Natal und 19 15 im Njrassa- 



ägyptische Zivilisation hat seit 1000 v. Chr. sehr 
wechselt — Libyer, Assyrer, Perser, Griechen, Römer — , 
zur Selbstregierung nie wieder fähig, aber immer wieder zu einem 
siegreichen Aufstand. Und ob von den vielen andern Zielen auch 
nur eines verwirklicht wird oder werden kann, das ist zunächst voll- 
kommen Nebensache. Die große geschichtliche Frage ist, ob der 
Sturz der weißen Mächte gelingt oder nicht. Und darüber hat sich 
eine schwerwiegende Einheit des Entschlusses ausgebildet, die zu 
denken gibt. Und was besitzt die weiße Welt an Kräften des seeli- 



20 

Sehr wenig, wie es zunächst scheint. Auch ihre Völker sind an der 
Kultur müde geworden. Im Feuer der hohen Form und im Ringen 
nach innerer Vollendung hat sich die seelische Substanz verzehrt. 
Vielfach ist nur noch Glut, oft nur Asche übrig, aber das gilt nicht 
überall. Je weniger ein Volk in den Wirbel vergangener Geschichte 
führend hineingezogen wurde, desto mehr Chaos, das Form werden 
kann, hat es bewahrt. Und wenn der Sturm großer Entscheidungen 
darüber hinbraust, wie 1914, schlagen die verborgenen Funken 
plötzlich als Flammen empor. Gerade in der germanischen Rasse, 
der willensstärksten, die es je gegeben hat, schlaf en noch große Mög- 
lichkeiten. 

Aber wenn hier von Rasse die Rede ist, so ist das nicht in dem Sinne 
gemeint, wie er heute unter Antisemiten in Europa und Amerika 
Mode ist, darwinistisch, materialistisch nämlich. Rassereinheit ist ein 
groteskes Wort angesichts der Tatsache, daß seit Jahrtausenden alle 
Stämme und Arten sich gemischt haben, und daß gerade kriege- 
rische, also gesunde, zukunftsreiche Geschlechter von jeher gern 
einen Fremden sich eingegliedert haben, wenn er „von Rasse" war, 
gleichviel zu welcher Rasse er gehörte. Wer zuviel von Rasse 
spricht, der hat keine mehr. Es kommt nicht auf die reine, sondern 
auf die starke Rasse an, die ein Volk in sich hat. 
Das zeigt sich zunächst in der selbstverständlichen, elemen- 
taren Fruchtbarkeit, dem Kinderreichtum, den das geschichtliche 



158 



DIE FARBIGE WELT REVOLUTION 



Leben verbrauchen kann, ohne ihn je zu erschöpfen. Gott ist nach 
dem bekannten Worte Friedrichs des Großen immer bei den stärke- 
ren Bataillonen — das zeigt sich gerade hier. Die Millionen Gefalle- 
ner des Weltkrieges waren rassemäßig das beste, was die weißen 
Völker hatten, aber die Rasse beweist sich darin, wie schnell sie er- 
setzt werden können. Ein Russe sagte mir : Was wir in der Revolution 
geopfert haben, bringt das russische Weib in zehn Jahren wieder 
ein. Das ist der richtige Instinkt. Solche Rassen sind unwidersteh- 
lich. Die triviale Lehre von Malthus, die Unfruchtbarkeit als Fort- 
schritt zu preisen, die heute in allen weißen Ländern gepredigt wird, 
beweist nur, daß diese Intellektuellen ohne Rasse sind, ganz abge- 
sehen von der nachgerade trottelhaften Meinung, daß Wirtschafts- 
krisen durch Revölkerungsschwund beseitigt werden könnten. Das 
Gegenteil ist der Fall. Die „starken Bataillone", ohne die es keine 
große Politik gibt, geben auch dem Wirtschaftsleben Schutz, Kraft 
und inneren Reichtum. 

Das Weib von Rasse will nicht „Gefährtin" oder „Geliebte" sein, 
sondern Mutter, und nicht die Mutter eines Kindes als Spielzeug 
und Zeitvertreib, sondern vieler: Im Stolz auf den Kinderreichtum, 
im Gefühl, daß Unfruchtbarkeit der härteste Fluch ist, der ein Weib 
und durch sie das Geschlecht treffen kann, redet der Instinkt von 
starken Rassen. Aus ihm stammt die Ureif ersucht, mit der ein Weib 
dem andern den Mann zu entreißen sucht, den es selbst als Vater 
seiner Kinder besitzen will. Die geistigere Eifersucht der großen 
Städte, die wenig mehr ist als erotischer Appetit und den anderen 
Teil als Genußmittel wertet, das bloße Nachdenken über die ge- 
wünschte oder gefürchtete Kinderzahl verrät schon den erlöschenden 
Trieb der Rasse zur Dauer, der sich nicht durch Reden und Schrei- 
ben wieder erwecken läßt. Die Urehe — oder was alte Volkssitte 
sonst an tief gewurzelten Bräuchen kennt, um die Zeugung zu heili- 
gen — ist nichts weniger als sentimental. Der Mann will tüchtige 
Söhne haben, die seinen Namen und seine Taten über den eigenen 
Tod hinaus in die Zukunft dauern und wachsen lassen, wie er selbst 
sich als Erbe des Rufes und des Wirkens seiner Ahnen fühlt. Das ist 
die nordische Idee der Unsterblichkeil. Eine andere haben diese 
Völker nicht gekannt und nicht gewollt. Darauf beruht die gewaltige 
Sehnsucht nach Ruhm, der Wunsch, in einem Werk unter den 



DIE FARBIGE W E LT REVOLU T 10 N 



Nachkommen fortzuleben, seinen Namen auf Denkmälern verewigt 
zu sehen oder zum mindesten ein ehrenvolles Gedächtnis zu erhalten. 
Deshalb ist der Erbgedanke von der germanischen Ehe nicht zu tren- 
nen. Wenn die Idee des Eigentums verfällt, löst sich der 
Sinn der Familie in nichts auf. Wer sich gegen die eine wendet, 
greift auch die andere an. Der Erbgedanke, der am Dasein jedes 
Bauernhofes, jeder Werkstatt, jeder alten Firma haftet, an ererbten 
Berufen, 1 und in der Erbmonarchie seinen höchsten symbolischen 
Ausdruck gefunden hat, bürgt für die Stärke des Rasseinstinktes. 
Der Sozialismus greift ihn nicht nur an, sondern ist durch sein 
bloßes Vorhandensein schon ein Zeichen für dessen Niedergang. 
Aber der Verfall der weißen Familie, der unentrinnbare Ausdruck 
großstädtischen Daseins, greift heute um sich und verzehrt die 
„Rasse" der Nationen. Der Sinn von Mann und Weib geht verloren, 
der Wille zur Dauer. Man lebt nur noch für sich selbst, nicht für 
die Zukunft von Geschlechtern. Die Nation als Gesellschaft, ur- 
sprünglich das organische Geflecht von Familien, droht sich von 
der Stadt her in eine Summe privater Atome aufzulösen, deren 
jedes aus seinem und dem fremden Leben die größtmögliche Menge 
von Vergnügen — panem et circenses — ziehen will. Die Frauen- 
emanzipation der Ibsenzeit will nicht die Freiheit vom Mann, son- 
dern vom Kinde, von der Kinderlast, und die gleichzeitige Män- 
neremanzipation die von den Pflichten für Familie, Volk und Staat. 
Die gesamte liberal-sozialistische Problemliteratur bewegt sich um 
diesen Selbstmord der weißen Rasse. Es war in allen anderen Zivi- 



Die Folgen liegen vor unseren Augen. Die farbigen Rassen der Welt 
waren bisher doppelt so stark wie die weißen. Aber um 1980 hatte 
Rußland einen jährlichen Geburtenüberschuß von 4, Japan von 
2 Millionen, Indien hat 192 1 — 3i um 34 Millionen zugenommen. 
In Afrika werden die 

noch gewaltiger vermehren, seitdem die euroj 
„eingebrochen" ist und die starke Auslese durch Krankheiten ver- 
snüber haben Deutschland und Italien einen Ge- 



2 Unt. d. Abendl. II, S. i23ff. 



160 DIE FARBIGE W E LT REVO LU T IO N 




burtenübersehuß von weniger als einer halben Million, England, das 
Land der öffentlich empfohlenen Geburteneinschränkung, weniger 
als die Hälfte davon, Frankreich und das alteingesessene Yankeetum 
der Vereinigten Staaten 1 keinen mehr. Das letztere, die bisher herr- 
" germanischer Prägung, schwindet seit Jahrzehnten 
dahin. Die Zunahme der Bevölkerung liegt ganz auf Seiten 
j;er und der seit 1 900 eingewanderten Ost- und Südeuropäer. 
In Frankreich haben manche Departements seit 5o Jahren über ein 
Drittel der Bevölkerung verloren. In einzelnen ist die Geburtenzahl 
um die Hälfte niedriger als die der Todesfälle. Einige kleine Städte 
und viele Dörfer stehen fast leer. Von Süden her dringen Katalonen 
und Italiener als Bauern ein, Polen und Neger überall sogar in den 
Mittelstand. Es gibt schwarze Geistliche, Offiziere und Richter. Diese 
Zugewanderten, weit über ein Zehntel der Einwohnerschaft, halten 
mit ihrer Fruchtbarkeit allein die Kopfzahl der „Franzosen" an- 
nähernd auf der gleichen Höhe. Aber der echte Franzose wird in ab- 
sehbarer Zeit nicht mehr Herr in Frankreich sein. Die scheinbare Zu- 
nahme der weißen Gesamtbevölkerung der ganzen Erde, so gering 
sie im Verhältnis zum Anschwellen der Farbigen ist, beruht auf 
einer vorübergehenden Täuschung : Die Zahl der Kinder wird immer 
kleiner, und nur die Zahl der Erwachsenen nimmt zu, nicht weil es 
mehr sind, sondern weil sie länger leben. 

Aber zu einer starken Rasse gehört nicht nur eine unerschöpfliche 
Geburtenzahl, sondern auch eine harte Auslese durch die Wider- 
stände des Lebens, Unglück, Krankheit und Krieg. Die Medizin des 
19. Jahrhunderts, ein echtes Produkt des Rationalismus, ist von 
dieser Seite her betrachtet ebenfalls eine Alterserscheinung. Sie ver- 
Leben, ob es lebenswert ist oder nicht. Sie verlängert 
Sie ersetzt die Zahl der Kinder durch die Zahl der 
kommt der Weltanschauung des panem et circenses ent- 
e sie den Wert des Lebens am Quantum der Lebenstage 
und nicht an deren Gehalt. Sie verhindert die natürliche Aus- 
lese und steigert dadurch den Rasseverfall. Die Zahl der unheilbar 
Geisteskranken ist in England und Wales seit 20 Jahren von 4,6 auf 
8,6 vom Tausend gestiegen. In Deutschland beträgt die Zahl der 
geistig Minderwertigen fast eine halbe, in den 

1 Ebenso das weiße Element in Südafrika und Australien. 




DIE FARBIGE WELT REVOLUTION 



161 



weit über eine Million. Nach einem Bericht des früheren Präsiden- 
ten Hoover haben von den Jugendlichen Amerikas 1 36oooo Sprach- 
und Gehörfehler, i oooooo Herzleiden, 876000 sind schwer erziehbar 
oder verbrecherisch, 45oooo geistig minderwertig, 3ooooo Krüppel, 
60000 blind. Aber dazu kommt die ungeheure Menge der geistig, 
seelisch und leiblich Unnormalen jeder Art, der Hysterischen, 
Seelen- und Nervenkranken, die gesunde Kinder weder zeugen noch 
gebären können. Ihre Zahl läßt sich nicht erfassen, aber sie geht 
aus der Zahl der Ärzte hervor, die davon leben, und der Masse von 
Büchern, die darüber geschrieben werden. Aus solchem Nachwuchs 
entwickeln sich das revolutionäre Proletariat mit dem Haß der 




und Literaten, die den Reiz solcher ! 
verkünden. 

Es ist eine bekannte Tatsache, daß bedeutende . 
und fast nie einzige Kinder sind. Die kinderarme Ehe 
nicht nur gegen die Quantität, sondern vor allem auch gegen die 
Qualität der Rasse. Was ein Volk ebenso nötig braucht als gesunde 
Rasse in sich selbst, ist das Vorhandensein einer Auslese von Über- 
legenen, die es führen. Eine Auslese, wie sie der englische Kolonial- 
dienst und das preußische Offizierkorps — auch die katholische 
Kirche — heranbildeten, indem sie unerbittlich und ohne Rücksicht 
auf Geld und Abkunft nur die sittliche Haltung und die Bewährung 
in schwierigen Lagen gellen ließen, wird aber unmöglich, wenn das 
vorhandene Material nirgends über den Durchschnitt hinausragt. 
Die Auslese des Lebens muß vorangegangen sein ; dann erst kann die 
des Standes erfolgen. Ein starkes Geschlecht hat starke Eltern nötig. 
Etwas vom Barbarentum der Urzeit muß noch im Blute liegen, unter 

' Formenstrenge alter Kultur, das in schweren \ 
um zu retten und zu siegen. 

Dies Barbarentum ist das, was ich starke Rasse nenne, 1 
Kriegerische im Typus des Raubtieres Mensch. Es scheint oft nicht 
mehr da zu sein, aber es liegt sprungbereit in der Seele. Eine starke 
Herausforderung, und es hat den Feind unter sich. Es ist nur dort er- 
raten Städte seinen Schlamm über 



1 Ich wiederhole: 
eine ist Ethos, das andere 
I 11 



DIE FA R B Ii 



die Generationen wälzt, den müden Wunsch nach Ruhe um jeden 
Preis, ausgenommen den des eigenen Lebens. Das ist die seelische 
Selbstentwaffnung nach der leiblichen durch Unfruchtbarkeit. 
Warum ist das deutsche Volk das unverbrauchteste der weißen Welt 
und also das, worauf man am stärksten hoffen darf? Weil seine 
politische Vergangenheit ihm keine Gelegenheit gab, sein wertvollstes 
Blut und seine großen Begabungen zu verschwenden. Es ist der 
einzige Segen unserer elenden Geschichte seit i5oo. Sie hat mit uns 
gespart. Sie machte uns zu Träumern und Theoretikern in Dingen 
der großen Politik, weltfremd und blind, eng, zänkisch und provin- 
zial, aber das läßt sich überwinden. Es war kein organischer Fehler, 
kein angeborener Mangel an Fähigkeiten, wie die Kaiserzeit beweist. 
Das tüchtige Blut, die Grundlage auch der geistigen Überlegenheit 
jeder Art, war da und blieb erhalten. Die große Geschichte ist an- 
spruchsvoll. Sie verzehrt die rassemäßig besten Elemente. Sie hat 



deckung Amerikas die nordische Völkerwanderung, die tausend Jahre 
vorher in Südeuropa zum Stillstand gekommen war, in großem Stile 
wieder begann und sich über die Meere hin fortsetzte, gingen die 
kraftvollen Geschlechter Spaniens von großenteils nordischer Ab- 
kunft nach drüben, wo sie kämpfen, wagen und herrschen konnten. 
Die wertvollste Aristokratie spanischer Prägung saß um 1800 dort, 
und das starke Leben erlosch im Mutteriande. Ebenso hat sich die 
zum Herrschen berufene Oberschicht Frankreichs an der großen 
Politik seit Ludwig XIII. und nicht nur an ihr verbraucht — auch 
die hohe Kultur bezahlt sich teuer — und noch mehr die angel- 
sächsische am englischen Weltreich. Was hier an überlegenen Ge- 
schlechtern vorhanden war, sandte die Männer nicht in die Kontore 
und kleinen Ämter der heimatlichen Insel. Sie folgten dem Wikinger- 
drang nach einem Leben in Gefahr und gingen überall in der Welt 
in zahllosen Abenteuern und Kriegen zugrunde, wurden vom Klima 

haben. 



amerika die Grundlage einer neuen Herrenschicht 
Was übrig blieb, wurde „konservativ**, das bedeutet hier : unschöpfe- 
risch, müde, voll von unfruchtbarem Haß gegen alles Neue und Un- 
vorhergesehene. Auch Deutschland hat sehr viel von seinem besten 
Blut in fremden Heeren und an fremde Nationen verloren. Aber der 




DIE FÄRBIGE W E LT REVOLU T ION 



Provinzialismus seiner politischen Zustände stimm te den Ehrgeiz der 
Begabten auf das Dienen an kleinen Höfen, in kleinen Heeren und 



Verwaltungen herab. 1 



ein 



und fruchtbarer 



Mittelstand geblieben. Der Adel blieb zum größten Teil höheres 
Bauerntum. Es gab keine große Welt und kein reiches Leben. Die 
„Rasse" im Volkstum schlief und wartete auf den Weckruf einer 
großen Zeit. Hier liegt, trotz der Verwüstungen der letzten Jahr- 
zehnte, ein Schatz von tüchtigem Blut, wie ihn kein anderes Land be- 
sitzt. Er kann geweckt und muß durchgeistigt werden, um für die 
gewaltigen Aufgaben der Zukunft bereit und wirksam zu sein. Aber 
diese Aufgaben sind heute da. Der Kampf um den Planeten hat be- 
gonnen. Der Pazifismus des liberalen Jahrhunderts muß überwun- 
den werden, wenn wir weiterleben wollen. 

Wie weit sind die weißen Völker schon in ihn hineingeschritten? Ist 
das Geschrei gegen den Krieg eine geistige Geste oder die ernsthafte 

aichte auf 



zu wc 




Freiheit? Aber das Leben ist Krieg. Kann man seinen Sinn 
abschieden und es doch behalten? Das Bedürfnis nach fellachen- 
hafter Ruhe, nach 

stört, gegen das Schicksal in jeder Gestalt, scheint 
eine Art Mimikry gegenüber der Weltgeschichte, das 
menschlicher Insekten angesichts der Gefahr, das 
inhaltleeren Daseins, durch dessen Langeweile Jazzmusik i 
tanze den Totenmarsch einer großen Kultur zelebrieren. 
Aber das kann nicht sein und darf nicht sein. Der Hase täuscht viel- 
leicht den Fuchs. Der Mensch kann den Menschen nicht täuschen. 
Der Farbige durchschaut den Weißen, wenn er von „Menschheit*' 
und ewigem Frieden redet. Er wittert die Unfähigkeit und den feh- 
lenden Willen, sich zu verteidigen. Hier tut eine große Erziehung 
not, wie ich sie als preußisch bezeichnet habe und die man meinet- 
wegen „sozialistisch" nennen mag — was kommt auf Worte an! Eine 
Erziehung, welche durch lebendiges Vorbild die schlafende Kraft 
weckt, nicht Schule, Wissen, Bildung, sondern seelische Zucht, 
die das heraufholt, was noch da ist, es stärkt und zu neuer 
bri 



1 Außer im Habsburger Staat, 
gelaugt und verschwendet hat. 

Ii* 



pocht an die Tür. Die Farbigen sind nicht Pazifisten. Sie hängen 
nicht an einem Leben, dessen Länge sein einziger Wert ist. Sie 
nehmen das Schwert auf, wenn wir es niederlegen. Sie haben 
den Weißen einst gefürchtet, sie verachten ihn nun. In ihren Augen 
steht das Urteil geschrieben, wenn weiße Männer und Frauen sich 
vor ihnen so aufführen, wie sie es tun, zu Hause oder in den far- 
bigen Ländern selbst. Einst packte sie Entsetzen vor unserer Macht 
— wie die Germanen vor den ersten römischen Legionen. Heute, wo 
sie selbst eine Macht sind, reckt sich ihre geheimnisvolle Seele auf, 
die wir nie verstehen werden, und sieht auf den Weißen herab wie 
auf etwas Gestriges. 

Aber die größte Gefahr ist noch gar nicht genannt worden: Wie, 
wenn sich eines Tages Klassenkampf und Rassenkampf zusammen- 
schließen, um mit der weißen Welt ein Ende zu machen? Das 
liegt in der Natur der Dinge, und keine der beiden Revolutionen 
wird die Hilfe der andern verschmähen, nur weil sie deren Träger 
verachtet. Gemeinsamer Haß löscht gegenseitige Verachtung aus. 
Und wie, wenn sich an ihre Spitze ein weißer Abenteurer stellt, 
wie wir schon manche erlebt haben, einer, dessen wilde Seele im 
Treibhaus der Zivilisation nicht atmen konnte und in gewagten Ko- 
lonialunternehmen, unter Piraten, in der Fremdenlegion sich an Ge- 
fahren zu sättigen versuchte, bis er hier plötzlich ein großes Ziel vor 
Augen sieht? Mit solchen Naturen bereitet die Geschichte ihre gro- 
ßen Überraschungen vor. Der Ekel tiefer und starker Menschen an 
unseren Zuständen und der Haß tief Enttäuschter könnte sich schon 
zu einer Auflehnung steigern, die Vernichtung will. Auch das war 
der Zeit Casars nicht fremd. Jedenfalls: Wenn in den Vereinigten 
Staaten das weiße Proletariat losbricht, wird der Neger zur Stelle 
sein und hinter ihm werden Indianer und Japaner auf ihre Stunde 
warten. Das schwarze Frankreich würde in solchem Falle ebenso- 
wenig zögern, die Pariser Szenen von 1792 und 1871 zu übertreffen. 
Und würden die weißen Führer des Klassenkampfes je verlegen sein, 
wenn farbige Unruhen ihnen den Weg öffneten? Sie sind in ihren 
Mitteln nie wählerisch gewesen. Es würde sich nichts ändern, wenn 
Moskau als Befehlsgeber verstummen sollte. Es hat sein Werk getan, 
ich selbst fort. Wir haben vor de 
»e und Klassenkämpfe ge 



DIE FARBIGE W ELT REVOLÜ T ION 1U 

erniedrigt und verraten; wir haben sie aufgefordert, sich daran zu 
beteiligen. Wäre es ein Wunder, wenn sie das endlich auch für sich 
täten? 

Hier erhebt die kommende Geschichte sich hoch über Wirtschafts- 
nöte und innerpolitische Ideale. Hier treten die elementaren Mächte 
des Lebens selbst in den Kampf, der um alles oder nichts geht. Die 
Vorform des Gäsarismus wird sehr bald bestimmter, bewußter, un- 
verhüllter werden. Die Masken aus dem Zeitalter parlamentarischer 
Zwischenzustände werden ganz fallen. Alle Versuche, den Gehalt der 
Zukunft in Parteien aufzufangen, werden rasch vergessen sein. Die 
faschistischen Gestaltungen dieser Jahrzehnte werden in neue, nicht 
vorauszusehende Formen übergehen und auch der Nationalismus 
heutiger Art wird verschwinden. Es bleibt als formgebende Macht nur 
der kriegerische, „preußische" Geist, überall, nicht nur in Deutsch- 
land. Das Schicksal, einst in bedeutungsschweren Formen und großen 
Traditionen zusammengeballt, wird in der Gestalt formloser Einzel- 
gewalten Geschichte machen. Die Legionen Casars wachen wieder 
auf. 

Hier, vielleicht schon in diesem Jahrhundert, warten die letzten 
Entscheidungen auf ihren Mann. Vor ihnen sinken die kleinen Ziele 
und Begriffe heutiger Politik in nichts zusammen. Wessen Schwert 
hier den Sieg erficht, der wird der Herr der Welt sein. Da liegen die 
Würfel des ungeheuren Spiels. Wer wagt es sie zu werfen? 



OSWALD SPENGLER 

POLITISCHE SCHRIFTEN 

Volksausgabe. XV, 338 Seiten gr.8°. Geheftet RM 3.60, in Leinen RM 4.80 

Die Ausgabe enthält folgende bis jetzt unveröffentlichte Vorträge: Das Doppelantlitz Rußlands und die 
deutschen Ostprobleme (Februar 1921). Neue Formen der Weltpolitik (April 1924). Das Verhältnis von 
Wirtschaft und Steuerpolitik seit 1750 (September 1924). Das heutige Verhältnis zwischen Weltwirtschaft 
und Weltpolitik (November 1926). - Weiterer Inhalt : Preußentum und Sozialismus (Herbst 1919). 
Politische Pflichten der deutschen Jugend (April 1924)- Neubau des Deutschen Reiches (1924). 

DER MENSCH UND DIE TECHNIK 

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50. Tausend. VII, 89 Seiten 8°. Geheftet RM 2.-, in Leinen RM 3.20 

,.In einem schmalen Bande ein ungeheueres Schicksal. . . . Ein echter Spengler. Erschütternd in den 
Hauptsachen, angreifbar in den Einzelheiten, ungeheuer anregend auch da - oder gerade da!-, wo er 
am meisten zum Widerspruch reizt ..."Kölnische Zeitung 

PREUSSENTUM UND SOZIALISMUS 

75.-78. Tausend. IV, 99 Seiten gr. 8°. Geheftet RM 2.25, gebunden RM 2.80 

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Ii rzichung - Zucht oder Bildung? 5. Die deutsche Währung. 6. Gegen den Steuerbolschewismus. 
7. Arbeit und Eigentum. 8. Die Weltlage. 

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C.H.BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG MÜNCHEN 



Europas Weg schicksalse 

tri TM hat die Anhäufung de« Krlsen- 
stoffe-s In Europa und der Welt, das Maß an 
wirtschaftlicher, politischer und sozialer' Not 
und Verzweiflung einen Punkt erreicht, der es 
geboten erscheinen läßt, eine europäische Bilanz 
zu ziehen und zu fragen, was dieses Europa 
von den kommenden Jahren und Jahrzehnten, 
wenn nicht Jahrhunderten zu hoffen haben wird. 
Eine solche Bilanz ist um so notwendiger, als 
dieses Europa sicherlich nicht mehr der mäch- 
tigste Staatenkomplex in der "Welt ist, wohl aber 
durch die Zahl und Intelligenz seiner Bewohner 
das Schicksal der Welt in seinen Händen wie 
auf einer Waage hält. Wenn das Abendland 
wirklich zum Untergang bestimmt wäre, hätte 
auch die übrige freie Welt nur wenig Chancen, 
sich auf die Dauer dem bolschewistischen An- 
sturm zu erwehren. E« ist deshalb eine Schick- 
salsfrage für die Welt überhaupt, welchen Weg 
Europa künftig gehen wird. 

Hat Spengler recht? 

Seit Oswald Spengler das Wort vom „Unter- 
gang des Abendlandes" unter die Massen ge- 
worfen hat, ist es, genau wie er prophezei 
hat, nicht mehr aus der Diskussion der Geister 
verschwunden. Man hat sehr viel geschrieben, 
um Spenglers These zu widerlegen. Nicht immer 
hat man ihn überhaupt richtig verstanden. 
Spengler hat nicht behauptet, daß das Abend- 
land dem Chaos entgegentreibe. Er hat viel- 
mehr die These aufgestellt, daß alle Kulturen 
Organismen seien und wie diese eine Jugend, 
einen Reifezustand, ein Altern und den Tod 
erleben müßten. Nach seiner Auffassung wieder, 
holen sich in den verschiedensten Kulturkreisen 
die gleichen Stadien der Früh-, Mittel- und 
Spätkultur und der Auflösung in der gleichen 
Weise. Er suchte in diesem Zusammenhang den 
Standort der europäischen Gegenwart zu be- 
stimmen und kam zu dem Schluß, daß in 
den zwei Jahrhunderten zwischen 1800 und 
2000 der Umschlag von „Kultur" in „Zivilisation" 
erfolge. „Kultur" ist für ihn dann vorhanden, 
wenn die Menschen ihre Intensität nach innen 
richten. Das Merkmal der „Zivilisation" besteht 
für ihn in der Intensität nach außen, das heißt 
in dem Streben nach Macht, Reichtum, terri- 
torialer Expansion. In Cecil Rhodes hat er den 
ersten Gewaltmenschen zu sehen geglaubt, dem 
noch eine große Reihe anderer folgen würden. 



ntscheidend für die Welt 

Hierbei darf bemerkt werden, daß die Grund- 
fassung seines Hauptwerkes bereits 1911 fest- 
lag, also nicht erst durch den für Deutschland 
unglücklichen Ausgang des ersten Weltkrieges 
bestimmt wurde. Er meint, daß das Zeitalter 
der Tat- und Gewaltmenschen gekommen sei, 
daß die Welt in das Zeitalter der großen 
Kriege, des Cäsarismus, eintrete, das dio Auf- 
lösung alter, traditioneller Gesellschaftsord- 
nungen mit sich bringe und weiter hauptsäch- 
lich in dem Uberwuchern der wirtschaftlichen 
Interessen über die der reinen Politik bestehe. 

Spengler hat diesem Prozeß nicht etwa pessi- 
mistisch gegenübergestanden, sondern sich aus- 
drücklich gegen den Vorwurf des Pessimismus 
verwahrt und im Gegenteil das Heraufkommen 
eines neuen Menschentyps, des Mannes der 
Tat, wie er insbesondere als Industrieführer, \ 
Techniker oder Organisator in Erscheinung j 
tritt, begrüßt. Er glaubt, daß die Entwicklung j 
zur Zivilisation hin unausweichlich sei und daß ' 
der Prozeß etwa im Jahre 2200 für das Abend- i 
land ebenso abgeschlossen sein werde, wie er 
88 für die griechische Kultur nach der Auf- 
saugung durch die römische Zivilisation 
gewesen sei. 

■ Die Formel, daß dem Abendland der Unter- 
gang bestimmt sei, übte und übt noch auf der j 
einen Seite eine geradezu magische Wirkung 
auf schwache und in der Tat pessimistische 
Gemüter aus, auf der anderen Seite reizt sie 
zum Widerspruch bei allen denen, die sich noch 
etwas zutrauten und an ihre eigene Kraft . 
glaubten. 

Das Abendland in der Krise 

■ Es kann hier nicht der Ort sein, Spengler zu 
„widerlegen" oder zu behaupten, daß er recht 
habe. Spengler hat eine Geschichtsphilosophie 
vorgetragen, deren Richtigkeit sich allein in der 
Zukunft erweisen kann. Er selbst hat bestätigt, 
daß seine Philosophie ein echter Ausdruck sei- 
ner Zeit sei, und es damit offen gelassen, ob 
nicht eine andere spätere Generation zu einer 
anderen Auffassung komme. Für uns ist es hier 
nur wesentlich, festzustellen, daß das Wort 
vom „Untergang des Abendlandes" gerade in 
jenem Augenblick in die Debatte geworfen 
wurde, als die Stunde des moralischen, wirt- 
schaftlichen und machtmäßigen Verfalls ge- 
kommen schien. 



Gibt eis eine „ttelbe Geiahr"? 

Von Universilätspro&ssör Dr. Waller Goetz 



Der Verfasser der folgenden historischen und zugleich 
ungemein aktuellen Betrachtung liest gegenwärtig an der 
Universität München. Dr. Walter Goetz war Professor iri 
Leipzig, wo er 1933 seines Lehramtes entbunden wurde! 
Der hervorragende Geschichtslehrer ist auch Präsident 
der Dante-Gesellschaft und Mitglied der historische^ 
Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschall 
ten. Er gilt als besonderer Kenner lernöstlicher Probleme^ 

* * "72/53 

r%ls während des russisch-japanischen Krieges von 1904 
bis 1905 der deutsche Kaiser das Wort von der „gelben 
Gefahr" aussprach und die Völker Europas aufforderte, 
ihre heiligsten Güter zu wahren, schien es, als ob die 
Erschließung Chinas und Japans nach der Mitte des 19. 
Jahrhunderts nicht nur einen wirtschaftlichen Gewinn, 
sondern auch eine drohende Gefahr für die Völker des 
Abendlandes bedeutete. Als Wilhelm II. jenen Ausspruch, 
tat, dachte er an die Japaner, die damals der russischen 
Macht eine schwere Niederlage beigebracht hatten ,und 
das führende Volk des östlichen Asiens geworden waren, 
In den Worten des deutschen Kaisers lag eine tiefere 
Weisheit, als er selber ahnen konnte: er glaubte, daß Jar 
pan, das schon 1894/95 China in einem kurzen Kriege sich; 
untergeordnet hatte, und seit 1902 durch ein Bündnis 
mit England weltpolitisch gesichert war, weitere Erobe- 
rungen anstreben und die europäischen Staaten aus 
Ostasien verdrängen würde. In Wahrheit handelte es sich 
bei diesem Aufstieg Japans um eine rasch vorüber^ 
gehende Episode der ostasiatiscn'en Verhältnisse. Aber 
weltgeschichtlich betrachtet zeigt die Entwicklung von 
zwei Jahrtausenden abendländisch-asiatischen Neben- 
einanderlebens ein immer sich erneuerndes Drängen 
mittelasiatischer Völker nach Westen. Am Beginn der 
abendländischen Geschichte aber steht der große Vor» 
stoß der Hunnen, die, aus Mittelasien kommend, inv 
Jahre 376 die nördlich des Schwarzen Meeres sitzendem 
germanischen Stämme vor sich her trieben. Vier Jahr-j 
hunderte später sind die Ungarn aus Zentralasien nach' 
Europa vorgebrochen und sind ein Jahrhundert lang zur 

Geißel Deutschlands, Burgunds und Oberitaliens gewor- 
den. 250 Jahre später brachen die Mongolen, die unter 
Dschingis Khan in der heutigen Mongolei ein großes 
Reich mit eigener Kultur gegründet hatten, nach Westen 
(Südwesten) gegen Europa vor. Im 14. Jahrhundert erhobt 
sich das Volk der Türken, das über Kleinasien und über 
die Dardanellen hinweg den Vorstoß nach Europa auf- 
nahm und schon 1529 haben sie zum erstenmal vor Wien 
gestanden. 

Alle diese Völker, die sich seit Beginn der großen; 
Völkerwanderung, also seit der zweiten Hälfte des vier- 
ten Jahrhunderts n. Chr., nacheinander gegen den 
Westen in Bewegung gesetzt hatten, kamen aus Zentral- 
asien, sind miteinander verwandt, und zum größten 
Teil Glieder der gelben Rasse, und suchten das Abend- 
land und seine Kultur in heftigem Ansturm zu überren-; 
nen. Alle stießen tief ins Abendland hinein: die Hunnen 
sind erst in der Mitte Frankreichs aufgehalten worden, 
die Ungarn im mittleren und südlichen Deutschland, die 
Mongolen im westlichen Schlesien, die Türken vor Wien. 
Nur eine der das Abendland tödlich bedrohenden Bewe- 
gungen geht von einer anderen Stelle Asiens und von 
einem semitischen Volke aus: der 7s/am Arabiens nimmt 
seinen kriegerischen Weg zuerst nördlich nach Persien 
und Kleinasien, dann aber an der Südküste des Mittel- 
ländischen Meeres entlang nach Spanien und Südfrank- 
reich, wo ihm 732 nicht weit vom Orte jener entscheiden- 
den Hunnenschlacht, der Weg durch den Sieg Karl Mar- 
tells und seineFranken endgültig versperrt wurde. Immer- 
hin blieb Spanien noch für über sieben Jahrhunderte 
politisch und kulturell ein Land arabischen Einflusses — 
aus dem Willen zu kriegerischer Eroberung war am Süd- 
westrande Europas ein wichtiger Ausgangspunkt für eine 



im südwestlichen Asien geborene Kultur geworden — 
der einzige Fall, daß sich asiatischer Eroberungswille auf 
weitem Umweg zu einer positiven Beeinflussung des 
Abendlandes entwickelt hatte. 

Der türkische Vorstoß und sein Scheitern vor Wien ist 
die letzte große Völkerbewegung von Ost nach West ge- 
wesen. Der machtpolitische und technische Vorsprung, 
den Europa gegenüber Asien in den letzten Jahrhunder- 
ten gewonnen hatte, und die Ausdehnung Rußlands im 
Zuge einer West-Osl-Bewegung in mittel- und nord- 
asiatische Gebiete hinein verhinderte die mongolischen 
Massenbewegungen nach Westen hin. 

Unter ganz anderen Umständen schien um 1900 die 
„gelbe Gefahr" von neuem zu erwachen. Unter dem Ein- 
fluß europäischer, von den Japanern übernommener Er- 
rungenschaften erhob sich Japan zu einer Großmacht, die 
nach der Beherrschung des chinesischen Festlandes und 
Mandschurei strebten. Gelang dieser Plan und würden 
die mehr als 350 Millionen Chinesen zu Werkzeugen 
japanischer Macht, so tat sich für die Staaten Europas 
nicht nur der Verlust ihrer wirtschaftlichen Stellung in 
Ostasien auf, sondern auch das Entstehen einer japani- 
schen Weltmacht, die ihre Arme nicht nur über den 
pazifischen Ozean, sondern auch weit nach Westen hin 
auszudehnen vermochte. In solchem Sinne war der Aus- 
spruch des deutschen Kaisers von der »gelben Gefahr" 
und den heiligsten Gütern Europas gemeint. 

Aber dieser Ausblick in die Zukunft war in dieser Form 
ein Jrrrum. Zwar zerstörte Japan im ersten Weltkrieg als 
Verbündeter der Gegner Deutschlands die politische und 
wirtschaftliche Stellung, die sich Deutschland in Ostasien 
erworben hatte, aber es war damit noch keine Gefähr- 
dung für die „heiligsten Güter" der europäischen Na- 
tionen gegeben. Und als sich Japan im zweiten Weltkrieg 
auf Deutschlands Seite stellte, teilte es nach großen An- 
fangserfolgen das Schicksal seiner Verbündeten und ver- 
lor für schwer absehbare Zeit jede Möglichkeit zu im- 
perialistischer Politik und zur Beherrschung auch nur 
Ostasiens. Die Frage einer „gelben Gefahr" verschob sichj 
vollends, als die neugegründete mongolische Sowjet- 1 
republik sich der russischen Führung unterstellte und mit 
russischer Billigung und Förderung China unterwarf und 
nach bolschewistischem Muster umgestaltete. Zwischen 
die gelbe Gefahr und Europa stellte sich die russische 
Gefahr, die freilich ebenfalls als ein Vordringen Asiens 
gegen Europa angesehen werden kann, denn Rußland 
gehört in der Gegenwart noch weniger als früher zu 
Europa — steckt doch in seiner Bevölkerung ein starker 
Zusatz asiatischer Elemente: Tataren, Mongolen, Ge- 
orgier usw. Und in seiner Kultur steht es trotz allen euro- 
päischen Einflüssen dem eigentlichen Leben des Abend- 
landes fremd gegenüber. Die bedeutendsten russischen 
Schriftsteller der Mitte und der zweiten Hälfte des 19. 
Jahrhunderts haben Europa als ein verlallendes Gebiet 
angesehen und die Erneuerung der abendländischen Welt 
als künftige Aufgabe des „unverbrauchten" russischen 
Volkes angesehen. 

Der Bolschewismus glaubt zur Erfüllung dieser Auf- 
gabe berufen zu sein, und wir erleben es, wie er nicht nur 
gegen Europa, sondern auch nach Osten hin alle Hebel 
in Bewegung setzt, seine politischen und wirtschaftlich- 
sozialen Ziele zu erreichen. Die Eroberung Südkoreas 
sollte nicht nur das gesamte asiatische Festland vom Eis- 
meer bis nach Tongkin und Siam in bolschewistische 
Hand bringen, sondern auch den Übergang nach Japan 
und zu den Inseln des südwestlichen Pazifischen Ozeans 
vorbereiten. Es war ein Eingriff in die Einflußsphäre der 
Vereinigten Staaten, die durch die Unterstützung der 
Südkoreaner ihr Verständnis für die drohenden Gefahren 
zeigten. Würde sich aber der russische Bolschewismus, 
gestutzt durch die Reserven Rot-Chinas und der Mon- 
golei, gegen Westen wenden, so würde er auf dieselben 
antibolschewistisdicm Kräfte stoßen. 



1946 mit etwas über 12 Millionen Tonnen die größte 
jemals erreichte Menge. 1947 sank die Erzeugung 
jedoch auf rund 11,80 Millionen Tonnen. 

Im Berichtsjahr wurde die Erneuerung des Ma- 
schinenparks der Textilindustrie beschlossen. Die 
Beschaffung der Maschinen aus dem Ausland IflS 
indessen abhängig von der Devisenfrage und den 
Lieferfristen der ausländischen Finnen. Die Be- 
schäftigung in der Baumwollindustria war zeitweise 
durch das Fehlen von Rohbaumwolle und die Kür- 
zungen im Stromverbrauch beeinträchtigt. Spanische 
Textilerzeugnisse fanden in vielen Ländern guten 
Absatz und wurden zu einer wertvollen Devisen- 
quelle. \ 

Die Leistungsfähigkeit der für Massentransporte 



ausschlaggebenden Eisenbahn ist beschränkt. Wagen- 
material und Lokomotiven genügen den modernen 
Anforderungen nicht mehrt seit 1936 sind die An- 

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aucn oei aerr anrucation von Kunststotten lur Knöpte 
Kämme, Isolatoren und so weiter wird Nylon ver- 
wendet. 

In der Nylonherstellung liegen die Vereinigten 
Staaten mit einer Produktion von täglich, etwa 5C 
Tonnen weit an der Spitze. England und Frankreich 
machen ebenfalls große Anstrengungen, ihre Nylon- 
erzeugung auszubauen. Die englischen Fabriken liefern 
täglich bereits 10 bis 15 Tonnen, während Frankreich, 
das erst 1945 mit der Nylonherstellung begann, seinen 
derzeitigen Monatsdurchschnitt von 20 Tonnen in 
diesem Jahr noch zu verdoppeln hofft. Kanada fertigt 
monatlich rund 50 Tonnen und Italien 10 bis 15 Tonnen. 

Auch in Deutschland hat man' mit der Nylonherstel- 
lung schon während des Krieges begonnen. Die Fa- 
briken, die heute alle in der Sowjetzone liegen, zeigten 
auf der Leipziger Messe ihre neuesten Fabrikate, die 
als „Fibron" auf den Mar.kt kamen und im Gewicht 
noch leichter sind als Nylon. 



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BILDER VOM TAGE. Präsident Harry S. Truman im Gespräch mit Kardinal Francis Spei 
der New Yorker „Gesellschaft der Söhne der St. Patrick", vor der er über „Die beste 
starkes Amerika" sprach. (DENA.) — CheSkurator John Walker und der stellvertretende 
Macgill James, kontrollieren Temperatur und Luftfeuchtigkeit in dem Ausstellungsra 
Friedrich- Museum. Die 200 Kunstwerke wurden 1945 in Deutschland von der VS-Armei 
weil damals keine geeigneten Räume zur Autbewahrung vorhanden' waren. Die Bilde 
Laufe des Sommers wieder in die amerikanische Besetzungszone 




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